Erg. 24 • Das Gewissen

Gottes Stimme in uns?

 

Das Gewissen ist eine seltsame Sache. Jeder kennt es. Mindestens in der Form des „schlechten“ Gewissens. Und jeder legt wert darauf, eines zu haben. Denn man möchte nicht für „gewissenlos“ gehalten werden. Wer aber sagen soll, was sein Gewissen eigentlich ist und was es macht, der findet nicht gleich eine Antwort. Denn die Erfahrungen mit dem Gewissen sind vielfältig:

Bei manchen Menschen regt sich das Gewissen, weil sie lange nicht mehr beim Zahnarzt waren. Und andere haben Gewissensbisse, weil sie ihren Müll nicht richtig trennen. Manche fühlen sich schuldig, weil sie ihre unangenehme Tante zu selten besuchen. Und andere quält das Gewissen, weil sie einen lästigen Anrufer nicht zurückrufen. Der eine schämt sich, wenn er einen Klassenkameraden trifft und seinen Namen vergessen hat. Und den anderen plagt es, wenn er gegen seinen Diätplan verstößt.

Was dem einen schlaflose Nächte bereitet, wird vom anderen belächelt. Und man könnte daraus folgern, das Gewissen sei prinzipiell variabel. Doch wenn es einmal redet, ist es nicht leicht, es zum Schweigen zu bringen. Ein Gewissen zu haben, ist Ehrensache. Und trotzdem wäre es uns am liebsten, wenn wir von unserem Gewissen gar nichts spürten. Denn sobald wir es spüren, sobald es sich regt, ist etwas nicht in Ordnung.

Kurz gesagt: Unser Gewissen ist so etwas wie ein innerer Gerichtshof, der unablässig über unseren moralischen Zustand verhandelt – und in dem wir selbst zugleich Angeklagter, Ankläger und Verteidiger sind. Der Ankläger in unserem Gewissen richtet kritische Blicke auf unser Leben und Handeln. Er vergleicht, was er sieht, mit den Normen, deren Geltung wir anerkennen. Und wo unser Leben von diesen Normen abweicht, schlägt er Alarm. Das schlechte Gewissen verfolgt uns dann. Und wenn wir es nicht beruhigen können, dann bringt es uns um den Schlaf. Ja, das Gewissen ist ein merkwürdiges Tribunal, in dem ich Mitwisser meiner eigenen Geheimnisse bin, mir erbitterte Vorwürfe mache, und mich auch gleich wieder vor mir selbst in Schutz nehme.

Manche Menschen leiden sehr unter den inneren Kämpfen, die dabei ausgetragen werden. Der ständige Abgleich von Sollen und Sein kann zermürbend sein. Und doch wird niemand das Gewissen für entbehrlich halten. Denn es gehört zu den wichtigen Alarmsystemen, mit denen die menschliche Natur ausgestattet ist. Fehlt uns Nahrung, rührt sich der Hunger. Wird unser Leib verletzt, warnt uns der Schmerz. Handeln wir falsch, so schlägt uns das Gewissen.

Kann man also sagen, das Gewissen sei so etwas wie die naturgegebene moralische Steuerung des Menschen – ein angeborener ethischer Orientierungssinn? Ja, in gewisser Weise stimmt das. Denn wie Gott uns leibliche Organe mitgegeben hat, mit denen wir z.B. „warm“ und „kalt“ unterscheiden können, so hat er uns auch mit einem seelischen Organ ausgestattet, das „gut“ und „böse“ unterscheidet. Wenn unser Gewissen optimal funktioniert, wird es wirklich „Gottes Stimme“ sein, die wir im Inneren vernehmen. Und sogar die, die sich lieber die Ohren verstopfen würden, hören etwas davon. Auch die, die jede Verantwortung leugnen, fühlen sich verantwortlich. Und die, die das Böse tun, wissen insgeheim, was das Gute wäre. Sie können sich nicht damit entschuldigen, es hätte ihnen niemand gesagt, denn sie haben ein Gewissen (vgl. Röm 2,14-15).

Kompliziert wird die Sache allerdings dadurch, dass unser Gewissen manipuliert und in seiner Funktion gestört werden kann. Die früheste dieser Störungen tritt schon im Kindesalter ein, wenn falsche Erziehung die gesunde Entwicklung des kindlichen Gewissens verhindert. Später können Ideologien ein Gewissen falsch orientieren und an falsche Normen binden (Man denke nur an den Rassenwahn und den Führerkult der Nazis). Und schließlich kann ein funktionierendes Gewissen durch entsprechend brutale Gewöhnung seiner Sensibilität beraubt und abgestumpft werden.

Es gibt viele Möglichkeiten auf das Gewissen eines Menschen einzuwirken, wenn man pädagogisch und psychologisch geschickt vorgeht. Das reicht bis zur „Gehirnwäsche“, die dort, wo eigentlich Gottes Stimme laut werden soll, Ideologien implantiert. Das kann auf gewaltsame oder auf eher subtile Weise geschehen. Doch wer darum weiß, wird sich hüten, die Stimme des Gewissens einfach unkritisch mit der Stimme Gottes gleichzusetzen.

Es bleibt zwar dabei: Das Gewissen soll uns diese Stimme hörbar machen und sie stets in Erinnerung rufen – dazu ist es uns gegeben. Doch funktionieren kann das Gewissen nur, wenn es entsprechend geschult und geschärft wurde. Es ist seine Aufgabe, unser Denken, Reden und Handeln mit den gültigen Normen zu vergleichen. Doch welche Normen das sind, davon hat das Gewissen zunächst nur eine dunkle Ahnung. Es muss aus Gottes Wort heraus über Gottes Willen informiert werden. Und es bedarf dazu der Schulung durch überzeugende Erzieher und Vorbilder. Denn nur wenn man dem Gewissen den richtigen Maßstab in die Hand gibt, kann es damit richtig messen, und im richtigen Moment Alarm schlagen.

Heißt das nun, dass mein Gewissen sich irren kann – und ich daher auch ruhig einmal gegen mein Gewissen handeln darf? Die Antwort lautet: Ja und Nein. Ja: Das Gewissen kann irren, wenn es durch Menschen und Ideologien auf die falsche Spur gebracht wurde. Und doch gilt: Nein. Gegen das Gewissen zu handeln ist niemals gut. Denn solch ein Tun verstößt gegen Normen, die ganz offenbar in mir verankert sind – und der Konflikt, der dabei zu Tage tritt, sollte offen ausgetragen werden.

Habe ich ernste Zweifel an der Geltung einer Norm, so muss ich sie prüfen, mich gegebenenfalls von ihr verabschieden und dann mit gutem Gewissen gegen sie handeln. Hält die Norm meiner Prüfung stand, so muss ich sie respektieren. Die Alarmglocken des Gewissens aber einfach zu überhören und ihre Warnung zu ignorieren, kann nicht richtig sein. Denn es führt zur Abstumpfung und zuletzt zur Zerstörung des Gewissens. Ob man das aber riskieren will, muss man gut überlegen. Denn schließlich gehört das Gewissen – dieses sensible Instrument – zu den Dingen, die uns vom Tier unterscheiden. Und ein „vertierter“ Mensch ist etwas ganz Furchtbares…