Erg. 25 • Die biblischen Gebote

Vom Geist in den Buchstaben

 

Wer sich mit dem „ethischen“ Handeln beschäftigt, fragt nach Instanzen, die uns helfen, das Schlechte, das wir lassen sollen, von dem Guten, das wir tun sollen, zu unterscheiden. Er mag dazu das menschliche Gewissen betrachten, stellt dann aber fest, dass es getäuscht und abgestumpft werden kann. Vielleicht untersucht er die „Goldene Regel“ und findet, dass auch die beste Regel, wenn man sie falsch anwendet, in die Irre führt. Und wenn er die „Vernunft“ zu Hilfe ruft, zeigt sich, dass die „reine“ Vernunft beim Tun des Bösen genauso nützlich ist, wie beim Tun des Guten. Woher also nehmen wir die Maßstäbe, die wir brauchen, um ethische Entscheidungen zu fällen?

Es liegt nahe, in dieser Situation auf die Zehn Gebote zurückzugreifen. Denn schließlich sind sie seit Jahrtausenden eine Quelle moralischer Orientierung. Und außerdem steht hinter ihnen eine höhere Autorität als die der menschlichen Einsichten und Ansichten. Ja, könnte man sagen: Wenn das Gewissen irren kann, warum fragen wir nicht den, der das Gewissen geschaffen hat? Wenn die Vernunft uns im Stich lässt, warum fragen wir nicht den, der sie uns gegeben hat? Wenn wir eine „Gebrauchsanweisung“ für diese Welt suchen, warum dann nicht bei dem, der die Welt gemacht hat?

Für gläubige Menschen ist es nicht nur naheliegend, so zu fragen, sondern unausweichlich. Denn schließlich ist diese Welt Gottes Eigentum. Sie ist sein liebevoll angelegter Garten. Und darum kann nur er als Hausherr und Eigentümer die Regeln festlegen, die auf seinem Grund und Boden gelten sollen. Was in ethischen Fragen zählt, ist Gottes Wille und Gebot. Denn ein abstraktes „Gutes“, das von Gott unabhängig wäre, eine ihm vorgegebene „sittliche Norm“ gibt es gar nicht. Vielmehr ist Gottes Wille selbst die Norm, deren Zielsetzung sich unmittelbar aus seinem schöpferischen Handeln ergibt. Gott liebt und bejaht nämlich seine Schöpfung. Er will, dass sie bleibt. Und er unterwirft sie (eben deshalb!) gewissen Regeln, die nötig sind, um das Geschaffenen zu schützen und gesund zu erhalten, das Gute zu fördern und dem Bösen Einhalt zu gebieten.

Gottes Gebote sollen verhindern, dass die Geschöpfe sich selbst oder anderen Schaden zufügen. Sie dienen dem Leben! Damit aber keiner sagen kann, er hätte von diesen Geboten nichts gewusst oder hätte sie nicht verstanden, darum hat Gott sie der Menschheit in knapper und unmissverständlicher Form mitgeteilt. Gottes Gebote sind so überschaubar, dass der Mensch die wichtigsten zehn an den Fingern seiner beiden Hände abzählen kann. Und soweit er sich daran hält, ist er „ethisch“ und „moralisch“ auf der sicheren Seite. Denn Gottes Gebote sind ein praktisches Geländer, an dem man sich festhalten kann, wenn der Fuß abzugleiten droht. Sie sind Warnschilder, die uns auf Gefahrenstellen aufmerksam machen. Und sie sind Leuchtfeuer, die uns sicher nach Hause geleiten.

Ist unser Problem also gelöst? In gewissem Sinne: Ja. Wir wissen was gut und was böse ist. Und zwar nicht, weil wir klug genug waren es herauszufinden, sondern schlicht weil Gott es uns gesagt hat: Wir sollen nicht töten, nicht stehlen, nicht ehebrechen, nicht lügen, nicht neidisch und nicht gierig sein. Wir sollen aber die Eltern ehren, sollen den Feiertag und den Namen Gottes heilig halten – und sollen vor allem nichts Irdisches an Gottes Stelle treten lassen.

Das alles ist deutlich genug. Und man sollte meinen, dass der Mensch, ausgestattet mit so klaren Weisungen, nicht mehr viel falsch machen kann. Doch leider ist nichts auf dieser Welt so gut, dass es nicht seiner Bestimmung entfremdet, verdorben und falsch angewandt werden könnte. Nicht mal Gottes Gebote! Wie ist das möglich?

Oft werden Gottes Gebote gerade dort missverstanden, wo man sie mit besonderem Eifer zu erfüllen versucht. Denn wenn ein Mensch sich ganz in die Perfektionierung des eigenen Gehorsams vertieft, wird dieser Gehorsam leicht zum Selbstzweck. Das einzelne Gebot wird dabei immer weiter ausgelegt und ausgedeutet. Man kommentiert es und präzisiert es. Man macht aus der Befolgung der Gebote ein juristisch ausgefeiltes System. Man hält für jede Lebenslage ein Fallbeispiel bereit und für jede Komplikation eine lehrbuchmäßige Lösung. Man scheint damit ganz „nah dran“ zu sein am Willen Gottes, denn man pocht leidenschaftlich auf jeden einzelnen Buchstaben des Gesetzes. Und doch ist man in Wahrheit „weit weg“ von dem, was das Gesetz eigentlich will.

Denn wer nur auf den Buchstaben starrt, verliert aus dem Blick, in welchem Geist und mit welcher Absicht das Gesetz gegeben wurde. Das Gesetz will nämlich, dass ich das Gute tue, nicht um des Gesetzes, sondern um meines Mitmenschen willen. Nicht meine Moralität ist das Ziel der Gebote, sondern das zeitliche und ewige Heil des anderen Menschen.

Wenn ich das aber vergesse, und mich in meinem Eifer bloß „regelkonform“ verhalte, um „regelkonform“ zu sein, dann habe ich die Gebote von der positiven Intention gelöst, der sie sich verdanken. Und unversehens ist aus dem, was ein hilfreiches Geländer sein sollte, eine Stolperfalle geworden. Das Neue Testament selbst illustriert diesen Vorgang, wenn es um die strikte Heiligung des Feiertages geht (Mt 12,9-14):

„Jesus kam in ihre Synagoge. Und siehe, da war ein Mensch, der hatte eine verdorrte Hand. Und sie fragten ihn und sprachen: Ist's erlaubt, am Sabbat zu heilen?, damit sie ihn verklagen könnten. Aber er sprach zu ihnen: Wer ist unter euch, der sein einziges Schaf, wenn es ihm am Sabbat in eine Grube fällt, nicht ergreift und ihm heraushilft? Wieviel mehr ist nun ein Mensch als ein Schaf! Darum darf man am Sabbat Gutes tun. Da sprach er zu dem Menschen: Strecke deine Hand aus! Und er streckte sie aus; und sie wurde ihm wieder gesund wie die andere. Da gingen die Pharisäer hinaus und hielten Rat über ihn, wie sie ihn umbrächten.“

Zweifellos ist das ein krasses Beispiel für einen Missbrauch der Gebote. Denn für die Pharisäer ist am Feiertag nicht nur jede Arbeit verboten, sondern selbst die „ärztliche Tätigkeit“ Jesu, die einem Kranken Heilung bringt. Der Buchstabe des Gesetzes ist für diese Leute zum starren Käfig geworden und der Gehorsam zum Selbstzweck, denn die heilvolle Absicht, die hinter Gottes Geboten steht, haben sie nicht mehr im Blick. Die Freiheit aber, mit der Jesus sich über die Bedenken dieser „Moralisten“ hinwegsetzt, sollte uns eine Warnung sein:

Auch wir dürfen die liebende Hinwendung zum Nächsten nicht durch einen äußerlich-formalen Gehorsam ersetzen. Denn wer das Böse bloß sein lässt, um einer Strafe zu entgehen, und das Gute bloß tut, um moralisch unangreifbar zu sein, der bejaht dabei nicht den Mitmenschen, dem sein Handeln zu Gute kommen soll, sondern bejaht im Grunde nur sich selbst. Er ist mit seinen Gedanken und mit seinem Herzen nicht wirklich beim anderen, sondern handelt bloß „gut“, um „gut“ dazustehen. Und eben damit verfehlt er den Sinn der Gebote. Denn die leiten uns an, das Gute nicht bloß zu tun, sondern es (zuerst und vor allem) von ganzen Herzen zu wollen. Wo solcher Wille aber fehlt, da wird der Buchstabe des Gesetzes zu einer unverstandenen, nicht fröhlich, sondern nur zwanghaft befolgten „Vorschrift“.

Heißt das nun, man solle sich, statt am Wortlaut der Gebote lieber an ihrer „Intention“ orientieren? Können wir großzügig über das hinweggehen, was Gott gesagt hat, weil wir ja wissen, was er gemeint hat? Haben wir die einzelnen Gebote vielleicht gar nicht mehr nötig, wenn wir nur durchdrungen sind von Gottes Geist, dem Geist der Liebe, dem diese Gebote entspringen? Nein! Das hieße nur, von einem Fehler in einen anderen zu verfallen. Denn wie es einen „pharisäischen“ Missbrauch der Gebote gibt, der den Buchstaben gegen den Geist ausspielt, so gibt es auch einen „libertinistischen“ Missbrauch, der den Geist gegen den Wortlaut auszuspielen versucht: „Was brauche ich Gebote“ – sagt man dann – „wenn doch der Geist der Nächstenliebe in mir ist? Spürt denn die Liebe nicht von selbst, was zu tun ist? Bedarf sie denn irgendwelcher Regeln und Vorschriften? Weiß die Liebe nicht am besten, was der andere gerade braucht?“

Diese Argumentation klingt in unseren Ohren sympathischer als die der Pharisäer. Und doch ist es nur die Umkehrung ihres Fehlers, die umso gefährlicher ist, als sie einen Anschein des Rechtes auf ihrer Seite hat. Vordergründig stimmt es nämlich: Wären wir so von Nächstenliebe durchdrungen, wie Jesus es war, wären wir also innerlich eins mit dem guten Willen Gottes, so bräuchten wir in der Tat keine Gebote mehr. Gottes Wille wäre uns dann so tief ins Herz hineingesenkt, dass wir die äußere Leitung durch die Gebote nicht mehr nötig hätten. Das Gute wäre uns schlicht ein Bedürfnis. Und das Böse wäre uns ganz von selbst zu wider.

Nur bitte: Wer von uns ist so weit, dass er diese Voraussetzung erfüllt? Wer steht mit Jesus auf einer Stufe? Von Jesus galt gewiss, dass er immer zweifelsfrei und instinktsicher das Gute traf. Er hätte dazu wohl keiner Gebote oder Weisungen bedurft. Wir Sünder aber, die wir, wenn überhaupt, nur einen sicheren Instinkt für das Falsche haben, sind auf die äußere Stützung und Weisung durch Gottes Gebote dringend angewiesen. Wir sind nicht Herr über die Gebote, wie Jesus das war, sondern wir bleiben lebenslang ihre Schüler. Denn wir brauchen sie als Geländer, um uns daran zu halten, als Warnschilder an Gefahrenstellen und als Leuchtfeuer auf ungewissen Pfaden.

Wie also sollen wir’s machen, um beide Fehler zu vermeiden? Ich denke der sichere Weg im Umgang mit den biblischen Geboten führt in der Mitte hindurch. So nämlich, dass wir weder den Wortlaut der Gebote gegen ihre Intention ausspielen, noch ihre Intention gegen den Wortlaut, sondern stets das eine mit dem anderen im Zusammenhang sehen.

Biblische Gebote zu befolgen, deren Sinn man nicht versteht, ist vielleicht besser als nichts. Und auch ein regellos-spontanes „Gut-sein-Wollen“ wird gelegentlich zu richtigen Entscheidungen führen. Doch zuverlässige ethische Orientierung gewinnen wir erst, wenn wir Gottes Gebote von seinem Schöpferwillen her verstehen, uns die positive Richtung dieses Willens zu eigen machen, auch unsererseits das Geschaffene bejahen, und dann aus den Geboten lernen, wie sich dieses „Bejahen“ in Taten konkretisiert.

Dabei sollte kein Gebot bloß formal und äußerlich erfüllt werden. Aber wir sollten auch keinen Schritt tun, ohne nach relevanten Weisungen Gottes gefragt zu haben. Es wäre falsch, wenn das Gebot nur unsere Hände binden würde, ohne unser Herz zu erreichen. Aber es wäre genauso falsch, sich unter Berufung auf das Herz über Gottes klare Weisungen zu erheben. Der Gehorsam kann die Liebe genauso wenig ersetzen, wie die Liebe den Gehorsam. Vielmehr sollten beide so zusammenkommen, dass das eine Ausdruck und Manifestation des anderen ist. Denn Gott will nicht bloß, dass wir tun, was er sagt, weil er es sagt, sondern er will, dass wir tun, was er sagt, weil wir dasselbe wollen, was er will…