Erg. 2 • Glaubensbekenntnis

Wozu brauchen wir das?

 

Vor einiger Zeit habe ich anlässlich eines großen Jugendtreffens einen Jugendgottesdienst gehalten. Wie man es in solchen Fällen tut, habe ich moderne Lieder ausgesucht, eine jugendgemäße Predigt vorbereitet und die Länge des Gottesdienstes begrenzt. Trotzdem kam nach dem Gottesdienst jemand zu mir und beklagte, der Gottesdienst sei zu konventionell, zu traditionell und überhaupt nicht jugendgemäß gewesen. Auf meine Rückfrage, was man denn anders hätte machen sollen, schlug er vor, man hätte doch z.B. das Glaubensbekenntnis weglassen können, da die meisten Jugendlichen mit dem Glaubensbekenntnis sowieso nichts anfangen könnten.

Nun – man soll sich Kritik zu Herzen nehmen. Und so habe ich überlegt, ob man vielleicht wirklich im Gottesdienst auf das Glaubensbekenntnis verzichten könnte, wenn es von manchen Menschen als Zumutung empfunden wird. Doch je länger ich darüber nachdenke, umso mehr Gründe fallen mir ein, warum das apostolische Glaubensbekenntnis ein fester Bestandteil jedes Gottesdienstes bleiben muss.

Es ist einfach unentbehrlich als Symbol für die Identität unserer Kirche, als Verbindungsglied zwischen allen Christen, als Grenzziehung gegenüber allem Irrglauben, als kurze Zusammenfassung der Heiligen Schrift und als Korrektiv für misslungene Predigten. Ich will diese fünf Gründe einzeln erläutern:

 

1. Das Glaubensbekenntnis scheint mir für Christen unentbehrlich, weil es unsere Identität beschreibt und sie nach außen erkennbar werden lässt. Das Glaubensbekenntnis ist Ausdruck dessen, dass wir wissen, wer wir sind. Denn wer etwas bekennt, gibt damit immer zugleich eine Beschreibung seiner selbst. Und zwar gilt das nicht nur in der Kirche, sondern auch sonst: Sage mir, wozu du dich bekennst – und ich sage dir, wer du bist. Singst du die Internationale, erkenne ich dich als Sozialisten. Hisst du vor deinem Haus die weiß-blaue Fahne, erkenne ich dich als Schalke-Fan. Klebt hinten auf deinem Auto der Playboy-Bunny, so sagt mir das etwas über den Fahrer. Und trägt jemand bevorzugt Trachtenanzüge, ist auch das eine Art von Bekenntnis.

So begegnen uns ständig Symbole, die der Identität eines Menschen Ausdruck verleihen, mit denen er sich zu erkennen gibt und zeigt, worauf er stolz ist. Und das kann auch nicht anders sein. Denn ein Mensch muss wissen, wer er ist und wer er nicht ist – er muss sich über seine Identität im Klaren sein. Allzu bunt ist die Welt und verwirrend, zahlreich sind die Stimmen, die uns zurufen „Sei dies, sei das, sei einer von uns“. Da ist es wichtig, sich anhand des Glaubensbekenntnisses vergewissern zu können: Zuallererst bin ich mal ein Geschöpf Gottes, bin ein Jünger Jesu und ein Glied seiner Kirche. Alles was ich sonst noch bin, muss damit in Einklang stehen.

 

2. Unser Glaubensbekenntnis ist auch deshalb kostbar, weil es Gemeinschaft schafft. Denn nenne ich Christus meinen Herrn und Bruder, so sind alle anderen, die das auch tun, automatisch meine Geschwister. Ich kann ihnen vertrauen und kann mit ihrem Beistand rechnen, weil sie Glieder derselben Familie und Glieder am Leib Christi sind.

Viele Christen haben das auf Reisen schon als beglückend erfahren. Mag da einer im fernen Afrika sein oder in Japan, mögen ihn Kultur, Sprache und Hautfarbe trennen von den Menschen, die er trifft, so ändert sich das Bild doch schlagartig, wenn er sich als Christ zu erkennen gibt. Denn das wissen wir alle: Wer bekennt, was ich bekenne, wer sich nach Gottes Segen ausstreckt, wie ich das selbst tue, der kann mir nicht wirklich fremd oder fern sein.

Mag mich noch so viel von den anderen trennen und unterscheiden: Bin ich bei Christen, so weiß ich doch, dass ich bei Menschen guten Willens bin. Sie stehen auf demselben Fundament wie ich und beugen sich dem Wort Gottes wie ich, bilden also mit mir eine Gemeinschaft, auch wenn wir uns nie zuvor begegnet sind. Das gemeinsame Bekenntnis unseres Glaubens vereint uns über Zeit- und Landesgrenzen hinweg. Und das ist in einer Welt voller Misstrauen und Argwohn etwas Seltenes und Wunderbares.

 

3.

Freilich: Wie das Glaubensbekenntnis auf der einen Seite zur Gemeinschaft verbindet, so schafft es auf der anderen Seite Distanz. Denn Glaubensbekenntnisse haben immer auch die Funktion der Abgrenzung. Wer bekennt, dass er etwas glaubt, bekennt zugleich, dass er das Gegenteil nicht glaubt. Auch wenn das nicht aggressiv oder mit dem Gestus der Verwerfung ausgesprochen wird, beinhaltet doch jedes ernsthafte Glaubensbekenntnis eine Grenzziehung. Denn sage ich „Christus ist der Herr“, so heißt das zugleich „Buddha ist nicht der Herr“. Sage ich „Christus ist unser Erlöser“ so heißt das zugleich „kein anderer ist unser Erlöser“.

Wie brisant das sein kann, haben viele Christen im Dritten Reich erfahren. Sie bekannten, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen und weigerten sich darum, Adolf Hitler unbedingten Gehorsam zu schwören. Sie erkannten, dass das Glaubensbekenntnis sich mit der Vergötzung von Menschen, Völkern und Rassen nicht verträgt. Und die Klarheit, mit der sie daraufhin die Geister unterschieden, macht sie uns zu Vorbildern. Grenzen zu ziehen liegt nicht jedem – ich weiß. Aber bekennen heißt nun einmal, etwas zu bejahen. Und etwas bejahen heißt, das Gegenteil verneinen.

Wenn wir daher den Irrglauben, den Aberglauben und den Unglauben unserer Zeit verneinen, ist das kein Zeichen von Intoleranz, sondern nur die Konsequenz dessen, dass wir ein Bekenntnis haben. Wir haben es. Und wir brauchen es. Denn wie hat das jemand so schön gesagt? Wer nach allen Seiten hin offen ist, der ist nicht ganz dicht…

 

4. Es könnte an diesem Punkt jemand einwenden, dass auch die Heilige Schrift all das leistet, was wir dem Glaubensbekenntnis zu Gute halten. Genügte es nicht zur Beschreibung unserer Identität zu sagen: Unsere Grundlage ist die Bibel? Würde die Gemeinschaft der Christen nicht schon dadurch gewährleistet, dass sie sich alle Gottes Wort unterstellen? Wäre es zur Abgrenzung nach außen nicht ausreichend, zu sagen: Wir verwerfen, was nicht mit der Heiligen Schrift in Einklang steht? Wozu also brauchen wir neben der Schrift noch das Glaubensbekenntnis?

Der Einwand leuchtet zunächst ein. Und richtig ist daran zweifellos, dass wir neben der Schrift keine „zweite“ Norm und keine „andere“ Autorität brauchen. Aber eine Konkurrenz zur Bibel will das Glaubensbekenntnis auch gar nicht sein. Im Gegenteil! Das Glaubensbekenntnis will genau das sagen, was die Bibel auch sagt – bloß viel kürzer. Das Glaubensbekenntnis ist also nichts anderes als eine knappe Zusammenfassung und Inhaltsangabe der Bibel. Und gerade wegen der Kürze ist es so wertvoll. Denn die Bibel ist ein weites Feld. Sie ist so überreich an Erzählungen, Personen und Schauplätzen, dass der ungeübte Leser sich leicht darin verliert. Hunderte von Seiten sind das voller Haupt- und Nebenlinien, voller Wichtigem und weniger Wichtigem. Wie sollen da Neulinge einen Überblick gewinnen?

Darum ist es gut, dass wir das Glaubensbekenntnis haben. Es ist so kurz, dass jeder Konfirmand es auswendig lernen kann – und doch ist alles darin enthalten, was der Christ wissen muss. Es ersetzt gewiss nicht die Lektüre der Bibel. Aber es gibt dem ungeübten Leser eine Lesehilfe, indem es sagt, worauf denn alles in der Bibel hinauswill.

 

5. Schließlich hat das Glaubensbekenntnis auch noch eine Bedeutung im Gottesdienst. Es entlastet nämlich den Pfarrer von dem Druck, in einer Predigt alles sagen zu müssen. Wie oft geht ein Pfarrer aus dem Gottesdienst und denkt: Die Predigt war einseitig, die Predigt war nicht gut genug. Mal war nur von der Schöpfung die Rede und mal nur vom Jüngsten Tag, mal nur von Christus und dann wieder nur vom Heiligen Geist, mal war die Predigt voller Ermutigungen, mal voller Ermahnungen. Und was, fragt man sich dann, was ist mit den Gottesdienstbesuchern, die heute genau das andere hätten hören müssen? Das nämlich, was ich heute nicht gesagt habe?

Nun – da entlastet das Glaubensbekenntnis, das die Gemeinde spricht. Denn die Predigt kann immer nur einen kleinen Ausschnitt des Glaubens zum Thema machen, das Glaubensbekenntnis aber bringt in seiner Kürze alles auf den Punkt. Es ergänzt, was der Pfarrer vielleicht vergisst, und es korrigiert, wenn er einen falschen Ton angeschlagen hat. Denn auch das gibt es ja. Pfarrer können Opfer ihrer theologischen Vorlieben oder theologischer Moden werden. Pfarrer können schlecht predigen – und können im Extremfall sogar schriftwidrig und falsch predigen. Und in solchen Fällen ist es Gold wert, dass neben der missglückten Predigt das Glaubensbekenntnis steht:

Unverrückbar und unverändert, ohne modische Allüren und rhetorischen Glanz, dafür aber streng und klar und von ewiger Wahrheit. Ja – auch wenn alles im Gottesdienst verkehrt gewesen wäre – man könnte immer noch sagen: Etwas Wahres war dabei, denn das Glaubensbekenntnis war dabei.

 

Nun, ich will es dabei belassen. Denn es dürfte deutlich geworden sein, welch großen Dienst uns das Glaubensbekenntnis leistet. Und würden die genannten Gründe noch nicht genügen, so käme am Ende noch einer hinzu, der auch dem letzten Bekenntnismuffel die Zunge lösen wird. Es kommen nämlich hinzu die schlichten Worte Jesu:

„Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.“ (Mt 10,31-33).