Christliche Gemeinschaft

 

„Liebe Gemeinde!“ – in der Kirche ist man diese Anrede gewöhnt. Denn fast jede Predigt beginnt mit „Liebe Gemeinde!“ Und niemand denkt sich viel dabei. Denn was soll der Pfarrer auch anderes sagen? Wer zu einer Gruppe spricht, kann nicht jeden namentlich anreden, sondern hilft sich mit einer „Sammel-bezeichnung“ wie „werte Gäste“, „verehrtes Publikum“ oder „liebe Kollegen“. Die der Gruppe angehören, werden auf etwas angesprochen, das sie gemeinsam haben. Denn die Gäste verbindet, dass sie eingeladen wurden, und die Kollegen verbindet, dass sie miteinander arbeiten. Wenn der Pfarrer aber die Gemeinde als „Gemeinde“ begrüßt – was steckt dann dahinter? Ist das bloß eine Sammelbezeichnung für alle, die sich zufällig in den Gottesdienst verirrt haben? Oder sind wir als „Gemeinde“ wirklich eine Art von „Familie“, weil der Pfarrer ja auch beginnen könnte mit „Liebe Schwestern und Brüder“? Wie ist das überhaupt? Sind wir nur „anlassbezogen“ eine Gemeinde, solange wir in der Kirche sitzen? Oder sind wir‘s auch nachher noch, wenn alle wieder hinter der eigenen Haustür verschwunden sind? Spielt es am Montag eine Rolle, dass wir am Sonntag im Gottesdienst zusammentrafen? Oder ist das so egal, wie es egal ist, wer hinter mir im Kino saß? Wir neigen dazu, es nicht sehr wichtig zu nehmen. Denn schließlich ist die Kirchengemeinde nur eine von vielen Gruppen, in die wir eingebunden sind. Zu manchen gehören wir schon von Geburt an, so wie wir unserer Familie angehören oder dieselbe Sprache sprechen. Und anderen Gruppen treten wir später freiwillig bei, wenn wir z. B. unseren Beruf wählen oder in den Sportverein gehen. Viele Gemeinschaften bringen konkreten Nutzen. Aber alle haben auch Regeln. Manchmal macht uns die Zugehörigkeit stolz. Und manchmal ist sie eher peinlich. Denn von den Rotariern bis zu den anonymen Alkoholikern ist die Bandbreite groß. Wenn aber neben dem Automobil-Club, der Volkstanzgruppe und der Facebook-Community auch noch eine Kirchengemeinde steht – was hat das dann zu sagen? Die anderen Gruppen dienen dem Ziel, gemeinschaftlich ein gemeinsames Interesse zu verfolgen. Darum kann man leicht sagen, welcher „Kitt“ sie zusammenhält. Doch wie ist das mit der christlichen Gemeinde? Ist deren besonderer Zweck durch den Gründer Jesus Christus vorgegeben? Erbringt die Gemeinde Leistungen, um derentwillen sich die Zugehörigkeit lohnt? Funktioniert sie durch konkrete Rechte und Pflichten? Oder ist es eher ein „gefühlsmäßiger“ Kitt, der christliche Gemeinden zusammenhält? Wenn wir einen Soziologen danach fragten, würde er sagen: Das ist doch klar! Eure Gemeinde ist durch das bürgerliche Milieu des Stadtteils verbunden. Und jeder kommuniziert gern mit Gleichgesinnten, die ihm Rückhalt geben. Geselliger Austausch in geschütztem Rahmen ist ein menschliches Grundbedürfnis. Und das befriedigt eine freundliche Kirchengemeinde genauso wie der Angelverein oder die Wandergruppe. Die Zugehörigkeit verschafft dem Einzelnen sinnvolle Betätigung, Kontakt und Anerkennung. Für den Soziologen ist das nicht weiter geheimnisvoll! Doch ich meine, als Christ kann man sich damit nicht zufrieden geben. Denn in der soziologischen Beschreibung der Gemeinde fehlt die Hauptsache: Es fehlt das geistliche Motive, das den allgemein-menschlichen vorausgeht. Es fehlt der Bezug zu Jesus Christus, um den herum die Gemeinde sich sammelt, und der als Mittelpunkt und Haupt des Leibes die vielen Einzelnen zu Schwestern und Brüdern verbindet. Ohne Jesus Christus als zentrales Bindeglied, wäre Kirche nicht Kirche, und Gemeinde nicht Gemeinde. Denn nur, was von Christus zusammengehalten wird, verdient den Namen einer christlichen Gemeinschaft. Und wenn wir das im kirchlichen Alltagsbetrieb manchmal vergessen, ist es nötig dass uns Leute wie Dietrich Bonhoeffer daran erinnern. Natürlich leugnet auch Bonhoeffer nicht, dass es in jeder Gemeinde eine zwischenmenschliche Ebene gibt, die aus Freundschaft und Sympathie besteht, aus Seelenverwandtschaft und Anerkennung, Klüngelei, Geselligkeit und Geltungsdrang, Brauchtumspflege und Unterhaltung. Aber er meint, in einer Kirchengemeinde müsse diese Ebene strikt zurückzutreten hinter der Hauptsache – dass Christen nämlich im Heiligen Geist verbunden sind, der sie zu Geschwistern im Glauben macht und dafür sorgt, dass ihre Gemeinschaft untereinander stets durch Christus vermittelt wird. Das menschliche Beziehungsspiel ist unvermeidlich und stellt sich ganz von selbst ein. Doch die geistliche Verbundenheit der Christen macht das Wesen der Gemeinde aus! Und diese geistliche Verbundenheit ist nichts, was auch fehlen könnte, sondern ist eine Notwendigkeit und der eigentliche Grund, weshalb wir uns treffen – weil Christen nun mal unbedingt die Gemeinschaft anderer Christen brauchen. Viele verstehen das gar nicht und sagen: „Wieso denn? Ich kann doch auch für mich alleine Christ sein!“ Aber da widerspricht Bonhoeffer und erklärt, warum das nicht funktioniert. Ein Christ braucht die Gemeinschaft mit anderen Christen, weil er sein Heil und alles, was ihm unbedingt wichtig ist, nicht bei sich selbst, sondern bei Christus sucht, und ihn Christi Wort durch den Mund der Mitchristen erreicht! Ein Christ lebt nun mal von Vergebung, Segen, Gnade und Trost! Aber so wie er sich selbst nicht vergeben kann, kann er sich auch nicht selbst segnen, kann sich nicht selbst taufen, kann sich nicht selbst lehren, kann sich nicht selbst das Abendmahl reichen und sich selbst weder Gnade noch Trost zusagen! Er braucht dafür die Schwester oder den Bruder, die ihm in Christi Namen und an Christi Statt all das zusagen und geben können. Der Mitchrist in der Gemeinde repräsentiert mir Jesus Christus! Aus seinem Munde höre ich die Mahnung und den Zuspruch Christi! Und weil ich den nicht entbehren kann, brauche und suche ich die Gemeinschaft mit anderen, denen ich wiederum denselben Dienst leiste. Christen brauchen einander um Christi willen! Denn der hat, bevor er gen Himmel fuhr, seine Jünger aneinander verwiesen mit dem Auftrag, dass sie einander stärken und beisammen bleiben sollen. Wenn die Flamme des Glaubens in dem Einem zu verlöschen droht, soll er gleich neben sich einen Bruder finden, in dem sie noch hell leuchtet, und soll das eigene Feuer an der Flamme des Bruders neu entfachen können. Und das ist nicht überall und von jedem zu erwarten. Denn wie sollte mich jemand im Glauben stärken, der selber keinen Glauben hat? Die Leute im Kegelclub sind vielleicht netter als meine Sitznachbarn in der Kirchenbank – das kann durchaus sein! Aber dass die meine Zweifel verstehen oder mich im Namen Jesu trösten, darf ich nicht verlangen. Im Fußballverein geht’s lockerer zu als im Bibelkreis. Aber dass ich dort Segen empfange, ist nicht wahrscheinlich. Meine Selbsthilfegruppe kann geduldig zuhören, wenn mich mein Gewissen drückt. Aber mir im Namen Gottes zu vergeben, ist keiner von denen autorisiert. Suche ich Kurzweil und Entertainment, bin ich im Karnevalsverein besser aufgehoben. Doch will ich meine Nöte, Freuden und Fragen vor Gott bringen – wer kann mir da beistehen, außer einem, der das auch für sich selber tut, weil er Christ ist? Muss mir dieser Bruder ansonsten vertraut oder sympathisch sein? Nein. Muss er mir menschlich nahe sein oder ein Kumpel? Nein. Vielleicht gibt‘s abgesehen von Christus rein gar nichts, was mich mit ihm verbindet! Und doch brauche ich gerade den christlichen Bruder, weil mich ja nicht seine Zuwendung tröstet, sondern die Zuwendung Christi, die mich durch ihn erreicht. Wäre dieser Andere nicht in Christus und Christus nicht in ihm – wie könnte er mir geben, was er selbst nicht hat? Da er aber in Christus ist, kann mir Christus auch in ihm begegnen. Und das macht das geistliche Miteinander so wertvoll! Das ist in der Gemeinde die Hauptsache! Und die rein menschliche Ebene, die es daneben auch gibt, ist bloß ein Beiwerk, das jene Verbindung in Christus nicht ersetzen kann. Denn wenn wir uns erlauben das Verhältnis umzukehren, so dass Geselligkeit zur Hauptsache wird und das Geistliche zum Beiwerk, dann haben wir am Ende nur Kirche simuliert und Kirche gespielt, statt Kirche zu sein… 

Gewiss liegt darin ein hoher Anspruch. Aber abschrecken muss uns das nicht. Denn wenn wir damit ernst machen, in diesem anspruchsvollen Sinne Gemeinde zu sein, werden wir einen Schatz heben und großen Gewinn davon haben. Gemeinde ist dann der Ort, wo mich die anderen durch die Augen Jesu Christi sehen, und wo mich durch den Mund der anderen der Zuspruch Jesu Christi erreicht. Die anderen repräsentieren mir den Bruder und den Herrn, um den herum auch sie sich versammeln, weil sie seiner Gnade genauso bedürfen wie ich. Gemeinde zeigt sich damit als eine Weise, wie Christus in der Welt lebt und wirkt. Und jeder, der Christus in der Gestalt seiner Gläubigen antrifft, kann spüren wofür sich das Christ-Sein lohnt. Er trifft nicht Leute, die bloß zufällig in derselben Siedlung wohnen, sondern trifft Brüder und Schwestern und bekommt vielleicht spontan Lust, dazuzugehören. Denn was man in der Gemeinde haben kann, gibt es anderswo eben nicht. Hier ist jeder berufen, dem anderen Christus zu repräsentieren, dem anderen zu tun, was Christus ihm täte, und ihm regelrecht zum „Christus“ zu werden. Denn genau das forderten schon die Reformatoren als „allgemeines Priestertum“. In evangelischen Kirchen sind nicht nur die Pfarrer „Geistliche“, sondern „geistlich“ ist jeder, der den Heiligen Geist empfing! Und den empfingen alle Jünger Jesu, wie sie auch alle den Auftrag bekamen, das Werk Jesu fortzusetzen. Was aber tat der anderes, als dass er den Seinen diente, indem er sie lehrte und tröstete, ermahnte und ermutigte, für sie betete und ihnen zuhörte, ihre Schwächen trug und ihnen beistand? Damit das fortgesetzt würde, gab Jesus den Missionsbefehl nicht bloß den Aposteln, sondern uns allen! Nicht wenigen übergab er das Amt der Schlüssel, sondern allen! Nicht wenige berief er, über Lehrfragen zu urteilen, sondern alle! Und darum bedeutet „allgemeines Priestertum“, dass jeder Christ dem anderen nach besten Kräften den Dienst leistet, den Christus ihm selbst getan hat. Luther sagt, ein Christ solle mit dem anderen gerade so handeln, „wie Gott mit ihm durch Christum gehandelt hat“, und dem Anderen sogar ein „Christus“ werden, indem er ihm alles sagt und tut, was zu seiner Seligkeit beiträgt und nötig ist! Christus will nicht nur „an uns“, sondern auch „durch uns“ handeln. Wir dürfen sein verlängerter Arm sein! Und wär‘s nicht überaus tröstlich, wenn wir dabei in Christus die Nähe gewännen, die Glaubensgeschwistern entspricht? Es geht da um eine beglückende Erfahrung, die wir nicht verpassen sollten! Denn die durch Christus vermittelte Begegnung hat besondere Qualität und lässt uns einander auf einer Ebene begegnen, die wir anders nicht erreichen können. In der durch Christus vermittelten Begegnung haben Leistungswahn und Geltungssucht keinen Raum. Denn alles geschieht in der Gegenwart Christi und unter seinen Augen. Zwei ansonsten fremde Christen können zusammentreffen und haben doch von vornherein eine gemeinsame Grundlage. Denn einer weiß vom anderen, dass auch der sich als Sünder bekennt und von Gnade lebt. Alles selbstgerechte Richten ist damit ausgeschlossen. Und keiner wird stolz auftrumpfen, weil schon jeder an sich selbst verzweifelt ist. Keiner wird sich zur Autorität erheben, weil alle derselben Autorität unterstehen, keiner wird sich weise dünken, sondern alle werden sich töricht wissen, werden auch alle gleichermaßen bedürftig und getröstet sein. Denn Christen treffen sich ja immer im Schatten des Kreuzes, zu dem sie sich geflüchtet haben. Sie warten gemeinsam dem Ostermorgen entgegen und sind unter vier Augen schon immer zu dritt, weil der zwischen ihnen gegenwärtig ist, der sie losgekauft und berufen hat. In der Gegenwart Christi ist vieles von vornherein ausgeschlossen an Machtspiel, Imponiergehabe und Hinterlist. Ein Christ, der mir gegenübertritt, kann mich nicht verdammen, denn er weiß, dass wir beide von Gnade lebt. Er kann nicht versuchen, sich zu meinem Herrn aufzuwerfen, denn er weiß, dass nur Christus über unsere Seelen herrscht. Und wir werden auch nicht sinnlos herumdiskutieren, weil uns eine gemeinsame Grundlage fehlt, sondern wir werden in Gottes Wort einen Bezugspunkt haben, gegen den keiner von uns jemals Recht behält. Keiner kann vorgeben, er sei unschuldig und rechtschaffen. Und doch muss auch keiner fürchten, vom anderen verachtet zu werden, sondern kann bei ihm den Zuspruch der Gnade suchen. Als Christen müssen wir nicht um den Tod herumreden, denn wir haben unsere Endlichkeit angenommen. Wir werden aber auch nicht in Trübsal versinken, denn jeder ist für den anderen ein Zeuge österlicher Zuversicht. Ja, unter Christen kann alles anders sein, weil wir alles, was wir reden, denken und tun unter den aufmerksamen Augen unseres Schöpfers tun, in Verantwortung vor Jesus Christus und in der Gegenwart des Heiligen Geistes. Wir sind einander als Geschwister im Glauben anbefohlen, die nichts wissen, als was Gott sie wissen lässt, die nichts haben, als was Gott ihnen leiht, und nichts können, als was Gott ihnen erlaubt. Keiner darf den anderen hängen lassen, und keiner kann sich vom Bruder distanzieren, weil wir bei allen Unterschieden letztlich doch gleich sind. Nämlich gleichermaßen in Christi Tod hinein getauft, gleichermaßen in Christus zum Leben berufen, gleichermaßen befleckt und doch reingewaschen, jeder Einzelne als Glied am Leib Christi mit mir gemeinsam erwählt, mit mir geliebt und mit mir berufen, das Reich Gottes zu erben. Kann es mir also egal sein, wer neben mir in der Kirchenbank sitzt? Ist es so gleichgültig, wie wer hinter mir im Kino saß? Auf keinen Fall! Denn wir haben es einer beim anderen stets mit Christus selbst zu tun. Und wenn wir das immer bedächten, erst da wäre Kirche ganz Kirche. Was uns aber an geistlicher Verbundenheit fehlt, das können wir nie ersetzen durch Geselligkeit und Beziehungspflege der profanen Art. Denn wir sind schließlich nicht angetreten um Kirche zu „spielen“, sondern um Kirche zu sein. Zu weniger hat uns Christus nicht berufen! Darum lassen sie uns zum Eigentlichen zurückkehren und die Hauptsache wieder ins Zentrum rücken. In Christus können wir deutlich mehr sein, als wir derzeit leben! Fangen wir also mit der Erneuerung der Kirche bei uns selber an, verkaufen wir uns nicht unter Wert und geben wir uns nicht mit weniger zufrieden, bis wir einmal ganz und gar Gemeinde Jesu Christi sind – im vollen Sinne dieses Wortes und so, wie er uns gewollt hat.