Erg. 19 • Gemeinschaft der Heiligen

Wer gehört dazu?

 

Wer das Neue Testament liest, stolpert gelegentlich über Stellen, in denen er ermahnt wird, ein Leben in „Heiligkeit“ zu führen. Und wahrscheinlich haben sich schon viele über diese Zumutung geärgert. „Erneuert euch in Geist und Sinn“ sagt z.B. Paulus im Epheserbrief „und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“ Du meine Güte, denkt man, dieser Anspruch ist zu hoch! Erwartet Paulus wirklich, dass wir Heilige sein könnten? Wir schrecken zurück und wollen angesichts dieses Zieles von vorneherein resignieren. Denn wenn wir an „Heiligkeit“ denken, dann sind es große Gestalten vergangener Tage, die uns in den Sinn kommen. Jene Heiligen nämlich, die von der katholischen Kirche verehrt und angerufen werden. Der Heilige Franziskus fällt uns vielleicht ein, der den Vögeln gepredigt haben soll. Oder Bonifatius, der die Donar-Eiche fällte. An die Heilige Elisabeth denken wir, die sich in Marburg der Armen- und Krankenpflege gewidmet hat. An Jakobus denken wir. Oder an Christopherus, den Riese, der das Christuskind über den Fluss trug. Eine lange Liste interessanter Gestalten können wir dem Heiligenkalender entnehmen – und von jedem dieser Menschen wäre Rühmliches zu erzählen. Aber wer von uns hätte den Mut, sich mit ihnen in eine Reihe zu stellen? Ist also Paulus auf dem Holzweg, wenn er Heiligkeit fordert von Menschen, die nur recht und schlecht ein anständiges Leben zu führen bemüht sind? Oder sind wir vielleicht auf dem Holzweg, weil wir seinen Begriff von „Heiligkeit“ falsch verstehen?

In der Tat meine ich, dass wir hier einem Missverständnis aufsitzen. Und wollen wir verstehen, was Paulus mit „Heiligkeit“ meint, so müssen wir neu ansetzen und zunächst in die Bibel schauen. Dort hat „Heiligkeit“ nämlich einen ganz anderen Sinn als wir gewöhnlich meinen – und hat mit moralischer Vollkommenheit gar nichts zu tun. Vielmehr nennt die Bibel alles „heilig“, was in besonderer Weise zu Gott gehört.

Das können Menschen sein, die er zu seinen Boten macht. Es können aber auch Gegenstände sein, wie die Bundeslade oder die Tempelgeräte. Denn „heilig“ ist alles, was Gott in Dienst nimmt, und was zu diesem Zweck mit göttlicher Kraft aufgeladen wird. „Heilig“ ist, was Gott benutzt, um sein Heil zu vermitteln – wie etwa das Heilige Abendmahl oder die Heilige Schrift. „Heilig“ ist aber auch die Stätte, da er sich offenbart. „Heilig“ sind Gottes Gebote, weil er sie autorisiert. Und „heilig“ sind Gottes Propheten, weil er sie mit der Vollmacht seines Heiligen Geistes ausgestattet hat.

Das Heilige ist in der Welt, aber es ist nicht von der Welt, sondern ist erschreckend und faszinierend wie Gott selbst, der es aus dem Bereich des bloß Weltlichen und Profanen herausgehoben hat. Solche „Heiligkeit“ im biblischen Sinne hat nichts mit verbissenem Moralismus zu tun, mit vermeintlicher Unschuld oder Selbstlosigkeit. Sondern „heilig“ ist einfach das, was Gott mit seiner Macht durchdringt.

„Heilig“ ist, wer mit Gott Gemeinschaft hat – und jenseits dieser Gemeinschaft ist nichts „heilig“. Darum ist Heiligkeit nichts anderes als Zugehörigkeit zu Gott. Und „Heilige“ sind Menschen, die am „Heiligen“ teilhaben. Wenn das aber so ist – was folgt dann daraus? Wer sind dann die, die am Heiligen teilhaben? Sollten das nicht zuallererst die sein, die an Jesus Christus teilhaben – an der Taufe Jesu Christi, am Evangelium Jesu Christi und am Abendmahl Jesu Christi? Mit anderen Worten: Sind dann nicht alle Christen Heilige? Auch Sie und ich?

Ich weiß: Das ist ein Gedanke, den wir zunächst abwehren, weil es den Geschmack des Unbescheidenen hat, wenn sich einer selbst als „Heiligen“ ansieht. Und doch ist es eine Unbescheidenheit, zu der uns das Neue Testament ermutigt. Denn dort werden alle Christen als „Heilige“ angeredet. Nicht ein paar handverlesenen Ausnahmemenschen sind damit gemeint, die irgendein Papst heilig gesprochen hat, weil man ihnen Wundertaten nachsagt, sondern alle Christen sind gemeint. Wenn darum Paulus einen Brief nach Rom schreibt, dann lautet die Adresse: „An alle Geliebten Gottes und berufenen Heiligen in Rom“ (Röm 1,7)

Paulus will der römischen Gemeinde mit dieser Anrede nicht etwa schmeicheln. Und er ist sich auch völlig im Klaren darüber, dass die Empfänger seines Briefes Sünder sind. Aber er weiß, dass es Sünder sind, die Christus angehören. Sie haben Teil am Heiligen Geist, sie haben Teil am heiligen Abendmahl, sie haben Teil an der Heiligen Taufe. Und diese Teilhabe am Heiligen macht sie trotz aller Unvollkommenheit zu Heiligen – so wie Paulus es auch den Korinthern zusagt: „Ihr seid reingewaschen, ihr seid geheiligt, ihr seid gerecht geworden durch den Namen des Herrn Jesus Christus und durch den Geist unseres Gottes.“ (1.Kor 6,11)

Diese Zusage gilt uns genauso wie damals den Christen in Rom und Korinth. Auch wir sind „geheiligt“ durch Jesus Christus, seit wir auf seinen Namen getauft wurden. Und wenn dieser Gedanke auch ungewohnt sein mag, ist er doch ernst zu nehmen. Denn die Heiligen, von denen unser Glaubensbekenntnis spricht, die „Gemeinschaft der Heiligen“ die darin erwähnt wird, das sind nicht irgendwelche anderen, sondern die Heiligen sind wir. Sie und ich und alle, die durch den Glauben mit Christus verbunden sind.

Wir selbst sind diese „Gemeinschaft der Heiligen“ – auch wenn wir uns schwach und fehlbar vorkommen. Denn „heilig“ ist sowieso keiner aus sich selbst heraus, weil er etwa gute Werke täte oder einen guten Charakter hätte. Sondern heilig ist ein Heiliger durch die Gnade Jesu Christi, die ihn reinwäscht und ihn trotz aller Mängel und Schwächen einfügt in die Gemeinschaft mit Gott. Wir sind darum nicht weniger „heilig“ als Franziskus oder Elisabeth, Laurentius, Jakobus, Bonifatius oder Christopherus. Denn jene vom Katholizismus idealisierten Gestalten waren Sünder – genau wie wir. Und sie wurden durch ihren Glauben an Jesus Christus geheiligt und gerechtfertigt – genau wie wir. Nicht als Übermenschen sollten wir sie darum sehen, sondern als Glaubensgeschwister, deren Leben uns zeigt, wozu auch wir berufen sind.

Im Blick auf unser Glaubensbekenntnis gilt es aber allen Missverständnissen vorbeugen. Denn es ist darin zwar erst von der „heiligen christlichen Kirche“ die Rede und dann von der „Gemeinschaft der Heiligen“. Es ist aber nicht gemeint, dass das zwei verschiedene Gruppen wären. Sondern der Begriff der „Kirche“ erfährt durch „Gemeinschaft der Heiligen“ lediglich eine nähere Bestimmung. Die Kirche ist die „Gemeinschaft der Heiligen“. Das aber nicht, weil sie vollkommen wäre, sondern weil ihr die „Vergebung der Sünden“ zu Teil wird, die im Bekenntnis gleich danach als Drittes genannt wird. Alle drei Begriffe gehören eng zusammen. Denn nur die Vergebung der Sünden ist es, die uns als Kirche zu einer Gemeinschaft von Heiligen macht.

Sind wir aber eine Gemeinschaft von Heiligen, von Geheiligten und Gereinigten, warum leben wir dann nicht so? Sind wir Kinder Gottes, warum stellen wir uns dann der Welt gleich? Warum werden wir dann nicht auch äußerlich, was wir inwendig schon sind?

Unsere Überlegungen drängen an diesem Punkt ganz von selbst auf die praktischen Konsequenzen hin, die auch Paulus uns nahelegt. Denn „heilig“ zu sein, das ist kein bloßer Ehrentitel und kein Lorbeer, auf dem man sich ausruhen könnte, es ist auch keine Überforderung, wie wir anfangs meinten, sondern ist ein Auftrag, der mit Leben gefüllt werden will, wie es Paulus von uns fordert:

„Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit.“