Ortsbestimmung zu Silvester

 

Der Silvesterabend bringt Abschied und Neubeginn mit sich, Rückblick und Ausblick. Und so hat der Mensch das Bedürfnis nach einer Ortsbestimmung und Zwischenbilanz. Im Übergang vom alten zum neuen Jahr will man wissen, wo man steht, was schon geschafft ist – und was noch nicht. Und so wie man zur Orientierung im Raum bestimmte Wegmarken nutzt, um zu sagen „ich bin noch vor dem Berg“ oder „ich bin schon drüber weg“, so suchen wir uns auch Wegmarken in der Zeit. Denn es gibt ja einschneidende Ereignisse, von denen wir entweder herkommen oder auf die wir zugehen. Im großen kulturellen Maßstab kennt das jeder. Denn im Judentum beginnt die Zeitrechnung mit der Erschaffung der Welt. Und Muslime zählen die Jahre seit der Flucht Mohammeds nach Medina. Buddhisten beginnen ihre Zeitrechnung mit dem Todesjahr Buddhas. Die Römer zählten die Jahre, die seit der Gründung Roms vergangen sind. Und wenn sich bei uns der Kommunismus durchgesetzt hätte, gälte vielleicht nicht mehr die Geburt Christi als Wendepunkt der Zeiten, sondern die Oktoberrevolution. Kulturen messen ihre Zeit nach dem Abstand von den für sie maßgeblichen Ereignissen. Und als einzelner Mensch tun wir etwas ganz Ähnliches, weil wir die Jahre zählen, die seit unserer Geburt vergingen – und das unser „Alter“ nennen. Doch manchmal wird der biologische Beginn auch von anderen Zeitmarken und Stichtagen verdrängt, wenn einer z.B. sagt „ich habe noch 3 Jahre bis zum Ruhestand“, „dies und das geschah 2 Jahre nach dem Tod meiner Frau“, oder „ich bin schon im 5. Jahr nach der großen Operation.“ Für junge Leute ist manchmal der Schulabschluss die Achse, um die sich ihre Zeitrechnung dreht, die Hochzeit oder die Geburt eines Kindes. Und für ältere kann es der Hausbau sein, eine Scheidung oder ein Unfall. Doch immer erfolgt die Standortbestimmung im Bezug auf Wegmarken, die wir vor oder hinter uns haben. Und welche wir wählen, um darauf voraus- oder zurückzuschauen, sagt eine Menge über unser Lebensgefühl. Denn Zeiten, die ich nach einem großen Verlust berechne, stehen unter dem Zeichen der noch andauernden Trauer. Und Zeiten, die ich nach der Geburt eines Enkels zähle, stehen unter dem frohen Zeichen des noch andauernden Gewinns. So sieht sich der eine im Aufstieg zum Gipfel begriffen. Und der andere ahnt, dass er seinen Zenit überschritten hat. Jener freut sich schon auf den nächsten Erfolg. Und dieser ringt nur noch darum, seinen Niedergang zu verlangsamen. Viele wären zufrieden, wenn’s einfach nur so bliebe. Und andere warten sehnlichst auf Veränderung. Sie alle aber können sich mit ihren Zeitansagen gewaltig irren. Denn wer meint, gerade erst Anlauf zu nehmen für wahrhaft große Sprünge, kann schon im nächsten Moment stolpern und liegenbleiben. Und ein anderer, der längst mit allem abgeschlossen hatte, kann unverhofft aufblühen und späte Triumphe feiern. Wer 35 wird, denkt vielleicht, er befände sich in der Mitte seines Lebens. Aber wenn er mit 36 stirbt, war die vermeintliche Mitte schon das Ende. Wissen wir zu Silvester also, wo wir stehen? Die Ortsbestimmung ist schwerer als man denkt. Denn der gegenwärtige Moment ist anders zu bewerten, wenn’s von hier aus bergauf, als wenn’s künftig bergab geht. Da das aber keiner so genau weiß, ist nicht mal klar, ob unsere besten Jahre schon hinter uns liegen oder erst noch kommen! Je nach Mentalität kann sich der Mensch über das bisher Geschaffte freuen oder sich vor dem noch Kommenden fürchten. Soll man also hoffen, dass alles bleibt wie’s ist? Oder soll man drauf warten, dass es endlich besser wird? Ist das Leben eine Aufgabe, die man abarbeiten muss? Oder ist es ein Geschenk, das man auskosten darf? Eigentlich sollten wir das am Silvesterabend wissen. Denn da wird uns neue Zeit geschenkt, und wir gehen „in die Verlängerung“. Aber der eine versteht das als Belohnung und nimmt’s wie eine Gratifikation. Und der andere kommt sich vor, als müsse er in der Schule nachsitzen, um nochmal dieselbe Lektion zu lernen, die er wieder nicht begreift. Wo stehen wir also? Wozu werden uns 365 nagelneue Tage anvertraut? Wird uns Fristverlängerung eingeräumt, damit wir endlich voran kommen? Oder drehen wir uns nur ein weiteres Jahr im Kreis? Gehen wir dem Untergang entgegen – oder der Vollendung? Der Versuch einer Standortbestimmung kann verwirrend sein. Und die Medien mit ihren gegensätzlichen Botschaften machen’s nicht besser. Denn keiner scheint zu wissen, ob die Menschheit vor dem Abgrund steht, oder vor einem großen Durchbruch. Weil zu viele Faktoren im Spiel sind, lässt sich die Zukunft weder für den Einzelnen noch für die Welt insgesamt berechnen. Wir wandern also durch ein Labyrinth. Man sieht nicht weit voraus. Und die meisten tun nur so, als wüssten sie den Weg. Warum sind wir dann aber nicht viel zaghafter und ängstlicher? 

Das immerhin kann man als Christen beantworten. Denn wir sehen zwar auch nicht mehr als die andern. Wir wandern ja durch dasselbe Labyrinth! Aber wir tun‘s nicht ohne Gott. Und der nimmt uns bei der Hand und verspricht uns zu führen. Davon haben wir durchaus noch keinen Plan. Und das Dunkle hört auch nicht auf, dunkel zu sein. Doch das Verwirrende verwirrt zumindest nicht unseren Gott. Und das zu wissen (dass Gott die Orientierung hat, die uns fehlt), schützt uns vor dem Gefühl panischer Überforderung. Wir kennen zwar unseren Standort nicht und können nur vermuten, was als Nächstes passiert. Aber wir wissen, dass wir – wo auch immer –, Gott an unserer Seite haben. Und deshalb muss uns vor keinem neuen Jahr bange sein. Nun klingt das vielleicht, als wär‘s eine allzu einfaches Rezept. Doch ist es altbewährt. Es hilft seit Jahrhunderten. Und weil es der Heidelberger Katechismus knapp auf den Punkt bringt, soll er hier zu Wort kommen. Da wird nämlich ein Mensch ohne Umschweife nach dem gefragt, was ihm Halt gibt und worauf er seine Zuversicht gründet. Hand aufs Herz heißt es: „Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“ Und die Antwort folgt genauso direkt und durchschlagend:

„Dass ich mit Leib und Seele, beides im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines treuen Heilandes Jesu Christi Eigentum bin, der mit seinem teuren Blute für alle meine Sünden vollkommen bezahlt und mich aus aller Gewalt des Teufels erlöst hat und so bewahrt, dass ohne den Willen meines Vaters im Himmel kein Haar von meinem Haupt fallen kann.“ 

Schon in der Frage wird vorausgesetzt, dass jeder Mensch einen „Trost“ nötig hat – nämlich einen Halt, an den er sich hält, einen Grund, auf dem er steht! Und man müsste ziemlich naiv sein, um das zu leugnen. Denn jeder braucht einen Rückhalt in den Stürmen des Lebens. Dieser Ankerpunkt aber, der stärker und fester ist als der eigene Wille, das ist für den Christen Gott. Und die Antwort des Heidelberger Katechismus macht deutlich, warum diese Karte jede andere sticht. Denn Gott hat den Christen nicht bloß auf seinem Wunschzettel stehen, sondern hat ihn durch die Taufe bereits zu seinem Eigentum gemacht. Gott hat besitzergreifend seine Hand auf den Christen gelegt, hat ihn für sich reklamiert und damit zugleich jeder anderen Macht entzogen. Diesem Gott ist der Christ nun zu Eigen. Das ist verbindlich. Und darum zu wissen, ist des Christen großer Trost. Denn Gott hat vor, ihm in Gottes Reich an seinem eigenen Leben Anteil zu geben. Gott hat ihn dazu auserwählt, seinen Himmel zu bewohnen! Und weil das nicht etwa des Christen eigener, sondern Gottes Plan ist, wird er auch unweigerlich zum Ziel kommen. Gottes Geist bezeugt unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind! Und er stiftet damit eine tröstliche Gewissheit, die wir allem Selbstzweifel entgegenhalten dürfen, weil Gottes Wille ganz sicher nicht durch unser Versagen zu Fall kommt. Als Christen sehen wir dieses Versagen zwar durchaus (1). Wir sehe aber zugleich, dass Gott es kompensieren will (2). Uns ist bewusst, dass seine Güte und Kraft weit mächtiger sind als unsere eigene Fehlbarkeit, die unsrem Heil entgegensteht (3). Und so ist völlig absehbar, wie das Ringen der ungleichen Kräfte ausgehen wird – so nämlich, dass Gottes „Ja“ zu uns viel schwerer wiegt als alles „Nein“, das irgendwer dagegen anführen könnte (4). Die Entscheidung wurde uns aus der Hand genommen als Gott sich für uns entschied. Wir hatten keinen Einfluss darauf. Und in diesem Punkt fremdbestimmt zu sein, entdecken wir als großes Glück und große Beruhigung. Denn keiner macht je schwankend, was Gott einmal bei sich beschlossen hat. Da mag unsere Verwirrung noch so groß sein: sie bringt Gottes Vorsehung nicht zu Fall. Und so wird die Frage nach unserem Trost „im Leben und im Sterben“ eigentlich auch gar nicht von uns, sondern von Gott selbst beantwortet. Er will unser Trost und unser seelischer Halt sein! Und ebenso verbindlich wie er uns als sein Eigentum beansprucht, dürfen wir ihn beanspruchen als unseren Herrn, der für uns gerade steht. Gott ist der Anker, an dem wir uns festmachen, unsere Burg, in der wir sicher sind, und unser Haltepunkt in allem Schwanken. Auf seine Zusagen vertrauen wir, von seiner Stärke leben wir, auf seine Treue zählen wir. Die Angst, die nach uns greift, verweisen wir an ihn, und für die Schuld, die man uns vorhält, fühlt er sich zuständig. Dieser Trost ist aber deshalb jedem anderen überlegen, weil er nicht nur hier und da mal wirkt, sondern „universell“. Wohl kennt der Mensch noch andere Tröstungen, die in dieser oder jener Lage vorübergehend hilfreich sind! Aber in jeder Lage und zu jeder Zeit hilfreich ist nur der besagte Glaubenstrost, weil er Halt bietet nicht bloß im Leben oder bloß im Tod, sondern im Leben und im Tod – und sogar über den Tod hinaus. Alles vergeht, Gott aber bleibt. Sind wir aber sein, so bleiben wir mit ihm. Und Gott zu gehören, ist darum ewiger Gewinn. Selbst wenn wir den Verstand verlören, der um Gott weiß, oder den Willen verlören, der sich an Gott hält, hielte er doch seinerseits an uns fest. Er lässt sich nichts rauben. Und der Trost, der daraus erwächst, ist „unkaputtbar“. Denn der ihn spendet, ist ja selbst unüberwindlich, und seine Zusagen gelten ewig, weil der ewig ist, der sie macht.

Dass seine Zusagen aber nicht bloß anderen Leuten, sondern auch mir persönlich gelten, steht außer Frage. Denn dessen versichert mich meine Taufe, die niemand ungeschehen macht. Und dessen vergewissert mich auch jedes Abendmahl, an dem ich teilhaben darf. Es gibt sogar Glaubensgeschwister, die dazu berufen und autorisiert wurden, mir Gottes Verheißungen vollmächtig zuzusagen! Und so müsste ich schon mutwillig gegen Gottes Wort und Sakrament anzweifeln, um weiterhin unsicher zu sein. Denn um mich solcher Unsicherheit zu entheben, hat sich Gott mir entschlossen zugewandt. Und ich müsste ihn schon sehr kränken und ihn regelrecht der Lüge verdächtigen, wenn ich das ignorieren wollte. Getrost und zuversichtlich zu sein, ist mir nicht bloß erlaubt, sondern von Gott selbst regelrecht befohlen! Als Christ gehöre ich ihm. Und er weiß, dass ich das weiß. Alle Welt weiß es! Und so wird sich Gott nicht nehmen lassen, was ihm gehört. Selbst wenn wir wie eine Münze in den Dreck fallen, wird er uns so lange suchen, bis er uns wieder hat. Er hat uns ja teuer genug erkauft. Und so sind wir nicht Freiwild, sind auch nicht herrenloses Strandgut, das keinem gehört, sondern Eigentum des Höchsten. Wer aber wollte antasten, was Gott für sich beansprucht? Wird dem Allmächtigen wohl jemand streitig machen, was er zu behalten gedenkt? Das darf keiner wagen! Und darum sind wir nicht nur sicher, sondern sind in dem Maße, wie wir Gott gehören, auch von den Besitzansprüchen aller anderen Mächte frei – gehören nicht dem Staat oder dem Arbeitgeber, nicht der Gesellschaft, der Familie oder dem Ehepartner, sondern Gott allein… 

Wo stehen wir also? Stehen wir zu Silvester vor dem Berg oder dahinter, in der Mitte oder am Ende, vor dem Durchbruch oder vor dem Niedergang? Ich meine: Wir stehen in Gottes Hand. Und diese Auskunft genügt! Stehen wir im Sturm oder in der Stille, vor dem Ziel oder vor dem Aus, vor Siegen oder Niederlagen? Ich meine: Wir stehen auf Gottes Seite. Und diese Auskunft genügt! Denn mitten in der bewegten Zeit stehen wir bei Gott in Ewigkeit. Und das ist die einzige Standortbestimmung, die zählt. Wir wissen zwar nicht, was kommt, aber wir kennen den, der uns führt. Wir verstehen nicht seinen Plan, aber wir wissen, dass er einen hat. Und ob unser Weg noch weitläufig verschlungen ist oder kurz und direkt, kann uns relativ egal sein, weil das Ziel feststeht. Was immer wir sonst noch sind – wir sind Eigentum des Herrn. Und wo immer wir landen, landen wir zuletzt doch bei ihm. Keine Macht der Welt kann uns hindern, nach Hause zu kommen, wo wir dann beim Vater sind. Und wenn auch noch hundert mal Silvester würde und ein neues Jahr begänne, würde sich daran doch nichts ändern. Darum gehen wir festen Schrittes in die Zukunft und ohne Bangigkeit, da wir als Christen doch haben, worum uns viele beneiden – da wir nämlich den einzigen Trost haben, der unverlierbar und unzerstörbar etwas taugt im Leben und im Sterben… 

 

Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben;

nicht Erdennot, nicht Erdentand soll mich daraus vertreiben.

Und wenn zerfällt die ganze Welt, wer sich an ihn und wen er hält,

wird wohlbehalten bleiben.

 

Er ist ein Fels, ein sichrer Hort, und Wunder sollen schauen,

die sich auf sein wahrhaftig Wort verlassen und ihm trauen.

Er hat's gesagt, und darauf wagt mein Herz es froh und unverzagt

und lässt sich gar nicht grauen.

 

(Philipp Spitta / EG 374)