Lebendiger und toter Glaube

 

Wie geht’s ihrem Glauben? Ist er „lebendig“ oder „tot“? Zwischen „lebendigem“ und „totem“ Glauben zu unterscheiden, ist ja gebräuchlich. Und jeder versteht, wie die bildliche Rede gemeint ist. Denn manch einer behauptet zwar, er sei Christ, lässt aber – abgesehen von diesem Lippenbekenntnis – rein gar nichts davon erkennen. Und dem nimmt man es dann irgendwie nicht ab. Sein Glaube scheint ihn nicht zu tragen, zu trösten oder zu leiten. Man spürt keine Beteiligung des Herzens. Man sieht auch nicht, dass er irgendwelche Konsequenzen hätte. Und so entsteht dann der Verdacht, dieser Glaube sei nicht lebendig, sondern tot. Der Mensch gibt vor, etwas zu sein, was er nicht ist. Und wer diese Gefahr bei anderen sieht, kann den Verdacht auch ruhig einmal kritisch gegen sich selbst wenden. Denn wie steht es mit unserem eigenen Glauben? Ist der vielleicht auch mehr Theorie als Praxis? Ist er mit der Zeit zu einer Gewohnheit herabgesunken – und dann irgendwann „sanft entschlafen“? Weht in mir wirklich noch der Heilige Geist? Lebt in mir die Freude an Gottes Wort? Und mache ich Fortschritt auf dem Weg der Nachfolge? Sich daraufhin zu befragen, ist sicher nötig. Aber schwer ist es auch! Denn woran merkt man’s eigentlich, ob bei jemandem der Glaube lebt und blüht und trägt und treibt? Anhand welcher „Vitalzeichen“ kann man da Diagnosen stellen, ohne jemandem Unrecht zu tun? Das ist gar nicht leicht zu sagen! Doch hat mal jemand eine Reihe von Merkmalen geistlicher „Lebendigkeit“ zusammengestellt (Heinrich Müller). Und davon möchte ich hier sechs benennen: 

1.

Das erste Kennzeichen eines lebendigen Glaubens ist, dass er wie alles Lebendige sich selbst zu erhalten versucht – und also Hunger hat. Denn zum Leben gehört nun mal ein Stoffwechsel. Und kein Tier vergisst jemals das Fressen. Von der Raupe bis zum Haifisch ist alles Lebendige ständig auf der Suche nach Nahrung. Ein totes Schaf dagegen verschmäht auch das allergrünste Gras, und ein toter Löwe ignoriert das allerbeste Fleisch. Man kann’s dem Kadaver des Löwen direkt zwischen die Zähne schieben: er frisst es doch nicht. Er hat keinen Bedarf mehr! Und genau so steht es mit dem lebendigen und dem toten Glauben. Denn lebendiger Glaube nährt sich von Gottes Wort und hungert darum täglich nach dem Evangelium in irgendeiner Form. Ein lebendiger Christ greift gern zu seiner Bibel, spricht mit der Familie und mit Freunden über den Glauben, holt sich Anregungen in Gottesdiensten, in Gemeindekreisen, bei christlichen Radiosendern, in erbaulichen Büchern oder sonst irgendwo. Er braucht das eben! Das ist der Stoff, von dem er lebt! Und wie man einen hungrigen Menschen nicht erst zum Essen nötigen oder überreden muss, so sucht sich auch der lebendige Glaube aus eigenem Drang geistliche Nahrung der einen oder anderen Art. So ein hungriger Glaube nimmt notfalls auch mit einfacher Kost vorlieb. Wenn’s keine bessere gibt, hört er sich auch eine „dürre“ Predigt an! Den toten Glauben hingegen kann man locken soviel man will. Man kann ihm Gottes Wort mundgerecht auf dem Silbertablett servieren – mit Trüffel und Kaviar garniert – er fasst es doch nicht an. Denn er ist wie jenes tote Schaf, das inmitten von würzig duftendem Gras doch das Maul nicht auftut. Selbst wenn man ihn mit der Sänfte zum Gottesdienst tragen wollte, wär’s ihm noch zu mühsam. Wenn er eine Bibel nur sieht, fängt er schon an zu gähnen. In der Kirche ist ihm die Luft zu schlecht und die Orgel zu laut. Und wenn man ihm wahre Delikatessen der geistlichen Nahrung anbietet, verschmäht er sie doch. Denn wer keinen Hunger hat, dem schmeckt nun mal nichts. Wenn sein angeblicher Glaube aber wochenlang gar nicht nach Nahrung verlangt, kann man drauf wetten, dass er tot ist. Wie steht es also mit mir? Bin ich in Glaubensdingen wie eine Pflanze, die begierig den Saft aus der Erde saugt? Bin ich wie ein Säugling, der zur Mutterbrust strebt und gierig ist nach der süßen Milch des Evangeliums, durch die der Glaube wächst und zunimmt? Bin ich noch hungrig? 

2.

Als zweites Kennzeichen des lebendigen Glaubens ist das Schmerzempfinden zu nennen. Denn schließlich fühlt ein lebendiges Wesen, wenn es verletzt wird, weint dann, klagt, schreit und windet sich. Alles, was lebt, reagiert auf Gefahren, wehrt sich, kämpft, flieht, versteckt sich oder ruft wenigstens um Hilfe! Das Lebendige fühlt seine Not und gibt Alarm! Ein totes Aas hingegen ist durch nichts zu beeindrucken. Und wenn man‘s noch so hart angreift, schlägt, sticht oder brennt, rührt sich der tote Körper doch nicht. Einem toten Esel kann man viele Zentner Lasten auflegen: er muckst sich nicht und schreit auch nicht – es ist ihm ganz egal! Dasselbe finden wir aber auch beim lebendigen und beim toten Glauben. Denn der lebendige Glaube leidet unter Versuchungen und unter Anfechtungen, so dass er drüber klagt und weint und dagegen kämpft! Es ist ihm nicht egal, wenn er sündigt, sondern sein Gewissen macht ihm heftige Schmerzen. Es macht ihn unruhig, wenn er Gottes Nähe nicht mehr spürt. Es tut ihm auch weh, wenn andere über den Glauben lästern. Er schämt sich, wenn sich die Kirche blamiert. Er beweint das wenigstens innerlich und bringt es vor Gott! Ein toter Glaube hingegen hat sich längst mit all seinen Zweifeln und Fehlern arrangiert – und hat sich an so viele Sünden gewöhnt, dass es auf die nächste schon nicht mehr ankommt. Weder leidet er an seiner Kirche noch hofft er für sie. Wenn über Heiliges gespottet wird, lässt ihn das kalt. Und Versuchungen gibt er ohne viele Umstände nach, denn sein Gewissen ist längst stumpf geworden und hat aufgegeben. Sein Glaube ist eben wie jener tote Esel: er spürt die Last nicht mehr, die auf ihm liegt, wehrt sich auch nicht und sucht keine Hilfe. Denn dieser Glaube ist in Wahrheit eine Leiche und reagiert auf keinen Angriff mehr. Von welcher Sorte bin ich also? Bin ich in Glaubensdingen auch schon völlig „schmerzfrei“? Sind mir Verletzungen meines Glaubens egal? Ist er wie so ein Kadaver, der keine Reflexe mehr zeigt? Oder brennt da noch ein Funke geistlichen Lebens? Jeder Wurm windet sich, wenn man ihn zertreten will! Tut mein Glaube das auch? Ringe ich noch mit meinem Feind oder habe ich die Gegenwehr längst eingestellt? 

3.

Als drittes Kennzeichen des lebendigen Glaubens ist die Bewegung zu nennen. Denn alles was lebt, das regt, bewegt und tummelt sich. Man sieht es laufen, fliegen, schwimmen oder klettern. Es tut und macht, sucht oder flieht, gräbt oder springt. Doch wenn ein Tier stundenlang bewegungslos auf einer Stelle verharrt, ist es entweder schwer krank oder schon tot. Es liegt reglos auf der Erde – und nach einiger Zeit wird es auch zu Erde. Es ist unbeweglich wie ein Stein – und auch genauso tot. Was erstarrt ist, hat den Betrieb eingestellt. Und vom Glauben gilt dasselbe. Denn solange er lebt, ist auch der Glaube sichtbar in Bewegung und tut immer irgendetwas. Natürlich sind die Lebensäußerungen des Glaubens verschieden, weil der eine sich der Kirchenmusik verschreibt, und der andere sich um Obdachlose kümmert. Der Erste hört Andachten im Radio, der Zweite schreibt für den Gemeindebrief, der Dritte pilgert zu heiligen Stätten, und der Vierte stellt Blumen auf den Altar. Aber dass sich ein lebendiger Glaube in gar nichts zeigt und sich nirgends manifestiert, so dass ihn nicht mal die engsten Freunde bemerken, das ist völlig unwahrscheinlich. Denn nur ein Bild aus Marmor oder Bronze steht ohne jede Bewegung da. Und wenn es sich tagelang nicht von der Stelle rührt, wird jeder drauf wetten, dass es tot ist. Bei einem Christen, dessen Christ-Sein keinerlei Folgen hat, gilt aber dasselbe. Denn Glaube ist keine Theorie ohne Praxis, sondern stets eine höchst eigene Art, lebendig und tätig zu sein. Der Heilige Geist treibt nicht alle zur selben Übung des Glaubens. Aber er treibt jeden zu irgendetwas. Und so muss man, wo Lebensäußerungen völlig fehlen, auf einen toten Glauben schließen. Wie ist das also? Regt sich da noch was bei mir? Gibt mein Leben Zeugnis davon, dass ich Christus kenne, befreit bin, erlöst und neu geboren? Würde ein Fremder, der mich kennenlernt, überhaupt merken, dass ich Christ bin? Oder ist mein Glaube wie ein toter Besitz, der einem erst wieder einfällt, wenn man im Keller drüber stolpert? 

4.

Als viertes Merkmal lebendigen Glaubens sei genannt, dass er fruchtbar ist und Kinder zeugen will. Denn welches gesunde Lebewesen hätte kein Interesse an Fortpflanzung? Alles, was wirklich vital und dynamisch ist, will sich auch vermehren! Und allein dafür lässt der Kirschbaum tausend Kirschen wachsen, die Tanne öffnet ihre vielen Zapfen, und die Pusteblume vertraut ihre Samen dem Wind an. Über die Fruchtbarkeit kleiner Nagetiere muss ich nichts sagen. Und auch gesunden Menschen ist die Freude am Nachwuchs vertraut. Denn alles, was lebt, will sein Leben weitergeben. Und erst wenn im höheren Alter die Vitalität schwindet, und das Ende näher rückt, erlischt auch das. Denn der freilich, der „tot“ ist, hat weder Wunsch noch Gelegenheit, weiterhin fruchtbar zu sein. Das Leben, das man selbst nicht in sich trägt, kann man auch nicht weitergeben. Und Entsprechendes gilt in Glaubensdingen. Denn lebendiger Glaube brennt darauf, seine gute Botschaft weiterzusagen. Und so wie eine helle Flamme die andere erweckt, so entzündet lebendiger Glaube auch das Glaubenslicht in anderen Menschen. Vitaler Glaube ist in einem guten Sinne missionarisch und ansteckend. Wo immer er hinkommt, streut er Gottes Wort wie Samenkörner aus. Und wovon sein Herz voll ist, davon fließt auch der Mund über. Denn wer mitgerissen wird von der Welle des Heiligen Geistes, will die ganze Welt davon überflutet sehen! Ein toter Glaube hingegen ist so dynamisch wie ein toter Hund – und weit davon entfernt, sich noch vermehren zu wollen. Die lebendige Freude, die er nicht hat, kann er auch nicht zeigen. Und da toter Glaube stumm ist wie ein Fisch, zeugt er auch keine geistlichen Kinder. Wie sollte er auch andere überzeugen, wenn’s ihm doch selbst an Gewissheit fehlt? Eine Kerze muss schon hell brennen, um andere Kerzen entzünden zu können! Wie ist das also? Gebe ich anderen ein christliches Zeugnis so gut ich kann? Streue ich den Samen des göttlichen Wortes, wenn sich Gelegenheit bietet? Und bekenne ich mich offen, wenn von Christus die Rede ist? Verspüre ich noch einen lebendigen Wunsch, anderen an dem teilzugeben, was mich selbst erfüllt, mich beschäftigt und innerlich reich macht? 

5.

Das fünfte Kennzeichen des lebendigen Glaubens ist seine Temperatur. Denn alles, was lebt, ist warm. Und das Tote ist kalt. Wie sollte es auch anders sein? Wenn das Herzblut kreist, und die Muskeln arbeiten, entsteht Wärme. Wo hingegen der Kreislauf zum Erliegen kam, wird keine Energie mehr umgesetzt – und der Körper kühlt aus. Wie steht es also um die Temperatur, den Blutdruck und den Puls des Glaubens? Lebendiger Glaube gerät in Eifer, wenn es um Gott geht. Und man sieht dem Menschen dann an, ob er nur Worte macht oder innerlich „brennt“! Man spürt, ob einer bloß mit dem Kopf glaubt, oder ob er sich mit Haut und Haar Christus verschrieben hat. Da ist dann nämlich Leidenschaft und Hitze, gespannte Konzentration und innere Bewegung, Einsatzbereitschaft und auch Kampfeswille! Ein lebendiger Christ bleibt nicht still sitzen, wenn ein Bruder geärgert oder Gott gelästert wird! Der tote Glaube hingegen verrät sich dadurch, dass ihn Glaubensfragen kalt lassen und er bei Schmähungen gegen das Heilige noch nicht mal zuckt. Versuche nur, einen kleinen Kratzer in sein Auto zu machen – da geht er dir an die Kehle und zerrt dich vor Gericht! Kränke seine Eitelkeit – und er kann sich tagelang nicht beruhigen! Bezweifle seine Autorität – und er läuft dunkelrot an! Doch Gottes Angelegenheiten lassen den Mann gähnen. Und für seinen armen Bruder rührt er keinen Finger. Er lacht mit den Lästerern, und wenn sie auf das Kreuz spucken, bleibt sein Herz so kalt und starr wie eine tote Ratte im Schnee. Genauso tot ist auch sein Glaube. Und jeder kann’s sehen. Denn lebendiger Glaube wird niemals ohne Leidenschaft und Wärme sein. Wie ist das also? Kommt mein Blut nur in Wallung, wenn mich der Nachbar nervt? Oder bin ich zutiefst für Gott engagiert? Ist mein Glaube eine kalte Kopfgeburt oder eine warme Herzensangelegenheit? 

6.

Als sechstes Merkmal des lebendigen Glaubens sei zuletzt noch das Wachstum genannt. Denn was lebt, das stagniert ja nicht, sondern wie ein Baum wächst es mit den Jahresringen immer weiter und wird größer. Der lebendige Baum streckt seine Wurzeln immer tiefer in den Boden zu den Quellen seiner Kraft. Und zugleich reckt er sich immer weiter in die Höhe und streckt seine Blätter der Sonne entgegen. Lebendiger Glaube aber macht’s genauso. Denn auch der hört nicht auf zu wachsen. Er will immer tiefer hinab zu den Quellen des Glaubens: er will sich in Gottes Wort immer fester verwurzeln und Gottes Weisheit in sich hineinsaugen. Nach oben aber streckt er sich dem himmlischen Jerusalem entgegen und seiner Vollendung in Gottes Reich. Neugier und Sehnsucht treiben ihn himmelwärts! Der tote Glaube hingegen stagniert wie ein vertrockneter Bonsai. Er fühlt sich längst schon groß genug – und lässt es darum bei dem Wenigen bewenden, das er als Konfirmand gelernt hat. Flache Wurzeln genügen ihm. Denn einen großen Drang nach oben hat er sowieso nicht. Diese vergängliche Welt ist sein Ziel – und mehr als Irdisches begehrt er nicht. Wozu also wachsen? Nur, leider stimmt es auch in Glaubensdingen: wer nicht voranschreitet, fällt zurück. Wer nicht mehr besser werden will, hat aufgehört gut zu sein. Und wenn er erworbene Fähigkeiten nicht gebraucht und seinen Glauben nicht praktiziert, kommt er ihm bald ganz abhanden. Wie steht es also? Wächst mein Glaube noch? Ist er noch unterwegs zum großen Ziel? Vertiefe ich mich nach unten und strecke mich nach oben? Erwarte ich noch etwas von Gott? Oder ist mit der Liebe und dem Glauben auch meine Hoffnung „sanft entschlafen“? 

Natürlich kann keiner diese Fragen für den anderen beantworten: soviel ist klar! Aber schauen wir ruhig mal, wie es um uns selbst steht. Denn genau so lebendig wie unser Glaube ist, gerade soviel Trost haben wir auch, so nah sind wir unserem Herrn – und so hilfreich sind wir unseren Mitmenschen. Darum wünsche ich mir selbst und jedem anderen: Einen ewig hungrigen Glauben, der täglich nach geistlicher Nahrung verlangt. Einen empfindsamen Glauben, der noch schreit und sich wehrt, wenn er angegriffen wird. Einen agilen Glauben, der immerzu lebendig und tätig in Bewegung bleibt. Einen vitalen Glauben, der bei Gelegenheit gern fruchtbar wird und geistliche Kinder zeugt. Einen warmen Glauben, der leidenschaftlich das Herz in Wallung bringt. Und auch einen stetig wachsenden Glauben, der niemals aufhört, sich Gott entgegen zu strecken und fortzuschreiten bis an das große Ziel...