Perfekte Weihnachten

 

Wenn Weihnachten vor der Tür steht, wächst die Anspannung. Denn an Heiligabend muss alles stimmen. Man will ja das Fest im Kreise der Familie ungestört genießen! Alle Besucher sollen rechtzeitig ankommen, darum hofft man, dass der Bahnverkehr nicht wieder zum Erliegen kommt. Aber weil zur Weihnachtsstimmung Schnee gehört, soll das Winterwetter auch nicht ganz ausbleiben. Bei der Dekoration des Hauses will man keinesfalls übertreiben. Aber über defekte Lichterketten und vorzeitig nadelnde Bäume ärgert man sich doch. Natürlich soll das Essen schmecken. Und da man sich mit der Auswahl der Geschenke viel Mühe gegeben hat, sollen sie auch gefallen. Vor allem aber darf die Familie nicht streiten, damit nicht böse Worte allen die Freude verderben.

Das Ganze ist eine Inszenierung beglückender Gemeinschaft. Und die ist erfahrungsgemäß sehr störanfällig. Denn wenn man mit der Arbeit nicht rechtzeitig fertig wird, liegen die Nerven blank. Wenn sich einer zurückgesetzt fühlt, ist die Stimmung dahin. Und wenn gar jemand fehlt, weil er im Laufe des Jahres verstorben ist, wird’s sowieso nicht mehr wie früher. Dabei tät‘s unsren wunden Seele doch so gut, wenn die Welt mal „heil“ wäre – und wär’s auch nur für ein paar Feiertage! Wir versuchen das hinzubekommen. Aber der Friede ist zerbrechlich. Und wenn sich ein anstrengendes Jahr dann nicht mal störungsfrei abschließen lässt, ist die Enttäuschung groß. So scheint Weihnachtsfreude eine sehr empfindliche Pflanze zu sein, die nur in geschützten Räumen gedeiht, wenn man sie gut abschirmt gegen Frost, Regen, Wind und schlechte Laune. 

Doch ist das eigentlich seltsam. Und wenn man näher hinsieht, kann da etwas nicht stimmen. Denn zum einen geht die wahre Weihnachtsfreude ja gar nicht von uns aus, sondern von Gott. Wir müssen sie nicht künstlich erzeugen, sondern bekommen sie geschenkt! Und zum anderen ist sie keine zarte Pflanze, die nur wie im Gewächshaus unter idealen Bedingungen gedeihen könnte. Sondern dem Neuen Testament zufolge ließ es Gott überhaupt nur darum Weihnachten werden, weil die Bedingungen auf der Erde so miserabel sind. Gott wurde nicht als Mensch geboren, weil in der Welt alles zum Besten stünde, sondern er kam, weil alles im Argen liegt. Gottes Sohn kam in keine „heile Welt“, sondern in eine kaputte! Und anders hätte die Rettungsaktion auch keinen Sinn gemacht. Denn wäre hier alles harmonisch und in Ordnung, hätte Gottes Sohn ja im Himmel bleiben können. Die große Störung, Unheil, Streit und Schuld waren der Anlass, dass Gott Mensch wurde! Und trotzdem meinen wir, wir müssten das Weihnachtsfest vor eben dieser Störung beschützen? Das ist seltsam. Denn Gottes Sohn kommt nicht trotz widriger Umstände, sondern kommt gerade wegen unserer Angst und Not! Und da meinen wir, wir müssten die offenen Wunden vor ihm verbergen? Weil unser Frieden so brüchig ist, will Christus unser Friede sein! Und wir denken, wir müssten erst mal Frieden simulieren, damit Christus kommen kann? Das ist ein großes Missverständnis! Denn Gottes Sohn wird nur deshalb ein Mensch unter Menschen, weil er weiß, dass wir alleine nicht klarkommen. Er kommt wie ein Feuerwehrmann zum Brandherd und wie ein Sanitäter zu den Verwundeten. Der Heiland besucht überhaupt nur solche, die ihn nötig haben! Und wenn widrige Umstände ihn abschrecken könnten – wäre er dann wohl in einem Viehstall zur Welt gekommen? Gottes Sohn wusste sehr gut, was ihn bei uns erwartet! Und so ist auch die Weihnachtsfreude keine fragile Angelegenheit, um die wir bangen und die wir inszenieren müssten. Sondern sie ist etwas sehr Robustes und ist – wie ein helles Licht – umso nötiger, je dicker die Finsternis ist, in der es leuchten soll. Wenn das aber jemand nicht überzeugt, dann tut‘s vielleicht die folgende Geschichte aus Bethel.

Dort in Bethel leitet Pfarrer Friedrich von Bodelschwingh ein Heim für behinderte Kinder. Und während der Weihnachtsfeier wird einem etwa 12-jährigen Jungen die Aufgabe übertragen, feierlich am Weihnachtsbaum eine Kerze anzuzünden. Für den behinderten Jungen ist das eine große und ehrenvolle Sache, die ihn in freudige Aufregung versetzt. Er nimmt all seine Kraft zusammen, um das Anzünden der Kerze gut hinzukriegen. Aber vor lauter Anspannung bekommt er gerade in diesem Moment einen furchtbaren Krampfanfall. Die anderen Kinder erschrecken darüber, und während die Erwachsenen dem krampfenden Jungen zu helfen suchen, beginnt sein bester Freund laut zu weinen und mit Tränen der Verzweiflung im Gesicht ruft er: „Es hat alles einen Knacks! Es hat alles einen Knacks!“ Bodelschwingh und den anderen gelingt es, die Situation wieder zu beruhigen. Die Feier geht weiter. Und als die Lichter am Weihnachtbaum dann endlich brennen, spricht der Pfarrer mit den Kindern über den Sinn des Festes. Er fragt in die Runde: „Was ist das Große an Weihnachten?“ Nach einigen Augenblicken antwortet ein Mädchen: „Weihnachten ist so groß, weil Gott da seinen Sohn geschickt hat, unseren Heiland.“ Bodelschwingh nickt und fragt nach: „Und warum hat Gott das getan?“ Diese Frage scheint das Mädchen erst zu überfordern. Doch dann klettert sie auf einen Stuhl und von da auf den Tisch und ruft jubelnd: „Darum, weil alles einen Knacks hat!“ 

Könnte man es treffender ausdrücken? Könnte man Weihnachten besser auf den Punkt bringen? Gott schickt uns seinen Sohn, weil bei uns „alles einen Knacks hat!“ Jener Junge, der den Anfall bekam, hatte ganz offensichtlich einen gesundheitlichen „Knacks“. Seinem weinenden Freund war bewusst geworden, dass auch alles andere in dieser Welt „einen Knacks hat“. Und dem Mädchen ging auf, dass dies der Weihnachtsbotschaft gerade nicht zuwider läuft, sondern sie bestätigt und ihr entspricht. Denn Gott kommt ganz bewusst zu denen, die nicht heil, stark und satt, sondern angeschlagen sind. Das ist der Grund seiner liebevollen Zuwendung! Und wär’s anders, hätte Christus zu Hause bleiben können! Doch angeschlagen, brüchig und rissig sind nicht bloß die Kleinen in Bodelschwinghs Kinderheim, sondern wir sind’s alle. Und gingen man im Weihnachtsgottesdienst von einer Kirchenbank zur anderen, müsste es auch jeder zugeben. Denn bei dem einen hat die Gesundheit „einen Knacks abbekommen“, und bei dem anderen kriselt es in der Ehe. Dieser hat Schulden auf sich geladen, über die er nicht sprechen mag, und jener pflegt einen geheimen Hass. Der Dritte hat Depressionen, der Vierte bekommt seine Angst nicht in den Griff, der Fünfte sucht Bestätigung in immer neuen Affären – und der Sechste trinkt zu viel. Man muss nicht besonders sensibel sein, um von dieser Welt verwundet zu werden. So oder so „einen Sprung in der Schüssel zu haben“, ist ziemlich normal in dieser Welt! Denn da ist keine Liebe, die nicht schwankte, und keine Wahrheit ohne Beimischung von Lüge. Da ist kein Licht ohne Schatten, und keine Freude ohne Trübung. Alles bleibt immer Fragment, nichts ist vollkommen, auch das Beste vergeht im Handumdrehen, und an jedem Apfel nagt ein Wurm. So geht es uns allen wie jenen Heimkindern. Wir alle haben einen Knacks. Und am allerwenigsten sind wir mit Gott im Reinen! Aber eben das wird in der Weihnachtsbotschaft auch nicht vorausgesetzt, sondern ihr Ausgangspunkt ist – ganz im Gegenteil – das Unheil. Und jene, die einen Knacks haben, geht Weihnachten darum nicht weniger an, sondern umso mehr! Oder wäre Christus je zu den Perfekten, Frommen und Guten gegangen? Wusste er sich nicht gesandt zu den Mühseligen und Beladenen? Ja, gerade wir Krummen, wir so oder so nicht Geratenen, die wir randvolle Gefäße des Guten sein sollten und doch offenbar undicht und leck sind – gerade wir Untauglichen sind von Christus gemeint und sind das eigentliche Ziel seiner Reise. Er kommt bei uns in herzlich schlechte Gesellschaft. Aber das hat er vorher gewusst und in Kauf genommen. Sollten wir also unsere Bedürftigkeit vor ihm verstecken und „heile Welt“ spielen? Sollten wir nicht lieber „hier“ schreien: „Hierher, Christus, komm zu mir – ich bin ein besonders schwerer Fall, ich brauche dich am dringendsten?“ 

So sollten wir’s tun. Und wir würden dann an Weihnachten auch gar nicht einen festtäglichen Anschein der Ordnung und des häuslichen Glücks feiern, sondern die Tatsache, dass in der alltäglichen Unordnung und Not Gott unbeirrt an unserer Seite bleibt. Wir können und müssen nicht leugnen, dass unsere Welt brüchig ist und Risse hat. Die Politik hat einen Schlag weg, die Kirche auch – und inzwischen sogar das Klima! Aber jener Heiland, der sich in Bethlehem eine Bruchbude von Stall ausgesucht hat, um darin geboren zu werden, der lässt sich davon nicht abschrecken, sondern wie einen guten Sanitäter zieht es ihn zu den Verwundeten hin. Statt vor unserer Not und unserem Wunden zu fliehen, packt er beherzt zu. Er hat keine Angst, sich an uns schmutzig zu machen, sondern weiß, dass die Berührung mit ihm uns reinigt. Was aber würde dazu weniger passen als ein perfekt gestyltes und fehlerfrei inszeniertes Hochglanz-Weihnachtsfest? 

Als viel besseres Symbol der Weihnacht rühme ich mir da alle krummen und verwachsenen Weihnachtsbäume. Denn in denen wird gerade das Unvollkommene geadelt, und das Untaugliche kommt zu Ehren. In Dänemark werden Weihnachtsbäume zwar schon geklont – mit genetisch identischen, tadellos geraden und buschigen Bäume will man uns beglücken! Aber brauche ich denn einen makellosen Baum, wenn ich doch selbst nicht makellos bin? Bäume mit doppelten Spitzen und kahlen Stellen, mit schiefen Stämmen und hängenden Ästen haben da eine viel tröstlichere Botschaft. Und mit all ihren seltsamen Asymmetrien sind sie ein Gleichnis der Menschen, die sie aufstellen. Denn wie jeder Baum krumm ist auf seine ganz eigene Weise, so sind wir das auch. Und das ist in Ordnung. Denn wäre alles gerade auf Erden, hätte Christus im Himmel bleiben können. Er kam aber herab, gerade um der Krummen willen! Was also ginge uns Weihnachten an, wenn wir vollkommen wären? Wir sind es nicht im Entferntesten – und dürfen doch zur Ehre Gottes da sein. Unser Leben ist Stückwerk, unsere Liebe ist Fragment, da ist mancher Fleck auf unserer Weste und unsre Tugend hat mehr als einen „Knacks“. Aber wie ein krummer Weihnachtsbaum, darf doch jeder von uns leuchten und etwas von dem Glanz spiegeln, der von oben her auf ihn fällt. Christus will unser Bruder sein! Der Sohn des Höchsten ist einer von uns! Das ist weit mehr, als wir je hätten erwarten dürfen! Es ist aber längst genug, um darin seinen Frieden zu finden. Und wenn wir das tun, dann haben wir Weihnachten auch nicht verpasst, und die Chance darin nicht verschenkt, sondern haben den vollen Segen mitgenommen, den Christus uns so herzlich gönnt.