Erg. 32 • Österliches Aufwachen

Ist der Tod wie ein Schlaf?

 

Wenn wir Ostern feiern, reden wir von der „Auferstehung“ Jesu Christi und damit indirekt auch von unserer eigenen „Auferstehung“. Was wir damit aber meinen, sagt schon der Begriff selbst deutlich genug, weil einer natürlich nur „auf – er – stehen“ kann, wenn er vorher gelegen hat. Das Liegen ist die angemessene Haltung des Toten, weil man zum Liegen keine Kraft braucht. Wer aber „aufsteht“ oder „aufersteht“, der bringt sich selbst in die Senkrechte, und weil man dazu Kraft braucht, beweist er zugleich seine Lebendigkeit. Denn aufrecht stehen ist die Haltung des Lebendigen.

Nun gibt es neben dem Begriff der „Auferstehung“ aber noch ein zweites Wort, das ganz im gleichen Sinne verwendet wird, obwohl es durchaus etwas anderes sagt – und das ist das Wort „Auferweckung“. Nun werden Sie sagen: „Auferstehung“ oder „Auferweckung“, was nimmt sich das? Sind die Begriffe nicht austauschbar? Doch gibt es durchaus einen Unterschied, wenn man auf die Aktivität und Passivität des Betreffenden achtet. Aufstehen tut man nämlich, und auferweckt wird man. Das eine mache ich, das andere macht ein anderer. Und außerdem bringt der Begriff der Auferweckung neben der liegenden Haltung auch noch den Schlaf ins Spiel. Denn so wie der, der aufstehen soll, vorher gelegen haben muss, so muss der, der aufgeweckt wird, vorher geschlafen haben. Ist aber Tot-Sein wie Schlafen – oder ist Schlafen wie Tot-Sein?

Eine gewisse Verwandtschaft ist nicht zu leugnen, weshalb man den Tod manchmal poetisch „des Schlafes Bruder“ nennt. Schlaf und Tod sind tatsächlich Zwillingsbrüder, denn zum einen bringen sie uns beide in die Horizontale – im Bett wie im Grab wird gelegen, der Körper ist kraftlos, entspannt, dahingegossen. Und zum anderen rauben uns Tod und Schlaf das Bewusstsein, so wie wir es am Tage haben. Der Schlafende ist zwar nicht so „ohnmächtig“, wie wir’s bei den Toten vermuten – wer schläft kann immerhin lebendig träumen! Aber die Realitätskontrolle des wachen Bewusstseins hat der Schlafende jedenfalls nicht. Er weiß nicht, was um ihn her passiert, er ist geistig abwesend und darum schutzlos und gefährdet, denn Einschlafen ist ein Kontrollverlust. Es ist das Gegenteil von „Wach – samkeit“, es ist ein Abschied vom Tagesbewusstsein, und somit ist jedes Einschlafen ein kleiner Tod – nämlich ein Sich-Fallenlassen in den Schlummer und ins Dunkle der Nacht, dem irgendwann am Ende unseres Lebens das Dunkel des Todes entsprechen wird.

Das alles ist nun ganz bekannt und vertraut, es wird niemand überraschen. Doch hat es mich überrascht und verwirrt, als ich bei Blaise Pascal einen Satz las, der die gewohnten Zuordnungen durcheinanderwirft und ihr ausdrücklich widerspricht. Denn Pascal schreibt: „Der Schlaf sei das Abbild des Todes, sagt Ihr; und ich sage, dass er vielmehr das Abbild des Lebens ist.“

Wie – denkt man: Der Schlaf soll ein Abbild des Lebens sein? Was meint er? Wäre das Leben dann selbst eine Art Schlaf, und der lichte Tag, den wir doch mit offenen Augen sehen, der sollte in Wahrheit eine Dämmerung und ein Schlummer sein?

„Der Schlaf sei das Abbild des Todes, sagt Ihr; und ich sage, dass er vielmehr das Abbild des Lebens ist.“ War Pascals Geist etwa umnebelt, so dass er sich wünschte endlich mal ganz klar zu sein? Will er sagen, er fühle sich mitten im Leben so ohnmächtig und kraftlos wie ein Schlafender – irgendwie desorientiert und von Alpträumen verfolgt, so wie einer, der sich in seinem Bett ruhelos von einer Seite auf die andere wirft?

Nun: Wir können sicher sein, dass Pascal diesen Satz bei klarem Bewusstsein schrieb. Denn er war einer der wachesten Geister seiner Zeit. Und doch verstehe ich, was er meint, denn er will wohl sagen, dass unser jetziges irdisches Leben im Vergleich zum künftigen himmlischen Leben nur ein „Schlaf“ zu nennen ist. Natürlich empfinden wir das erst mal anders:

Wir sehen ja jetzt, im wachen Zustand, viel klarer als heute Nacht, als wir schliefen und träumten. Doch Pascal sagt: So groß wie der Unterschied zwischen dem natürlichen Schlafen und dem Wachsein, so groß wird der Unterschied sein zwischen dem, was wir heute Wachsein nennen, und dem auferweckten Wachsein und der viel größeren Klarheit, die uns im Reich Gottes erwartet. Oder ist es nicht genau das, was Paulus sagt?: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild“ – schreibt er im 1. Korintherbrief – „dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin.“ (1.Kor 13,12)

Paulus rechnet damit, dass wir einst viel klarer sehen werden, als wir es jetzt können. Er erwartet, dass Gott uns eines Tages die Augen öffnet, wie wir es noch nie erlebt haben. Und schon in den Psalmen finden wir dasselbe angedeutet, denn dort heißt es: „Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein.“ (Ps 126,1-6)

Ja, wenn Gott uns auferweckt, werden wir sein wie die Träumenden, die nach einem langen Schlaf erwachen und erst nach und nach begreifen, dass ein langer Alptraum vorüber ist. Und wir werden sein wie die Träumenden, die sich den Schlaf aus den Augen reiben und erleichtert und ungläubig um sich schauen, weil ihnen endlich die Sonne ins Gesicht scheint. Die Schatten der Nacht werden dann flüchten, und alle Ängste werden weichen, die Gedanken werden sich klären, und Gottes herrlicher Tag wird beginnen – um nie wieder zu enden. Und da sagt ihr, der Schlaf sei ein Abbild des Todes? – fragt uns Pascal. Nein! Denn in Wahrheit ist der Schlaf, viel eher ein Abbild unseres jetzigen Lebens, das so wenig Klarheit kennt und so viel Umnachtung, das voller flüchtiger Bilder ist und im Banne der Vergänglichkeit steht.

Oder male ich etwa zu schwarz? Ich glaube nicht. Denn von den lichten Momenten abgesehen, die Gott uns gönnt, stolpern wir doch meist durch unser Leben wie durch eine dunkle Kammer, in der wir immer wieder hier und dort anstoßen, in der wir wenig sehen und noch weniger verstehen, in der wir viel Ratlosigkeit miteinander teilen und uns blutige Nasen holen, um zuletzt genauso unfreiwillig zu sterben wie wir geboren wurden. Wer aber sieht, wozu Menschen fähig sind und was sie einander antun, wie sollte der nicht das Gefühl haben, dies sei ein böser Traum? Doch wird er vergehen, dieser Traum. Denn was uns heute noch so schrecklich wirklich erscheint und so unausweichlich, so unabänderlich und schwer, das wird Gottes Weckruf vertreiben wie einen bösen Traum – und es wird in dem Moment verfliegen, in dem wir auferstehen.

Denn so wenig Jesu Auferstehung bloß eine Rückkehr war, so wenig wird unsere Auferstehung eine Rückkehr sein in den alten Trott dieses Lebens. Nein! Etwas viel Besseres erwartet uns, als bloß ein zweiter Aufguss des Gewesenen! Denn durch Gottes Freundlichkeit werden wir auferweckt aus dem Dämmerzustand dieses Lebens, werden Gott schauen und dann erst recht begreifen, wie schrecklich tief wir geschlafen haben im Schlaf unseres Kleinglaubens und unseres Nicht-Verstehens, im Schlaf unserer unnützen Sorgen und unserer geistlichen Umnachtung.

Dösig und dämmrig sind wir heute noch, nur blinzelnd sehen wir Gottes Licht, aber aufwachen werden wir einmal, um so wach zu sein, wie wir noch nie wach waren, und um quicklebendig zu sein, wie wir noch nie lebendig waren. Ja, wir werden aufwachen aus unseren Gräbern, als hätte jemand morgens die Gardinen aufgezogen, und Licht wird fluten in die Dunkelkammer unseres Daseins. Denn am Tage unserer Auferweckung werden wir die befreiten Glieder strecken und uns die Augen reiben und werden zum Nachbarn sagen „Kneif’ mich mal!“, denn wir werden sein wie die Träumenden, von denen der Psalmist redet.

Was uns heute hell vorkommt, wird uns dann in Gottes Licht als eine große Finsternis erscheinen, und was wir jetzt noch Klarheit nennen, das wird uns in Gottes Licht eher wie Verwirrung vorkommen, denn Pascal hat ja Recht: Dieses Erdenleben ist bloß ein Schlaf und ist noch nicht mal ein friedvoller, so dass wir uns auf das Ende dieses Zustands freuen können und wahrlich jubeln dürfen, wenn endlich Gottes großer Wecker klingelt und uns zum Auferstehen ruft. Oder wissen wir nicht, wie schön das sein kann, wenn ein lang ertragener Schmerz endlich nachlässt? Natürlich wissen wir`s! Unsere Auferweckung aber wird genau von dieser Art sein. Sie wird sein wie das Nachlassen eines Schmerzes, an den wir lebenslang gewöhnt waren. Wir werden die Augen aufreißen, als hätten wir sie noch niemals geöffnet, und werden sehen, was wir noch nie sahen, wir werden jubeln, wie wir noch nie gejubelt haben, und werden uns fragen, wie wir überhaupt den Dämmerzustand dieses Lebens ertragen konnten. Denn im Verhältnis zu Gottes Herrlichkeit ist diese Wirklichkeit nur ein flüchtiger Schatten und im Vergleich zum himmlischen Leben, wird uns dieses Leben hier nur als ein langes Sterben erscheinen.

In Gottes Reich wird uns eine Frische empfangen, ein Licht, eine Wärme und eine Weite, wie wir sie heute gar nicht auszumalen wissen. Und selbst denen, die sich tief ins Bett des Todes verkrochen haben, wird die Decke weggezogen, damit sie’s nicht verpassen. Denn die hier gelähmt und verkrüppelt waren, die werden dort fröhlich über die Wiesen springen. Die Einsamen werden Freunde haben und die Getrennten werden vereint sein, die Weinenden werden getröstet und die Mühseligen erleichtert. Die hier hässlich sein mussten, dürfen dort in Schönheit glänzen, und die sich hier ihrer Schwäche schämten, werden sich nimmermehr schämen. Den Opfern wird jede Gerechtigkeit wiederfahren und den von Fragen Gequälten wird jede Antwort zu Teil. Wer sich mühsam über diese Erde schleppte und bittere Tränen vergoss, wird getröstet werden, und die Erkenntnis Gottes wird alles erfüllen, wie Wasser den Meeresgrund bedeckt. Da wird keiner mehr krank sein und keiner verzweifelt, sondern jeder der krumm war, wird vor Gottes Thron aufgerichtet. Denn wenn Gottes Wecker klingelt zur großen Auferweckung, dann tun sich unsere Gräber auf, und aller Schmutz fällt von uns ab, all unsere Fehler lassen wir im Grab zurück, unsere blinden Augen werden sich weiten, und wenn wir dann ungläubig schauen, wird Jesus uns anlächeln und wird rufen: „Ich hab’s euch doch gesagt!“

„Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein.“ (Ps 126,1-6) Wer sich darauf aber nicht freuen wollte, der wäre selber schuld, der hätte den Schuss nicht gehört, der an Ostern durch die Welt hallt – und wäre wirklich ein Schnarcher. Denn das Wesen dieser Welt vergeht so schnell wie ein kurzer Schlaf, unser Herr aber wird kommen mit Pauken und Trompeten, wofür wir ihn ohne Aufhören loben wollen bis zum dem Moment, wo einer zum andern sagen wird: „Kneif’ mich mal!“