Erg. 38 • Überkleidet werden

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Jede Erkrankung ist ein Höflichkeitsbesuch des Todes, bei dem er sich schon mal vorstellt und bekannt macht. Doch wenn der unangenehme Besucher wieder gegangen ist, tun wir gern so, als wäre nichts gewesen, und als käme er ganz gewiss nicht wieder. Wir verschließen die Augen vor dem, was uns die Krankheiten ankündigen, und weigern uns, ihre Botschaft zur Kenntnis zu nehmen. Denn schließlich sind wir ja viel zu sehr mit dem Leben beschäftigt. Wir versuchen so vieles zu planen! Wir schließen Bündnisse, die nicht immer halten, wir suchen Geborgenheit in verworrenen Zeiten, wir verausgaben uns in der Sorge um eine Familie, wir durchlaufen mancherlei Phasen, erreichen und verfehlen so manches Ziel. Und trotz aller Mühe verlieren wir über alledem viel Zeit, verlieren treue Begleiter, verlieren irgendwann die Gesundheit, die Kraft und zuletzt das Leben. Wenn’s gut geht, lässt sich das Ende immer wieder hinausschieben. Und doch ist schon heute sicher, dass wir um eine letzte Niederlage nicht herumkommen werden...

Freilich: In der Blüte unseres Lebens wollen wir das nicht hören und können es uns nicht vorstellen, denn da stehen wir noch kraftvoll da, ansehnlich und aufrecht – gewissermaßen im feinen Zwirn der besten Jahre. Da sind wir noch ausgestattet mit Kraft und Verstand, haben Witz und Geschick, haben Freunde um uns her und gute Ideen dazu. Die Zähne sitzen fest und die Augen sehen scharf, der Rücken ist breit und vermag viel zu tragen. Aber was macht dann das Leben aus uns, wenn’s Mühe und Arbeit bringt? Und was macht erst recht das Alter aus uns, wenn der Tod seine Vorboten schickt?

Stück für Stück nimmt er uns die Qualitäten, die wir hatten. Er trübt unsere Augen, er beugt unseren Rücken, er schwächt unser Herz. Er raubt manchem das Gedächtnis und verwirrt anderen die Gedanken. Er macht uns die Haare grau, die Knochen brüchig, und die Muskeln müde, bis mancher das Gefühl hat, nur noch ein Schatten seiner selbst zu sein. Ja, der herannahende Tod entblößt uns, er nimmt uns das Gewand der Kraft und Geschicklichkeit von den Schultern und lässt uns nackt dastehen. Denn alles, was an uns stark und herrlich war, lässt er in der Vergangenheit versinken – und demütigt uns dadurch.

Die einst Häuser errichteten, können irgendwann nicht mal mehr auf den eigenen Beinen stehen. Die einst das Sagen hatten, sind irgendwann auf das Wohlwollen der Jüngeren angewiesen. Mit den Blitzgescheiten von damals redet man wie mit unmündigen Kindern. Und manche, die großes Ansehen genossen, müssen sich am Ende pflegen lassen wie Säuglinge...

Ja: Menschen brauchen sich auf, sie verlieren sich in Mühe und Arbeit, und oft genug werden sie zwischen den Mühlsteinen der Geschichte zerrieben. Sie verlieren gerade das, was ihnen Halt geben sollte, und werden schließlich auch noch vergessen, weil sich nach zwei, drei Generationen niemand mehr an sie erinnert. Wenn wir das aber erkennen – ist es dann ein Wunder, dass wir der Auseinandersetzung mit dem Tod lieber ausweichen, als unserer Vergänglichkeit ins Auge zu sehen? Menschlich-verständlich ist das allemal. Und trotzdem wäre es falsch, wenn wir uns der Realität dauerhaft verweigern wollten. Unserer Endlichkeit nur mit Angst und Widerwillen zu begegnen, ist weder eine aussichtsreiche, noch eine christliche Haltung.

Denn erstens richtet unser Widerwille gegen den Tod nichts aus. Zweitens hindert uns unser Ausweichen daran, die letzte Lebensphase ohne Murren aus Gottes Hand anzunehmen, wie es Recht wäre. Und drittens verkennen wir in unserem Widerstreben, dass der Abbau des Lebens auch etwas Gutes hat, insofern der Verfall des alten Menschen den Aufbau des neuen Menschen vorbereitet. An dies Neue und Bessere, das wichtiger ist als das Vergehende, können wir uns von Paulus erinnern lassen. Er schreibt:

„...wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. Denn solange wir in dieser Hütte sind seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet werden wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat. So sind wir denn allezeit getrost und wissen: solange wir im Leibe wohnen weilen wir fern von dem Herrn; denn wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen. Wir sind aber getrost und haben vielmehr Lust, den Leib zu verlassen und daheim zu sein bei dem Herrn.“ (2. Kor 5,1-8)

Nun: Sprechende Bilder sind es, die der Apostel hier benutzt. Unser irdisches Leben nennt er eine Hütte, eine klapprige, windschiefe Bude. Und er stellt ihr gegenüber den himmlischen Bau, den Gott für uns bereitet hat, das unvergängliche Haus, das wir beziehen dürfen, wenn wir aus diesem Leben geschieden sind. Paulus spricht von unserem irdischen Leib wie von einem alten Kleid, einem rissigen und löchrigen Bettelgewand. Und er stellt dem gegenüber den neuen, himmlischen Leib, den Gott unserer Seele überstreifen wird, wenn wir das Bettelgewand des Erdenlebens abgestreift haben. Ja: Paulus lässt keinen Zweifel daran, dass das, was uns in Gottes Reich erwartet, tausendmal besser sein wird als das irdische Leben. Er schreibt sogar, dass die Christen voller Sehnsucht sind, diesen hinfälligen Leib zu verlassen und den Leib der Ewigkeit anzuziehen. Aber der Apostel weiß auch, dass uns der Übergang von hier nach dort Angst macht.

Denn das ist ja klar: Wer ein neues Kleid anziehen will, muss vorher das alte ausziehen – und ist für einen Moment dazwischen nackt. Wer aus der irdischen Hütte auszieht, um in das himmlische Haus einzuziehen, der ist für die Zeit des Umzuges ohne Behausung. Und diesen Wechsel, die Zwischenzeit, fürchten wir, weil wir dann nicht mehr hier und noch nicht richtig da sind. Allzu ungewiss scheint uns, was der Tod mit uns machen wird. Und entsprechend schwer fällt es uns, das letzte Fetzchen des alten Bettelgewandes, das letzte Quäntchen irdischen Lebens loszulassen. Nur widerwillig erleben wir den Prozess des Alterns, in dem wir unserer Kraft entkleidet werden. Und je weniger Vertrauen wir haben in das Neue, das kommt, umso verbissener halten wir das Alte fest. Doch ist das nicht nur aussichtslos, weil der Tod uns unser Leben schließlich doch aus den Händen windet, sondern es ist auch dumm. Denn das weiß jedes Kind: Bevor ich ein neues Kleid anziehen kann, muss ich das alte ausziehen. Wenn ich aus der irdischen Hütte nicht ausziehe, kann ich in das himmlische Haus nicht einziehen. Wer den Wandel scheut, kann nicht erneuert werden. Und wer nicht stirbt, kann nicht auferstehen zum ewigen Leben. Denn das Alte muss ja weichen, damit Neues werden kann. Das Irdische an uns muss untergehen, damit das Himmlische zum Zuge kommt.

Wenn wir das aber begreifen, werden wir auch den Tod unserer Angehörigen mit anderen Augen sehen. Und wir werden dann über den Abschied von ihnen auch nicht verzweifeln. Denn sterben zu müssen, ist nicht nur etwas Hartes, das uns Gott verordnet. Sondern für den Gläubigen ist es zugleich etwas Verheißungsvolles, das ihm zum Besten dient. Wir werden zwar alt und gebrechlich. Und wir brauchen uns auf. Der Mensch geht sich nach und nach verloren – er kommt sich selbst abhanden. Und das ist gewiss kein Spaß! Aber als Christen dürfen wir wissen, dass dieser notwendige Abbau des Alten Raum schafft für den Aufbau von etwas Neuem. Ja: Näher am Tod ist für den Christen immer auch näher am Ziel. Und darum dürfen wir das Herannahen des Todes nicht nur mit einem weinenden, sondern auch mit einem lachenden Auge beobachten.

Entkleidet uns der Tod auch aller Kraft und allen Schmuckes, macht er uns auch arm und bloß, so haben wir doch die Verheißung, dass Gott uns in seiner Gnade viel herrlicher und reicher einkleiden wird, als wir es uns heute vorstellen können. Unser Leib – die irdische Hütte, die wir eine Zeit lang bewohnen – wird niedergerissen. Doch die himmlischen Wohnungen, die Christus uns bereitet hat, die warten schon. Und wenn wir erst einmal dort sind, werden wir darüber lachen, wie zögerlich und widerwillig wir die Reise angetreten haben…