Erg. 41 • Seltsames Kartenspiel

 

Wenn ein vertrauter Mensch nicht mehr da ist, spüren wir erst so richtig, was wir an ihm hatten. Viele Erinnerungen werden in uns wach. Und auch wenn es schön Erinnerungen sind, machen sie uns trotzdem traurig, weil sich ja von Alledem, was gewesen ist, nichts mehr wiederholen lässt. Als Angehöriger spürt man, dass mit dem Leben des Verstorbenen auch ein Teil des eigenen Lebens endet. Ob man diesen Teil aber entbehren kann – danach hat der Tod nicht gefragt. Er fragt nie danach. Und das ist durchaus bitter. Je nach Veranlagung kann man darüber klagen oder zürnen. Nur – die Augen davor verschließen und die Wirklichkeit des Todes verdrängen, das können wir nicht. Denn der Tod macht für jeden sichtbar, dass wir unser Leben nicht in der Hand haben. Er zerstört die Illusion, unsere Zeit sei so etwas wie ein verfügbares Kapital, das wir in Händen halten, ansparen oder auch investieren könnten wie es uns gefällt. Denn tatsächlich ist unsere Zeit gar nicht in unseren, sondern in Gottes Händen.... Freilich, wer denkt schon daran, wenn es ihm gut geht?

Im Alltag fühlen wir uns als Herren unserer Zeit. Wir meinen souverän durch die Zeiten unseres Lebens hindurchzuschreiten wie ein Hausherr durch die Räume seines Hauses. Doch wir täuschen uns. Denn es steht weder in unserer Macht, auf dem Weg durch die Zeit an den schönen Stellen zu verweilen, noch gelingt es uns, die schwere Zeiten zu verkürzen oder zu überspringen. Wir können den Schlag der Uhr nicht beschleunigen und nicht verlangsamen. Und wenn gar jemand versuchen wollte, die Richtung der Zeit umzukehren, so würde er schnell merken, dass ihr Lauf unabänderlich auf das Ende hin gerichtet ist. Nein: Unsere Lebenszeit gehört nicht zu den Dingen, die wir in Händen haben. Und das zu verdrängen ist kein Zeichen von Stärke. Denn nichts ist flüchtiger als gerade die Zeit. Und nur das eine ist sicher: Dass nämlich der Tag kommt, da wir endgültig keine Zeit mehr haben. In dieser Hinsicht fremdbestimmt zu sein, das ist unser Schicksal. Und wenn es uns bewusst wird, erkennen wir, dass unser Leben einem seltsamen Kartenspiel gleicht:

Wir werden geboren und sind plötzlich mittendrin. Wir müssen das Spiel des Lebens mitspielen, obwohl wir die Spielregeln nicht gemacht haben. Und was dazukommt: Wir mischen auch die Karten nicht selbst, sondern bekommen, ein Blatt zugeschoben. Talente und Begabungen sind dabei, aber auch persönliche Schwächen und Unzulänglichkeiten – ein buntes Gemisch aus Trümpfen und Nieten. Jeder hat ein anderes Blatt, und so sind die Ausgangspositionen der Menschen ganz unterschiedlich. Weil uns aber gar nichts anderes übrig bleibt, versuchen wir im Spiel des Lebens die richtige Karte im richtigen Moment auszuspielen. Dabei planmäßig vorzugehen ist schwer. Denn wir müssen mit Mitspielern zurechtkommen, die sich ohne zu fragen plötzlich an den Tisch setzen – Menschen treten unverhofft in unser Leben. Und wir müssen ebenso damit leben, dass Mitspieler, an die wir uns gewöhnt haben, plötzlich aussteigen – Ehepartner, Eltern und Freunde sterben. So wandelt sich das Bild ständig. Mal meinen wir das Spiel des Lebens zu gewinnen, mal meinen wir zu verlieren. Irgendwann aber legt uns jemand die Hand auf die Schulter und sagt: „Für dich ist das Spiel jetzt aus.“

Dann haben wir meist noch wenig verstanden, und noch weniger vollendet – müssen aber doch erkennen, dass das Spiel des Lebens Ernst war. Denn wir sind verantwortlich für jeden Zug, den wir gemacht haben, und können keinen zurücknehmen. Während uns die Karten aus der Hand genommen werden fragen wir uns vielleicht, ob wir wohl allzu viel falsch gemacht haben und deshalb das Leben verlieren. Dann aber müssen wir gehen – und wissen nicht einmal genau wohin...

Ist das nicht ein seltsamer und ärgerlicher Zustand? Ja. Wenn einem Menschen bewusst wird, wie sehr sein Leben fremdbestimmt wird, und wie wenig er es im Griff hat, kann ihn ohnmächtige Wut überkommen. Doch forsches Auftreten hilft gar nichts. Denn wir sind in der Hand dessen, der die Karten mischt und die Spielregeln macht. Da ist einer, der unser Spiel beginnt und beendet. In seinen Händen steht unsere Zeit. Und es fragt sich, wer dieser große Unbekannte eigentlich ist. Wer ist der, der unsere Zukunft auf uns einstürmen und unsere Gegenwart in der Vergangenheit versinken lässt? Wer lässt uns die Zufälle unseres Lebens „zufallen“? Wer ist er, der uns wachsen und verdorren lässt wie das Gras auf dem Felde?

Wer darauf keine Antwort weiß, hat ein großes Problem. Denn er sieht sich einer blinden und anonymen Schicksalsmacht gegenüber. Die kann er hassen, wenn es ihm schlecht geht. Vielleicht kann er sie auch lieben, wenn es ihm gut geht. Aber eines kann dieser Mensch nie: Er kann dem Schicksal nie vertrauen, er kann es nie verstehen und kann nie aufhören sich zu sorgen. Denn ein anonymes Schicksal hat kein Gesicht. Und es gibt auch keine Zusagen. Wer daher meint, in der Hand eines solchen blinden Schicksals zu sein, hat allen Grund sich zu fürchten. Er kann nicht wissen, ob sein Leben mehr ist als ein böser Scherz. Und er kann an den Gräbern seiner Lieben auch nur betreten schweigen...

Als Christen hingegen reden wir. Der Tod lässt uns nicht verstummen. Und bei Beerdigungen singen wir sogar. Denn für Christen ist der Herr über Leben und Tod gerade keine anonyme Größe. Vielmehr trägt er für uns den Namen des dreieinigen Gottes. Und er hat auch ein Gesicht. Er hat nämlich das Gesicht Jesu Christi, das Gesicht des Auferstandenen. Und wer dies zu sehen vermag, wer im Glauben steht, muss kein Schicksal mehr fürchten. Denn es bleibt zwar dabei, dass wir in fremden Händen sind. Das gilt für Christen genauso wie für alle anderen. Aber für Christen hat diese Feststellung einen freundlichen Sinn. Denn wenn es Christi Hände sind, wenn es seine barmherzigen Hände sind, in denen unser Leben liegt, so ist daran nichts Bedrückendes mehr. Im Gegenteil.

Als Christenmenschen können wir die Fremdbestimmung durch Christus sehr tröstlich finden, weil der, der sie ausübt, unser Vertrauen hat. Stünde unsere Zeit in unseren eigenen Händen, müssten wir fürchten, dass unsere Kraft nicht reicht, um diese Bürde zu tragen. Unsere Hände wären bestimmt zu schwach – die Dinge würden uns entgleiten! Und darum ist es kein Unglück, sondern ein Glück, dass die Verantwortung für unser zeitliches und ewiges Geschick in Gottes Händen liegt. Denn das gibt uns die Möglichkeit, uns lebend und sterbend seinen Händen zu überlassen, die eben nicht nur diesseits, sondern auch jenseits der Todesgrenze mächtig sind. Wer sich zu Gott flüchtet in seinen letzten Kämpfen, wer bei ihm anklopft, tut es nicht vergeblich! Denn nicht dafür ist Christus gestorben und auferstanden, dass die Seinen verloren gehen, sondern dass sie bewahrt bleiben. Nicht dazu sind wir geschaffen, im Strudel der Zeiten unterzugehen, sondern um in der Gegenwart Gottes zur Ruhe zu kommen. Nicht dazu hat Gott uns berufen, dass wir hilflos zuschauen, wie sich all unsere Zukunft unaufhaltsam in Vergangenheit verwandelt, sondern dazu hat er uns auserwählt, dass wir aus dieser irdischen Zeit in seine himmlische Ewigkeit hinüberschreiten. Ja, wenn wir nicht nur dem Namen nach, sondern auch im Herzen Christen sind, so wird Gott uns nicht nur durchs Leben hindurch tragen und in den Tod hinein, sondern auch durch den Tod hindurch ins ewige Leben. Wenn’s aber so ist – muss uns der Tod dann noch Angst machen? Können wir dann nicht auch inmitten großer Trauer zuversichtlich sein? Ja! Denn es ist zwar nichts an uns dran, was der Verewigung wert wäre – das nicht! Aber Gottes Gnade ist größer als unsere Verfehlungen, und seine Liebe ist stärker als unser Tod…