Erg. 44 • Lebenskonzepte scheitern

 

Der Abschied von einem lieben Menschen ist immer schwer. Manchmal aber kommen Gründe hinzu, die ihn noch zusätzlich erschweren. Denn nicht jeder stirbt in hohem Alter, nicht jeder im Kreise der Familie, und auch nicht jeder im dankbaren Rückblick auf ein erfülltes Leben. Bei manchem hat es nicht den Anschein, als ob er mit der Welt seinen Frieden gemacht hätte. Denn in vielen Familien schwelen jahrzehntelang Konflikte. Manchem zerstört der Alkohol die Gesundheit. Finanzielle Probleme kommen dazu. Und zuletzt fällen einige Menschen das harte Urteil, ihr Leben sei der Fortsetzung nicht wert.

Da können wir dann versuchen gegenzurechnen, was gut war in diesem Leben – und Gott sei Dank ist in keinem Leben alles nur schlecht gelaufen. Am Ende steht aber doch die Bilanz, die der Betreffende durch seine Selbsttötung gezogen hat. Und dass so eine Tat ein Signal ist für Schuld und Scheitern auf vielen Seiten, wer wollte das beschönigen? Wenn ein Leben aus dem Ruder läuft, mischen sich schicksalhafte und schuldhafte Momente. Sie bilden ein schwer zu entwirrendes Geflecht. Und trotzdem ist da die Verantwortung, die wir nicht nur für uns selbst tragen, sondern auch für andere, und der wir so oft nicht gewachsen sind.

Wenn wir das aber spüren, wie sollen wir damit umgehen? Sollen wir nach irgendeinem faulen Trost suchen und die Sache überspielen? Sollen wir in den schönen Erinnerungen schwelgen und die bitteren verdrängen? Sollten wir betreten schweigen und damit dem Tod das letzte Wort lassen? Oder kann es uns gar mit heimlicher Befriedigung erfüllen, wenn wir meinen, das Leben würde uns besser gelingen?

Seien wir vorsichtig mit alledem! Denn wer könnte so einfach sagen, wann ein Leben gelungen ist? Ist es etwa an einem glatten Lebenslauf abzulesen, am hohen Alter oder am erreichten Wohlstand? Wann ist ein Mensch so weit, dass sein Leben als „abgerundet“ gelten kann? Wissen wir das so genau? Die Antworten, die darauf gegeben werden, sind so verschieden wie die Auffassungen vom Leben überhaupt.

Lebt einer nach dem Lustprinzip, so wird er wohl meinen, er sei reif zum Sterben, wenn das Leben keinen Spaß mehr macht. Und lebt er nach dem Leistungsprinzip, wird er erst gehen wollen, wenn die Aufgaben erfüllt sind, die er sich vorgenommen hat. Ist einem die Gemeinschaft das Wichtigste, wird er sich erst dann nach dem Himmel sehnen, wenn die vertrautesten Menschen ihm vorangegangen sind. Und ist einer Moralist, wird er sich gegen den Tod sträuben bis er überzeugt ist, dass seine guten Taten die schlechten überwiegen. Meint einer, er könne im Gedenken der Nachwelt weiterleben, so wird er sein Ende hinausschieben bis er sich ein Denkmal gesetzt hat. Und hält jemand das Leben für eine Art Schule, so wird er darum ringen seine Lektionen auszulernen bevor ihm die Stunde schlägt.

Ganz unterschiedlich bemessen Menschen den Gehalt ihres Lebens. Doch sind sie sich meist einig in der Annahme, dass das Gelingen in ihren eigenen Händen läge. Sie bemühen sich, ihr Leben abzurunden und zu vervollkommnen, so wie ein Lehrling sein Gesellenstück abzurunden und zu vervollkommnen sucht. Sind die Lebensumstände dazu günstig, so werden sie stolz. Sind sie ungünstig, so hadern sie mit ihrem Schicksal. Am Ende aber soll die Welt anerkennen, dass dieser Mensch „etwas“ aus seinem Leben „gemacht hat“. Und am besten soll auch Gott dem zustimmen und den tüchtigen Verstorbenen mit einer Einladung in den Himmel belohnen.

Doch liegt in alledem ein schwerer Irrtum. Denn dass wir uns selbst vollenden könnten, ist ein Irrglaube. Und dass Gott durch unsere Leistungen zu beeindrucken wäre, ist gleichfalls eine Illusion. Wenn wir gestorben sind, wird uns unser Schöpfer für den stolzen Drang, aus unserem Leben etwas „Ansehnliches“ zu machen, keineswegs loben. Denn in Wahrheit ist es gar nicht unsere Sache, unser Dasein zu rechtfertigen, sondern es ist Gottes Sache. Selbst wenn wir meinen, vor der Welt gut dazustehen, haben wir dennoch mit Gott eine Rechnung offen, die wir nicht begleichen können. Auch der Erfolgreichste kann nicht für sich geradestehen, sondern Gottes Liebe muss für uns alle geradestehen. Und die Frage von vorhin – was man erreichen muss, damit das Leben vollendet sei – ist darum schon im Ansatz falsch. Denn auch wenn ein Leben äußerlich glücklich verläuft, so zählt doch an seinem Ende nicht dieser Verlauf, sondern es zählt allein die Bereitschaft, das mehr oder weniger geglückte oder verunglückte Leben in Gottes Hände zu legen.

Keiner von uns stirbt als „Vollendeter“, sondern wir sterben auf die Vollendung hin, die Gott einem Sterbenden schenken kann. Keiner von uns wird vor Gottes Richterstuhl sein Leben vorweisen wie ein gelungenes Gesellenstück. Wir werden alle bloß ein Fragment von Leben in Händen halten. Aber das macht nichts. Denn Gott kann und will vollenden, was immer wir ihm vertrauensvoll zu Füßen legen. Er ruft nicht diejenigen zu sich, die etwas „Tolles“ aus ihrem Leben machen, sondern er ruft gerade die Mühseligen und Beladenen, die Unfertigen und Gescheiterten.

Gott hat viel übrig für die, die zerbrochenen Herzens sind – viel mehr als für die Stolzen. Er ist ein Gott, der das geknickte Rohr nicht zerbricht und den glimmenden Docht nicht auslöscht. Und darum würde es keinen Sinn machen, am Grab eines unglücklichen Menschen, der sich selbst tötete, auf die äußere Bilanz des Lebens zu starren und sie schön zu reden, wie wir oft genug unser eigenes Leben schön reden. Nein! Da waren gewiss gute Seiten an dem Verstorbenen, deren wir uns dankbar erinnern können. Aber wegen dieser guten Seiten wird er nicht in den Himmel aufgenommen. Und da waren gewiss auch schlechte Seiten, wie wir sie alle haben. Aber wegen dieser schlechten Seiten wird er nicht vom Himmel ausgeschlossen. Vielmehr ist das entscheidend, ob ein Mensch die Scherben seines Lebens in Gottes Hände legen kann und die Vollendung der Gnade Gottes überlässt. Denn nicht dass wir Scheitern ist das Problem – das tun wir ja alle –, sondern wenn wir mit unserem Scheitern nicht zu Gott flüchten, dann haben wir ein Problem. Nicht dass unsere Lebensprojekte misslingen ist tragisch. Aber wenn wir die Scherben des Misslungenen nicht Gott zu Füße legen, dann wird es tragisch. Denn am Ende zählt nur, wie Gott uns beurteilt. Und er wird uns nicht fragen, ob wir erfolgreich waren, sondern ob wir ihm vertraut haben.

Ist unser Leben glatt gelaufen, und wir legen es Gott zu Füßen, so ist es gut. Ist unser Leben ein Scherbenhaufen, und wir legen es Gott zu Füßen, so ist es auch gut. Ignorieren wir aber Gott, so ist völlig egal, wie unser Leben gelaufen ist, denn dann haben wir so oder so verloren. Sorgen wir uns also nicht um die Toten, für die wir nichts mehr tun können und nichts mehr tun müssen, sondern sorgen wir uns lieber um uns selbst – indem wir uns nämlich, darauf vorbereiten, zu sterben.

Machen wir uns bewusst, dass unser Schöpfer Rechenschaft von uns fordern wird. Halten wir uns die Gnade Gottes vor Augen, die in Christus erschienen ist. Und üben wir schon mal das Loslassen. Denn unsere Augen müssen einmal Abschied nehmen von allem, was sie auf dieser Welt gesehen haben, um sich nur noch auf die Herrlichkeit Gottes zu richten. Und unsere Ohren müssen Abschied nehmen von allem, was sie auf dieser Welt gehört haben, um nur noch Gottes Wort zu hören. Die Hände müssen Abschied nehmen von der Arbeit und von den Besitztümern der Welt, um sich für Gottes ewige Gaben zu öffnen. Und die Füße müssen Abschied nehmen von den Straßen dieser Erde, um ihren Weg zu Gott zu gehen. Seien wir bereit dazu, wann immer es Gott gefällt, und leben wir bis dahin unser Leben so, wie wir am Tage unseres Todes wünschen werden, es gelebt zu haben…

 

 

In die einsame, stille, freie Gottheit trage

deinen unnützen, hässlichen Seelengrund,

der überwachsen ist mit Unkraut,

ledig alles Guten

und voll der wilden Tiere.

Gott entgegen trage deine Finsternis,

die allen Lichtes entbehrt,

und lass ihn dich erleuchten.

 

Johannes Tauler