Erg. 35 • Ruhe in Frieden

 

Man liest den Satz oft auf Grabsteinen und in Todesanzeigen: „Ruhe in Frieden.“ Aber was meinen wir eigentlich damit? Und was ist das für ein Frieden, den wir da wünschen? Haben die Verstorbenen Frieden, weil sie von den Sehnsüchten und Wünschen, die uns im Leben umtreiben, nichts mehr spüren? Oder haben sie Frieden, weil sich ihre Wünsche erfüllt haben? Haben sie Frieden, weil sie gegen nichts mehr ankämpfen können – oder weil sie gegen nichts mehr ankämpfen müssen? Ist ihr Lebenskampf beendet, weil sie vom Tod besiegt wurden? Oder ist er beendet, weil Christus ihren Tod besiegt hat? Ist die Ruhe, die wir den Verstorbenen wünschen, die Ruhe, die auf dem Schlachtfeld einkehrt, wenn keiner mehr am Leben ist? Oder ist es die Ruhe, die aus geschlossenem Frieden erwächst? Ja: Bei Lichte besehen ist Friede nicht gleich Friede, und Ruhe ist nicht gleich Ruhe. Und wenn wir an Gräbern sagen: „Ruhe in Frieden“, dann kann das zweierlei bedeuten. Denn entweder ist es die Übermacht des Todes die uns tröstet, weil wir meinen, die, die am Ende litten, seien nun einfach nicht mehr da. Oder es ist die Übermacht des Lebens die uns tröstet, weil wir meinen, dass die, die litten, nun geborgen sind in Gott.

Im ersten Falle hätten wir Ruhe mit Totenstille gleichgesetzt. Und mit dieser Totenstille wäre bloß ein Friedhofsfrieden über die Verstorbenen gekommen. Ein Frieden, der uns vielleicht nur deshalb erleichtert, weil wir ein vergebliches Ringen nicht mehr mit ansehen müssen. Im zweiten Falle aber, wenn wir aus dem Glauben heraus Frieden wünschen, hätten wir nicht bloß an das Ende, sondern an die Vollendung eines Lebens zu denken. Sofern wir Christen sind, meinen wir nämlich nicht bloß, dass die in Christus Verstorbenen das Leben verloren, sondern dass sie den Himmel gewonnen haben. Wir meinen, dass sie nicht bloß am Ende, sondern am Ziel sind. Wir meinen, dass sie nicht bloß das Schlimmste hinter sich, sondern das Beste noch vor sich haben, dass sie nämlich nicht bloß aufgehört haben an dieser Welt zu leiden, sondern dass sie angefangen haben sich an Gottes unmittelbarer Gegenwart zu freuen.

Mit anderen Worten: Christliche Hoffnung beinhaltet viel mehr, als nur die Gnade, sich in Nichts auflösen zu dürfen. Sie zielt auf viel mehr als bloß auf einen schmerzlosen Schlaf der Bewusstlosigkeit. Denn der Friede, den wir meinen, ist ganz konkret die Gemeinschaft eines Christen mit seinem auferstandenen Herrn, der ja aus keinem anderen Grunde zur Welt kam, als nur um den Seinen diesen Frieden zu schenken.

Im Johannesevangelium sagt Jesus: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht“ (Joh 14,27). Und wenig später betont er es nochmals: „Das habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Joh 16,33).

Das sind kurze und doch mächtige Worte, die Jesus mitten hinein spricht in die Angst, in den Streit und die Not dieser Welt. Es sind Verheißungen des Friedens inmitten des Sturmes. Und sie gelten jedem, der auf den Namen Jesu Christi getauft wurde. Jedem Christen ist dieser Friede versprochen. Und darum – nur darum! – können wir unsere Verstorbenen ohne Sorge ziehen lassen. Nicht, weil ein langes Leben schon aufgrund seiner Länge als gelungen gelten könnte. Nicht, weil die Ruhe des Todes an und für sich besser wäre als die Unruhe des Lebens. Nicht, weil vorher alles bereinigt wurde. Und auch nicht bloß, weil viele im Sterben eine Situation hinter sich lassen, die ihnen sowieso nicht mehr gefiel. Sondern vor allem deshalb können wir sie gehen lassen, weil sie einen Lauf vollendet haben, der nicht ziellos war, sondern sie zurückführte in die Hand ihres Schöpfers, der es gut mit ihnen meint…

Das ist großer Trost, der da aus dem Glauben kommt! Wer den aber nicht teilt, der muss nach anderem suchen, was ihn trösten kann. Und er wird wenig finden. Denn bei realistischer Betrachtung zeigt sich, dass ein hartnäckiger christlicher Glaube alles ist, was wir zerbrechlichen Geschöpfe dem Tod entgegenzuhalten haben. Wenn nach und nach alles ins Wanken gerät, woran wir uns hielten, wenn die Kraft uns verlässt, wenn wir flexibel sein müssten und doch nicht mehr flexibel sein können – dann wird es Gottes Liebe sein, die uns trägt, oder nichts wird uns tragen. Entweder ist es dann Gottes Treue, die uns hält, oder nichts wird uns halten. Entweder werden wir dann durch seine Gnade alles gewinnen oder werden alles verlieren. Darum sollte niemand Trost und Hoffnung, auf wackelige Fundamente gründen: Nicht auf die menschliche Qualitäten eines Verstorbenen oder auf das treue Angedenken der Nachwelt. Sondern besser auf den einen, der über Tod und Leben hinaus für uns und unsere Verstorbenen zu sorgen vermag – nämlich auf Jesus Christus, der inmitten unserer Überforderung niemals überfordert ist, und der auch in der Zweideutigkeit unserer Gefühle immer Eindeutigkeit bewahrt. Jesus Christus ist der eine und einzige, der die Liebe besaß, für uns zu sterben, und der die Macht besitzt, auch unseren Tod zu überwinden. Jesus Christus ist der eine und einzige, der sich für die Verstorbenen noch zuständig fühlen kann, weil nur sein Arm hinabreicht bis ins Reich des Todes. Er ist der eine, der gerade richten kann, was in unserem Leben krumm war. Er ist der eine, der alle Tränen zu trocknen und alle Wunden zu heilen vermag. Und er ist darum auch der einzige, dem wir unsere Verstorbene anvertrauen können.

Denn sie sind zwar von Erde genommen. Und sie werden wieder zu Erde. Aber wenn sie Gnade finden vor den Augen Jesu Christi, so wird er ihnen ein neues Leben schenken. Sorgen wir uns also nicht um die Verstorbenen. Sondern sorgen wir um uns selbst, dass wir uns selbst auf den letzten Weg und auf die Ewigkeit vorbereiten. Hier sind wir nämlich nur kurz. Dort sind wir lang. Hier ist alles so vergänglich wie wir selbst. Dort aber sind Wohnungen, aus denen uns keiner mehr vertreibt. Hier ist Leid und Geschrei. Dort aber ist Friede. Hier ist Streit und Traurigkeit. Dort aber ist Liebe. Hier ist Missverstehen, Angst und Schuld. Dort aber ist Wahrheit und Vergebung unter Gottes Augen. Wenn’s aber so ist – sollten wir dann den Verstorbenen nicht gönnen, dass sie uns einen großen Schritt voraus sind? Gehen wir unseren Weg nur im Glauben weiter, so führt er uns über kurz oder lang zu demselben Ziel. Und an diesem Ziel anzukommen, allein das ist wichtig…