Erg. 16 • Jesu spezielle Gerechtigkeit

Gibt es Barmherzigkeit im Übermaß?

 

Finden sie nicht auch, dass Christus es manchmal übertreibt mit der Barmherzigkeit? Was wir in Matthäus 20,1-16 lesen, ist ein gutes Beispiel dafür. Da werden Tagelöhner eingestellt, um im Weinberg zu arbeiten. Die zuerst kommen, arbeiten den ganzen langen Tag und bekommen den Lohn für einen Tag. Und die zuletzt kommen und nur eine einzige Stunde arbeiten, bekommen auch den Lohn für einen ganzen Tag. Ist das nicht himmelschreiendes Unrecht? Wo kommen wir denn da hin, wenn jeder nicht bekommt, was er verdient, sondern bekommt, was er braucht?

Aber Jesus sagt: So wie dieser Weinbergbesitzer ist Gott – er ist freundlich und barmherzig. Denen, die sich ihr Leben lang über viele Jahrzehnte hin treu und redlich abgemüht haben, um den Weg ins Himmelreich zu finden, denen wird der Lohn zuteil, dass sie eingehen ins Himmelreich. Und denen, die ihr Leben lang nichts von Gott wissen wollten, sondern sich erst auf dem Sterbebett zu Gottes Barmherzigkeit flüchten, wird derselbe Lohn zuteil, dass sie eingehen ins Himmelreich.

Ist das etwa gerecht? Ist das nicht übertriebene Barmherzigkeit? Da sträubt sich etwas in uns. Denn – „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ – das leuchtet uns ein. Aber Jesus behauptet, bei Gott gäbe es gleichen Lohn für ganz verschiedene Arbeit. „Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“ – auch das leuchtet uns ein. Aber Jesus behauptet, Gott habe ein weites Herz für Spätgekommene. „Jeder soll bekommen, was er verdient“ – das leuchtet uns ein. Aber Jesus behauptet, dass wir bei Gott nicht bekommen, was wir verdienen, sondern was wir brauchen. Ist das denn Recht?

Manch einer ist befremdet von jenem Weinberggleichnis und blättert in seiner Bibel lieber darüber hinweg. Doch liest er das Evangelium zuende, so holt ihn das Ärgernis spätestens im Bericht von der Passion Christi wieder ein. Denn da stößt er auf jenen „Schächer“, der neben Christus gekreuzigt wurde. Dieser Verbrecher findet buchstäblich in den letzten Minuten seines Lebens zu Christus und empfängt doch vollen Lohn – Christus verfährt mit ihm, wie jener Weinbergbesitzer mit den spätgekommenen Arbeitern. Wir lesen im 23. Kapitel des Lukasevangeliums:

„Es wurden aber auch andere hingeführt, zwei Übeltäter, dass sie mit ihm hingerichtet würden. Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. (.....) Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da wies ihn der andere zurecht und sprach: Und du fürchtest dich auch nicht vor Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“

Wahrhaftig, diese Zeilen sind ein harter Brocken für alle christlichen Moralisten. Denn machen wir uns klar, was das für ein Mensch war, der da neben Christus gekreuzigt wurde. Er war nicht das Opfer eines Justizirrtums, er war nicht unschuldig wie Christus, sondern er sagt selbst, dass er durch seine Taten verdient hat, so zu sterben. Wenn aber einer von sich selbst sagt, er habe den Galgen verdient, dann können es keine Kleinigkeiten gewesen sein, die er sich hat zu schulden kommen lassen. Dieser Mann hatte sein Leben gründlich verpfuscht. Und doch genügte dieser eine Satz: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“ um einen Federstrich zu machen durch die Versäumnisse eines ganzen Lebens. Ist so ein läppisches Sätzchen nicht ein zu geringer Preis für das große Gnadengeschenk, das Jesus jenem Verbrecher zusagt? Wird dadurch nicht allzu sehr der Unterschied verwischt, zwischen einem ernsten, frommen und disziplinierten Leben und einem Leben in Frevel und Gottlosigkeit? Es scheint geradezu unerträglich, dass Christus den mit Recht Verfluchten auf seine bloße Bitte hin dem redlich verdienten göttlichen Gericht entzieht. Und es scheint alle zu beleidigen, die ein Leben lang den mühsamen Kampf des Glaubens gekämpft haben, wenn nun so einer (sozusagen Hand in Hand und gleichauf mit Christus) ins Paradies hineinspaziert. Da sträubt sich etwas in uns gegen solches Übermaß an Gnade.

Wer schließlich sollte noch moralische Anstrengungen unternehmen und ein Leben lang nach dem Guten streben, wenn er am Ende keinen anderen Lohn empfängt als jener Verbrecher? Wer sollte sich ein Leben lang disziplinieren, wenn es genügt, in der Todesstunde noch eben unter den Mantel der Barmherzigkeit zu schlüpfen? Nein, spricht der Moralist in uns. Unterschiede müssen sein. Barmherzigkeit für reuige Sünder: gut. Großzügigkeit gegenüber den Schwächen des Fleisches: gut. Mitleid mit solchen, die durch unglückliche Verhältnisse vom rechten Weg abgekommen sind: auch gut. Aber zu viel ist zu viel. Und die Geschichte vom reuigen Schächer ist zu viel. Oder nicht?

Tatsächlich müssen wir an diesem Punkt innehalten. Denn wir entfernen uns vom Evangelium. Und das kann nicht gut gehen. Der Moralist in uns rennt vergeblich gegen Gottes Wort an. Und der Pädagoge in uns beklagt vergeblich das Übermaß der göttlichen Güte. Schließlich muss man bezweifeln, dass wir uns besser auf die Erziehung des Menschengeschlechtes verstehen als Gott. Und wir müssen uns von Gott fragen lassen, was jener Weinbergbesitzer im Gleichnis die murrenden Arbeiter fragt: „...habe ich nicht Macht zu tun, was ich will, mit dem, was mein ist? Siehst du scheel drein, weil ich so gütig bin?“

In der Tat: Prüfen wir doch einmal, was der tiefere Grund unserer Empörung ist. Vielleicht ist es ja gar nicht die Sorge, Gottes verschwenderische Gnade könnte Menschen zu leichtsinnigem Leben verführen. Vielleicht ist lediglich Neid der Grund unserer Empörung, weil man sich verkniffen hat, was der Schächer sich nicht verkniffen hat?

Ist es der Neid derer, die sich eigentlich auch gern im Schlamm der Sünde gesuhlt hätten? Ist es die Enttäuschung der Dünkelhaften, die für ihr diszipliniertes Leben eine Vorzugsbehandlung erwartet hatten? Manche Christen schauen ja grimmig, wenn andere ihren Schwächen nachgeben, und sagen mit innerer Genugtuung „Ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt“. Sie haben ihre Freude an der Vorstellung des Gerichtes, das die anderen erwartet. Sie trösten sich mit dem Gedanken, dass das verwerfliche Tun sich rächen wird. Und sie müssen natürlich enttäuscht sein, wenn einem großen Sünder, wie dem Schächer am Kreuz, das verdiente dicke Ende erspart bleibt. Aber diese Enttäuschung könnte heilsam sein. Denn wir lernen hier etwas über Gottes Maßstäbe, die anders sind als unsere.

Wir neigen dazu, zwischen bösen und guten Menschen einen dicken Strich zu ziehen. Für uns ist ein himmelweiter Unterschied zwischen Verbrechern und anständigen Leuten – und entsprechend teilen wir die Menschheit in zwei Gruppen: In solche, die das Ziel des Lebens verfehlen, und in solche, die das Ziel des Lebens erreichen. Aber für Gott stellt sich die Sache anders da. Legt er nämlich den strengen Maßstab seines Gesetzes an, so verfehlen nicht bloß einige, sondern alle Menschen ihr Ziel. Gewiss sind nicht alle gleich: Manchen geht 1000 Meter vor dem Ziel die Luft aus, und andere sind erst 500 Meter vor dem Ziel am Ende. Aber was macht das schon für einen Unterschied, wenn beide nicht ankommen?

Gewiss mag man sagen, da sei ein besserer und ein schlechterer Verlierer – einer war weit abgeschlagen, und der andere ist an der Aufgabe nur knapp gescheitert. Doch verlieren wir eben alle den Kampf gegen das Böse in uns. Und darum relativiert sich in Gottes Augen der Unterschied zwischen „großen“ und „kleinen“ Sündern. Ein anderer Unterschied tritt aber dafür in den Vordergrund. Denn in der Masse der Verlierer gibt es jene, die sich als Verlierer wissen und sich darum nach der Gnade Gottes ausstrecken. Und es gibt jene Verlierer, die sich im Kampf mit der Sünde für Gewinner halten und darum Gottes Gnade missachten.

Jener Schächer am Kreuz gehörte zu der ersten Gruppe. Er wusste genau, dass er sein Leben verpfuscht und sein Ziel verfehlt hatte. Er war ein armer Hund und hatte alles verloren außer der Hoffnung, dass dieser neben ihm gekreuzigte Christus seiner gedenken würde. Genau deshalb aber sagt Martin Luther, der Schächer sei der erste Heilige im Neuen Testament und der erste rechte Doktor der Theologie. Denn er beherrscht die zwei Stücke, auf die es im Glauben ankommt. Zuerst sieht er seine Schuld ein, er anerkennt das Recht seiner Strafe, verzweifelt an sich selbst und beugt sich dem Gericht. Das ist wahre Buße. Dann aber blickt er von sich selbst weg auf Christus hin und legt sein verpfuschtes Dasein in Christi Hände: „Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst!“. Das ist wahrer Glaube.

Diesen Glauben aber hat Christus nicht enttäuscht. Indem er ihm zusagte „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ hat Christus dem Schächer die ganze Fülle der göttlichen Gnade zugesprochen. War das mehr Gnade, als der Schächer verdiente? Gewiss. Aber es war genau das Übermaß der Gnade, das der Schächer brauchte. Darum dürfen sich seitdem alle freuen, die sich dem Schächer verwandt fühlen. Seit diesem Tag dürfen alle jubeln, die ihr Leben verpfuscht haben und zerbrochenen Herzens sind. Seit diesem Tag dürfen alle Versager hoffen, alle Zuspätkommer und alle, die sich selbst verwünschen. Seit diesem Tag ist die Kirche der große Club derer, die sich glücklich schätzen, weil sie nicht bekommen, was sie verdienen, sondern was sie brauchen.

Und fragt da noch einer, wo die Moral bleibt, wo die Pädagogik bleibt und der menschliche Gerechtigkeitssinn – so kann ich nur antworten: Zur Hölle mit der Moral, mit der Pädagogik und mit dem menschlichen Gerechtigkeitssinn! Denn die Moral ist nicht für uns gestorben, und die Pädagogik hat uns nicht erlöst. Christus aber hat es getan. Ihm hat es gefallen, uns mit der Überfülle seiner Barmherzigkeit zu beschämen. Er hat über uns die Sonne des Evangeliums aufgehen lassen, die durch den Glanz ihrer Strahlen Dreck in Gold verwandelt und aus einem Schwerverbrecher am Kreuz einen Kandidaten des Paradieses macht. Wer das bekritteln will und den Schatten sucht, mag es tun. Ich aber will mich lieber ausstrecken nach diesem Lichtstrahl, dass er auch auf mich falle – und ich empfehle ihnen das Gleiche…