Das Ende der Geschichte
Kennen sie Daniel, den Propheten aus dem Alten Testament? Viele wissen nur, dass er mal in die Löwengrube geworfen wurde. Doch ist viel mehr von ihm zu berichten. Denn Daniel gehört zu den Israeliten, die 587 vor Christus nach Babylon verschleppt wurden, nachdem die Babylonier Israel zerstört und Jerusalem verbrannt hatten. Daniel und seine Leute sind sozusagen Teil der „Kriegsbeute“, die König Nebukadnezar mit nach Hause nimmt. Und bei ihm in Babylon leben sie dann einigermaßen frei, solange sie nicht beim König in Ungnade fallen. Nebukadnezar allerdings kann sehr ungnädig sein. Und er ist es besonders an jenem Tag, da er vom Schlaf erwacht und sich an einen scheußlichen Traum erinnert. Der Traum hat ihn um so mehr erschreckt, als er seine Bedeutung nicht versteht. Und so lässt der König all seine gelehrten Zeichendeuter, Zauberer, Wahrsager und Wissenschaftler zusammenrufen, damit sie ihm den Traum erklären. Nebukadnezar ist der mächtigste Herrscher seiner Zeit. Darum kommt da eine stattliche Versammlung gebildeter Männer zusammen – sozusagen eine altorientalische „Akademie der Wissenschaften“. Diese klugen Köpfe sind Spezialisten in vielen Künsten und trauen sich zu, jedem königlichen Traum eine schöne und tiefsinnige Deutung zu geben. Darum treten sie auch zuversichtlich vor den König und sagen: „Lass deinen Traum nur hören!“ Doch so einfach will es ihnen Nebukadnezar nicht machen. Er hat sich das anders gedacht und verlangt, dass sie ihm den Traum und die Deutung sagen, ohne dass er den Traum vorher erzählt! Der König rechnet offenbar damit, betrogen zu werden. Denn wenn er seinen Traum offen mitteilt, kann sich schließlich jeder eine Interpretation ausdenken. Und der König wird dann nicht wissen, ob sie wahr ist. Jeder kann sich mit etwas Phantasie eine Deutung zurechtlegen! Wenn seine Berater aber wirklich so klug sind, wie sie immer behaupten, na, dann sollten sie auch fähig sein, den Traum selbst zu erraten. Und wenn ihnen das gelingt, hat der König umso mehr Anlass, auch der Deutung zu vertrauen! Darum sagt er: „Mein Wort ist deutlich genug. Werdet ihr mir nun den Traum nicht kundtun und deuten, so sollt ihr in Stücke gehauen und eure Häuser sollen zu Schutthaufen gemacht werden. Werdet ihr mir aber den Traum kundtun und deuten, so sollt ihr Geschenke, Gaben und große Ehre von mir empfangen. Darum sagt mir den Traum und seine Deutung“ (Dan 2,5-6). Die Forderung des Königs ist nicht ohne Logik. Und auch sein Misstrauen dürfte begründet sein. Doch bringt er die gelehrten Herren in Schwierigkeiten. Denn tatsächlich haben sie keinen blassen Schimmer, was der König geträumt haben könnte, und geben das am Ende auch zu. Doch Nebukadnezar ist mit dem falschen Fuß aufgestanden. Er wird sehr zornig und befiehlt, all diese unnützen Weisen und Traumdeuter hinzurichten. Auch Daniel und seine Freunde kommen dadurch in Gefahr. Und so wird Daniel aktiv und bittet den König um etwas Zeit, um das Rätsel zu lösen. Er geht dabei aber den Weg eines frommen Israeliten. Er grübelt und forscht nicht lange, sondern holt sich drei Freunde, die mit ihm beten. Sie bitten Gott, ihnen das Geheimnis zu enthüllen, was der König geträumt hat, und was es bedeutet. Gott aber erbarmt sich und offenbart Daniel alles, was er wissen muss. Daniel geht daraufhin zum König, erzählt ihm seinen Traum und liefert auch gleich eine so überzeugende Deutung, dass Nebukadnezar tief beeindruckt ist und es fast scheint, als wollte er zum Judentum übertreten. So rettet Daniel Babylons Gelehrten das Leben – und wird vom König reich belohnt. Aber freilich: Was war denn nun der Inhalt des Traums? Der König hatte von einem großen Standbild geträumt, von der überlebensgroßen Statue eines Mannes. Das Besondere war aber, dass dieses Standbild in seinen verschiedenen Teilen von oben nach unten aus verschiedenen Metallen bestand. Der Kopf des Bildes war aus Gold, die Brust und die Arme aus Silber, Bauch und Unterleib bestanden aus Kupfer, die Beine aus Eisen, die Füße aber teils aus Eisen und teils aus Ton. Es fällt auf, dass die Materialien von oben nach unten (vom Kopf zu den Füßen) immer weniger edel werden, dafür aber härter. Und das Merkwürdigste ist, dass dieser Koloss dann ausgerechnet auf tönernen Füßen steht. Denn das ist nicht gerade zweckdienlich. Es lässt für die Stabilität des Ganzen nichts Gutes erwarten. Und im Fortgang des Traumes bestätigt sich das. Denn mit großer Wucht kommt ein Stein herangerollt (ohne Zutun von Menschenhänden, man weiß nicht, woher er kommt) – der trifft das Bild an den Füßen, die eine Mischung von Eisen und von Ton sind, und der Stein zerschmettert diese Füße so, dass das ganze Standbild zusammenbricht und derart heftig einstürzt, dass Eisen, Ton, Kupfer, Silber und Gold gemeinsam pulverisiert werden und wie Staub im Wind verwehen. Der Stein dagegen, der den Zusammenbruch verursacht hat, der wächst und wächst – und wird selbst so groß wie ein Berg, bis er schließlich die ganze Welt erfüllt. Nun, ein angenehmer Traum ist das nicht. Man versteht, dass Nebukadnezar beunruhigt ist und nichts Rechtes damit anfangen kann. Daniel aber (von Gott belehrt) deutet das Ganze als Weissagung auf den künftigen Verlauf der Weltgeschichte und erkennt in den vier Abschnitten der Statue vier Weltreiche. König Nebukadnezar selbst stellt mit seinem babylonischen Reich den goldenen Kopf dar. Nach ihm aber soll ein anderes Königreich aufkommen, das geringer ist als seines, das ist der silberne Oberkörper. Danach folgt das dritte Großreich, das nur noch aus Kupfer besteht. Und das vierte Weltreich wird hart sein wie Eisen. Doch ist das Eisen an den Füßen mit Ton vermischt. Es verbindet starke und schwache Elemente, die nicht gut zueinander passen. Und wenn es mit den großen Kulturen soweit gekommen ist, sagt Daniel, dann – „wird der Gott des Himmels ein Reich aufrichten, das nimmermehr zerstört wird; und sein Reich wird auf kein anderes Volk kommen. Es wird alle diese Königreiche zermalmen und zerstören; aber es selbst wird ewig bleiben“ (Dan 2,44). Daniel sagt das mehr als 500 Jahre vor Jesu Geburt. Er redet aber als Prophet und meint genau das Reich Gottes, von dem später Jesus sagt, es sei zu Jesu Zeit „nahe herbei gekommen“ (Mt 4,17; 10,7). Daniel meint das Reich Gottes, das Jesus ganz eng mit seiner eigenen Wirksamkeit verknüpft (Lk 11,20). Und wenn Jesus sich oft den „Menschensohn“ nennt (z.B. Mt 8,20; 12,8; 16,13; 20,28), ist das eben der Titel, den Daniels Buch für den Messias der Endzeit gebraucht (Dan 7,13-14). Jener Stein, der die Weltreiche zum Einsturz bringt, ist also das Reich Gottes, von dem Jesus so viel redet, und das mit Jesu Geburt anbricht. Das ist der Stein, der ohne Zutun von Menschenhänden vom Berg herunterrollt, der all den gottlosen Glanz der Welt zerschlägt, der das Verkehrte pulverisiert – und dann selbst immer mehr wächst, bis das Reich Gottes Himmel und Erde erfüllt. Welches sind nun aber die vier Weltreiche, die zusammenbrechen? Vom ersten, dem goldenen Reich, sagt Daniel selbst, es sei das Reich der Babylonier (Dan 2,37-38). Das zweite, das silberne Reich, muss das der Meder und Perser sein. Mit dem dritten, dem kupfernen Reich, ist das griechische Imperium Alexander des Großen gemeint. Und dieses wird wiederum vom römischen Reich beerbt, das dem vierten, dem eisernen Zeitalter entspricht. Rom herrschte tatsächlich mit eiserner Hand, es stand aber auf tönernen Füßen – wenn man will, kann man in den beiden Beinen Ostrom und Westrom sehen. Und während sich das Christentum ausbreitet, geht es mit Rom bergab, bis es schließlich vom christlichen Abendland abgelöst wird. Was war also der Stein? Das Neue Testament lässt uns nicht lange rätseln: Mit der Geburt Christi begann das Reich Gottes auf Erden. Es begann aber nicht etwa laut, gewalttätig und öffentlich sichtbar wie sonst ein „Imperium“, sondern es begann unauffällig und verborgen in den Herzen derer, die Jünger Jesu wurden. Christus selbst ist der Stein, der den Anstoß gibt. Sein Heiliger Geist trägt den Impuls weiter. Und wenn man davon auch wenig merkt, weil die Christen so unpolitisch sind und ihr Glaube so klein wie ein Senfkorn, löst er doch eine gewaltige Bewegung aus. Denn 325 Jahre nach Christi Geburt ist das römische Reich schon christlich geworden. Und seither wächst mit jedem Getauften die Zahl derer, die auf verborgene Weise zum Reich Gottes gehören und durch ihren Glauben innerlich dran Anteil haben. Natürlich ist das Reich Gottes keine „Großmacht“, die man auf der Landkarte einzeichnen und mit Waffen verteidigen könnte. Es ist eine geistliche Macht, die sich durch Gottes Wort verbreitet. Es unterwandert diese Welt auf verborgene Weise, wie ein wenig Sauerteig eine große Menge Mehl durchsäuert (Mt 13,33). Aber dabei bleibt es nicht. Denn auf die erste Ankunft Christi wird seine Wiederkehr folgen. Und jener unscheinbare Stein, der bei Daniel heranrollt, um die Symbole menschlicher Aufgeblasenheit und Macht zu zerstören, dieser himmlische Stein wird sich als härter erweisen als alles Gold, Silber und Eisen dieser Erde. Denn was die finsteren Mächte auch versuchen mögen – das Evangelium Jesu verstummt nicht mehr. Der heilvolle Impuls ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Und weil unser Glaube ansteckend wirkt, weil er von einem auf den anderen überspringt, wächst Gottes Reich beharrlich weiter und ist nicht mehr aufzuhalten, bis es einmal Himmel und Erde erfüllt. Die Imperien der Menschen aber werden eines Tages endgültig zu Staub und Asche zerfallen – und niemand kann’s verhindern. Wenn Christus wiederkommt, endet diese lange Weltgeschichte voller Blut und Tränen. Aber sind das etwa trübe Aussichten? Oder redet Daniel vom Weltuntergang, damit wir Angst bekommen? Nein, ganz im Gegenteil. Denn ähnlich wie die Offenbarung des Johannes zeigt uns Daniel zwar den Untergang dessen, was wir kennen – er zeigt uns, dass diese kranke Welt auf tönernen Füßen steht. Aber wenn das, was heute schon schwankt, endgültig mit großem Geschepper zerbricht, wird das kein Trauertag sein. Denn diese kaputte Welt macht dann bloß Platz für das Gottesreich, auf das wir hoffen und warten, weil wir seine Bürger sind! Gott wird auf das böse Ende dieser Welt einen guten Anfang folgen lassen. Er wird das Schlechte aber nur zerbrechen, um Raum zu schaffen für etwas Besseres. Und darauf dürfen wir uns freuen, weil unsre Hoffnung ja nicht auf irdischen Mächten ruht, nicht auf Amerikanern, Russen oder Chinesen, nicht auf Technik, Geist oder Geld. Sondern wir setzen unsre Hoffnung auf Christi Vollmacht, die bereits erschienen ist und der die Zukunft gehört. Wir stützen unsre Zuversicht nicht auf die brüchigen Fundamente der menschlichen Weisheit, Güte oder Stärke – denn das wären ja wieder „tönerne Füße“! Wir stützen unsre Zuversicht auf Gottes Verheißungen. Und weil die vom dem Leben künden, das wir bei Gott haben, darum können wir mit Daniel ganz gelassen bleiben und können Christus voller Vorfreude erwarten. Diese Welt ist angezählt. Sie schwankt, und ihr Sturz wird kommen. Aber sie wird nur sterben, um als Reich Gottes aufzuerstehen. Und bei dem ganzen weltstürzenden Prozess hat Christus überall die Finger drin, so dass bei allem Getöse doch in Wahrheit nichts schiefgehen kann. Er überwindet nicht bloß unsre Schuld, unsern Tod und unsre Blindheit, sondern die alte Welt insgesamt. Christus sorgt auch dafür, dass das Reich Gottes nicht nur zu angesehenen und erfolgreichen Menschen kommt, sondern ebenso zu den gescheiterten. Mit ihm kommt Gottes Reich tief genug hinab, um auch die Elenden zu erreichen – wer im Stall geboren wird, scheut keinen Dreck! Und Christ-Sein heißt, eben davon zu wissen und genau das zu feiern, dass unsre ganze traurige Weltgeschichte mit Christus ein positives Vorzeichen bekommen hat. Der große Crash ist zwar unausweichlich. Man sieht schon die Risse im Gewölbe. Diese Welt wird mit schrecklichem Getöse untergehen. Aber ihr Einsturz wird sein, wie wenn Kerkerwände brechen, wie wenn ein Gefängnis auseinanderfällt und seine Insassen freigibt. Das Alte muss weichen, damit Neues werden kann. Doch gibt es keinen Grund, weshalb wir uns nicht darauf freuen sollten. Denn das Irdische geht nur unter, damit das Himmlische zum Zuge kommt. Schon jetzt knirscht es gewaltig im Gebälk dieser Welt. Unsre Welt ist arg in die Jahre gekommen. Doch wenn Gott eines Tages beschließt, sie wie ein krankes Pferd von ihren Leiden zu erlösen, tut er recht daran. Und wir als Christen haben am wenigsten Anlass, dagegen Einspruch zu erheben, weil ja so unser Heil anbricht und der bessere Teil unsres Lebens beginnt. Kein Wunder also, dass von der Urchristenheit der Gebetsruf überliefert ist: „Es komme die Gnade, und es vergehe die Welt.“ Für die frühen Christen war das kein trüber, sondern ein fröhlicher Satz, denn sie fühlten sich fremd in dieser Welt voller Bosheit, Gewalt und Lüge. Und so war das ihr Herzenswunsch: „Es komme die Gnade, und es vergehe die Welt.“ Wir aber – sollten wir nicht einstimmen?
Bild am Seitenanfang: Von T.G. bearbeitete Fassung eines Bildes aus:
Clarence Larkin, The Book of Revelation (1919),
Internet Archive Book Images, No restrictions, via Wikimedia Commons
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