Erg. 43 • Das Ziel ist der Bund

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Es ist etwas Seltsames um den Tod. Denn er ist uns vertraut und ist doch fremd zugleich. Der Tod steht uns täglich vor Augen, wenn wir die letzten Seiten der Zeitung aufschlagen. Und doch leben wir unseren Alltag als ginge der Tod uns selber nichts an. Wir wissen natürlich um unsere Vergänglichkeit! Und doch nehmen wir sie erst dann so richtig ernst, wenn der Tod nach unserer Familie greift. Dann stellen wir erschrocken fest, dass der Tod uns jederzeit auch das Vertrauteste nehmen kann, und zucken zusammen als hätten wir’s vorher nicht gewusst. Aber wissen wir es wirklich nicht? Fällt nicht in jedem Herbst das Laub von den Bäumen?

Die Blätter verfärben sich, fallen zu Boden und verrotten. Niemand wundert sich darüber. Auch die Tiere werden geboren, wachsen und sterben. Selbst die Häuser, die wir bauen, stehen nicht ewig! Vergänglichkeit ist das allgemeinste Gesetz das wir kennen. Und doch: Dass es in seiner Allgemeinheit auch uns selbst einschließt – an diese verdrängte Wahrheit müssen wir erst schmerzlich erinnert werden.

Am Grabe lieber Menschen können wir’s dann nicht mehr leugnen. Und doch haben wir auch in solcher Situation noch Schwierigkeiten, es zu akzeptieren. Denn tief drinnen in uns sagt eine Stimme: „Bin ich nicht mehr als so ein Blatt am Baum? Bin ich nicht mehr, und waren nicht auch die Verstorbenen mehr als dies? Hätten sie nicht Besseres verdient?“ So fragen wir – und wollen gegen den Verlust protestieren. Doch dann trennen sich unsere Wege und wir müssen hinnehmen, dass unser Leben kein Ruhen ist und kein Bleiben, sondern bloß eine gemeinsame Reise von ungewisser Dauer. Jederzeit kann sich der Weg vor uns gabeln, ein über Jahrzehnte vertrauter Mensch schlägt auf einmal eine andere Richtung ein – und wenn wir dagegen Einspruch erheben wollten, so machte das noch nicht einmal Sinn, denn wir wussten ja, dass es so kommen würde…

Wir alle sind auf derselben Reise, immer unterwegs von der Wiege hin zur Bahre, unterwegs von der Jugend ins Alter, unterwegs von der Zeit in die Ewigkeit. Und so wie wir uns bei Beerdigungen fragen, wie erfolgreich die Reise des Verstorbenen gewesen sein mag, so fragen wir uns vielleicht auch selbst, ob unsere eigene Lebensreise eher einer Irrfahrt gleicht oder einem Triumphzug, einer Suche oder einer Flucht, einem mühsamer Marsch oder einer beschauliche Wanderung.

Natürlich wünscht sich jeder eine glückliche Reise und ein gelingendes Leben. Aber wissen wir überhaupt, woran wir „gelingendes“ Leben erkennen? Wird es nicht bei uns allen aus Höhen und Tiefen bestehen, so dass sich Erfolg und Scheitern mischen? Wenn’s aber so ist, soll man dann von „erfülltem Leben“ reden allein wegen der Fülle der Erfahrungen und weil’s Spaß gemacht hat? Oder ist es schon dann ein gelungenes Leben, wenn es bei angemessener Lebensqualität 60 oder 70 Jahre währte? Man wird das nicht leicht entscheiden können – und wenn man länger darüber nachdenkt, stößt man auf noch grundsätzlichere Fragen. Denn wenn es stimmt, dass das Leben eine Reise ist – hängt dann das Gelingen dieser Reise nicht davon ab, zu welchem Ziel sie führt? Ist das nicht bei jeder Reise so? Und stellt es den Wert unserer Lebensreise dann nicht arg in Frage, wenn die Endstation der Tod ist? Kann Leben überhaupt gelingen, wenn es doch nur auf den Tod hinausläuft?

Vielleicht wird man an unserem Grab sagen: Das war doch eigentlich ein ganz „gelungenes“, ein „erfülltes“ Leben! Und trotzdem bleibt die Frage, ob nicht der Tod vor unsere Lebenssumme ein dickes Minus schreibt. Denn wenn wir doch am Ende samt allem, was wir gewesen sind, dem Vergehen und dem Vergessen preisgegeben werden, dann scheint dadurch auch alles Vorangegangene entwertet. Das Leben scheint gar nicht gelingen zu können, wenn es doch nur auf eine letzte Niederlage hinausläuft. Ob es sich aber wirklich so verhält, das ist eine Frage des Glaubens.

Sind wir wirklich, nur Luftblasen und Schaumkronen auf dem ewigen Fluss der Zeit? Sind wir etwas Belangloses, das aus den Fluten aufsteigt, für Sekunden mitgerissen wird und dann wieder untergeht und spurlos verschwindet? Es scheint so! Doch wenn uns Gott gewollt und geschaffen hat, ist es dann wahrscheinlich, dass er uns auf eine derart sinnlose Reise schickt?

Tatsächlich genügt ein Blick in die Bibel, um die Dinge in ein anderes Licht zu rücken. Denn da wird schnell klar, dass unser Schöpfer bessere Absichten mit uns hat. Ja, Gott gönnt uns etwas Besseres als bloß den Tod. Und er schenkt uns jene Wegstrecke von der Wiege bis zur Bahre vor allem dazu, dass wir inmitten der Zeit einen Bund schließen können mit ihm, dem ewigen Gott, und durch diesen Bund Anteil gewinnen am ewigen Leben.

Unser Erdendasein ist kein Selbstzweck! Es ist uns nicht zum Spaß gegeben und nicht zum Zeitvertreib, sondern soll uns Gelegenheit geben mit Gott ins Reine zu kommen. Und nutzen wir’s dementsprechend, vereinen wir uns in der Zeit mit unserem Schöpfer und Erlöser, so bleiben wir mit ihm vereint auch über dieses Erdenleben hinaus. Darum ist der Tod auch nicht das Ziel unseres Lebens – er wäre ein absurdes Ziel! – sondern das eigentliche Ziel unseres Lebens ist der Bund mit Gott, den wir hier im Glauben schließen und der uns auch dort, jenseits der Todesgrenze, noch mit Gott vereint. In die Gemeinschaft mit Gott hineinzuwachsen, das ist unsere eigentliche Bestimmung – dazu sind wir hier! Und wer das versteht, dem hat sich die Frage, was denn ein „gelungenes“ Leben ausmacht, ganz von selbst beantwortet. Denn wer sein Leben nicht genutzt hat, um Gott zu finden, dem ist sein Leben misslungen, auch wenn es lang und voller Freude war. Wer aber zu Gott gefunden hat, dem ist das Leben geglückt, selbst wenn es kurz und mühselig gewesen wäre.

Für einen gläubigen Menschen ist der Tod keine triste Endstation, sondern nur das Ende von seines Lebens erstem Teil. Ja, so groß ist die Macht des Glaubens, dass er den Tod degradiert bis er nichts weiter mehr ist als ein Übergang von dieser traurigen Welt in eine bessere, nichts weiter als eine Überfahrt von einem Ufer an das andere, nichts weiter als eine Geburt, die ihn auf schmalem Wege von einer engen und dunklen Welt hinausbefördert in eine weitere, hellere und viel schönere Welt. Wenn wir das aber glauben dürfen – brauchen wir dann weiteren Trost angesichts unserer Sterblichkeit? Oder sollte es uns unmöglich sein, die Verstorbenen gehen zu lassen? Nein. Weil Gott für die Seinen sorgt, dürfen wir ohne Sorge sein…