Erg. 23 • Die goldene Regel

Doch nicht ganz einfach?

 

Es kam ein Heide zu dem berühmten Rabbiner Schammai und sprach zu ihm: „Rabbi ich will ein Jude werden. Aber nur unter der Bedingung, dass du mich alles Nötige lehrst, während ich auf einem Bein stehe.“

Der hochgelehrte Rabbi Schammai wurde darüber so böse, dass er den unverschämten Bittsteller mit einem großen Lineal in der Hand aus dem Haus jagte. Doch jener Heide ließ nicht locker. Er ging zu einem anderen bekannten Rabbiner, zum Rabbi Hillel und trug ihm dasselbe vor: „Rabbi ich will ein Jude werden. Aber nur unter der Bedingung, dass du mich alles Nötige lehrst, während ich auf einem Bein stehe“.

Rabbi Hillel wunderte sich, wurde aber nicht böse, sondern gab sein Einverständnis. Er ließ den Mann sich auf ein Bein stellen und sprach zu ihm: „Was du nicht willst, dass man es dir tut, das füge auch keinem anderen zu. Das ist Gottes ganzer Wille, alles andere ist Auslegung dieses Grundsatzes. Geh und lerne!“

Nun, die Erzählung endet an dieser Stelle, aber ich denke, jener frischgebackene Jude wird begeistert gewesen sein, von Rabbi Hillels „Schnellkurs“. Denn die goldene Regel kann sich wirklich jeder merken – auch wenn er keine Zeit hat für theologisch-moralische Studien: „Was du nicht willst, dass man es dir tut, das füge auch keinem anderen zu.“

Weil das eine so griffige Regel ist, ist sie sehr verbreitet. Sie taucht in vielen Religionen und Kulturen der Welt auf – und, was viele gar nicht wissen: Auch Jesus hat sie sich zu Eigen gemacht. Wir lesen im Lukasevangelium, dass Jesus seine Jünger ermahnte: „...wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“ (Lk 6,31)

Diese Regel ist schnell gelernt. Und sie ersetzt, wenn man sie richtig anwendet, viele dicke Gesetzbücher. Denn da braucht einer, der Gutes tun will, nicht lange nach einer passenden biblischen Anweisung zu suchen, sondern kann sich darauf beschränken die eigene Seele zu studieren. Er muss sich nur fragen: Wenn ich in der Lage dieses oder jenes Menschen wäre, was würde ich wollen, dass man mir tut? Wäre ich mein Nachbar, wäre ich dieser oder jener, welche Hilfe würde ich mir wünschen? Und schon weiß er, was zu tun ist.

Allerdings muss ich ein wenig Wasser in den Wein schütten: Denn so einfach ist die Regel nun doch nicht, dass man sie nicht missverstehen könnte. Darum erlaube ich mir drei Randbemerkungen dazu:

 

1. Randbemerkung: Es ist wichtig zu bemerken, dass Jesus die Goldene Regel nicht negativ formuliert wie Rabbi Hillel, sondern positiv. Jesus verlangt damit mehr als Hillel. Die negative Formulierung „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem anderen zu“ spricht nämlich nur von dem, was man lassen soll. Es könnte daher jemand auf die Idee kommen, Gottes Wille sei schon erfüllt, wenn man gar nichts tut – oder wenigstens nichts Böses. Aber das reicht Jesus keineswegs. Nein, Gottes Wille ist nicht bloß, dass wir unsere Mitmenschen in Ruhe lassen, sondern dass wir tätige Nächstenliebe an ihnen üben.

Wir sollen also nicht nur das Böse lassen, sondern das Gute tun. Und darum formuliert Jesus positiv: „...wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“ (Lk 6,31). Da wird Tätigkeit geboten, darum kann man auch durch Untätigkeit schuldig werden. Martin Luther hat das in einer Predigt über die goldene Regel seinen Hörern eingeschärft. Er sagt:

„Kleide den Nackten. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht gekleidet, so ist’s soviel als hättest du ihn beraubt. Nimm den Fremdling auf. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht beherbergt, so ist’s soviel als hättest du ihn fortgejagt. Tränke den Durstigen. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht getränkt, so ist’s soviel als hättest du ihn durstig gemacht. Tröste den Traurigen. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht getröstet, so ist’s soviel als hättest du ihn traurig gemacht. Lehre den Irrenden. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht belehrt, so ist’s soviel, als hättest du ihn irregeführt. Weise den Sünder zurecht. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht zurechtgewiesen, so ist’s soviel als hättest du ihn zum sündigen verleitet. Entschuldige den Verleumdeten. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht entschuldigt, so ist’s soviel als hättest du ihn verleumdet. Heile den Kranken. Wenn du es gekonnt hast und hast ihn nicht geheilt, so ist’s soviel, als hättest du ihn geschwächt.“

 

2. Randbemerkung: Jesu Regel setzt voraus, dass der, der sie anwendet, auch für die eigene Person das Gute will. Denn sonst kommt Unsinn dabei heraus. Denken sie nur einmal an einen Alkoholiker. Der könnte sagen: „Ich werde gern zu Trinkgelagen eingeladen. Also befolge ich nun Jesu Regel „...wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“ und lade die anderen Säufer des Ortes auch zu einem Gelage ein.“ Ebenso könnte ein Krimineller sagen: „Ich hätte gerne, dass man mir bei meinen unsauberen Geschäften nicht auf die Finger schaut. Also befolge ich Jesu Regel und sehe auch über die Machenschaften aller anderen Ganoven hinweg.“ Und ein Eitler könnte denken: „Ich mag es, wenn man mir schmeichelt, also schmeichle ich nun auch den anderen.“

Man muss zugeben, dass Jesu Wort in diesen Fällen formal richtig angewandt wird. Und trotzdem wird niemand meinen, die Schlussfolgerungen seien in Jesu Sinne. Darum wird hier ein Schwachpunkt der Goldenen Regel sichtbar, dass sie nämlich in die Irre führt, wenn der, der sie anwendet, sich über die eigenen charakterlichen Mängel nicht im Klaren ist. Unsere unmoralischen Wünsche sind kein geeigneter Maßstab für das Gute, das wir anderen tun sollen. Wollen wir Jesu Regel also erfolgreich anwenden, so gehört eine gewisse Selbstprüfung dazu: Wir müssen nicht nur fragen, was wir uns selbst wünschen, um es dann den anderen zukommen zu lassen. Sondern wir müssen vorher auch prüfen, ob das, was wir uns selbst wünschen, wirklich etwas Gutes ist, oder nur scheinbar.

 

3. Randbemerkung: Jesu Goldene Regel darf nicht als ein eigennütziger Grundsatz missverstanden werden. Die Regel „...wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“ meint etwas völlig anderes, als „Eine Hand wäscht die andere“. Freilich, auf den ersten Blick scheint es da eine Übereinstimmung zu geben mit der landläufigen Weisheit: Bist du nett zu deinem Nachbarn und hilfst ihm, so wird er auch nett sein zu dir und dir helfen. Man verfährt nach dem Grundsatz „wie du mir, so ich dir“ und beiden ist geholfen. Jesus geht es aber gerade nicht um solche Geschäfte zum gegenseitigen Nutzen. Denn es stimmt zwar: „Wie man in den Wald ruft, so schallt es heraus“. Aber wenn einer nur darum anderen Gutes tut, damit sie ihm wiederum Gutes tun, ist das nicht christliche Nächstenliebe, sondern nur Lebensklugheit und Berechnung.

Nicht der tut wahrhaft Gutes, der es um seines Vorteils willen tut, sondern der dabei von seinem eigenen Vor- oder Nachteil ganz absieht. Darum sagt Jesus nicht: „...wie ihr wollt, dass euch die Leute tun, so tut zuerst ihnen, damit sie sich verpflichtet fühlen, euch auch Gutes zu tun. Er sagt auch nicht „Was euch die Leute tun, das tut ihnen auch“. Das würde nur bedeuten Gutes wie Böses mit gleicher Münze heimzuzahlen. Vielmehr ermahnt uns Jesus, den anderen zu tun, was wir wollten, das man uns täte – und zwar unabhängig davon, ob es wirklich geschieht.

Wir sollen also helfen, auch wenn uns keiner hilft. Wir sollen die Wahrheit sagen, auch wenn die anderen uns belügen. Und wir sollen segnen, auch wenn die anderen uns verfluchen. Denn die Freunde zu lieben und die Feinde zu hassen ist kein Kunststück. Darum gilt es genau auf die weiteren Erläuterungen Jesu zu hören. Er sagt: „...wie ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, so tut ihnen auch!“ Er fährt aber fort:

„...wenn ihr die liebt, die euch lieben, welchen Dank habt ihr davon? Denn auch die Sünder lieben ihre Freunde. Und wenn ihr euren Wohltätern wohltut, welchen Dank habt ihr davon? Denn die Sünder tun dasselbe auch. Und wenn ihr denen leiht, von denen ihr etwas zu bekommen hofft, welchen Dank habt ihr davon? Auch die Sünder leihen den Sündern, damit sie das Gleiche bekommen. Vielmehr liebt eure Feinde; tut Gutes und leiht, wo ihr nichts dafür zu bekommen hofft. So wird euer Lohn groß sein, und ihr werdet Kinder des Allerhöchsten sein; denn er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen.“ (Lk 6,32-35).

 

Nun, ich will es dabei bewenden lassen, denn meine Randbemerkungen zur goldenen Regel sind ja längst zu lang, als dass man sie auf einem Bein stehend hätte anhören können!