Erg. 14 • Führung

Kann Gott etwa stümpern?

 

Kommt Ihnen Ihr Leben manchmal chaotisch vor? Und wundern Sie sich im Rückblick auf Jahre und Jahrzehnte über die merkwürdigen Wendungen, die Ihr Leben genommen hat? Es geht vielen nachdenklichen Menschen so. Denn wer über längere Zeiträume hinweg die Absichten seines Handelns mit den Folgen vergleicht, kann oft nur mit dem Kopf schütteln.

Die Faktoren, die über Erfolg und Misserfolg unseres Tuns bestimmen, sind nämlich zu vielfältig, und ihr Zusammenspiel ist zu wenig vorhersehbar, als dass langfristige Planungen möglich wären. Eine zufällige Bekanntschaft genügt, ein verpasster Anruf, eine unachtsame Sekunde am Steuer, ein kleines Missverständnis – und die Dinge entwickeln sich völlig anders als erwartet.

Was zunächst wie eine Dummheit aussieht, kann sich später als glückliche Fügung erweisen. Und mit einem scheinbar cleveren Schachzug hat sich schon mancher nachhaltig ins „Aus“ manövriert. Immer wieder kommt es anders als man denkt. Und der Mensch, der sein Leben gern unter Kontrolle hätte, ärgert sich darüber. Denn die Abläufe und Geschichten, die er sorgsam plant, die schreibt ihm das Schicksal einfach um. Er ordnet sein Leben säuberlich. Doch ein unerwarteter Windstoß wirbelt alles wieder durcheinander. „Welch eine Willkür!“ denkt er dann: „Welch eine Unvernunft!“ Aber stimmt das wirklich?

Ist dort, wo wir keine Ordnung sehen, nur Chaos und Improvisation? Oder könnte eine verborgene Ordnung darin walten, eine höhere Vernunft, die wir nur nicht verstehen? Vielen ist es gar nicht mehr bewusst. Aber der christliche Glaube rechnet genau mit solch einer hintergründigen Ordnung. Er rechnet im Großen wie im Kleinen mit der Vorsehung Gottes. Er rechnet überall in Natur und Geschichte mit der verborgenen Gegenwart und Wirksamkeit des Schöpfers. Und er gewinnt dadurch zu dem, was andere Leute „Zufall“, „Schicksal“, „Pech“ und „Glück“ nennen, ein viel tieferes Verhältnis. Es lässt sich in einen Satz zusammenfassen, den J. C. Lavater gesagt haben soll:

 

„Wir können nicht besser geführt werden, als wir geführt werden.“

 

Das ist nun freilich eine verblüffende Behauptung, die erst einmal allem Augenschein widerspricht, und die zu unserer scheinbar so „ungeordneten“ Welt gar nicht passen will. Lavaters Satz provoziert, weil er unterstellt, dass wir durch Gottes Vorsehung nicht nur geführt werden, sondern dass wir sogar in der denkbar besten Weise geführt werden. Das klingt ganz unwahrscheinlich, wenn man an seine letzte Erkältung denkt, an berufliche Rückschläge, versäumte Fristen, vertane Zeiten, vergebliche Mühen, überflüssigen Streit, Zahnschmerzen, lästige Besucher und Erdbeben. Denn wenn wir nicht besser geführt werden können, als wir geführt werden, dann müssen auch diese Dinge irgendwie in Gottes Vorsehung inbegriffen sein.

Ja: Aus Lavaters These folgt sogar, dass es für mich schlechter wäre, wenn ich jene Zahnschmerzen nicht gehabt hätte! Denn wenn Gott mir den Gang zum Zahnarzt nicht ersparte, wird er auch dafür – wie für alles andere – einen guten Grund gehabt haben.

Ich gebe zu, dass es eine Zumutung ist, so zu denken. Es ist mindestens ungewohnt. Und doch kann man diesen Konsequenzen nicht ausweichen, wenn man ernsthaft mit Gott rechnet. Schließlich ist der Gott der Bibel kein schläfriger Gott, der sich müde aus seiner Welt zurückgezogen hätte. Der Gute Hirte, von dem Psalm 23 spricht, ist nicht von der Art, dass er nur ab und zu nach seinen Schafen schaut – und ihr Schicksal ansonsten dem Zufall überlässt.

Gott steht dem Weltgeschehen nicht passiv gegenüber, um nur dann und wann einzugreifen. Der Allmächtige kann nicht umgangen und der Allwissende nicht überrascht werden. Vielmehr: Wenn Gott uns führt, dann führt er uns immer. Und dann führt er uns auch nicht in dilettantischer, sondern in der für uns besten Weise.

Diese „beste“ Weise, muss für uns keineswegs „angenehm“ sein! Was uns nach Gottes Ratschluss gut tut, ist nicht unbedingt das, was wir gut finden. Aber wenn wir Gottes Regieren ernst nehmen, dann gibt es nichts, was in seinem Plan nicht irgendeinen Sinn hätte. Es gibt keinen Zufall. Und es gibt auch nichts, was tatsächlich „hätte anders kommen können“. Denn wenn Gott unsere Schritte lenkt, dann stümpert er nicht herum. Gott würfelt nicht. Was er will, geschieht. Und was er plant, trifft ein.

Hören wir deswegen auf zu planen und zu handeln? Nein. Natürlich nicht. Aber wir können uns vornehmen, uns über die vielen Querschläger und Stolperfallen auf unserem Weg nicht allzu sehr zu ärgern. Denn Gottes Plan ist klüger als unserer. Er weiß besser, was für uns gut ist, als wir selbst es wissen. Und wenn er uns Umwege führt, dann denkt er sich etwas dabei. So ist es denn gar nicht nötig, dem Leben die Ordnung aufzuzwingen, die wir uns erträumen. Vielmehr ist es nötig und heilsam, wenn wir Gottes Ordnung respektieren, die schon längst in unserem Leben waltet.

„Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken“, spricht der Herr „und eure Wege sind nicht meine Wege, sondern soviel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken.“ (Jes 55,8-9) Dass wir aber lernen, uns darüber nicht sinnlos zu ärgern – dazu helfe uns Gott…