Erg. 27 • Das Maximum-Happiness-Principle

Eine Ethik des Glücks?

 

Es gibt einen moralischen Grundsatz, der sich großer Beliebtheit erfreut, weil er nicht hochtrabend und streng daherkommt, sondern ganz praktisch und sympathisch. Er lautet: „Handle stets so, dass das Glück der von deiner Handlung betroffenen Menschen vermehrt und gesteigert wird. Bedenke also alle Folgen deines Tuns – und dann tue das, was möglichst viele Menschen möglichst glücklich macht.“

Der Fachbegriff für diese Lebenshaltung heißt „Utilitarismus“, weil sie ihr Augenmerk nur auf den „Nutzen“ einer Handlung legt – und anderes dementsprechend weniger wichtig findet. Ob der Mensch gesetzeskonform oder tugendhaft handelt, ob er irgendwelchen Prinzipien oder einfach der Stimme seines Gewissens folgt, ist für den Utilitarismus von untergeordneter Bedeutung, wenn nur das Ziel (die Maximierung des von Menschen erlebten Glückes) erreicht wird. Nur auf dieses Ergebnis kommt es an. Nur an diesem Maßstab wird gemessen. Und diese klare, pragmatische Zielorientierung kann gerade auf Christen überzeugend wirken. Denn wir wissen ja, dass wir unseren Nächsten lieben sollen. Und wen man liebt, den möchte man glücklich sehen! Warum soll man also die ethische Zielbestimmung unnötig komplizieren? Leid zu vermeiden und Glück zu fördern – wie könnte das jemals falsch sein? Glück zu verhindern und Leid zu vermehren – wie könnte das jemals richtig sein?

Der „Utilitarismus“ leuchtet schon deshalb vielen Menschen ein, weil jeder für die eigene Person nach Glück strebt. Und auch aus der Perspektive des Glaubens scheint er kaum anfechtbar. Denn wenn Gott seine Geschöpfe liebt, dürfen wir unterstellen, dass auch er sie glücklich sehen will. Unser Handeln auf dieses Glück auszurichten, scheint daher eine gute und sichere Maxime zu sein. Vermehren wir in unserem Umfeld Freude und Lebenslust. Vermeiden wir alles, was jemandem Schmerzen bringt. Und prüfen wir in Entscheidungssituationen immer nur die eine Frage: Welche der möglichen Handlungsweisen die Summe des Glücks auf Erden am effektivsten erhöht.

Freilich: Ob sich das, was so einfach klingt, auch einfach anwenden lässt, ist eine offene Frage. Denn in den Konflikten des Alltages ist oft nur schwer zu beurteilen, welches Verhalten (langfristig!) die meisten Menschen glücklich macht. Und der Maßstab, den es anzuwenden gilt, ist auch nicht so klar, wie es scheint. Denn unter „Glück“ kann man mancherlei verstehen.

Das „Maximum-Happiness-Principle“ der Utilitaristen („Handle so, dass das größtmögliche Maß an Glück entsteht!“), setzt einfach voraus, wir wüssten, was wahres Glück ist. Aber ist es für meinen Nachbarn wirklich dasselbe wie für mich? Ist Glück das, was die Masse dafür hält? Ist es Glück, jeden noch so närrischen Wunsch erfüllt zu bekommen? Geht es beim „Glück“ um satte Bäuche und Spaß, um Brot und Spiele? Zählt auch das Glück dazu, das Drogen mir schenken? Oder ist in Wahrheit nur ein sinnerfülltes Leben „glücklich“ zu nennen?

Man könnte dieses Problem umgehen, indem man sagt: Glücklich ist, wer sich (subjektiv) glücklich fühlt. Aber wer sagt eigentlich, dass dieses Glücksgefühl wirklich das oberste Ziel des Menschen ist? Leben wir, um glücklich zu sein? Oder könnte es sein, dass einer, der glücklich, sorglos und gedankenlos dahinlebt, gerade dadurch den tieferen Sinn seines Daseins verfehlt? Angenommen, die Bestimmung des menschlichen Lebens läge darin, einen Prozess der inneren Reifung zu durchlaufen und dadurch Erkenntnis zu gewinnen – könnte es dann nicht sein, dass ein zeitweise „unglücklich“ verbrachtes Leben (an diesem Maßstab gemessen!) viel „gelungener“ und insofern für den Menschen „besser“ wäre?

Schon diese Fragen nähren Zweifel. So richtig problematisch wird das „Maximum-Happiness-Principle“ aber, wenn man es praktisch anzuwenden versucht. Denn selten hat man Gelegenheit, so zu handeln, dass alle Beteiligten dabei „gewinnen“. Keine Handlung hat nur Vorteile. Es ergeben sich immer auch Nachteile. Um den „Glücksgewinn“ zu ermitteln, den mein Handeln maximal erzielen kann, muss ich also das Glück addieren, das ich bei einigen Personen verursache, und muss davon das Leid abziehen, das meine Handlung bei anderen hervorruft.

Erst aus der Summe ergibt sich, ob es „lohnt“, die aus der Handlung entstehenden Nachteile in Kauf zu nehmen. Aber kann man Glück wirklich wie eine „Recheneinheit“ behandeln? Kann man Glücksmengen gegeneinander aufrechnen wie Äpfel und Birnen, Liter und Kilos? Kann man Glück bilanzieren wie einen Firmengewinn? Kann man es steigern, wie das Bruttosozialprodukt? Ist das Gute dann nur noch eine Frage Kalküls? Und vor allem: Darf man das Leid des einen Menschen so gegen das Glück der anderen aufrechnen, dass es in der positiven Gesamtbilanz „ausgeglichen“ wird? Gerade hier treffen wir einen wunden Punkt des Utilitarismus:

Stellen Sie sich nur einmal eine alte Frau vor, die im Supermarkt an der Kasse steht. Sie ist sehbehindert und vertut sich darum immer wieder beim Abzählen des Kleingeldes. Die Schlange hinter ihr wird länger und länger. Aber die Frau kommt mit ihrem Portemonnaie nicht zurecht. Bald blockiert sie 20 ziemlich genervte Menschen. Und was soll die Kassiererin tun? Sie könnte 20 Menschen ziemlich glücklich machen, wenn sie die alte Dame beiseite schieben würde. Die Glücksbilanz der Wartenden würde sich schlagartig verbessern. Aber darf man das Glück der vielen Wartenden so einfach gegen die Kränkung einer alten Frau aufrechnen?

Ein anderer Fall: Wenn es der Polizei gelungen ist, Terroristen zu fassen, und es durch die Folterung dieser Terroristen möglich wäre, wichtige Informationen zu erlangen, Anschläge zu verhindern und damit Unschuldigen das Leben zu retten – wäre man dann berechtigt, das Leid der (wenigen) Gefolterten gegen das Glück der (vielen) Geretteten aufzurechnen?

Konsequente Utilitaristen müssten sich in solchen Fällen stets für „das größte Glück der größten Zahl“ entscheiden. Aber ist das vertretbar, wenn dafür fundamentale ethische Grundsätze wie die Menschenwürde verletzt werden müssten? Darf man Glück gegen Gerechtigkeit aufwiegen – oder gegen Wahrhaftigkeit?

Stellen wir uns einen Arzt vor, der seinem Patienten eine tödliche Diagnose eröffnen muss. Sagt der Arzt die Wahrheit, so kann es sein, dass der Patient monatelang voller Angst und Sorge auf den Tod wartet. Macht er dem Patienten aber falsche Hoffnungen, könnte es sein, dass er die letzten Monate frohgemut mit seiner Familie verbringt, bevor ihn der Tod überrascht. Die zu erwartende „Glücksbilanz“ ist ziemlich klar. Und doch: Hat der Patient nicht ein Recht auf die Wahrheit?

Darf man also im Namen des Glückes lügen, foltern und kränken? Darf man wenige Menschen opfern, um dadurch viele zu retten? Aus der Sicht des Glaubens kann man getrost „nein“ dazu sagen. Denn:

(1.) Das Recht des einen Menschen ist mit dem Glücksgewinn des anderen prinzipiell nicht „verrechenbar“ (sonst hätten die Männer recht gehabt, die aus Angst vor blutigen Unruhen den Tod Jesu geplant und in Kauf genommen haben: vgl. Joh 11,50!).

(2.) Um es ganz deutlich zu sagen: Gott hat uns nicht primär dazu geschaffen, dass wir auf Erden glücklich werden. Was man „irdisches Glück“ nennt, ist nicht das Ziel unseres Daseins, sondern nur ein erfreulicher (!) Teil unseres Weges.

(3.) Was gut, richtig und von Gott geboten ist, gilt unabhängig davon, ob es gerade irgendwen glücklich oder unglücklich macht. Gottes Gebote sind zwar so weise, dass sie – wenn sie befolgt würden! – das Glück der Menschheit vervielfachten. Doch ist das nicht der alleinige Grund und schon gar nicht die Bedingung ihrer Geltung.

Ist es also verkehrt, Handlungen daraufhin zu prüfen, ob sie Glück oder Unglück vermehren? Nein. Natürlich nicht. Der Utilitarist, der nach der Glücksbilanz aller Betroffenen fragt, steht schon meilenweit über dem Egoisten, der sich nur für seine eigene Glücksbilanz interessiert. Und auch als Christ wird man dort, wo man nicht durch andere ethische Grundsätze gebunden ist, der Glück verheißenden Handlungsoption den Vorzug geben. Doch als Leitwährung und oberster Maßstab unseres Handelns kann das Glück nicht dienen. Denn dazu ist es ein viel zu subjektiver und missverständlicher Begriff. Für den, der sich allein am Glück orientieren will, wird es schnell zum „Irrlicht“.