Erg. 18 • Erwählung

Ein Grund zum Hadern?

(eng angelehnt an einen Text von C.H. Spurgeon)

 

Ich habe mir vorgenommen, das Thema „Erwählung“ zu behandeln. Und obwohl das eigentlich ein schönes Thema ist, bin ich mir großer Schwierigkeiten bewusst. Denn einerseits ist vielen Christen gar nicht mehr klar, dass sie Erwählte sind – sie sind es nicht gewöhnt, sich so zu sehen. Und andererseits löst die Erwählung, die ja ihrem Wesen nach ein Auswählen ist (also das Bevorzugen eines Teils aus einer größeren Menge), sofort die Rückfrage aus, was denn mit den Anderen wird, die nicht erwählt sind. Es scheint uns nicht fair, wenn wir einen Vorzug genießen, der anderen fehlt. Und schon wird aus dem schönen Thema, das uns eigentlich mit Freude erfüllen sollte, ein großes Problem.

Wenn Gott sich aber dennoch die Freiheit nimmt, die Einen zu lieben und die Anderen nicht, was wollen wir dann machen? Wollen wir dann die Zeugnisse seiner Freiheit und Souveränität aus dem Neuen Testament tilgen? Nein, das Erste muss wohl sein, dass wir uns den biblischen Befund vor Augen halten und uns bewusst machen, wie oft die Christen dort als Auserwählte bezeichnet werden. Als Zweites gilt es sich klar zu machen, dass das Bewusstsein der Erwähltheit einen Christen nicht etwa mit Stolz erfüllt, sondern mit Demut. Und erst im dritten Schritt kann dann geklärt werden, ob den Nicht-Erwählten Unrecht geschieht.

(1.)

Schauen wir zunächst ins Neue Testament, so finden wir dort gleich den Satz aus dem 2. Thessalonicherbrief: „Wir aber müssen Gott allezeit für euch danken, vom Herrn geliebte Brüder, dass Gott euch als Erste zur Seligkeit erwählt hat in der Heiligung durch den Geist und im Glauben an die Wahrheit, wozu er euch auch berufen hat durch unser Evangelium, damit ihr die Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus erlangt.“ (2. Thess 2,13-14)

Ganz ähnlich klingt es in Epheser 1: „Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit allem geistlichen Segen im Himmel durch Christus. Denn in ihm hat er uns erwählt ehe der Welt Grund gelegt war, dass wir heilig und untadelig vor ihm sein sollten in seiner Liebe.“ (Eph 1,3-4)

Wir finden dasselbe auch in Jesu Rede über die Endzeit in Mk 13. Er sagt dort: „…wenn der Herr diese Tage nicht verkürzt hätte, würde kein Mensch selig; aber um der Auserwählten willen, die er auserwählt hat, hat er diese Tage verkürzt.“ (Mk 13, 20 -27)

Überall in den Briefen werden die Gläubigen „die Auserwählten“ genannt. Die Kolosser fordert Paulus z.B. auf: „So zieht nun an, als die Auserwählten Gottes, als die Heiligen und Geliebten, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld.“ (Kol 3,12)

Und in Joh 15 sagt wiederum Jesus zu seinen Jüngern: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht bringt und eure Frucht bleibt…“ (Joh 15,16) In Vers 19 fährt Jesus fort: „Wäret ihr von der Welt, so hätte die Welt das Ihre lieb. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt erwählt habe, darum hasst euch die Welt.“

Nach einer Predigt heißt es in der Apostelgeschichte, dass alle gläubig wurden, „…die zum ewigen Leben bestimmt waren.“ (Apg 13,48) Und in Römer 8 lesen wir: „…die Gott ausersehen hat, die hat er auch vorherbestimmt, dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes (…) Die er aber vorherbestimmt hat, die hat er auch berufen, die er aber berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht, die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.“ (Röm 8,29 -30) Gott selbst wird mit dem Wort zitiert: „Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.“ (Röm 9,15)

Wenn einer daran zweifelte, könnte man eine noch größere Zahl an Schriftbeweisen beibringen. Und immer fester würde die Erkenntnis, dass ein Mensch sich nicht selbst zum Christen macht (durch seinen Entschluss), sondern dass er von Gott dazu gemacht wird (durch Gottes Entschluss). Unsere Entscheidung für Gott ist immer ein Resultat von Gottes Entscheidung für uns. Wenn wir uns zu Gott wenden, ist das eine direkte Wirkung dessen, dass Gott sich uns zugewandt hat. Wir wählen also nicht, sondern wir werden erwählt. Und das nicht etwa, weil wir besser wären als andere oder es gar verdienten, sondern einfach weil Gott es vor aller Zeit so beschlossen hat. Mit den Worten eines reformatorischen Bekenntnisses gesagt: „Die Vorherbestimmung zum Leben ist der ewige Vorsatz Gottes, wodurch er vor Grundlegung der Welt nach seinem uns verborgenen Rate fest beschlossen hat, diejenigen, welche er in Christus aus dem Menschengeschlecht erwählt hat, vom Fluch und Verderben zu befreien und als Gefäße der Ehre durch Christus zur ewigen Seligkeit zu bringen.“

(2.) Tatsächlich: Es wurde schon über uns beschlossen, als wir noch gar nicht da waren. Gottes Erwählen stand fest, bevor wir geboren wurden. Er entschied zu unseren Gunsten, ohne uns auch nur zu fragen. Und schon daran ist abzulesen, dass wir dieses Glück, zum Heil erwählt zu sein, keinem Wohlverhalten verdanken. Nein! Gottes gnädiges Erwählen ist keine Belohnung für irgendwas, und man qualifiziert sich auch nicht dafür durch fromme Gedanken, sondern genau umgekehrt ist es die Erwählung, die unser Leben qualifiziert und es zum Guten wendet, ohne dass wir dessen würdig wären. Eben deshalb aber macht diese biblische Lehre den Menschen keineswegs stolz, sondern macht ihn ganz im Gegenteil demütig. Denn es ist richtig, was C. H. Spurgeon sagt: Die Lehre von der Erwählung zieht (wie keine andere Lehre der Welt) dem Gläubigen das letzte Hemd aus und nimmt ihm jegliches Vertrauen auf sich selbst oder irgendetwas anderes – außer Jesus Christus.

Denn in Christus waren wir schon geliebt, bevor Gott uns geschaffen hatte, und waren in ihm gerettet, bevor wir auch nur unseren Namen sagen konnten. Bleibt da irgendein Grund, um stolz zu sein, wenn ich mit meiner Person doch in keiner Weise der Anlass für Gottes Wahl gewesen sein kann? Wessen könnte man sich da rühmen? Nur Gottes kann man sich rühmen, der grundlos für mich entschied! Und darum gibt es nichts, was demütigender für uns ist als die Lehre von der Erwählung. Denn sie macht offenbar, dass da nichts an uns dran ist, um dessentwillen Gott uns liebte, sondern dass seine Liebe gänzlich grundlos ist. Und wer unter diesen Umständen auf seine Erwählung stolz sein wollte, würde eben damit beweisen, dass er töricht und bestimmt nicht erwählt ist. Wer aber unter dem Eindruck seiner Erwählung erschrickt, weil sie dermaßen unverdient ist, darf ganz gewiss glauben, dass er erwählt ist. Denn es zählt zu den segensreichen Wirkungen der Erwählung, dass sie uns hilft vor Gott demütig zu werden.

Ihm gegenüber stehen wir mit leeren Händen da. Doch der Welt gegenüber kann uns das Bewusstsein der Erwählung keck und fröhlich machen. Denn was kümmert uns das Geschwätz der Leute, die über uns richten und uns verwerfen, wenn doch Gott an seinem Erwählen festhält? Ach, welch herrliche Freiheit verleiht das, wenn Gott sich für uns entschieden hat! Und auf wie sicherem Fundament steht unser Heil, wenn es einzig und allein auf Gottes Wahl und Wille beruht! Wer könnte denn ändern, was Gott schon vor Anbeginn der Welt zu meinen Gunsten beschlossen hat? Wer könnte daran rütteln? Und wer könnte Gott hindern, in aller Treue und Geduld seinen Vorsatz an mir zu einem guten Ende zu führen? Kein Teufel wird meiner habhaft, wenn ich in Gottes Ratschluss geborgen bin! Darum macht nichts einen Menschen so demütig und nichts macht ihn so frei, als wenn er glaubt und an seinem Glauben erkennen darf, dass er erwählt ist…

(3.) Was ist nun aber mit den Anderen? Müssen die nicht darunter leiden, nicht erwählt zu sein? Und ist es nicht hartherzig von Gott, einige zu erwählen und andere nicht? Irgendwie tun uns die Nicht-Gläubigen Leid, die ja genau so sind, wie wir auch. Wir wollen nicht, dass sie verloren gehen und fordern darum „gleiches Recht für alle“. Doch vergessen wir dabei, dass es in Gottes Erwählen eben nicht um ein Recht geht, sondern um jene frei gewährte Liebe, die auch bei Menschen nicht einklagbar ist. Oder geht man zu einer Mutter und sagt: Du liebst deine Kinder, „gleiches Recht für alle!“, du musst die Kinder der Anderen genauso lieben? Muss ein Mann, der seine Frau liebt, aus Fairnessgründen auch alle anderen lieben? Oder muss einer, der seine Freunde gern hat, aus Gründen der Gerechtigkeit alle anderen Leute genauso gern haben?

Wenn wir diese Forderung aber absurd finden und uns ganz selbstverständlich das Recht nehmen, manche Leute zu mögen und andere weniger, sollte Gott dann nicht auch das Recht haben, sich zu Freunden zu erwählen, wen er will? Wahrlich, ich wollte mit Gott keinen Streit darüber anfangen, was er darf und was nicht! Er ist nicht verpflichtet, alle Menschen gleich zu lieben, weil er überhaupt nicht verpflichtet ist, einen Einzigen zu lieben! Wo der Protest aber aus Mitgefühl erwächst, weil man sich vorstellt, die Nicht-Erwählten müssten traurig sein – da liegt ein Missverständnis vor. Denn der innere Widerstand gegen die Erwählungslehre rührt von der Vorstellung her, dass eine arme Seele zu Christus käme, sich nach Gnade sehnte und von Christus abgewiesen würde. Das wäre in der Tat eine Situation, die wir mit dem Jesus Christus, den wir kennen, nicht zusammenbringen. Denn Jesus wirft keinen hinaus, der zu ihm kommt, er setzt keinen vor die Tür, der Asyl erbittet, und er verweigert sich auch nicht den Mühseligen und Beladenen. Aber so ein Fall tritt auch niemals ein, weil diejenigen, die Gottes Gnade suchen und ersehen, garantiert erwählt sind, und die anderen, die nicht erwählt sind, Gottes Gnade gar nicht wollen, sondern drüber lachen.

Keiner kommt vergeblich zu Jesus – das ist richtig! Keinem wird die Tür verschlossen! Aber wenn einer nicht erwählt ist und vom Geist Gottes getrieben, kommt er auch gar nicht. Die aber nicht kommen, weil sie auf Gottes Gnade pfeifen, gehen nicht gezwungenermaßen und traurig in ihren Untergang, sondern gehen willentlich und fröhlich. Die Nicht-Erwählten fragen nicht nach dem himmlischen Heil, sondern nach dem irdischen Spaß. Sollen wir uns also ihretwegen empören, weil sie nicht bekommen, was sie doch gar nicht begehren? Geht es nicht ganz in Ordnung, wenn Gott ihnen ihren Willen lässt und sie dem Bösen überantwortet, das sie dem Guten vorziehen?

Wenn sich jemand bewusst in den Schatten stellt, kann man der Sonne nicht vorwerfen, dass sie ihn nicht wärmt. Denn die nicht erwählt sind, verachten Gottes Wort, haben keine Lust ihm zu folgen und gehen lieber ihren Begierden nach. Niemand verschließt vor ihnen die Kirchentür! Ganz im Gegenteil: Unsere Glocken rufen ständig nach ihnen! Aber Oberflächlichkeit draußen ist ihnen lieber als Besinnung drinnen – und innere Not spüren sie nur, wenn ihnen das Geld ausgeht. Da sie aber die Freuden der Welt mehr lieben als die Weisheit des Glaubens, sollten wir da in ihrem Namen protestieren, weil Gott sie nicht zum Glauben erwählt?

Wir rufen sie ja zu Gott, wir beten für sie, wir laden sie ein – und wenn sie aufhorchten, wäre ihre Erwählung schon fast gewiss. Da sie aber den Ruf hören und sagen „das schert mich nicht“, sollte ihnen Gott dann aufnötigen, was sie nicht haben wollen und nicht vermissen? Keiner sucht Gott vergeblich, wenn er ihn sucht, lassen sie uns daran festhalten! Wenn einer den Glauben wünscht, dann hat Gott ihn dazu erwählt – und hat ihm zuallererst den Hunger verliehen nach der Speise, die er dann gewiss auch bekommen wird. Wenn einer den Glauben aber gar nicht wünscht, sondern verlacht, wenn er keinen Hunger hat nach Gott, wie kann man dann fordern, Gott müsse ihn sättigen?

Mit welchem Recht könnte einer von Gott fordern, was er gar nicht begehrt? Und wenn er es nicht begehrt und nicht fordert, und Gott gibt es anderen, die es zu schätzen wissen – welchen Anlass hätte er zu klagen? Die Nicht-Erwählten bekennen ganz offen, dass sie vom Glauben nichts halten, nichts vom Abendmahl und nichts von der Bibel. Sie begehren auch keine Vergebung, weil sie sich nicht für Sünder halten. Wenn Gott ihnen aber nicht gibt, was sie ausdrücklich nicht haben wollen, sondern seine Segensgaben anderen gibt, wer dürfte darüber murren?

Die Betroffenen wollen zur Heiligung ihrer Herzen gar nicht erwählt sein! Und, bitteschön, sie sind’s auch nicht! Die anderen aber, die voller Sehnsucht sind und erwählt sein möchten zur ewigen Gemeinschaft mit Gott, die sind auch dazu erwählt und finden Gott freigiebig über alle Maßen. Wenn einer das Heilige wünscht und begehrt, dann ist es ihm auch bestimmt. Wenn’s aber einer verachtet und nicht haben will, bleibt es ihm erspart. Wenn wir Gott lieben, hat er uns dazu erwählt, dass wir ihn finden. Wenn aber nicht, dann dürfen wir ohne ihn unserer Wege gehen – und werden den gewiss nicht vermissen, den unser Herz doch hasst.

Ich verdanke diese Einsichten einem englischen Prediger namens C. H. Spurgeon, der sie schön veranschaulicht hat. Angenommen ein Mann auf der Straße würde rufen: „Welche Schande, dass ich keinen Sitzplatz in der Kirche habe, um zu hören, was man da predigt.“ Und er würde fortfahren: „Ich hasse diese Prediger, ich kann die Lieder nicht leiden, ich ertrage die evangelische Lehre nicht – und außerdem ist es eine Schande, dass ich keinen Sitzplatz habe“, würden wir seine Rede nicht unsinnig finden? Wir würden doch sagen: Dem Mann liegt nichts daran, er hat für den Sitzplatz in der Kirche gar keine Verwendung. Warum also sollte er sich ärgern, dass andere Leute etwas haben, was sie schätzen, was er aber verachtet?

Ich hoffe, dass ihnen über alledem die ungemein tröstlichen Konsequenzen der Erwählungslehre nicht entgangen sind. Denn wenn jemand ernstlich durch Jesus Christus errettet werden möchte, dann ist schon damit bewiesen, dass Jesus Christus ihn auch zur Rettung erwählt hat, und alle Türen stehen ihm offen. Noch bevor er richtig danach gefragt hat, ist die Frage seiner Erwählung schon positiv beantwortet. Denn wenn einer sich wirklich nach der Gnade auszustrecken beginnt, ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Gnade schon bei ihm angekommen ist.

Niemand macht sich auf den Weg zu Gott, wenn Gott ihn nicht zieht. Und niemand, der bei Jesus Christus anklopft, wird hinausgeworfen. Wenn ein Mensch dann aber bei Christus angekommen ist, wenn er getauft wurde und zum Abendmahl geht, dann gibt es in Sachen Erwählung keine Zweifel mehr, sondern nur noch die herrliche Gewissheit, dass das Heil dieses Menschen nicht etwa aus seinem eigenen, schwachen Willen hervorgegangen ist, sondern aus Gottes ewigem Willen, der nicht wackelt und nicht wankt. Selig sind also alle, die es nach Gott dürstet, denn sie werden sich an ihm laben und sind berufen, in ihm Frieden zu finden für alle Zeit und Ewigkeit.

Für die Anderen aber, die den Glauben heute noch belächeln, wollen wir von Herzen beten und wollen ihnen geduldig nachgehen, um zu sehen, ob sie nicht doch noch den Weg finden. So lang einer lebt, ist es nicht zu spät! Darum wollen wir Gottes Boten sein und schauen, ob nicht doch noch mehr zu uns gehören, und wollen die aufwecken helfen, die ihre Erwählung bisher verschlafen und nicht erkannt haben. Wollte Gott es wären noch ganz viele, die wir mitnehmen können auf den guten Weg!