Heimsuchung

 

Die Bibel gebraucht viele Worte, die unserer Alltagssprache fremd geworden sind. Und zu diesen „angestaubten“, aber interessanten Begriffen gehört auch die „Heimsuchung“. Denn wer könnte spontan sagen, was es bedeutet, wenn in der Bibel steht, Gott habe jemand „heimgesucht“? Vom Gefühl her vermutet man, dass eine „Heimsuchung“ nichts Angenehmes ist. Irgendwie klingt „Heimsuchung“ nach drohendem Unheil. Und wenn man hört, ein Ort sei „heimgesucht“ worden, dann meist von Bränden oder Überschwemmungen. Eine „Heimsuchung“ bedeutet demnach nichts Gutes. Sie bricht als böse Überraschung über den Menschen herein. Die „Heimsuchung“ besucht ungefragt sein Heim und stört seinen Frieden. Sie mischt ihn auf und stellt sein Leben auf den Kopf. Und tatsächlich wurde das deutsche Wort früher auch für „Hausdurchsuchungen“ der Polizei verwendet. Die „Heimsuchung“ dringt in die Privatsphäre ein wie eine Razzia. Sie ist eine Art „Hausfriedensbruch“. Und wenn die Bibel von Gott sagt, dass er jemanden „heimsucht“, hat das oft einen ähnlich rabiaten Sinn, weil Gott sich dann einem Übeltäter zuwendet und über ihn wie ein strafendes Gewitter hereinbricht. Im 2. Buch Mose lesen wir, dass Gott „die Missetat der Väter heimsucht bis ins dritte und vierte Glied“ an den Kindern derer, die ihn hassen (2. Mose 20,5). Wenn er seine Feinde heimsucht, vergilt er ihnen ihr Tun mit großem Schrecken (2. Mose 32,34; 3. Mose 26,16; Ps 89,33; Jes 10,12). In Jesaja 13 sagt Gott: „Ich will den Erdkreis heimsuchen um seiner Bosheit willen und die Gottlosen um ihrer Missetat willen und will dem Hochmut der Stolzen ein Ende machen und die Hoffart der Gewaltigen demütigen...“ (Jes 13,11). In der Heimsuchung leistet Gott also dem Bösen Widerstand und übt Gericht –  entweder an seinem Volk (Jer 5,9 u. 29; Jes 10,3; Am 3,2; Hes 9,1; Hos 9,7 u. 9) oder an den Feinden seines Volkes (Jes 24,21-22; Jes 27,1; Jes 29,6; Jer 46,21; Jer 48,44; Jer 49,8; Jer 50,27 u. 31), an falschen Propheten (Jer 6,15; Jer 23,12) oder auch an Einzelnen, die er sich „vornimmt“ und die er „zum Ziel seiner Anläufe macht“ (Hiob 7,18-20). Doch gerade wenn man meint, den unheilvollen Sinn des Wortes verstanden zu haben, stößt man auf Stellen, die den Begriff der „Heimsuchung“ unerwartet positiv verwenden, indem sie von Gottes „gnädiger Heimsuchung“ sprechen. Und das ist verwirrend. Denn wir lesen, Gott werde sein Volk „heimsuchen“, um seine Gefangenschaft zu beenden, um „mit“ seinem Volk zu sein und es im Kampf mächtig zu machen (Zef 2,7; Sach 10,3-5). Auch das nennt die Bibel „Heimsuchung“, wenn Gott voller Erbarmen herbeieilt, um zu retten! Denn zu den Entwurzelten, die im babylonischen Exil von der verlorenen Heimat träumen, spricht er: „Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe“ (Jer 29,10). Hier meint „Heimsuchung“ offenbar Befreiung, Heil und Rettung. Und weit entfernt, etwas Bedrohliches darin zu sehen, kann das Volk um so eine „gnädige Heimsuchung“ bitten (Judit 4,14). Wenn Sara und Hanna von Gott „heimgesucht“ werden, ist nichts Schlimmes gemeint, sondern dass er sie mit lang ersehntem Nachwuchs segnet (1. Mose 21,1; 1. Sam 2,21). Und wenn ein Psalm besingt, wie Gott seine Schöpfung so schön und fruchtbar macht, kann es heißen: „Du suchst das Land heim und bewässerst es und machst es sehr reich“ (Ps 65,10). Auch Joseph verwendet den Begriff positiv, wenn er in Ägypten seine Brüder tröstet. Er sagt: „Ich sterbe; aber Gott wird euch gnädig heimsuchen und aus diesem Lande führen in das Land, das er Abraham, Isaak und Jakob zu geben geschworen hat“ (1. Mose 50,24). Ist es also doch etwas Gutes, von Gott „heimgesucht“ zu werden? Ist es etwas Schlechtes? Kann es beides sein? Oder weiß man‘s vielleicht erst hinterher? Durch das Buch der „Weisheit Salomos“ wird die Sache noch komplizierter, denn dort erfahren wir, dass man Heimsuchungen missverstehen kann. Da steht, das Leid gerechter Menschen werde nur irrtümlich für Strafe gehalten, während es in Wahrheit eine Prüfung und gnädige Heimsuchung ist (Weish 3,7-9), und selbst ein früher Tod, der doch sehr nach „bösem Schicksal“ aussieht, könne eine freundliche Heimsuchung sein (Weish 4,15). Der Anschein trügt also – ein Überfall Gottes kann missverstanden werden! Und wenn das auch verwirrend ist, staunt man doch, wie gut die Bibel unser Leben und seine Verwicklungen kennt. Denn es ist ja wirklich so, dass wir bittere Rückschläge erfahren, die sich nach vielen Jahren plötzlich als Segen erweisen – und dass wir fröhlich Erfolge verbuchen, die uns auf lange Sicht ins Unglück führen. Schon so manchen hat ein kleines Missgeschick vor Schlimmerem bewahrt. Und mancher, der seinen Willen bekam und sein Ziel erreichte, musste später bereuen, je danach gestrebt zu haben. Einige Menschen wirft Gott ganz fürchterlich aus der Bahn, bringt sie aber gerade so zur Vernunft und zum Glauben. Und andere lässt er einen selbsterwählten, bequemen Weg gehen, auf dem sie dann ungestört in ihr Verderben laufen. Mancher Schicksalsschlag ist heilsam, und manches Glück vergiftet. Genau dem entspricht aber die Ambivalenz im Begriff der Heimsuchung. Denn wenn Gott mich überraschend „daheim“ besucht und mein Leben auf den Kopf stellt, weiß ich auch nicht gleich, wie es gemeint ist. Gott wendet sich einer Person plötzlich zu, er „nimmt sie sich vor“, er befasst sich mit ihr, er dringt unverhofft in ihr Leben ein, er überfällt sie im privaten Bereich, beleuchtet dort jeden Winkel und mischt den Menschen auf. Seine Heimsuchung stört unseren Frieden, ohne dass Gott eine Einladung abgewartet oder seinen Besuch angekündigt hätte. Wie bei einer Razzia durchsucht er das Haus unseres Lebens und kehrt das Unterste zuoberst. Er will sehen, wen er vor sich hat. Er fühlt uns auf den Zahn. Gott reißt die Tür auf und ruft „Überraschung“! Doch ob man sich der unerwarteten Aufmerksamkeit freuen soll, weiß man nicht sofort. Denn Gottes Heimsuchung kann im Alten Testament genauso eine Wende zum Guten wie zum Bösen bedeuten... 

Wie ist das aber im Neuen Testament? Auch da ist von Gottes Heimsuchung die Rede. Doch mit der Menschwerdung Gottes bekommt die Heimsuchung einen überraschend neuen Sinn. Denn nun ist Jesu Kommen in die Welt der „Hausbesuch“ des Schöpfers bei seinen Geschöpfen – und unter „Heimsuchung“ wird vorrangig verstanden, was in Christus geschah. Zacharias lobt Gott, „denn er hat besucht und erlöst sein Volk und hat uns aufgerichtet eine Macht des Heils im Hause seines Dieners David“ (Lk 1,68f.). Im Vorblick auf Jesu Geburt preist er „die herzliche Barmherzigkeit unseres Gottes, durch die uns besuchen wird das aufgehende Licht aus der Höhe, damit es erscheine denen, die sitzen in Finsternis und Schatten des Todes“ (Lk 1,78f.). Man erkennt an Jesu großen Wundern, dass Gott in ihm sein Volk heimgesucht hat (Lk 7,16). Und fällt er auch mit der Tür ins Haus, kommt er doch keineswegs als Räuber, der etwas wegnehmen will, sondern als Schenkender, der etwas bringt. Der bedrohliche Sinn der „Heimsuchung“ wird dadurch in den Hintergrund gedrängt. Und so sagt Luther: „Heimsuchung heißt auf Hebräische sprach, wenn Gott kommt und klopft an und all seine Güter mit sich bringt (...). Das heißt heimgesucht. Nicht, dass er wolle viel von dir Gelds oder Guts empfangen, nicht, dass er dir deine Äcker und Wiesen wollte nehmen, sondern er will dir, mir und uns armen Bettlern allen, die wir gefangen lagen unter der Sünde, Tod, Teufel etc. durch die Zeit seiner heilsamen Heimsuchung geben und schenken die ewige Ruhe und Seligkeit. Denn das ist seine Heimsuchung, also sucht er uns daheim“ (vgl. WA 51,23). Die Heimsuchung in Christus ist demnach ein freundliches Aufsuchen des Menschen, den Gott in selbstverschuldetem Unglück vorfindet, und in dessen Leben er tritt, um ihm Heil und Rettung zu bringen. Wie aber ein lieber Besuch nicht in erster Linie Blumen oder Pralinen bringt, sondern sich selbst (und auch zuerst um seiner selbst willen willkommen ist), so ist das eigentliche Geschenk, das Gottes Besuch in Christus bringt, die Nähe unseres Gottes, der Gemeinschaft sucht, der ohne Scheu eintritt in die Hütte unserer Not und dabei Gnade, Freude und Seligkeit mit sich führt. Indem Gott Mensch wird und uns aufsucht, bringt er nicht irgendetwas, sondern bringt sich: Er will uns mit seiner Gesundheit anstecken! Und wo sich einer von Gott verlassen und vergessen fühlt, tritt Christus in sein Leben, um ihm das Gegenteil zu beweisen. Durch die Heimsuchung in Christus ist Gott nicht nur „da“, sondern ist „für-uns-da“. Er steht nicht nur „vor uns“, sondern steht uns „bei“. Er teilt unser Menschenleben, um ihm eine neue Richtung zu geben. Und diese Heimsuchung in Christus ist das gerade Gegenteil einer Heimzahlung. Denn was uns da überfällt, ist unverdiente Gnade! Doch was geschieht? Wird Christus mit Jubel empfangen? Öffnet ihm die Welt ihre Türen? Öffnen die Menschen ihre Herzen? Es ist zum Weinen – aber Jesus selbst gibt eine traurige Antwort. In Lukas 19 gibt er zu verstehen, dass sein Kommen in die Welt eine gnädige Heimsuchung war und eine riesige Chance! Aber – über Jerusalem weinend – bekennt er zugleich, dass der größere Teil des Volkes die gnädige Heimsuchung nicht als Zuwendung Gottes erkannt, sondern sie missachtet und das angebotene Heil nicht ergriffen hat. Jesus schaut über seine Stadt und sagt: „Wenn doch auch du erkenntest zu dieser Zeit, was zum Frieden dient! Aber nun ist's vor deinen Augen verborgen. Denn es wird eine Zeit über dich kommen, da werden deine Feinde um dich einen Wall aufwerfen, dich belagern und von allen Seiten bedrängen und werden dich dem Erdboden gleichmachen samt deinen Kindern in dir und keinen Stein auf dem andern lassen in dir, weil du die Zeit nicht erkannt hast, in der du heimgesucht worden bist“ (Lk 19,42-44). Tatsächlich wurde Jerusalem im Jahre 70 nach Christus restlos verwüstet und zerstört. Auf die gnädige Heimsuchung, die man nicht würdigte, folgte eine ungnädige Heimsuchung in unerbittlichem Gericht. Die liebliche Flamme, an der man das kalte Herz nicht wärmen wollte, verwandelte sich in ein verzehrendes Feuer. Und die Gottes Segen ignorierten, erfuhren, was sein Fluch bedeutet. Aus der beseligenden Nähe Gottes wurde eine bedrohliche und bedrängende. Und damit holt uns die Ambivalenz im Begriff der Heimsuchung wieder ein. Denn der Schöpfer, der da in Christus so mild und freundlich zu uns kommt, ist doch zugleich Herr und Richter über unser Leben. In der bescheidenen Gestalt eines Menschen betritt er unser bescheidenes Haus und wünscht uns Frieden. Er will uns nicht erschrecken, sondern will uns zum Bruder und Helfer werden! Aber das stellt jeden Einzelnen vor die Wahl, ob er sich diesen gnädigen Zugriff gefallen lässt und sich mit Gottes Sohn anfreundet, oder versucht, ihn aus seinem Leben wieder hinauszuwerfen. Ist Christus erst einmal über unsere Schwelle getreten, kommt unweigerlich an den Tag, wie wir zu ihm stehen. Die Beziehung bleibt nicht in der Schwebe. Denn Gott sucht uns auf in dem Heim, das er selbst uns zugewiesen hat, und schaut nach dem Rechten. Er kommt wahrlich in guter Absicht – er kommt in der Gestalt Christi! Seine Heimsuchung soll uns gerade nicht in Bedrängnis bringen! Aber Gott steht in unserem Heim doch immer noch auf seinem eigenen Grund und Boden. Und wenn’s da einer mit Gottes Sohn so macht wie jene römischen Soldaten, die ihn schänden, schinden, verhöhnen und kreuzigen – wenn einer Gottes Sohn aus dem Haus seines Lebens hinauskomplimentiert, um den vermeintlichen Besitz wieder für sich allein zu haben: Wird dann nach der gnädigen Heimsuchung nicht vielleicht eine andere kommen – so wie eine andere kam über die Stadt Jerusalem? Liegt‘s nicht sehr an meiner Reaktion, ob mir Gottes Besuch zum Leben oder zum Tod gereicht? Wir reden da nicht nur vom Evangelium, sondern zugleich von all den Glücks- und Unglücksfällen, die unser Leben prägen – von Insolvenzen und Herzinfarkten, von Wasserschäden und Autounfällen, von Scheidungen und Angstneurosen, von Treppensturz, Demenz und plötzlichem Kindstod. Genauso reden wir aber auch von Hochzeiten und Geburten, von Beförderungen und guten Geschäften, wunderbaren Begegnungen und großen Einsichten. Denn was von alledem könnte nicht „Heimsuchung Gottes“ sein? Oder wovon dürfte ein Christ sagen, dies habe nichts mit Gott zu tun? Letztlich ist jede Wendung unseres Schicksals ein Werk des dreieinigen Gottes. Und auf welchem Umweg und durch wessen Hand sie uns auch trifft – sie kommt doch immer von dem, der sagte, ihm sei gegeben „alle Gewalt im Himmel und auf Erden“ (Mt 28,28). Immer ist es Christus, der uns heimsucht. Und er sucht uns heim, weil er bei uns ein Heim sucht und in unser Leben aufgenommen werden will. Mal kommt er mit Glück – und dann wieder mit Leid. Aber immer will er unsere Tür offen, und unser Herz bereit finden. Und kommt er auch in der Gestalt einer Zumutung, will er doch sehen, wie er uns vorfindet, welche Haltung wir zeigen und ob wir ihm Raum geben (Mt 25,40!). Was immer also kommt – es enthält eine Frage Gottes an mich: Nehme ich aus seiner Hand nur die guten Tage und verweigere mich den bösen? Will ich nur Jesu Auferstehung mit ihm teilen, oder nehme ich auch meinen Anteil am Kreuz auf mich? Traue ich meinem Menschenverstand, oder Gottes gutem Wort, das die Dinge oft so anders bewertet? Tue ich nur so, oder schaffe ich in meinem Leben wirklich Platz für Jesus und seine seltsamen Freunde? In allem, was uns zustößt, liegt diese Frage verborgen. Denn kein Schicksalsschlag trifft uns, ohne dass Gott vorher dazu genickt hätte. Und keiner Heimsuchung ist gleich anzusehen, was wir damit machen sollen. Manchen sollen wir tapfer widerstehen – und anderen sollen wir uns geduldig ergeben. Manche dienen unsrer Prüfung und Bewährung – und andere dienen dem Abbau unseres stolzen Eigensinns. Manchmal muss uns Gott laut in die Ohren schreien, weil wir auf leisere Töne nicht reagiert haben! Doch rüttelt und schüttelt er uns, weil wir ihm nicht egal sind. Und wenn er in der Heimsuchung – unser Heim aufsuchend – Unruhe stiftet, um bei uns Wohnung zu nehmen, kommt alles darauf an, der Heimsuchung so zu begegnen, dass sie uns nicht etwa gegen Gott verhärtet, sondern uns für Gott öffnet. Er weiß, dass wir – auf uns selbst gestellt – verloren wären! Darum sucht er einen Ort in unserem Leben, wo er wohnen und an uns arbeiten kann. Und wenn er an unserem Haus keine offene Tür findet, bricht er manchmal mit Getöse ein Loch durch die Mauer. Der schläfrige Bewohner wird dadurch rüde aufgeschreckt! Und doch bricht da kein Räuber in unser Leben, der etwas wegnehmen wollte, sondern ein Retter verschafft sich Zugang, der uns etwas bringen möchte. Das Geschenk, das Gott auf dem Wege der Heimsuchung direkt in unser Heim liefert, ist er selbst. Und keiner sollte sich darüber wundern. Denn genau das hat uns Christus im Johannesevangelium versprochen. Er sagt: „Wer mich liebt, der wird mein Wort halten; und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm nehmen“ (Joh 14,23). Das ist jedem Christen zugesagt! Darum sollten wir uns nicht wundern, wenn Gott in unserem Leben manchen derben Eingriff vornimmt, um sich Raum zu schaffen, sondern wir sollten viel eher um Gottes gnädige Heimsuchung bitten und uns auf all die Umbauten einstellen, die er für nötig hält: Er räume mit mächtiger Hand beiseite, was uns heute noch von ihm trennt! Er mache passend, was ihn an uns stört! Und vor allem erleuchte er unseren Verstand, damit wir die Chance in der Heimsuchung nicht übersehen, sondern nutzen und sorgsam drauf horchen, was Gott uns mit ihr sagen will!