Erg. 45 • Gott statt Religion

                                                                                     Dieser Text als Video 

 

Wer in die Kirche geht oder sich sonst irgendwie als Christ zu erkennen gibt, wird von seinen Mitmenschen für „religiös“ gehalten und wird mit vielen anderen, die auch irgendwie „religiös“ sind, in einen Topf geworfen. Denn vielen Zeitgenossen liegen diese Dinge so fern, dass ihnen alle Katzen grau erscheinen. Alles, was irgendwie mit „höheren Mächten“ zu tun hat, nennen sie „religiös“ und sparen sich weitere Unterscheidungen, weil doch angeblich alle Religionen das Gleiche meinen. Mich aber ärgert das. Denn alles „Religiöse“ in einem Topf zu werfen und über einen Kamm zu scheren ist sehr einfältig und wird der Sache schon deshalb nicht gerecht, weil gar nicht ausgemacht ist, dass christlicher Glaube als „Religion“ zu gelten hat. Diese Gleichsetzung ist zu einfach! Denn gute und ernstzunehmende Theologen haben ihr widersprochen und haben ganz im Gegenteil vertreten, dass christlicher Glaube keine Religion ist, sondern eine Alternative zu religiösem Verhalten. Das klingt zunächst seltsam und ist ein ungewohnter Gedanke. Aber auch mir scheint es nötig, dass man zwischen christlichem Glauben und Religion sorgsam unterscheidet. Denn was wir auf dieser Welt als „Religion“ wahrnehmen ist in weiten Teilen der eigenmächtige Versuch des Menschen, seine Beziehung zu Gott zu regeln und in den Griff zu kriegen, während christlicher Glaube gerade kein menschliches Unternehmen ist, sondern sich als Wirkung Gottes und seiner Offenbarung versteht. Religion ist eine Technik, um göttliche Mächte zu besänftigen und zu bändigen. Christlicher Glaube aber erkennt, dass solche Techniken Gott gegenüber nicht funktionieren. Religion ist eine menschliche Veranstaltung, in der der Mensch Gott erkennen und verstehen will, um dann planmäßig auf ihn einzuwirken und von seiner Kraft zu profitieren. Doch im christlichen Glauben bemächtigt sich nicht der Mensch Gottes, sondern Gott bemächtigt sich des Menschen. Und es ist wichtig, sich diesen Unterschied bewusst zu machen, weil auch uns Christen noch leicht diese Verwechslung unterläuft, dass wir uns eigenmächtig „religiös“ verhalten und damit unter das Niveau unseres Glaubens zurückfallen. Dieser Fehler liegt ganz nahe und er ergibt sich fast von selbst, weil wir Vorgehensweisen, die der Welt gegenüber erfolgreich sind, Gott gegenüber beibehalten und wie selbst-verständlich die Initiative ergreifen. Denn wie gehen wir vor, wenn wir einem unbekannten Phänomen begegnen? Wir folgen da unserem Forscherdrang und nähern uns vorsichtig, um zu beobachten, um Informationen zu sammeln und das fremdartige Ding zu verstehen. Doch ist unsere Neugier vor Anfang an nicht ohne Absicht. Denn wir erforschen die Eigenschaften einer Sache und ergründen wie sie funktioniert, um auf Grund dieser Analyse auf das Gegenüber einwirken und uns nötigenfalls davor schützen zu können. Wir testen und probieren, lernen und sammeln Erfahrung, um den besten Weg zu finden, wie man das Ding für die eigenen Zwecke nutzen kann. Durch Beobachtung und Forschung bemächtigt sich der Mensch der Dinge, um sie sich dienstbar zu machen, und tut dasselbe nicht nur mit Dingen, Pflanzen und Tieren, sondern auch mit seinesgleichen, um sich mit anderen Menschen vorteilhaft in Beziehung zu setzen. Wir alle beherrschen diese Kunst und üben sie täglich! Wenn wir es aber mit Gott zu tun bekommen, was liegt dann näher, als es mit Gott auf dieselbe Weise zu versuchen? Mit Vernunft und Geschick bekommen wir die Natur in den Griff! Mit Vernunft und Geschick lenken wir andere Menschen! Warum also sollten wir nicht dasselbe mit Gott versuchen? Primitive Religion tut genau das und merkt gar nicht, dass Gott grundlegend anders ist. Religion sucht nach erfolgversprechenden Methoden und Verhaltensweisen, um mit Gott klar zu kommen. Sie macht ihn zum Gegenstand neugierigen Forschens, will ihn durchschauen, um sein Verhalten voraussagen und steuern zu können, und will, wenn’s irgendwie geht, seine überlegene Kraft den eigenen Zielen dienstbar machen. Denn wenn’s nicht regnet und die Ernte vertrocknet, holt man den Schamanen, der das gestörte Verhältnis zu den Göttern wieder bereinigen soll und sie mit Opfern, Ritualen und Gesängen freundlich stimmt, damit es wieder regnet. Das ist nichts anderes als der Versuch, Techniken der Diplomatie auf die Götter anzuwenden. Und darum werden alle Kunstgriffe, die sich in Bezug auf Menschen schon bewährt haben, auf Gott übertragen, als gälte es, auf einen besonders großen und mächtigen König Einfluss zu nehmen. Bei irdischen Königen macht man sich beliebt, indem man Geschenke bringt und ihnen duftende Speisen vorsetzt – darum bringen die Religionen ihren Göttern Opfer dar. Eines Menschen Wohlwollen kann man gewinnen, wenn man ihm schmeichelt und ihn lobt – darum singen die Religionen Loblieder und tanzen vor den Göttern ihre vielen Tänze. Einen mächtigen Menschen kann man freundlich stimmen, wenn man sich ihm unterwirft, ihm Gefolgschaft zusichert und allen seinen Weisungen folgt – darum achten die Religionen sorgsam darauf, den Willen der Götter zu respektieren und ihre Tabus nicht zu brechen. Menschen kann man zu etwas überreden mit beharrlichem Bitten, Drängeln und Betteln – darum beten die Religionen in endlosen Wiederholungen und liegen ihren Göttern damit in den Ohren. Und weil man mit Menschen, Verträge schließen und Geschäfte machen kann, versuchen die Religionen dasselbe mit ihren Göttern, leisten ihnen Gehorsam und Opfer, Verehrung und Hingabe, erwarten dann aber im Gegenzug auch das Wohlwollen und den Schutz der Götter. Man bringt Geschenke und opfert Gaben, erwartet aber dann auch Erntesegen, Fruchtbarkeit und Kriegsglück. Denn unter Menschen wäscht eine Hand die andere, und man kommt erst mal gar nicht auf die Idee, dass das bei Gott anders sein könnte. Ja, Religion auf ihrer primitiven Stufe ist leicht zu durchschauen. Und wir dürfen es uns nicht ersparen, sie realistisch zu sehen. Religion ist ein ganz menschlicher Versuch, die Beziehung zu Gott auf vorteilhafte Weise zu regeln, das so bedrohliche, himmelhoch überlegene Gegenüber beherrschbar zu machen, sich durch Riten und Zeremonien vor Gott zu schützen, sich mit ihm zu verbünden und so himmlischen Rückenwind für die eigenen irdischen Ziele zu bekommen. Religion auf dieser Stufe versucht Gott mit all den Methoden beizukommen, die sich Menschen gegenüber bewährt haben. Nämlich mit Überredung und Schmeichelei, mit Bestechung, mit Unterwerfungsgesten und mit Berechnung. Man greift auf die Techniken zurück, die zwischen Menschen funktionieren, und versucht mit dem irdischen Werkzeugkasten den himmlischen Mächten zu begegnen, ohne zu merken, dass die zwischenmenschlichen Verfahren auf Gott unmöglich angewandt werden können. Man versucht durch Wohlverhalten Gott auf seine Seite zu ziehen und will sich beliebt machen, um wie bei einem irdischen König für Untertänigkeit und Dienst belohnt zu werden. Doch wie sollte das funktionieren? Wie sollte der Vater Jesu Christi jemals zum Gegenstand unserer Manipulation werden? Und wie sollte er das Verhalten des religiösen Menschen nicht durchschauen? Wie könnte Gott jemals zum Objekt unserer Forschung und unserer Einwirkung werden? Schon der Gedanke ist absurd! Und darum sollten wir unser Christentum (jedenfalls in diesem Sinne) nicht als Religion begreifen, sondern als Alternative zur Religion und als Gegenentwurf. Denn nicht wir als Christen schaffen und gestalten unsere Beziehung zu Gott, sondern Gottes Geist tut das in uns und für uns. Unser Gott ist auch prinzipiell nicht erkennbar oder erforschbar, es sei denn in dem, was er aus eigenem Willen von sich hat wissen lassen. Und wir können uns auch nicht bei ihm „lieb Kind“ machen, weil wir stets Sünder bleiben und unsere Versuche des Wohlverhaltens regelmäßig scheitern. Da wir alles, was wir haben, von Gott haben, können wir ihm nichts opfern oder schenken, was ihm nicht sowieso gehörte. Und weil wir ihm jeden Dienst schulden, verdienen wir auch keinen Lohn, sondern müssen allein auf Gnade setzen. Wir können Gott nicht so durchschauen und manipulieren, wie wir einen physikalischen Zusammenhang oder einen Mitmenschen durchschauen und manipulieren. Und wir können Gott gegenüber auch keine Vertragspartner sein, weil ihm gegenüber niemand Rechte hat. Unser Interesse am eigenen Wohlergehen wird im Glauben nicht unterstützt, sondern es wird einer heftigen Kritik unterworfen. Und wenn der religiöse Mensch hofft, mit Gottes Hilfe groß zu werden, dann lernt der Christ viel eher klein zu werden, damit allein Gott in seinem Leben groß sei. Der religiöse Mensch erhofft himmlischen Rückenwind zur Umsetzung seines Willens, der Christ hingegen lernt den eigenen Willen im Willen Gottes aufgehen zu lassen. Der religiöse Mensch will Gott als Mittel heranziehen zu seinem eigenen Zweck, der Christ dagegen will selbst Mittel sein zu Gottes Zwecken. Und das heißt: Religion im hier beschriebenen Sinne beruht auf einer Überschätzung der menschlichen Möglichkeiten und Kunstgriffe, die in ihrer Anwendung auf Menschen und Dinge funktionieren und nützlich sind, die aber in der Anwendung auf Gott kläglich scheitern, weil Gott nie Gegenstand menschlicher Einwirkung sein kann, sondern stets der Mensch ein Gegenstand göttlichen Wirkens bleibt. Wo Religion sich Gott nähert und ihm wirklich begegnet, da wird die Logik der Religion zwangsläufig durchbrochen, und was als menschliches Projekt begonnen hat, verwandelt sich in etwas ganz anders. Denn selbst wenn‘s äußerlich ähnlich aussieht, weil auch wir beten und loben und Gehorsam üben, sind es doch ganz verschiedene Dinge. Wir vertrauen nicht auf unsere Riten, Formeln, Opfer und religiöse Techniken, mit denen wir himmlische Mächte beschwören, sondern wir vertrauen einzig auf unseren Gott, der uns nie verfügbar wird, sondern sich zeigt und sich erbarmt, wann und wie er will. Ja, zum Glauben gelangen wir eigentlich erst, wenn wir erkennen, dass Religion als menschliches Projekt scheitern muss, und folgerichtig nicht mehr versuchen, die Sache mit Gott in den Griff zu kriegen. In der Religion will der Mensch Kontrolle gewinnen, doch im Glauben überlässt er die Kontrolle dem, an den er glaubt… Bedeutet das dann aber, dass der Glaube keinen Vorteil bringt und an Gott nichts ändern kann, so dass man auch nichts davon hat? Glaubt man denn nicht, um gesegnet und geschützt zu werden und in den Himmel zu kommen? Gibt es keinen Lohn für die Mühen der Frömmigkeit? Soll einer denn Gott suchen bloß um Gottes willen? Genau so ist es! Denn es gibt zwar den Lohn. Aber wer Gott suchen wollte um des Lohnes willen, würde Gott und den Lohn zugleich verfehlen. Natürlich segnet und schützt Gott die Seinen! Aber wenn es uns nur um Segen und Schutz ginge, wären wir gar nicht die Seinen. Und die Vorstellung, dass wir Gott durch unsere Gebete zu etwas überreden könnten, was er ursprünglich gar nicht geben wollte, finde ich bedenklich. Denn das wichtigste Anliegen unseres Gebetes sollte sein, dass Gottes Wille geschieht, und nicht etwa unserer. Wer sich religiös gebärdet, um mit Gottes Hilfe Erfolg zu haben, liebt nicht Gott, sondern den Erfolg. Wer religiös sein will, um dadurch ewiges Leben zu erlangen, liebt nicht Gott, sondern das ewige Leben. Und wer gute Werke tut, um bei Gott Anerkennung zu finden, der liebt nicht das Gute, sondern die Anerkennung. Wenn aber das das Wesen der Religion ausmacht, dass sie wegen menschlicher Ziele bei Gott vorstellig wird, dann fängt der Glaube erst an wo die Religion aufhört. Der Lohn dessen, dass wir die Wahrheit sagen, ist, dass wir in der Wahrheit sind. Und wem das als Lohn nicht genügt, der wird keinen anderen bekommen. Der Lohn dessen, dass wir Gutes tun, besteht darin, dass das Gute geschieht. Und wem das als Lohn nicht genügt, der kann es gleich lassen. Der Lohn dessen, dass wir lobend Gott ehren, liegt darin, dass ihm gegeben wird, was ihm gebührt. Und wem die Ehre Gottes als Grund nicht genügt, der braucht nach anderen Gründen nicht zu suchen. Denn der Gewinn des Glaubens ist Gott allein. Und wer bei Gott etwas anders zu finden hofft als Gott selbst, der ist halt bloß auf eine problematische Weise „religiös“. Solche Religion muss überwunden werden, damit der Glaube zu sich selbst findet. Und darum sollten wir auch nicht auf so irreführende Weise für den Glauben werben, wie es manchmal geschieht: „Werde Christ, damit du dich besser fühlst, werde Christ, um Gemeinschaft zu erleben, werde Christ, um Probleme zu überwinden, um glücklicher und ausgeglichener zu sein“. Das ist irreführend! Denn der Glaube hat nicht das Ziel, unser Erdenleben irgendwie leichter oder lustiger zu machen. Der Glaube lässt sich nicht mit Hilfe einer Kosten-Nutzen-Rechnung plausibel machen und nach den Maßstäben der Welt lohnt er sich auch nicht (auch wenn er natürlich wahr ist und seligmachend und ein herrliches Geschenk…). Heißt das nun aber, dass wir nicht mehr beten und bitten sollten, dass wir nicht mehr taufen, Abendmahl feiern und gute Werke tun? Nein! Davon zu lassen wäre grundfalsch, denn zu alledem hat uns Christus selbst ermutigt. Gott selbst will, dass wir diese Dinge tun. Aber wir müssen eben darauf achten, dass wir’s nicht mit falschen Vorstellungen verbinden. Wir beten sehr wohl und schütten unser Herz vor Gott aus, sollten aber nicht denken, dass wir ihn damit nötigen könnten, sondern überlassen es ihm, was er mit unseren Wünschen und Bitten anfängt. Wir feiern natürlich Gottesdienste, tun’s aber hoffentlich nicht in der Absicht, bei Gott Eindruck zu schinden oder Fleißpunkte zu sammeln. Wir freuen uns gewiss auf den Himmel, aber eben nicht wie auf einen verdienten Lohn, sondern wie auf ein unverdientes Geschenk. Wir strengen uns natürlich an richtig zu handeln, stellen uns aber nicht vor, dass Gott uns lieben müsste, weil wir alles richtig machen. Vielmehr sollte unser Glaube frei sein von jeder Art der Berechnung. Es darf nie darum gehen, etwas bei Gott zu erreichen, sondern nur darum, Gott zu erreichen. Und wer daran zweifelt, dass dies der Absicht Jesu entspricht, der möge einen Blick auf das Vaterunser werfen. Denn als Jesus seine Jünger lehrte, wie sie beten sollen, lehrte er sie 7 Bitten, von denen 6 unmittelbar das Verhältnis zu Gott betreffen, und nur eine das irdische Wohlergehen. Jesus weiß ganz gut, dass wir viele irdische Wünsche haben. Aber die sollen im Gebet offensichtlich zurücktreten. Nicht unser Ansehen soll uns beschäftigen, sondern in der 1. Bitte das Ansehen Gottes, auf dass sein „Name geheiligt werde“. Laut der 2. Bitte sollen wir nicht unser eigenes Reich ersehnen, sondern „dein Reich“, „Gottes Reich“ soll „kommen“. Nicht unser Wille soll geschehen, sondern die 3. Bitte sagt ausdrücklich „dein Wille geschehe“. Und erst an 4. Stelle schaut der Beter kurz auf die eigenen irdischen Bedürfnisse, um nicht etwa großes Glück zu erbitten, sondern nur das „tägliche Brot“. Die 5. Bitte geht dann schon wieder auf Gott, denn wir erbitten Vergebung, um nicht von ihm getrennt zu sein. Die 6. Bitte gilt derselben Sorge, weil uns Versuchungen von Gott entfernen könnten. Und wenn wir 7. erlöst werden wollen „von dem Bösen“, dann doch nur, weil wir dem Guten – d.h. weil wir Gott – nahe sein wollen. Eigentlich lehrt uns Jesus, von Gott nichts anderes zu erbitten als Gott selbst. Immer bleibt Gott dabei frei, aus Gnade zu geben, was er geben will. Und von dem was wir „Religion“ genannt haben – von dem raffinierten Versuch, Gott durch Wohlverhalten, durch Beschwörungen oder Opfergaben zum eigenen Vorteil zu lenken – ist das Gebet Jesu meilenweit entfernt. Das Vaterunser versucht nirgends Macht über Gott zu gewinnen, sondern recht betrachtet bittet es nur darum, dass Gott seine uneingeschränkte Macht über mich und meine Welt auf heilvolle Weise ausüben möge. Dass er’s aber tut (mit und ohne unser Bitten) und uns durch den Glauben über die Torheiten der Religion hinausführt, das sei ihm gedankt in Ewigkeit!