126 • Auferstehung der Toten

Wieviel Zukunft hat mein Körper?                                   Dieser Text als Video 

 

Das Neue Testament spricht meist eine friedfertige und versöhnliche Sprache. Aber gelegentlich hat die Apostel doch der Zorn gepackt. In der Gemeinde zu Korinth z.B. war es üblich geworden, mal so und mal so über die Auferstehung zu denken – sie nach Belieben zu debattieren, zu behaupten, zu bezweifeln oder offen zu leugnen. Paulus aber fährt mit einem Donnerwetter dazwischen und erinnert die Korinther daran, dass die Auferstehung nicht irgendeine, unter Christen diskutable Nebensache ist, sondern das Fundament, auf dem ihr ganzes Christsein ruht. Was redet ihr da – ruft Paulus: „Es gibt keine Auferstehung der Toten? Gibt es keine Auferstehung der Toten, so ist auch Christus nicht auferstanden. Ist aber Christus nicht auferstanden, so ist unsre Predigt vergeblich, so ist auch euer Glaube vergeblich. Wir würden dann auch als falsche Zeugen Gottes befunden, weil wir gegen Gott bezeugt hätten, er habe Christus auferweckt, den er nicht auferweckt hätte, wenn doch die Toten nicht auferstehen. Denn wenn die Toten nicht auferstehen, so ist Christus auch nicht auferstanden. Ist Christus aber nicht auferstanden, so ist euer Glaube nichtig, so seid ihr noch in euren Sünden; so sind auch die, die in Christus entschlafen sind, verloren.“ (1.Kor 15,12-18)

Heiliger Zorn spricht aus diesen Worten. Aber Paulus vergisst deswegen nicht zu argumentieren, sondern stößt die Korinther auf den Zusammenhang, den sie so sträflich vergessen hatten: Dass es nämlich bei der Auferstehung Jesu immer zugleich auch um ihre eigene Auferstehung geht. Nicht allein das Schicksal Christi steht da in Frage, dass man unbesorgt diskutieren könnte, sondern zugleich die Zukunft jedes einzelnen Christen. Denn wäre Jesu Grab ein ewiges Grab, so würden es unsere Gräber auch sein. Hat aber sein Grab sich aufgetan, so werden es unsere auch tun. Das eine lässt sich vom anderen nicht trennen. Und darum schärft Paulus uns ein, dass recht verstandener Osterglaube immer zugleich der Glaube an unsere eigene Auferstehung ist. Osterglaube lässt sich nicht beschränken auf die rückwärtsgewandte Frage, was denn am Ostermorgen vor zweitausend Jahren mit dem Leichnam Jesu geschah. Sondern er enthält immer zugleich die Erwartung, dass eines Tages auch mit meinem eigenen Leichnam etwas Besonderes geschehen wird. Es fragt sich nur: was?

Was wird, was kann noch mit uns geschehen, wenn unsere Leiber zu Staub zerfallen sind? Wird dann unser alter Leib wiederbelebt? Bekommen wir einen ganz neuen Leib? Oder brauchen wir vielleicht gar keine Leiber mehr in der himmlischen Welt? Wenn wir diese Fragen an Paulus zurückgeben, der sie provoziert hat, so antwortet er uns mit eindrücklichen Bildern. Schaut, sagt er: Das Weizenkorn, das wir in der Erde begraben, ist ganz anders als die Pflanze, die später daraus hervorgeht. Vögel sind anders als Fische. Und Fische sind anders als das Vieh. Die Sonne glänzt anders als der Mond. Und der Mond anders als die Sterne. Denn es gibt nun einmal himmlische Körper und irdische Körper, die sich nicht einfach miteinander vergleichen lassen. So andersartig, so unvergleichlich, sagt nun Paulus, wird es auch sein mit der Auferstehung der Toten. Denn es wird gesät verweslich und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesät in Niedrigkeit und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesät ein natürlicher Leib und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Nun: Diese Auskunft ist vielleicht nicht so konkret, wie unsere Neugier sich das wünschen würde. Aber wenn wir genau hinhören, können wir den Ausführungen des Apostels doch vier wichtige Dinge entnehmen:

 

(1.) Paulus spricht ausdrücklich von einer leiblichen Auferstehung und macht damit deutlich, dass die Auferstehung eine handfeste und materielle Seite hat. Natürlich wird der himmlische Körper anders sein als der irdische Körper. Aber jedenfalls ist es ein Körper. Und wir können daraus schließen, dass die Auferstehung keine bloß seelische Angelegenheit sein wird, bei der wir blass und geisterhaft umeinanderschweben. Nein! Nicht als flüchtige Schatten, Nebel oder Gespenster werden wir aus den Gräbern hervorgehen, sondern in einer neuen, für den Himmel tauglichen Leiblichkeit. Ob Gott für diese neuen Körper nur die Stoffe verwenden wird, die einmal unseren irdischen Leib gebildet haben, ob er sie ersetzt, verwandelt oder ergänzt, wissen wir nicht – und müssen es auch nicht wissen. Soviel aber ist klar, dass Gott an die Substanz unserer alten Leiber anknüpft und damit der materiellen Seite seiner Schöpfung treu bleibt. Denn als eine Einheit aus Geist und Leib hat er den Menschen geschaffen – und solch eine Einheit aus Geist und Leib werden wir auch in der Auferstehung wieder sein.

 

(2.) Trotz der genannten Übereinstimmung zwischen „Alt“ und „Neu“ betont Paulus ausdrücklich den Unterschied zwischen unserem alten, irdischen und dem neuen, ewigen Leben. Denn wir dürfen die Auferstehung nicht als bloße „Wiederbelebung“ missverstehen. Wenn Gott uns aus den Gräbern holt, dann tut er das nicht, um uns wieder in unser altes Erdendasein zurückzuführen. Er tut es nicht, um uns wieder den alten physikalischen und biologischen Gesetzen zu unterwerfen und uns damit wieder in ein vergängliches Dasein einzugliedern. Nein! Mit einer bloßen Neuauflage dieses irdisch-begrenzten Lebens, mit einem zweiten Aufguss des alten Daseins, das wir gerade erst recht und schlecht hinter uns gebracht haben, wäre niemandem geholfen. Und darum ist die Auferstehung, von der Paulus redet, auch nicht einfach die Wiederbelebung eines Leichnams, sondern ein qualitativer Sprung und eine Neuschöpfung, weil sie die Auferstehung unserer Fehler, unserer Schwächen und Krankheiten ausdrücklich nicht einschließt. Was an uns Sünde ist, darf getrost begraben bleiben – und muss sogar begraben bleiben, weil es sonst unser neues Leben vergiften und belasten würde. Eine radikale Erneuerung ist nötig, um uns tauglich zu machen für Gottes Reich.

 

(3.) Und doch, trotz aller Erneuerung, wird der auferstandene Mensch mit dem gestorbenen identisch bleiben. Denn Auferstehung als „Neuschöpfung“ verlöre ihren Sinn, wenn der „neue“ Mensch in keiner Hinsicht mehr der Alte wäre. Es ginge sonst wie bei einem alten Fahrrad, bei dem man erst die Räder durch neue Räder ersetzte, dann den Rahmen durch einen neuen Rahmen, und schließlich den Lenker, den Sattel und die Pedale. Am Ende bliebe von dem alten Fahrrad gar kein Teil mehr übrig – und man hätte es damit nicht etwa erneuert, sondern hätte es in Wirklichkeit durch ein neues, ganz anderes Fahrrad ersetzt. So jedenfalls wird Gott nicht mit uns verfahren, wenn er uns auferweckt. Denn er ist seinen Geschöpfen treu, die er nicht gegen andere austauschen will, sondern die er auferweckt, um sie zu vollenden. Uns gilt seine Liebe. Darum wird Gott uns in der Auferstehung zwar radikal umgestalten, wird aber unsere Identität dabei nicht aufheben. Vielmehr wird der, der aus dem Grab hervorgeht, durchaus noch derselbe sein, den man hineingelegt hat – nur eben befreit von allen Altlasten seiner Vergangenheit und gereinigt vom Schmutz seiner Schuld.

 

(4.) Sollten sie nun Schwierigkeiten haben, sich Auferstehung vorzustellen, so ist das verständlich – und ist kein Grund zur Sorge. Denn natürlich fällt es schwer, sich all das Negative wegzudenken, das uns heute noch bedrückt und prägt. Ein Spötter könnte fragen, was denn überhaupt noch von uns übrig bleibt, wenn uns Eigensinn und Selbstliebe verlassen haben. Doch auch in dieser Schwierigkeit kann Paulus noch einmal Mal weiterhelfen. Denn er sagt, dass wir im Leben der Auferstehung ganz nach dem Bilde Christi gestaltet sein werden. So wie alle in Adam sterben, sagt er, „...so werden sie in Christus alle lebendig gemacht werden.“ Und das heißt: So wie wir jetzt dem Adam gleichen, und in dieser Gleichheit das Unglück unseres Todes begründet liegt, so werden wir nach der Auferstehung Jesus gleichen, und in dieser Ähnlichkeit wird sich unser neues Leben dokumentieren. Denn Jesus Christus ist das wahre Bild des Gott entsprechenden Menschen. Christus ist genau so Mensch, wie wir schon immer Mensch hätten sein sollen. Und darum werden wir als Auferstandene, als von Gott Vollendete, Christus ähnlich werden: Eins werden wir sein mit Gottes Willen und durchdrungen von seiner Liebe, teilhabend an der Fülle seines Lebens und ganz ungezwungen Gott gehorsam. Versöhnt werden wir sein mit uns selbst und mit Gott. Fröhlich wie die Engel werden wir sein, heilig wie der Herr, aus aller Not geborgen, von allem Schmutz gereinigt, getröstet und befreit, überwältigt und beschämt – und bei alledem voller Dankbarkeit. Wer sich aber darauf nicht freut – ich fürchte, dem ist nicht zu helfen. Denn schönere Aussichten kann man sich kaum denken. Es ist unglaublich, dass unseren morschen Knochen einmal so Großes widerfahren soll. Es ist erstaunlich, dass Gott sich solche Mühe mit uns macht. Und es erklärt sich nur daraus, dass wir durch unsere Taufe Glieder des Leibes Christi geworden sind. Durch die Taufe hat sich Christus so unlöslich mit uns verbunden, wie der Kopf mit dem Körper verbunden ist. Und daraus folgt unsere Auferstehung ganz von selbst. Denn wo der Kopf hingeht – sollten da nicht die Glieder ganz sicher folgen? Ist Christus durch die Nacht des Todes hindurch – wird er uns dann nicht automatisch nach sich ziehen? Es ist unvermeidlich, dass die Glieder dem Kopf folgen. Und darum hat Luther die Auferstehung einmal mit einer Geburt verglichen: Auch da, sagt er, wird zuerst der Kopf geboren. Und ist der Kopf erst mal draußen aus dem Mutterleib, sagen die Hebammen, dass es keine Not mehr hat. Denn der Kopf hängt schließlich am Leib, und wird gewiss nicht alleine bleiben, sondern wird die Schultern, den Rücken und alles andere nach sich ziehen. Genau so, sagt Luther, ist’s mit der Auferstehung. Christus, der aller Christen Haupt ist, der ist schon hindurch durch den Tod. Und wenn auch Teile seines Leibes noch in den Gräbern liegen, so hat’s doch keine Not mehr. Denn Christus wird uns alle nach sich ziehen.

 

- WEITER GEHEN ZU KAPITEL 127 -