Erg. 12 • Leid

Die Zumutung als Chance                                              Dieser Text als Video  

 

Es genügt ein Blick in die Zeitung oder in die Tagesschau – und schon steht uns das Elend dieser Welt vor Augen. Die Bilder der Kriege mischen sich mit denen von Hungerkatastrophen und Erdbeben, Seuchen und Überschwemmungen, Bränden, Eisenbahnunglücken, Flugzeugabstürzen und Terroranschlägen. Die Menge des Elends ist kaum zu ertragen. Es schaudert uns, und wir stellen die alte Frage, die seit Hiob immer wieder gestellt worden ist: Warum denn wohl Gott das alles geschehen lässt.

Ist er denn nicht allmächtig? Ja? – dann kann er es doch verhindern! Ist er denn nicht gut? Ja? – dann will er es doch bestimmt verhindern! Ist er aber allmächtig und gut zugleich – wieso gibt es dann noch so unermessliches Leid?

Nun – es ist dies auch meine Frage seit Jugendtagen. Teils interessierte sie mich aus Betroffenheit. Teils aber auch nur, weil damit ein Schüler seinen Religionslehrer so schön in Schwierigkeiten bringen kann. Ich habe oft die Frage nach Gottes Anteil am Leid aufgeworfen, weil es mir Freude bereitete, damit Erwachsene – die doch sonst immer alles wissen – in Ratlosigkeit zu stürzen. Ich genoss es, zu sehen, wie kluge Leute bei dem Versuch, Gott zu rechtfertigen, an ihre Grenzen stießen, ins Stammeln kamen und sich in Widersprüche verwickelten.

Heute allerdings sehe ich die Sache anders. Warum Gott das Leid dieser Welt zulässt – das ist immer noch meine Frage. Aber ich bin hellhörig dafür geworden, wie und mit welcher inneren Haltung ein Mensch diese Frage stellt. Vier Grundentscheidungen sind mir dabei wichtig geworden:

 

1. Respektieren, dass Gott uns keine Rechenschaft schuldet

So wie ich die Frage als Waffe gegen meine Religionslehrer einsetzte, so wird sie oft auch als Waffe gegen Gott gerichtet. Neunmalkluge Menschen sitzen über Gott zu Gericht, empören sich über den Zustand der Welt und fordern, dass Gott sich rechtfertige für die Art und Weise wie er sie regiert. Aber steht uns das zu? Wohl kaum. Darum muss man ein paar Dinge gerade rücken, bevor man sich dem Problem des Leides ernsthaft nähern kann:

Erstens sollten die, die sich über das Elend der Welt erregen, von der Summe des Leidens alles abziehen, was nicht auf Gottes, sondern auf der Menschen Konto geht. Denn wer fängt die Kriege an? Fängt Gott sie etwa an? Nein, wir sind es, die nach den Waffen greifen und uns gegenseitig die Bajonette in den Leib rammen. Und mit den Hungerkatastrophen ist es ebenso: Lässt Gott auf Erden etwa nicht genug wachsen, dass alle davon satt werden könnten? Oh, doch! All die Hungertoten gehen auf unser Konto, weil wir nicht Willens oder in der Lage sind, das Vorhandene gerecht zu verteilen. Und was ist mit den Erdbeben? Für die meisten Toten sind Baufirmen verantwortlich. Menschen errichteten die schlechten Häuser, die beim Erdbeben zu Todesfallen werden. Bevor wir also Gott anklagen, sollten wir zuerst einmal uns selbst anklagen.

Zweitens: Bevor wir Gott anklagen, sollten wir überlegen, auf welcher Rechtsgrundlage wir gegen ihn klagen wollen. Denn das ist ja klar: Wenn wir das Leid, das uns widerfährt, als Unrecht Gottes empfinden, dann unterstellen wir, wir hätten einen Anspruch darauf, von Leid verschont zu bleiben. Aber haben wir den wirklich? Gibt es ein Menschenrecht auf ein langes und glückliches Leben? Gibt es einen Anspruch auf Zufriedenheit, den wir gegen Gott geltend machen könnten? Nein. Gewiss ist die Trauer groß, wenn einer von uns nicht mit 80 oder 90, sondern schon mit 30 oder 40 Jahren stirbt.

Aber bitte: Hatte er denn bei seiner Geburt einen Garantieschein dabei? Hat Gott irgendeinem von uns eine bestimmte Lebensdauer versprochen? Nein. Darum muss man es einmal deutlich sagen: Was immer Gott uns widerfahren lässt, ist niemals Unrecht, weil wir Menschen gegenüber Gott keine Rechte haben. Nimmt er uns die Familie, nimmt er uns die Gesundheit, nimmt er uns das Leben, so nimmt er doch nichts, was ihm nicht gehörte. Wir schreien, als sei er ein Räuber, in Wahrheit ist er aber der Eigentümer, der lediglich eine Leihgabe zurückholt.

Drittens: Wenn wir nach dem Ursprung des Leides fragen – wenn wir fragen, warum Gott Leid bewirkt oder zumindest zulässt – müssen wir uns die Gegenfrage gefallen lassen, ob wir im gleichen Maße, wie wir über Böses klagen, auch für Gutes gedankt haben. Nicht? Dann sind wir entlarvt als heuchlerische Kläger, die Gott nur ins Spiel bringen, weil sie einen Sündenbock brauchen. Das unverdiente Gute, das er uns schenkt, nehmen wir wie selbstverständlich hin – ohne ein Wort des Dankes. Wehe aber, wenn uns vermeintlich unverdientes Leid zustößt – dann schreien wir Zeter und Mordio und beklagen uns über Gott. Unglaubwürdig macht das unsere Klage. Denn in Wahrheit ist der Ursprung des Guten in der Welt ein mindestens ebenso großes Rätsel wie der Ursprung des Bösen (und verdiente mindestens ebenso viel Aufmerksamkeit).

Viertens: Bevor wir darüber klagen, es geschehe uns Unrecht, sollten wir überlegen, ob uns nicht vielleicht Recht geschieht. Es könnte ja schließlich sein, dass viel von dem Leid, das Gott uns und anderen widerfahren lässt, nichts weiter ist als gerechte Strafe. Wenn einer immer hartherzig war und dann im Alter einsam ist – geschieht ihm etwa Unrecht? Wenn einer säuft und deswegen einen schweren Autounfall hat – geschieht ihm etwa Unrecht? Wenn einer in der Ehe untreu ist und wird von seiner Frau verlassen – geschieht ihm etwa Unrecht? Wenn einer seine Kinder vernachlässigt und sie missraten ihm – geschieht ihm etwa Unrecht? „Nein“ würden wir spontan sagen. Und doch: Oft vergehen diese Menschen vor Selbstmitleid und beklagen sich bitterlich, weil Gott ihr Unglück zugelassen hat. Entschuldigung, muss man dann sagen: Ist Gott denn verpflichtet, dich vor den Folgen deiner Dummheit zu bewahren? Gräbst du eine Grube, fällst selbst hinein – und gibst Gott die Schuld?

Fünftens schließlich muss uns nach alledem bewusst werden, dass es uns nicht zusteht, Gott auf die Anklagebank zu zerren. Gott kann niemals Angeklagter sein, weil Gott keinem Gesetz unterliegt. Vielmehr ist sein Wille das Gesetz, dem wir unterliegen. Gott schuldet niemandem etwas, wir aber schulden alles Gott. Nicht er hat uns, wir haben ihm Rechenschaft zu geben. Kein Richter ist über Gott, Gott aber ist Richter über alles.

Wer also anklagend mit dem Finger auf Gott zeigt, stellt die wahren Verhältnisse auf den Kopf und wird erleben, dass Gott sich auf diese Rollenverteilung nicht einlässt. Denn die Ankläger Gottes tun etwas sehr Überhebliches: Sie fordern, Gott solle die Welt so regieren, wie es ihren Vorstellungen entspricht, oder er solle am besten aufhören Gott zu sein. Sie wollen Lehrer der Gerechtigkeit sein, Gott dagegen soll als Schüler zu ihren Füßen sitzen. Absurderes aber lässt sich nicht denken. Darum ist es besser zu schweigen als Gott gegenüber diesen falschen Ton anzuschlagen...

 

2. Gott im Leiden an unserer Seite finden

Aus Obigem ergibt sich, dass Gott über unsere Anklagen erhaben ist. Und das bleibt festzuhalten. Nur darf man daraus nicht folgern, Gott sei über das Leid als solches erhaben, er schwebe also unberührt und unangreifbar über dem Elend, über den Tränen, über dem Blutvergießen. Denn das tut er keineswegs. Zwar vertraten immer wieder gelehrte Männer solche Vorstellungen von einem ungerührten Gott. Und manche meinten sogar, gerade das mache Gottes Gottheit aus, dass er von Leid, Tod und Trauer nicht berührt werden könne. Christlich sind solche Vorstellungen aber nie gewesen. Denn für das christliche Gottesbild ist Gottes Offenbarung in Christus maßgebend. Und die zeigt Gott nicht "über", sondern "im" Leid. Gott ist nämlich in Christus total „heruntergekommen“.

Er scheut nicht den Dreck des Stalles zu Bethlehem und nicht den Foltertod am Kreuz. Unser Gott schwitzt Blut und Wasser im Garten Gethsemane, er kennt Versuchung, Angst und Verlassenheit, er setzt sich mit Prostituierten und Verbrechern an einen Tisch, wird verraten und geschlagen, eingesperrt, ausgelacht und angespuckt. Und darin liegt für uns etwas sehr Tröstliches. Denn wer als Christ leidet, darf wissen, dass es keine Not gibt, die Gott nicht kennt, und keinen Schmerz, den er nicht versteht – unser Gott hat Leid am eigenen Leibe erfahren. Wenn wir mit Klagen und Tränen vor ihn kommen, dann weiß er also, wovon wir reden. Und welchen Kelch des Leides er uns auch zu trinken gibt – wir dürfen gewiss sein, dass er ihn selbst schon geleert und seine Bitternis geschmeckt hat.

Gottes Stehen auf der Seite der Leidenden ist schon der erste Teil seiner Antwort auf das Leid der Welt. Hört er unser Klagen, so zeigt er uns das Kreuz Christi und sagt zu uns: „Schaut her: Ich stehe an eurer Seite inmitten des Leides. Ich schwebe nicht darüber in sicherem Abstand, sondern ich bin mittendrin. Ich leide mit euch. Und ich leide mit euch, damit das Leid einmal endet. Ich zähle eure Tränen – und ich verspreche, dass sie einmal getrocknet werden. Ich sehe jedes Kind, das geschlagen wird, jeden Gefolterten und jeden Ermordeten – und ich verspreche euch, dass das Unrecht, das ihnen widerfährt, gesühnt werden wird. Ich selbst, spricht Gott, habe jeden dieser Schläge gespürt und habe mein Blut vergossen, ich selbst bin in den Tod gegangen. Doch nicht, damit er siege, sondern damit er besiegt werde.

Ich bin sein Gefangener geworden, um das Gefängnis zu sprengen und die Gefangenen herauszuführen. Durch die Auferstehung Christi habe ich den Weg ins Freie gebahnt. Und ich verspreche, dass ich auf meinem Weg keines der Opfer vergessen werde – nicht einmal die, die ihr selbst schon vergessen habt.“

 

3. Leid durch Annahme überwinden

Höre ich diese Botschaft, so kann ich daraufhin mein Verhalten ändern. Statt sinnlos gegen einen Gott anzurennen, an dessen Überlegenheit meine Anklage abprallt, kann ich Gott neben mir entdecken. Ich kann seiner Gegenwart gewiss sein mitten in der Erfahrung des Bösen. Und noch mehr: Ich kann von ihm lernen, wie man Böses zum Guten wenden und nutzen kann. Denn er versteht sich auf diese Kunst. Oder war die Kreuzigung etwa nicht gemeint als Vernichtungsschlag gegen Christus? Christus aber hat aus dem Gipfel der Bosheit Gutes entspringen lassen, indem er das Leiden annahm und es annehmend überwand und besiegte.

Eine ähnliche Möglichkeit, Übles zum Guten zu kehren, steht auch uns offen. Denn wenn wir wissen, dass Gott uns liebt, können wir auch leidvolle Erfahrungen aus seiner Hand entgegennehmen, ohne zu murren. Und warum? Weil das Evangelium die Erwartung begründet, dass uns auch das Schmerzvolle, das Gott uns zukommen lässt, zum Besten dienen soll. Wir unterstellen also, dass er uns auch mit dem scheinbar Schädlichen nicht schaden, sondern helfen will. Und konkret heißt das, das eigene Leid produktiv zu deuten und mit Sinn zu erfüllen, indem wir uns folgende Fragen stellen:

Kann mein Leiden eventuell hilfreich sein beim Abbau alter Schwächen? Können die schmerzhaften Schläge, die mich treffen, vielleicht produktiv sein, wie die Schläge eines Bildhauers, die einem Steinbrocken schönere Gestalt verleihen? Gehört der Schmerz vielleicht zu einem Reifungsprozess, der mich voranbringt auf dem Weg des Glaubens?

Ein schmerzlicher Verlust kann uns einüben in die Trennung von irdischen Gütern und falschen Idolen. Er kann befreien von alten Bindungen und kann Wege eröffnen, von denen man nichts ahnte. Man kann Leid annehmen als eine Probe des Glaubens, in der der Glaube belastet wird, aus der er aber gekräftigt hervorgeht wie ein Muskel aus dem Training.

Vielleicht versetzt uns Gott einen Schlag als notwendigen Dämpfer und als Warnung auf Abwegen. Vielleicht schickt er uns in eine Schule der Dankbarkeit. Vielleicht fordert er uns heraus, Menschen in ähnlicher Not zu helfen. Vielleicht sollen wir uns üben in Geduld und Hoffnung, vielleicht im zähen Widerstehen, vielleicht aber auch in vertrauensvoller Ergebung.

Für all das gibt es biblische Beispiele. Und ein jeder hat viele Möglichkeiten, sein Leiden positiv zu interpretieren, so dass es ihm zum Besten dient. Nur, dass die Entscheidung dem Betroffenen selbst überlassen bleiben muss. Niemand kann einem anderen zudiktieren, auf welche Weise er sein Leid annehmen soll. Niemand darf sich anmaßen, einen Leidenden darüber zu belehren, welchen guten Sinn sein Leiden hat. Aber ein Leidender kann sich – in der Zuversicht, dass Gott es zuletzt nicht böse mit ihm meint – selbst auf die Suche begeben nach dem positiven Ertrag seiner Prüfung. Und dann kann (sehr zum Ärger Satans) auch großer Schmerz fruchtbar werden: In ähnlicher Weise fruchtbar wie Christi Leiden am Kreuz.

 

4. Gottes Antwort nicht vorgreifen

Nun – vielleicht meint nun jemand, das alles sei gesagt, um der schwierigen Frage nach dem Leid auszuweichen. Will da einer die Frage umgehen, weil er keine Antwort weiß? Doch damit hätten sie mich missverstanden. Denn ich gestehe ganz freimütig, dass ich keine rational befriedigende Antwort weiß, dass mich dieses Nicht-Wissen manchmal quält, und dass das Rätsel des Leides zu den Dingen gehört, nach denen ich Gott fragen werde, wenn ich einmal vor ihm stehe. Bis dahin aber will ich nicht den Fehler machen, den Hiobs Freunde begingen, als sie Hiobs Leid so scharfsinnig „erklärten“. Denn ich erwarte nicht, dass die Antwort von menschlicher Vernunft erdacht und erklügelt wird (mit den Büchern derer, die an dieser Aufgabe gescheitert sind, kann man Bibliotheken füllen). Vielmehr erwarte ich, dass Gott seine Antwort selbst gibt, wenn die Zeit gekommen ist. Genauer gesagt: Ich unterscheide zwischen drei Zeiten und drei Lichtern, wie es auch Martin Luther getan hat.

Das erste Licht ist das Licht der Natur und der natürlichen Vernunft, das allen Menschen, auch den Heiden, gegeben ist, damit sie sich in der Welt zurechtfinden. In diesem Lichte ist vieles erkennbar, vieles aber bleibt auch im Dunkel. So gibt uns z.B. die Vernunft keine Antwort auf die Frage, wie denn die Menschheit von der Last ihrer Schuld befreit und wie Sünde vergeben werden kann. Dieses Rätsel wurde erst gelöst, als das zweite Licht, das Licht des Evangeliums, hinzukam. Durch das Licht des Evangeliums lernten wir Jesus Christus als Erlöser kennen, und schon war das genannte Rätsel kein Rätsel mehr. Doch auch das Licht des Evangeliums lässt noch gewisse Fragen im Dunkeln – und die Frage, warum Gott so viel Leid zulässt, gehört dazu. Weil uns die Bibel hier keine Auskunft gibt, kommen wir in dieser Frage vorläufig nicht weiter. Aber wir dürfen erwarten, dass am jüngsten Tage noch ein drittes Licht, das Licht der Herrlichkeit, aufgehen wird, das heller sein wird als das Licht des Evangeliums, so wie schon das Licht des Evangeliums heller war als das Licht der Natur. Und weil uns Gott im Licht seiner Herrlichkeit dann unmittelbar gegenübertritt, ist zu erwarten, dass die Fragen, die uns heute noch quälen, leicht zu beantworten sein werden.

Dann nämlich wird uns ein Licht aufgehen, das heller ist als das Licht unserer Vernunft und unseres angefochtenen Glaubens. Es wird dann klar vor unseren Augen liegen, warum alles so sein musste, wie es war. Und alle weiteren Fragen werden sich erübrigen. Durch die Hoffnung auf diesen Moment, der hoffentlich bald kommt, tröste uns Gott...