(K)ein Evangelium für die Toten?

(K)ein Evangelium für die Toten?

Wenn wir ans Weltende denken und an das Schicksal, das den Menschen im Jüngsten Gericht zugeteilt wird, dann haben wir für zwei Gruppen klare Erwartungen. Denn die das Evangelium zu Lebzeiten gehört und angenommen haben, werden erlöst. Und die das Evangelium zu Lebzeiten gehört und abgelehnt haben, werden verworfen. Wie sich einer zum Evangelium verhielt im Diesseits, das bestimmt sein Schicksal im Jenseits. Denn so steht’s geschrieben. Nur gibt es ja viele, die zu Lebzeiten mit dem Evangelium gar nicht in Berührung kamen. Es gibt die Menschen der vor-christlichen und nicht-christlichen Welt. Und was geschieht mit denen? Millionen lebten und starben, bevor Christus überhaupt geboren wurde. Millionen lebten „hinter den sieben Bergen“, wo die Mission nie hinkam. Für sie hat sich die Frage gar nicht gestellt, ob sie das Evangelium annehmen oder ablehnen, denn sie erfuhren nichts davon und sind Christus nie begegnet. Haben die also „Pech gehabt“? Man müsste ein schlechter Christ sein, wenn einem die Frage nicht zu schaffen machte. Denn wir selbst sind so begünstigt, Christus kennen zu dürfen. Und Millionen andere haben ihn einfach „verpasst“. Das Neue Testament gibt aber zu deren Schicksal keine direkte Auskunft, sondern höchstens eine indirekte – die wenig hoffen lässt. Denn im Neuen Testament gibt es eine positive Perspektiven nur für jene, die zum Glauben finden und ihre Kleider „im Blut des Lammes gewaschen“ haben (Offb 7,14). Denen gelten die Verheißungen, die Christus gewiss nicht zurücknimmt. Ein anderer Weg zur Erlösung wird aber nicht nur „nicht erwähnt“, sondern mit klaren Worten ausgeschlossen. Denn Jesus sagt: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ (Joh 14,6; vgl. Apg 4,12; 1. Kor 3,11). Und daraus folgt, dass alle, die an der Sünde Adams teilhaben und nicht durch ihren Glauben an Christus teilhaben, verlorengehen. Von dem Verhängnis, ein Sünder zu sein, ist keiner ausgenommen. Und wenn das Evangelium nicht hinzutritt, um den Fluch zu brechen, ist nicht zu sehen, worauf man Hoffnung gründen sollte. Denn wo die Bibel schweigt, dürfen wir nicht schwatzen. Aber, freilich – so ganz schweigt die Bibel dann doch nicht. Und dadurch wird es kompliziert. Denn der 1. Petrusbrief sagt, Christus sei „hingegangen“ und habe „gepredigt den Geistern im Gefängnis“ (1. Petr 3,19). Und er sagt wenig später, es sei „auch den Toten das Evangelium verkündigt“ (1. Petr 4,6). Beide Stellen sind rätselhaft. Und der Zusammenhang macht uns nicht viel klüger. Doch traditionell verknüpft man diese Sätze mit der „Höllenfahrt“ Christi, bei der er (wie es im Glaubensbekenntnis heißt) nach der Kreuzigung „hinabgestiegen“ ist in das „Reich des Todes“. Nach dem Karfreitag und vor der Auferstehung ist Christus in der Unterwelt gewesen. Und da könnte er den Toten der vorchristlichen Welt das Evangelium verkündet haben, um anschließend die Gläubigen mit sich aus der Hölle herauszuführen. Man kann auf Gemälden sehen, wie die Patriarchen des Alten Testaments mit dem siegreichen Christus die Hölle verlassen. Und natürlich keimt da die Hoffnung, dasselbe könnte doch auch jenen widerfahren, die Christus zu ihren Lebzeiten nicht kennenlernten. Um ihretwillen würde man sich das natürlich wünschen! Aber geben die biblischen Texte das wirklich her? Steht es da? Oder ist es nur etwas, das wir hineinträumen, weil es uns gerecht erschiene, wenn jeder dieselbe Chance bekäme? Um mehr Klarheit zu gewinnen, müssen wir etwas ausholen. Denn was heißt das überhaupt, dass Christus „hinabstieg“ in das Reich des Todes? Und was hat er dort zu suchen? Nun, zum einen ist es der Endpunkt seiner „Entäußerung“ und des Leids, das er für uns übernahm. Und zum anderen ist die Hölle als Wendepunkt der Beginn seiner „Erhöhung“ und der Anfang seines Triumphs. Einerseits gerät Christus in die Hölle, weil das noch mit zu seinem stellvertretenden Leiden gehört – neben Sünde, Strafe und Tod lädt er sich auch unsre Verdammnis auf die Schultern. Denn es ist die äußerste Konsequenz der Gottverlassenheit, wenn einer so „zum Teufel geht“ wie Christus am Kreuz. Und Christus erspart sich das nicht, weil nur das Elend, an dem er teilhat, auch überwunden wird. Doch (das ist der zweite Punkt) in Wahrheit geht Christus nicht in die Hölle, um ihrer Macht zu erliegen, sondern um ihre Macht zu brechen. Er erlaubt der Hölle, ihn zu verschlingen, erweist sich aber als ein giftiger Bissen. Denn indem Christus unsre Verdammnis erleidet, verliert die Hölle alles Recht, das sie an uns hatte. Plötzlich ist es Christus, der das Gefängnis gefangen führt. Er erweist sich als des Todes Tod und des Teufels Teufel. Und damit wird dieser Tiefpunkt zum Anfang eines Triumphzugs, weil die Hölle Christus nicht halten und nicht verhindern kann, dass er mitten in der Hölle seinen Sieg proklamiert. Denn alle im Himmel und auf Erden und unter der Erde (!) sollen erfahren, was die Stunde geschlagen hat (Phil 2,10). Gott „hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus“ (Kol 2,15). Christus ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören (1. Joh 3,8) und hat ihm, der Gewalt über den Tod besaß, eben diese Macht genommen (Hebr 2,14-15). Nun ist der Tod „verschlungen vom Sieg“ (1. Kor 15,54-55), und die Geister im Gefängnis sollen es erfahren (1. Petr 3,19 u. 4,6). Denn Christus ist lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und hat „die Schlüssel des Todes und der Hölle“ (Offb 1,17-18). Nur, bitte – wenn Christus seinen Sieg proklamiert – was heißt das dann konkret für die Toten der vor- und außerchristlichen Welt? Und welche Konsequenzen hat es? Zielt es als Heilspredigt auf die jenseitige Bekehrung all derer, die im Diesseits kein Evangelium gehört haben? Oder ist es nur eine Gerichtspredigt für Satans Gefolgschaft, der Christus vor Augen führt, wie sehr sie zu Recht verdammt ist? Soll seine Predigt etwa den auf Erden Ungläubigen eine „zweite Chance“ geben? Oder teilt Christus ihnen nur mit, was sie nun auf ewig verpassen? Man wünschte, Petrus hätte mehr als zwei Sätze darüber gesagt! Denn gewöhnlich zielt alles Predigen auf einen Gesinnungswandel. Und dem Schächer am Kreuz verdanken wir die Einsicht, dass der selbst in den letzten Minuten des Lebens noch möglich ist (Lk 23,39-43). Dass ein Umdenken aber auch nach dem Tod noch möglich sei, dafür gibt es keine biblischen Beispiele, sondern – ganz im Gegenteil – wird es ausdrücklich bestritten (Lk 16,26). Auf den Tod folgt das Gericht (Hebr 9,27), das jedem seinen endgültigen Platz im Himmel oder in der Hölle zuweist. Und danach kann man sich nicht nochmal „umentscheiden“, um von hier nach da zu gelangen. Denn mit dem Tod endet die Möglichkeit, dem eigenen Leben eine neue Richtung zu geben (Pred 11,3). Wie einer zu Lebzeiten war, so wird er ewig gewesen sein. Und das ist wichtig zu wissen, damit keiner meint, er könne sich vor Gottes Richterstuhl nochmal alles anders überlegen! Doch – wenn’s so ist: Warum sagt dann Petrus, den Toten werde das Evangelium gepredigt? Wohl ist die Macht der Hölle gebrochen. Doch gilt es nur für die, die dem Evangelium auch glauben! Und dass sich die Hölle nach Christi Besuch ganz entleert und aufgelöst hätte, finden wir nirgends. Sondern das Neue Testament setzt selbstverständlich voraus, dass die Hölle auch nach und trotz jener „Predigt im Gefängnis“ fortbesteht. Da kommt man leicht durcheinander! In einer Hinsicht scheint aber notwendig, was Petrus sagt. Das kann man nicht ignorieren, und daran hat die Christenheit auch regelmäßig angeknüpft – dass sich nämlich unter den „Geistern im Gefängnis“ die Gläubigen des Alten Bundes befanden, samt den Erzvätern und Propheten. Und dass Christus die unmöglich im Reich des Todes zurücklassen konnte. Denn sie hatten ja schon zu Lebzeiten Gottes Verheißungen gehört und hatten ihnen geglaubt. Freilich gibt es keine Erlösung an Christus vorbei. Um gerettet zu werden, muss man mit ihm in Verbindung stehen. Und sein Erscheinen in der Zeit haben die Frommen des Alten Bundes (wie Jesaja, Jeremia und Daniel) nicht mehr erlebt. Sie haben aber stets an den Gott Israels geglaubt, der schon der Dreieinige war, bevor er sich als solcher offenbarte. Auf seine Verheißung hin haben sie den Messias Israels erwartet, dessen Namen sie nur noch nicht kannten. Und so ist undenkbar, dass Abraham, Samuel oder Elia verlorengehen. Da es ohne Christus keine Rettung gibt, müssen sie ihm begegnen. Das ist nur möglich, wenn er sie im Reich der Toten besucht. Und eben das wird im 1. Petrusbrief bezeugt. Christus hat den Geistern im Gefängnis gepredigt. Die Gläubigen des Alten Bundes erkannten in ihm den Gott, der schon immer „ihr Gott“ war. Die Hölle hat dadurch ihre Macht an ihnen verloren. Und folgerichtig sehen wir auf Bildern, wie Christus die befreiten Patriarchen im Triumph aus der Hölle führt. Soweit ist das auch plausibel und gut begründet (man vergleiche die Argumentation in Röm 9-11!). Nur muss man eben auch hören, was damit nicht gesagt ist. Denn da steht nirgends, dass im selben Sinne mit allen Toten verfahren würde. Und selbst wenn alle das Evangelium hören sollten, heißt das noch nicht, dass ihm auch alle glauben. Die Freunde der „Allversöhnung“ irren, wenn sie hier Morgenluft wittern. Sie unterstellen zwar gern, Gott sei den Andersgläubigen und Ungläubigen dasselbe schuldig wie den Gläubigen des alten Bundes. Sie rufen: „Gleiches Recht für alle, sonst ist das nicht fair! Jeder muss die Chance haben, durch das Evangelium gerettet zu werden – und wenn er nicht will, dann auch ohne!“ Aber eben diese universelle Heilshoffnung hat in der Bibel keinen Anhaltspunkt. Und bloß, weil es viel „schön“ fänden, darf es schriftgebundene Theologie nicht behaupten. Denn, bitte: Was wissen wir denn wirklich? Wir wissen, dass (abgesehen von Christus selbst) alle Menschen Sünder sind. Denn das Dichten und Trachten unsres Herzens ist böse von Jugend auf (1. Mose 8,21). Keiner ist rein (Hiob 14,4). Alle sind abgewichen und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten (Ps 14,3; Röm 3,23). Wir müssen aber alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Gottes (Röm 14,10; 2.Kor 5,10). Und dort wird (an den Werken gemessen) keiner bestehen können. Wessen Name sich nicht findet im Buch der Lebenden, der wird verworfen (Offb 20,11-15). Und darin sind nur jene vermerkt, die getauft wurden und geglaubt haben (Mk 16,16). Niemand, der das Johannesevangelium gelesen hat, kann annehmen, es gäbe eine Erlösung an Christus vorbei. Doch um an Christus zu glauben, muss man sein Evangelium gehört haben (Röm 10,17). Und auch dann glaubt ihm nur, wer durch den Hl. Geist erleuchtet wird. Was soll man also hoffen für die, die mit dem Evangelium nichtmal in Berührung kamen? Positiv darf man der Höllenfahrt Christi entnehmen, dass auch der Tod nicht die Macht hat, von Christus zu trennen. Christi Herrschaft kennt keine Grenzen. Und nichtmal in der Hölle ist jemand seinem Zugriff entzogen, wenn Gott ihn zum Heil berufen will. Doch darf man deshalb nicht unterstellen, jeder hätte ein Recht, in dieser Form berufen zu werden. Denn Gott schuldet niemandem irgendetwas. Was ist also mit all den Hindus und Buddhisten, mit den Indigenen im fernen Regenwald und den zu früh Verstorbenen, die mit dem Evangelium nie in Berührung kamen? Wir wissen es nicht. Denn wir wissen zwar, dass sie allesamt Sünder sind und (gleich uns!) verdient haben, verworfen zu werden. Wir wissen aber nicht, ob sie das Evangelium nach ihrem irdischen Tod so erreicht, dass sie es im Glauben annehmen. Denn das geben auch die zwei Stellen im 1. Petrusbrief nicht her. Gewiss sind Gott keine Grenzen gesetzt (Mt 19,26). Wer errettet werden soll, wird Christus ganz sicher begegnen. Wenn einer aber nicht errettet werden soll, ist egal, wie oft er Christus begegnet, denn er wird ihn ja doch jedesmal ablehnen. Was ist also mit denen, die dem Evangelium zu „fern“ waren oder zu „früh“ lebten, so dass es an ihnen vorüberging? Weder dürfen wir sagen, dass Gott sie erreichen „müsste“, noch dürfen wir sagen, dass er es nicht „könnte“. Soviel steht aber fest, dass die Naseweisen, die immer genau wissen, was Gott der Welt schuldig sei, den Mund zu voll nehmen. Sie träumen davon, die Hölle werde sich am Ende als Märchen erweisen. Und weil sie es wünschen, lesen sie das auch in die Bibel hinein. Doch nüchtern betrachtet sagt Gottes Wort sehr wenig darüber, was mit jenen „Anderen“ geschieht. Und schriftgebundene Theologie legt darum besser die Hand auf den Mund – und schweigt auch ihrerseits. Was Gott mit all den Anderen vorhat, wissen wir nicht. Wir wissen aber, dass es richtig sein wird. Und zum Glück hat es der Allmächtige nicht nötig, dass wir ihn diesbezüglich beraten. So würde ich zwar gern mit großem Durchblick glänzen, gestehe aber doch lieber mein Nicht-Wissen und bleibe eine ehrliche Haut. Dass die Menschen der vor- und außerchristlichen Welt das Problem der Erbsünde haben, ist klar – und auch, dass sie es ohne Christus nicht loswerden. Dass er sie auch im Tod erreichen kann, wenn er das will, steht außer Frage. Ob er’s aber auch tut, lässt sich ohne biblische Belege nicht sagen. Dass wir‘s den Betroffenen wünschten, versteht sich von selbst. Aber dass Gott um seiner Liebe willen dementsprechend verfahren „müsste“, ist sicher falsch. Denn er hat nie „alle gleich behandelt“. Gottes Gnade ist frei, sofern sie sich nicht selbst bindet. Und gebunden hat sie sich nur in Christus. Wer will also den Mund aufreißen und über Dinge spekulieren, von denen er nichts wissen kann? Ich lasse das lieber. Denn bitten und hoffen dürfen wir vieles. Aber verlangen können wir nichts. Können kann Gott ganz viel. Aber müssen muss er nichts. Und wenn wir das auch hundertmal unbefriedigend finden, bleibt es dennoch wahr. 

 

 

Bild am Seitenanfang: The Descent into Limbo

Master of the Osservanza, Public domain, via Wikimedia Commons