Beharrlichkeit und Zuversicht

 

Denken sie manchmal über das Gelingen ihres Lebens nach? Und macht es ihnen dann Sorgen, dass der Mensch auch scheitern kann? Was ein gelungenes Leben ausmacht, lässt sich dem Neuen Testament leicht entnehmen. Denn das Ziel des Menschen ist die Gemeinschaft mit Gott, die sich im Himmel vollendet. Und wenn einer – aus Gottes Hand kommend – versöhnt und erlöst in Gottes Hand zurückkehrt, ist sein Leben „rund“ geworden. Im Reich Gottes darf er dann sagen: „Ende gut – alles gut!“ Denn dort kann man die irdischen Nöte und Irrwege vergessen, um sich nur noch des ewigen Lebens zu freuen. Aber natürlich muss man erst mal hinkommen. Und solange der Mensch ein paar Lebensjahre vor sich hat, kann’s auch noch schiefgehen. Denn es genügt ja nicht, auf den guten Weg zu kommen, sondern man muss auch bis zuletzt darauf bleiben! Jesus sagt: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben“ (Offb 2,10). Und: „Wer beharrt bis ans Ende, der wird selig werden“ (Mt 24,13). Dass darin aber eine Bedingung enthalten ist, kann man nicht überhören. Und ob man selbst im Glauben fest bleibt – wer weiß das schon? Es sind schließlich schon ganz andere gestolpert und gefallen! Adam und Eva hatten im Paradies den denkbar vertraulichsten Umgang mit Gott – und ließen sich doch von der Schlange überreden! Mose hatte große Wunder gesehen – und wurde trotzdem eines Tages von Zweifeln überfallen! Der weise Salomo kam durch seine Frauen vom rechten Wege ab! Und das Beispiel des Judas zeigt, dass selbst ein direkter Jünger Jesu, der durch die allerbeste Schule ging, immernoch zum Verräter werden kann. Wer wollte sich also gewappnet fühlen? Jesus sagt selbst, der Weg sei breit, der zur Verdammnis führt, schmal hingegen der Weg, der zum Leben führt, und wenige sind’s, die ihn finden (Mt 7,13-14). Ständig geht Satan umher wie ein brüllender Löwe und sucht wen er verschlinge! (1. Petr 5,8). Darum ist, wenn wir mit dem Christ-Sein angefangen haben, noch nicht aller Tage Abend. Denn viele Israeliten sind in der Wüste gestorben bevor sie das gelobte Land erreichten! Und viele Christen, die irgendwann mit viel Elan gestartet sind, haben ihren Glauben wieder verloren. Aber wenn uns das Sorgen macht, weil wir uns selbst nicht trauen, was können wir dann tun? Wollen wir uns damit trösten, dass wir immerhin nicht schlechter sind als der Durchschnitt? Oder wollen wir uns einreden, ein klein bisschen Christ-Sein sei vielleicht auch genug? Sich damit schon zufrieden zu geben, wäre gefährlich. Denn mit dem Beharren im Glauben steht wirklich das Gelingen unseres Lebens auf dem Spiel. Und aus der diesbezüglichen Sorge kommen wir nur heraus, wenn wir uns immer wieder vor Augen führen, was uns in den Himmel bringt. Denn das ist durchaus nicht unser eigenes Durchhaltevermögen und unser Wille, sondern der Wille dessen, der mit seinem Leben für uns bezahlt hat. Nicht unsere Kraft öffnet das Himmelstor von außen, sondern die Kraft dessen, der drinnen wohnt, öffnet das Himmelstor von innen! Nicht unser Glaube ist mächtig, sondern der, an den sich unser Glaube hält, ist mächtig! Und so überwinden wir die berechtigte Sorge bezüglich unseres Heils nicht dadurch, dass wir auf uns selbst und unser Tun starren, sondern überwinden sie, indem wir auf Christus und sein Tun schauen, das von unserem ganz unabhängig ist. Erst dann werden wir ruhiger, wenn wir nicht auf unsere Verdienste, sondern auf seine pochen. Und nur so wird unser Glaube dann durch die Teilhabe an der Kraft Christi unüberwindlich. Denn im Blick auf uns selbst haben wir immer Grund zu zittern. Im Blick auf Christus aber können wir uns beruhigen, weil Gott ja niemals lügt, nichts wiederruft und niemandem weicht. Unsere Verdienste stehen keineswegs fest – seine Verheißungen aber schon. Unsere frommen Gefühle sind flackernde Flämmchen – seine Gnade aber ist ein nie verlöschendes Feuer. Unsere Erkenntnis steckt voller Irrtum – Gottes Wort aber ist weise genug für uns alle. Der Weg zur Heilsgewissheit liegt darum gerade nicht in der angestrengten Selbstoptimierung des ewig unzuverlässigen Menschen. Sondern Heilsgewissheit erlangt, wer Gott bei der unverbrüchlichen Geltung seines Evangeliums behaftet, sich also Gott gegenüber entschlossen auf Gott beruft und das Evangelium für sich in Anspruch nimmt. Oder hat Jesus etwa nicht geredet, damit man ihn beim Wort nimmt? Will er nicht genau das von uns haben? Christus spricht: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken“ (Mt 11,28). Also geht man zu ihm hin und sagt: „Hier bin ich Herr, bin mühselig aus eigener Schuld und beladen mit dummen Gedanken, aber das zählt doch wohl auch, darum bitte, erquicke mich!“ Man geht mit leeren Händen zu Jesus und beruft sich auf sein Wort: „Du hast gesagt „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht hinausstoßen“ (Joh 6,37). Also komme ich zu dir und klopfe an deine Tür, weil ich sonst nirgends unterkomme. Wenn du mich nicht aufnimmst, wird mich wohl der Teufel holen. Du aber, Jesus, bist zu gut, um dein Wort zu brechen. Darum, bitte, wirf mich nicht raus, sondern lass mich rein…“ Man geht zu Jesus und macht weder sich noch ihm etwas vor, erinnert ihn aber an seine Worte: „Du, Herr, hast gesagt „Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater“ (Mt 10,32). Und wenn ich auch ein schlechter Zeuge bin, der dir wenig Ehre macht, bekenne ich mich doch zu dir und bitte: bekenne dich auch zu mir vor deinem himmlischen Vater…“ Das klingt vielleicht frech und beinahe aufdringlich – so als wollte man Gott in seinen eigenen Worten fangen. Aber bedenken sie: das Evangelium wurde für Sünder verkündet, damit sie es in Anspruch nehmen. Für wen denn sonst? Und also muss man sich trauen und nicht an der falschen Stelle schüchtern sein! Man geht zu Christus, erklärt sich rundweg für schuldig, bedürftig und gescheitert und sagt: „Herr, ich bin ein miserabler Jünger und keine Zierde deiner Kirche, aber ich halte mich an dir fest und berufe mich auf dein Versprechen: „Es gibt keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind“ (Röm 8,1). Das hast du so bestimmt, und ich weiß, dass du nichts zurücknimmst. Darum, bitte, laß diese Zusage auch für mich gelten! Du warst so freundlich, dich an dein Evangelium zu binden und warst geradezu unvorsichtig im Übermaß deines Erbarmens! Aber nun steht es geschrieben und steht mir zugute in Ewigkeit fest: „Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht“ (Joh 5,24). Ich habe nichts vorzuweisen als eben diesen Glauben, den du selbst in mir geweckt hast, Herr! Was an mir gut ist, hast du selbst bewirkt! Aber weil ich doch nichts anderes bieten kann, baue ich blind auf deine Zusage: „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben“ (Joh 3,36). Das gilt auch für mich! Und wenn ich’s auch nicht verdiene, weiß ich doch, dass du keinen enttäuschen kannst, der auf dich vertraut. Du wolltest nicht für die Gesunden kommen, sondern für die Kranken, und schau – nun hast du mich auf dem Hals! Ich hänge mich an dich wie eine Klette und bitte bloß darum, mich nicht abzuschütteln…“ Es liegt wirklich ein bisschen Frechheit darin – und auch der Mut der Verzweiflung. Aber genau den werden wir an der Himmelspforte brauchen. Denn wenn Jesus die Sünder zu sich ruft, darf man nicht vornehm tun, als wär‘ man nicht gemeint, sondern man muss laut „hier!“ schreien, muss gleich vortreten und entschlossen „ja“ sagen: „Ja, Herr, du hast allen Sündern erlaubt, sich auf deine Gnade zu berufen, also berufe ich mich darauf und setze alles auf diese eine Karte. Du weißt, dass ich keine Leuchte bin, sondern ein krummer Hund. Du aber wirst dir selbst treu bleiben und dich meiner erbarmen – nicht weil ich gut wäre, sondern weil du gut bist und zu jedem deiner Worte stehst…“ So findet man Halt! So gelingt Leben! So öffnet sich Gottes Tür! Und anders ganz sicher nicht. Denn nur auf diese Weise ruhen wir nicht in uns selbst, sondern ruhen in Gott. Und haben wir uns damit in Gott hinein gerettet, sind wir auf der sicheren Seite. Denn wer oder was könnte uns da noch gefährlich werden? Was auf meiner Gesundheit beruht, das kann mir eine Krankheit nehmen. Und was auf meiner Klugheit beruht, kann sich als Irrtum erweisen. Was auf meiner Willenskraft beruht, kommt auch durch meine Willensschwäche zu Fall. Was aber in gar keiner Weise auf mir beruht, sondern nur auf Christus, auf seiner Kraft, seiner Klugheit und seinem Willen – wie könnte das an mir scheitern? Was nicht an meiner Person, sondern ganz an Christus hängt, ist durch mein Versagen auch nicht gefährdet. Und allein diese Einsicht verschafft dem Christen Gewissheit seines Heils. Denn hätte er‘s selbst in der Hand, ob er gerettet wird, müsste er bis zuletzt zittern, ob’s wohl reicht, was er tut! Liegt sein Heil aber ganz und gar in den Händen Christi – was hat er da zu befürchten? Hat Gott schon seinen Sohn für uns gegeben – wird er uns da etwa seinen Geist verweigern? Macht er sich die Mühe, uns vor der Hölle zu retten – wird er uns da nicht auch retten vor unsrer eigenen Dummheit? Hat er am Großen nicht gespart – wird er’s dann am Geringen scheitern lassen? Zahlt er am Kreuz den allerhöchsten Preis – und schaut dann zu, wie unser Kleinglaube alles verdirbt? Nein. Ganz das Gegenteil ist zu erwarten, denn Gott macht keine halben Sachen. Und wenn er seinen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken? (Röm 8,32). Gewiss bleibt es wunderlich, dass ihm unsere Rettung so sehr am Herzen liegt! Wenn er sie aber zu seinem Projekt gemacht hat – und damit zur „Chefsache“ – wie könnte sie da noch scheitern? Wenn Gott selbst uns verteidigt, wer kann uns angreifen? Wenn der höchste Richter uns freispricht, wer kann uns verdammen? Und wenn er uns ewiges Leben schenkt, wer kann‘s uns wieder nehmen? Natürlich sind wir Zwerge im Glauben und in den guten Werken: unser Gewissen plagt uns völlig zu Recht! Wir verdienten, von dem verlassen zu werden, den wir allzu oft verließen! Aber was ändert das, wenn seine Güte doch stärker ist als unsere Schwäche, und seine Fülle kompensieren will, was uns mangelt? Das Evangelium sagt klar und deutlich, dass Gott sich vorgenommen hat, uns vor uns selbst zu retten. Und dass ihm ein Vorhaben zu schwer würde, ist undenkbar. Darum bleibt es zwar rätselhaft, was Gott an uns findet. Ich verstehe ihn an diesem Punkt immer weniger! Und doch will er mit uns seinen Himmel bevölkern und hat uns als Unterpfand dafür schon heute seines Geistes geschenkt. Gott hat uns in der Taufe seine Gnade zugesagt und uns dessen in jedem Abendmahl neu vergewissert. Wird er sich da wohl selber Lügen strafen? Das ist ausgeschlossen! Denn wenn unser Heil nicht bloß zum Teil, sondern ganz und gar auf Gottes Entschluss beruht, kann es nicht scheitern. Gewiss sind wir schwach – Gott aber sagt ausdrücklich, dass seine Kraft in den Schwachen mächtig ist (2. Kor 12,9). Gewiss laufen wir in die Irre – er aber beschreibt sich selbst als einen Hirten, der verlorenen Schafen nachgeht (Lk 15,1-7). Gewiss mangelt’s uns am Gehorsam – Gott aber kann geben das Wollen und das Vollbringen (Phil 2,13). Hat er also mit uns den Anfang gemacht und unsere Herzen erleuchtet – wird er dann wohl zulassen, dass wir in die Finsternis zurückfallen? Hat er seine Absicht erklärt, uns ewiges Leben zu schenken – wird er da wohl untätig daneben stehen, wenn der Tod nach uns greift? Ist Gottes Gnade etwa ein schreckhafter Schmetterling, der sich von jedem Windhauch vertreiben lässt? Gewiss nicht. Was an uns falsch ist, kann Gott passend machen, und was tot ist, zum Leben erwecken. Was an uns stinkt, kann er waschen, und was krumm ist, kann er gerade richten. Zeigt sich unsere Blöße, hat er doch immer noch ein Kleid, um sie zu bedecken. Und von uns erwartet er nichts weiter, als dass wir uns seine Hilfe gefallen lassen. Er hat uns diese Zusage gegeben, damit wir ihn dabei behaften – wozu denn sonst? Er hat uns eingeladen, damit wir kommen – wozu denn sonst? Er räumt uns den Weg frei – und wir sollten zögern? Er baut uns eine Brücke – und wir sollten zweifeln, ob sie uns trägt? Weil das absurd wäre, müssen uns die Schwankungen unseres Glaubens nicht irre machen. Auch in Zeiten der Angst und Not bleibt Gott doch derselbe, den seine Gaben und Berufung nicht gereuen können (Röm 11,29). Und wer sich auf ihn verlässt, dem schenkt er auch das Vermögen, bis ans Ende zu beharren. Wer auf Christus baut, wird nicht zuschanden werden (Röm 9,33). Warum sollen also in dieser Welt immer die Falschen zittern? Die von Christus nichts wissen wollen – die haben Grund zu zittern, denn so verlässlich wie Gottes Verheißungen sind auch seine Drohungen. Die ihn am wenigsten fürchten, haben am meisten Grund dazu! Die ihn aber fürchten, genau die dürfen beruhigt sein. Denn ihr Leben wird gelingen, und das Gute, das Gott ihnen zugedacht hat, steht so fest wie Gott selbst. Das sollte uns die Herzen wahrlich leicht und fröhlich machen! Beharrlichkeit im Glauben findet großen Lohn! Unserem Gott aber, dessen Treue uns mit Mut und Trost erfüllt, sei dafür gedankt in Ewigkeit!