Lebenskunst

 

Wenn man über Friedhöfe geht und sich die Zeit nimmt, Grabinschriften zu lesen, kann man allerhand entdecken. Manches, was da auf den Grabsteinen zu lesen steht, ist ziemlich sentimental. Manches klingt stolz. Und manches wird auch nur eine Floskel sein – weil man nichts Besseres wusste. Doch habe ich letztens von einem Grabspruch gehört, der mich fesselt, und über den ich immer wieder nachdenke, weil er so schlicht ist – und trotzdem so klug. Da hat nämlich im Jahr 1804 ein alter Theologe bestimmt, man möge auf seinen Grabstein schreiben:

„Hieneben empfing die Erde

das Ihrige von Johann J. Spalding.“

Wie, werden sie sagen, mehr steht da nicht? Doch bedenken sie, wie viel mit diesem kurzen Satz gesagt ist! „Hier empfing die Erde das Ihrige von Johann Spalding.“ Was liegt da alles drin! Es heißt doch zunächst einmal, dass dieser Mann ganz bereitwillig der Erde zurückerstatten wollte, was er von der Erde empfangen hatte – nämlich Fleisch und Blut, Knochen, Kalk und Mineralien. Von Erde bin ich genommen,  sagt er sich, und zu Erde muss ich wieder werden. Also will er der guten Mutter Erde die Stoffe seines Leibes vollständig zurückerstatten, wenn man ihn in die Grube legt. Das Ihrige soll die Erde zurückbekommen, die Natur soll es sich holen, und nichts will er zurückbehalten. Aber – und auf dieses unausgesprochene „aber“ kommt es an: mehr als das Ihrige will der Verstorbene der Erde nicht überlassen. Sie bekommt keineswegs alles! Denn seine Seele hat er ja einst nicht „von unten her“, von der Welt empfangen, sondern „von oben her“, von Gott. Seine Seele will er darum auch nicht begraben wissen – auf die hat die Erde keinen Anspruch! Sondern wenn er auf sein Grab schreiben lässt „Hier empfing die Erde das Ihrige von Johann Spalding“, dann verbindet er damit die Hoffnung, dass anlässlich seines Todes auch der Himmel zurückbekommt, was der Himmel zu Spaldings Dasein beigetragen hat – so dass nicht nur die Erde das Ihre, sondern auch Gott das Seine zurücknimmt, und alles wieder sei, woher es einst kam… Nun gut, könnte man sagen: Das ist eine einleuchtende Art und Weise, das Sterben zu betrachten. Doch ich finde weit mehr darin. Denn wenn sich eine Einstellung angesichts des Todes bewährt – sollte sie dann nicht vielleicht auch fürs Leben taugen? Und wäre das nicht wahre Lebenskunst, wenn‘s ein Mensch verstünde, nicht erst an seinem Lebensende, sondern von Anfang an jedem das Seine zu geben – dem Himmel das Himmlische und der Erde das Irdische – jedem also genau das, was ihm zukommt, und dabei niemandem etwas schuldig zu bleiben? Wäre das nicht ein gutes Gefühl und eine vortreffliche Weise zu leben? Ja, „Jedem das Seine“ – das würde dann bedeuten, den wichtigen Dingen im Leben entsprechend große Aufmerksamkeit zuzuwenden und sich bei den unwichtigen nicht unnötig aufzuhalten. Es würde bedeuten, den Schwachen und Bedürftigen mit geduldiger Liebe zu begegnen und den Frechen und Rücksichtslosen klare Grenzen zu zeigen. Es würde bedeuten, dass man Ehre gibt, wem Ehre gebührt, und über die Aufgeblasenen herzlich lacht. Und wenn man’s recht bedenkt, wäre das zugleich der Inbegriff eines gottgefälligen Lebens, weil darin ja die Weisung Jesu umgesetzt wird: „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, und gebt Gott, was Gottes ist!“ (Mt 22,21). Gebt jedem, was ihm zukommt! Das heißt bei Jesus dann aber: Verstrickt euch nicht in die Sorgen dieser Welt, sondern räumt dem Reich Gottes Priorität ein. Lasst euch nicht von euren Begierden leiten, sondern beherrscht sie, damit euch nichts vom Weg abbringt. Sammelt nicht Schätze auf Erden, wo sie ja doch verrotten, sondern sammelt euch Schätze im Himmel. Versucht nicht äußerlich vor den Menschen zu glänzen, sondern seht zu, dass ihr innerlich ins Reine kommt mit Gott. Gebt das Brot nicht den Hunden und werft die Perlen nicht vor die Säue, aber wo ihr Not lindern könnt, da gebt ohne Vorbehalt. Will euch einer zum Bösen verführen, so erteilt ihm eine Abfuhr, aber wo ihr jemand am Boden seht, da lasst euch stets erweichen. Fast alle Weisungen Jesu könnte man auf diesen einen Nenner bringen, dass wir der Erde das Ihre und dem Himmel das Seine geben sollen. Zu den relativen Dingen sollen wir nur ein relatives und darum lockeres Verhältnis haben. Zu den absoluten Dingen aber ein absolutes, leidenschaftliches und kompromissloses. Die Welt sollen wir benutzen. Gott aber sollen wir uns hingeben! Und das heißt dann, dass Bibelstudium Vorrang hat vor seichter Unterhaltung, und Nächstenliebe vor Eigennutz! Gottesdienst hat Vorrang vor Menschendienst, und Seelenpflege vor Körperkult! Denn sonst übertönt das Geschrei der Welt den Ruf Gottes, bald fressen tausend Nichtigkeiten unsere Kraft – und die Hauptsache findet keinen Platz mehr. Die Welt bekommt dann nicht „das Ihrige“, sondern alles! Unsere Gedanken sind dann nicht fixiert auf den Einen, der wichtig ist, sondern auf die Vielen, die sich wichtig machen! Und so geben wir dem Kaiser durchaus nicht, was dem Kaiser, und Gott nicht, was Gott gebührt. Sondern was Gott gebührte, opfern wir der Arbeit – und Gott nur den schäbigen Rest, der übrig bleibt… 

Regelmäßige Besuche auf dem Friedhof können dem vorbeugen. Denn alle, die da liegen, hatten es auch mal eilig. Und was ihnen groß und wichtig schien, ist dennoch längst vergessen. Wollen wir also ins Banale verstrickt bleiben, bis der Tod uns gewaltsam daraus löst? Wollen wir den Akt der Befreiung nicht lieber vorwegnehmen und unser Leben entrümpeln, damit Gott wieder Platz darin findet? Schaffen wir innere Ordnung! Und hören wir auf, unser Dasein durch Betriebsamkeit zu rechtfertigen! Tun wir ruhig weniger – aber tun wir das Richtige! Verlieren wir uns nicht an die, die am lautesten schreien, sondern investieren wir in eine Beziehung, die ewig trägt. Denn Gott will die Achse sein, um die das Rad unseres Lebens kreist. Ihm allein gebührt die Ehre! Und sie ihm zu geben (und unser Herz gleich dazu), das ist die wahre Lebenskunst, von der wir selbst am meisten profitieren. Denn üben wir uns darin, darf eines Tages auf unserem Grabstein das schöne Fazit stehen:

„Er gab der Erde das Ihre – und Gott das Seine.“