125 • Wiederkunft Christi

Wieso wird gerade Christus unser Richter sein?             Dieser Text als Video  

 

Im Advent erwartet die ganze Christenheit das Geburtsfest Jesu. Doch während das selbstverständlich ist und in vorweihnachtlicher Perspektive keiner Erklärung bedarf, gerät immer mehr in Vergessenheit, dass die Christenheit noch in einem zweiten Sinne auf die Ankunft Christi wartet. Denn wir erwarten nicht nur seine Ankunft in Bethlehem, um sie am Heiligabend zu feiern, sondern erwarten auch seine Wiederkunft am Jüngsten Tage. Der Blick geht also zeitlich nicht nur zurück sondern auch voraus. Gott kam nicht nur, er ist auch im Kommen! Aber freilich – wer denkt schon daran? Im Advent sind die Menschen ganz fixiert auf das Kind in der Krippe. Auf etwas Anderes sind sie nicht eingestellt! Doch gerade darum scheint es mir wichtig, daran zu erinnern, dass der Glaube mit Jesus eine doppelte Erwartung verbindet. Jesus Christus ist nicht nur das Kind im Stall zu Bethlehem, sondern ist zugleich der, der kommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten. Im Glaubensbekenntnis steht beides eng beieinander. Denn der „geboren (wurde) von der Jungfrau Maria“ ist auch der, der „wiederkommt“. Jenes Kind, für das es keine Herberge gab, ist der künftige Weltenrichter. Und seiner Ankunft damals in Bethlehem korrespondiert seine Wiederkunft am Ende der Zeit, so dass wir chronologisch nicht nur von Christus her kommen, sondern zugleich auch auf ihn zugehen. Denn Marias Wickelkind, das die Welt gekreuzigt, misshandelt und von sich gestoßen hat, ist auferstanden und sitzt seit der Himmelfahrt „zur Rechten Gottes“. Diese Erhöhung „zur Rechten Gottes“ bedeutet aber nichts anderes, als dass Gott die Macht in Jesu Hände gelegt hat, auf dass sich einst im Namen Jesu beugen sollen „aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind.“

Dieses großes „Comeback“ des Gekreuzigten wird manchem ein böses Erwachen bereiten. Denn ausgerechnet der, den die Welt verurteilte zum Tod am Kreuz, ausgerechnet der wird das Urteil fällen über die Welt. Der von Pilatus gerichtet wurde, wird aller Richter Richter sein. Und der, dessen Leben wir heute bedenken und bewerten, wird am Ende unser Leben bedenken und bewerten. Während wir noch unschlüssig sind, was er uns bedeutet, entscheidet er vielleicht schon, was wir ihm bedeuten. Denn unter unser Leben einen Strich zu ziehen und es zu bilanzieren, das liegt nicht etwa bei uns, sondern es liegt bei ihm, so dass wir seine weihnachtliche Ankunft und seine endzeitliche Wiederkunft gar nicht voneinander trennen können.

Zu Weihnachten sehen wir Gottes Sohn noch ganz niedlich in der Krippe liegen auf Heu und auf Stroh. Aber eben von diesem zarten Säugling sagt das Johannesevangelium, dass der Vater niemanden richtet, sondern alles Gericht dem Sohn übergeben hat. Der, der sich seiner himmlischen Herrlichkeit freiwillig entäußerte und sich so weit erniedrigte, dass er als Mensch geboren wurde, menschlich lebte, litt und starb, der wurde über alles Menschliche erhoben und mit allen Vollmachten ausgestattet, um über die Menschen Richter zu sein. Und wenn man es recht bedenkt, liegt darin große Weisheit. Denn wie hätte Gott das Amt des Richters kompetenter besetzen können? Überlegen sie einmal! Wer könnte wohl unser menschliches Dasein gerechter beurteilen als der, der es mit uns geteilt hat? Hätte Gott das Gericht einem Engel übertragen, so würden die Menschen zu Recht protestieren: „Der hat ja keine Ahnung“, würden sie sagen, „der kennt unser Leben nicht, kennt weder unsere Angst noch unsere Versuchungen, weder unsere Sorgen noch unsere Leiden! So ein Engel versteht uns nicht. Der schwebt über den Dingen!“ Doch wer könnte solchen Widerspruch erheben gegen Jesus? Wer könnte am Ende der Zeit ein kompetenterer Richter sein über menschliche Schuld und menschliches Elend, als dieser Jesus, der im Dreck geboren wurde und den Staub der Straße atmete, der in unseren Schuhen gelaufen ist und mit Zöllnern und Sündern verkehrte, der in Versuchung geführt wurde, der Hunger und Durst litt, der geschlagen und verhöhnt, verraten und gekreuzigt wurde? Wagte dem wohl jemand zu sagen, er verstünde nichts von den Härten des menschlichen Lebens? Wahrlich: Nein! Darum ist nichts Weiseres denkbar, als dass ein jüdischer Zimmermannssohn diese Welt richtet, ein Provinzler, ein Habenichts und Justizopfer. Denn der weiß ganz genau, was es heißt, verraten und zu Unrecht verurteilt zu werden. Er weiß wie das Leben schmeckt – und wie der Tod. Er hat sich nichts davon erspart, und kein Mensch kann sagen, sein Schicksal sei härter gewesen als das, das Jesus auf sich nahm.

Andererseits aber: Wer könnte sich besser zum Richter eignen als der, der mitten in menschlicher Angst, Not und Versuchung ohne Sünde blieb? Kein Richter darf auf eine Gerechtigkeit pochen, die er nicht selbst praktiziert und erfüllt. Das versteht sich! Wer aber hätte wahre Gerechtigkeit glaubwürdiger gelebt als Jesus? Er hat die Nächstenliebe nicht bloß gefordert, sondern hat sie praktiziert. Er hat die strengen Maßstäbe der Bergpredigt nicht nur verkündet, sondern hat selbst gezeigt, wie man sie befolgt. Er hat den Gehorsam gegen den Willen Gottes nicht nur von seinen Jüngern eingefordert, sondern hat vorgemacht, wie man solchen Gehorsam bis zum bitteren Ende durchhält. Wer könnte also ein kompetenterer Richter sein als Jesus Christus, der das Gesetz unter Einsatz seines Lebens erfüllte? Zuletzt aber – und das ist das Wichtigste: Welcher Richter könnte uns lieber sein als der, der sich selbst opferte, um unseren Freispruch zu erwirken? Von welchem Richter dürften wir mehr Gnade erwarten als von dem, der um begnadigen zu können unsere Strafe trug? Wird dieser Richter für die Gläubigen nicht zugleich der Rechtsanwalt und Verteidiger sein? Und wenn unser Richter zugleich unser Verteidiger ist – welcher Ankläger kann uns dann verdammen? Bei wem dürften wir mehr auf Vergebung hoffen, als bei dem, der den höchsten Preis zahlte, um uns vergeben zu können? Wird Jesus als unser Richter je vergessen, was er auf Erden als unser Bruder für uns tat? Wird er je einen abweisen, der sich in echter Reue und Demut zu ihm flüchtet? Nein, wahrlich: Wir können Gott gar nicht genug dafür danken, dass er die Rollen in dieser Weise verteilt. Denn Gott hätte auch Mose zum Richter bestellen können, den radikalen Elia, Johannes den Täufer oder sonst einen der strengen Propheten, die der Welt vergeblich gepredigt haben. Aber – Gott sei Dank! – hat Gott das Gericht in die Hände Jesus Christi gelegt. Denn der ist Gottes Gerechtigkeit und Gnade in einer Person. Er ist der Barmherzige, dem niemand erzählen muss, wie Schmerzen sich anfühlen. Er ist der, der uns alles Gute gelehrt, und dem wir alles Böse getan haben! Er ist es aber auch, der das Böse mit Gutem überwand und das Bittere schmeckte, um es uns nicht bitter heimzahlen zu müssen! Das alles ist er, der zu Bethlehem einen so bescheidenen Auftritt hatte.

Wir aber sollten uns darüber im Klaren sein, dass wir an Weihnachten (ob wir wollen oder nicht!) auch immer die Geburt unseres Richters feiern. Und wir sollten darin, auch wenn’s befremdlich klingt, einen Vorteil sehen. Denn auf diese Weise wird es kein Fremder sein, der am Ende unserer Tage über uns urteilt, sondern einer, den wir heute schon kennen, der uns kennt, und dem wir uns schon hier und heute anvertrauen können. Wir werden ihm unausweichlich begegnen – alle werden in seiner Hand sein, und keiner kommt an ihm vorbei! Unsere große Chance aber ist, dass wir ihm schon heute nahe sein und mit ihm in Beziehung treten können. Denn wir stehen an seiner Krippe und stehen als Christen auch unter seiner Weisung. Wir stehen als Jünger Jesu in seiner Nachfolge, stehen mitschuldig unter seinem Kreuz und stehen staunend am leeren Grab. Nehmen wir das aber alles zusammen, so wird die Begegnung mit unserem Richter beileibe keine Erstbegegnung sein, sondern ein Wiedersehen, kein Kennenlernen, sondern ein Wiedererkennen, keine Überraschung, sondern viel eher eine Heimkehr. Dass es sich aber lohnt, daran schon heute zu denken, das liegt auf der Hand. Denn es kann unsere Maßstäbe verändern und klären. Gewöhnlich sind wir im Alltag falsch gepolt – und geben viel zu viel auf die Meinung derer, deren Meinung letztendlich nicht zählt. Wir vergeuden viel Kraft, um Leute zu beeindrucken, deren Urteil wir fürchten und denken: Ach, was wird mein Chef dazu sagen? Wie findet das meine Frau? Werden meine Freunde darüber lachen? Unsere ganze Sorge scheint zu sein, wie wir dastehen in den Augen anderer Menschen. Doch in Wahrheit wird keiner von ihnen unser Richter sein. Sondern sie alle werden kleinlaut neben uns auf der Anklagebank sitzen, und es wird völlig egal sein, wie sie uns finden, weil nur Jesus Christus unser Richter ist. Keine Meinung wird zählen, als nur seine Meinung, und kein Urteil wird gelten außer seinem Urteil. Es wird keine Rolle spielen, wie wir uns selbst einschätzen, und erst recht nicht, wie die anderen uns fanden. Denn wenn’s drauf ankommt, sind sie nicht meine Richter und ich bin nicht ihr Richter, sondern Christus allein wird unser Schicksal in Händen halten. Sollten wir da nicht auf das Gerede der Anderen pfeifen und lieber Christus näher kennenlernen, uns auf ihn einstellen und bei ihm Eindruck schinden, solange wir noch Zeit haben? Der Applaus, den wir einander spenden, wird schnell vergessen sein, und die Lobsprüche dieser Welt werden keinen interessieren. Christus aber wird immer derselbe sein, der er war, wird unbestechlich sein und wird sich an die erinnern, die nach ihm gefragt haben. Das Kind in der Krippe wird uns als Richter wieder begegnen. Darum sollten wir die Zeit nutzen und uns auf den einstellen, der nicht kam, um wieder zu verschwinden, sondern der allezeit kommt, um sein Evangelium auszusäen und zuletzt einmal wiederkommt, um zu ernten, was gewachsen ist. Gebe Gott, dass ihn unser Acker dann nicht enttäuscht…

 

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