120 • Widerstand

Wie vernünftig ist Anpassung                                        Dieser Text als Video 

in einer verkehrten Welt?

 

In einem Fernsehfilm habe ich eine seltsame Szene gesehen: Da müht sich ein Mensch, den Huf eines Pferdes anzuheben und ihn zu reinigen. Weil er aber ungeschickt zu Werke geht, gelingt es ihm nicht. Er versucht es erneut – mit denselben unsicheren Handgriffen, die schon beim ersten Mal nicht zum Erfolg geführt haben. Und er scheitert wieder. Daneben aber steht ein Zuschauer, der spöttisch bemerkt, das sei doch wohl die Definition von „Wahnsinn“, dass man eine Handlung immer auf dieselbe Weise wiederholt – und dennoch ein anderes Ergebnis erwartet. Nun ist das in der geschilderten Situation gewiss keine freundliche Bemerkung gewesen. Bedenkenswert erscheint sie mir aber trotzdem. Denn sie bringt auf den Punkt, was gemeinhin für „Wahnsinn“ und was für „Vernunft“ gehalten wird.

Ist es nicht „Wahnsinn“, eine Handlung zu wiederholen, die schon mehrfach nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat? Und wäre es demgegenüber nicht „vernünftig“, die Vorgehensweise zu ändern, um auf anderem Wege zu einem befriedigenderen Ergebnis zu gelangen? Ja: Im Allgemeinen gilt es als Zeichen von Intelligenz, wenn man sein Verhalten den Gegebenheiten so lange anpasst, bis diese Anpassung mit den erwünschten Ergebnissen belohnt wird. Vorausgesetzt wird dabei allerdings, dass die Wirklichkeit immer Recht hat. Und das ist gar nicht so selbstverständlich wie es scheint. Denn es könnte ja sein, dass diese Welt auf „richtiges“ Handeln mit „falschen“ Ergebnissen antwortet. Sie wäre dann eine „verkehrte“ und „verdrehte“ Welt. Was aber wäre in diesem Falle zu folgern?

Müsste man dann schließen, in einer Welt, die auf „richtiges“ Handeln mit „falschen“ Ergebnissen reagiert, sei es vernünftig, „falsch“ zu handeln, um „richtige“ Ergebnisse zu bekommen? Anders gesagt: Ist es wirklich noch „vernünftig“, das eigene Verhalten den Gegebenheiten anzupassen, wenn diese Gegebenheiten verkehrt und unvernünftig sind? Wäre das nicht viel eher „Wahnsinn“ zu nennen? Und könnte in dem, was die obige Definition „Wahnsinn“ nennt, nicht eine höhere Vernunft liegen, weil „richtiges“ Handeln auch dort „richtig“ bleibt, wo eine verkehrte Welt es mit verkehrten Ergebnissen bestraft?

Auch geduldige Leser werden sich nun fragen, was das mit dem christlichen Glauben zu tun hat. Ich meine aber: Sehr viel. Denn nach biblischer Lehre ist diese Welt tatsächlich „verkehrt“ und „verdreht“. Sie ist keineswegs gleichzusetzen mit Gottes ursprünglicher Schöpfung, von der er ausdrücklich sagte, sie sei „sehr gut“ (1.Mose 1!). Vielmehr ist die real-existierende Welt das, was durch den Einbruch des Bösen aus Gottes guter Schöpfung geworden ist (1.Mose 3!). Sie ist zwar nicht durch und durch „schlecht“ oder von Gott „verlassen“. Nein – das Gute, das Gott in seine Schöpfung gelegt hat, ist zum Glück noch da. Aber seit dem Sündenfall ist es überall vermengt mit dem Bösen, wird davon verdeckt, beeinträchtigt, verunreinigt, gestört und entstellt. Wir haben es darum überall in dieser Welt mit „Gottes Werk“ zu tun. Es ist aber immer auch „des Teufels Beitrag“ dabei. Und diese Mischung ist gerade dann am gefährlichsten, wenn der Mensch sich an die Verkehrtheit der Welt gewöhnt und anfängt, das Verkehrte und Verdrehte „normal“ zu finden. Ja, das Böse triumphiert auf eine heimliche Weise, es erringt einen schleichenden Sieg, wenn Menschen die Gesetzmäßigkeiten dieser Welt einfach hinnehmen und ihr Handeln diesen Gesetzmäßigkeiten anpassen: Denn dann erscheint es bald als „unvermeidlich“ und „natürlich“, dass die Starken sich durchsetzen und die Schwächeren auf der Strecke bleiben. Man wundert sich dann auch nicht mehr, wenn man belogen wird. Denn jeder scheint es zu tun. Und wenn das Fernsehen mal wieder verhungernde Kinder zeigt, schaltet man um. Man hat das schon zu oft gesehen. Irgendwann erwartet man nicht mehr, dass es auf der Welt gerecht zugehen könnte. Denn der Ehrliche war schon immer der Dumme. Man stumpft ab. Denn Idealismus ist auf die Dauer eine aufreibende Sache. Also richtet man sich ein in dieser Welt. Man spielt das schmutzige Spiel mit. Man heult mit den Wölfen. Und man fühlt sich dabei nicht einmal besonders „schlecht“. Denn die anderen machen es ja genauso. Ist das Abgeklärtheit? Ist es Resignation? Oder ist es im Sinne der obigen Definition einfach nur „Vernunft“?

Ich fürchte, aus christlicher Sicht muss man es „Kollaboration“ nennen. Denn Gottes Schöpfung gleicht einem besetzten Land. Sie unterliegt einer „Fremdherrschaft“. Und wer diese Fremdherrschaft anerkennt, wer sie akzeptiert und mit ihr zusammenarbeitet, statt im Namen Gottes Widerstand zu leisten, ist ein Kollaborateur. Denn indem er den „Lauf dieser Welt“ hinnimmt, sich einfügt und sich arrangiert, spielt er dem Bösen in die Hände. Er kann das natürlich weit von sich weisen. Er mag es für klug halten, die bestehenden Regeln zu befolgen. Er entschuldigt sich vielleicht damit, dass er diese Regeln nicht gemacht hat. Und wenn er tut, was angeblich alle tun, gibt ihm der vordergründige Erfolg seines Handelns sogar Recht. Nur: Ein Nachfolger Jesu Christi wird dieser Mensch nicht sein. Denn Jesus steht in fundamentaler Opposition zu der Wirklichkeit „wie sie nun mal ist“. Jesu Reden und Tun ist „subversiv“. Er steht der herrschenden Doktrin dieser Welt als ein Dissident gegenüber. Denn er orientiert sich nicht an der Welt, die ist, sondern an der Welt, die kommt. Jesus sieht die Zeit eines Machtwechsels gekommen. Er verkündet den Anbruch des Reiches Gottes. Und er lässt keine andere Lebenshaltung gelten als nur die, die ganz auf dieses Reich Gottes ausgerichtet ist.

Kein Wunder, dass Jesus sich damit unbeliebt gemacht hat. Denn auch zu seiner Zeit hielten es die meisten Menschen für klüger, sich den Gegebenheiten dieser verkehrten Welt anzupassen. Auch sie hielten es für „vernünftig“, nicht „allzu gerecht“, nicht „allzu fromm“, nicht „allzu ehrlich“ zu sein. Sie wollten ihren Frieden machen mit der Welt „wie sie nun mal ist“ und versuchten darum, sich nicht nur mit „Gottes Werk“, sondern auch mit „des Teufels Beitrag“ zu arrangieren. Für Jesus liegt aber genau darin der Fehler. Denn für ihn ist die „alte“ Welt ein Auslaufmodell. Sie ist für ihn gerade das, was es zu überwinden gilt. Und es lohnt sich auch nicht mehr, sich in ihr einzurichten. Denn sie hat ihre Zukunft hinter sich: Gottes Reich ist im Kommen. Und Jesus fordert von seinen Jüngern, im Vorgriff auf dies Künftige schon heute ein unangepasstes und riskantes Leben zu führen. Sie sollen nach den Regeln der Welt leben, die sich mit Jesus durchzusetzen beginnt. Und sie sollen fest auf das vertrauen, was man (noch) nicht sehen kann. Denn der Ist-Zustand ist für Jesus nur ein Provisorium. Er sieht die Welt im Übergang begriffen. Und seine Jünger sollen darum „auf dem Sprung“ sein – so wie Auswanderer und Fremdlinge, die ihre Heimat nicht hier in dieser verdrehten Welt haben, sondern im Reich Gottes. Diejenigen, die so leben – die innerlich „auf dem Sprung“ sind, weil sie noch Großes erwarten – werden von Jesus „selig“ genannt (Mt 5,1–12). Und er freut sich für sie. Denn unter den Bedingungen der „alten“ Welt wären sie immer Verlierer geblieben. In Gottes Reich aber werden sie Gewinner sein. Selig sind darum die, die mit den Absurditäten dieser Welt nicht zurecht kommen. Denn sie werden dieser Welt gegenüber Recht behalten. Selig sind, die sich in einer Welt voller Angst und Gewalt nicht behaglich einrichten mögen. Denn ihre Tränen werden getrocknet werden. Selig sind die, die man „hoffnungslose Idealisten“ und „Weltverbesserer“ nennt. Denn Gott ist einer von ihnen!

Natürlich runzeln die Abgeklärten die Stirn und sagen: Wer so widerborstig lebt, stellt sich außerhalb der Gemeinschaft. Wer die Realitäten bewusst ignoriert, wird sehen, was er davon hat. Im günstigsten Fall wird er für einen Spinner gehalten, im schlechtesten Fall gekreuzigt. So denken leider auch manche Christen. Jesus Christus aber, der sich über die Konsequenzen durchaus im Klaren war, zog es trotzdem vor, sich nicht zu arrangieren. Alle „Vernunft“ dieser Welt hat ihn nicht dazu bringen können, die Normalität des Schlechten „normal“ zu finden. Und schon diese Nicht-Anerkennung war ein wirkungsvolles Stück Widerstand. Denn das Böse möchte gern für unvermeidlich und natürlich gehalten werden. Jesus aber hat diesen Anspruch zurückgewiesen, hat die Existenzberechtigung des Bösen bestritten, hat jeglichen Kompromiss, jeglichen Respekt und jegliche Zusammenarbeit verweigert. Sein Leben war eine Revolte gegen den faulen Frieden. Es war eine Kampfansage an den „Fürst dieser Welt“. Jesus war ein Provokateur. Und nicht einmal der Tod konnte ihn zum Schweigen bringen. Wie also dürften wir uns auf Christus berufen, wenn nicht auch unser Glaube dieses Element der Revolte, des Dissenses und des Widerstandes in sich trüge? Ja, Christen müssen allzeit rebellische und aufsässige Menschen sein, die für „Gottes Werk“ eintreten und „Teufels Beitrag“ nach Kräften sabotieren. Denn man kann sich in eine verkehrte Welt nicht einfügen, ohne dabei selbst verkehrt zu werden. Glauben heißt, diese Anpassung zu verweigern im Denken, im Reden und Handeln. Will das aber jemand „Wahnsinn“ nennen, so lebe der Wahnsinn – und Gott behüte uns vor der „Vernunft“!

 

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