Karfreitag

( Teils wörtlich / stark angelehnt an Texte von J. Gerhard ) 

 

Der Karfreitag ist kein leichter Tag. Denn er lenkt unseren Blick auf das, was wir normalerweise nicht sehen wollen. Das Kreuz Christi ist eine grausam-blutige Angelegenheit. Und wer nicht verroht ist, möchte sich von so etwas lieber abwenden. Jedes mitfühlendes Herz muss es schmerzen, das Leiden Christi mit anzusehen. Und wenn man sich dann noch klar macht, wer da von solcher Grausamkeit betroffen ist, hält man es im Kopf nicht aus. Denn die Schläge treffen ja eindeutig den Falschen und könnten ungerechter nicht sein. 

Das Haupt Jesu Christi, vor dem sich sogar die Engel verneigen, wird durch eine Dornenkrone zerkratzt und verwundet. Das freundliche Gesicht, das soviel Liebe verstrahlte, wird von Soldaten angespuckt und besudelt. Die Augen des Hirten, der die Verlorenen suchte, sehen am Ende nur hasserfüllte Fratzen. Und die Ohren, die Christus für unsere Not geöffnet hat, hören bitteren Spott und Beleidigungen. Jener Mund, der Gottes Wort redete und der Welt die allerbeste Nachricht brachte, wird mit Essig und mit Galle getränkt. Und die wundertätigen Hände, die so viele Kranke heilten und soviel Segen spendeten, werden mit Nägeln ans Kreuz geheftet. Der Leib Christi – diese allerheiligste Wohnstatt Gottes auf Erden! – wird mit Peitschen blutig geschlagen. Und das Herz, das für die Armen schlug, wird mit einem Speer durchbohrt. Ausgerechnet der Mann, der die Sünder verschonte, wird von Sündern hingerichtet. Und der die höchste Freude verdient hätte, wird gepeinigt und gefoltert. Der das Leben selber ist, wird brutal getötet. Und der den Schuldigen voller Barmherzigkeit vergab, erfährt selbst kein Erbarmen. Da will man sich doch wegwenden und die Augen vor diesem Anblick verschließen, weil die Welt größeres Unrecht nie gesehen hat! 

Und doch können wir den Gedanken, die das wachruft, nicht ausweichen. Denn wenn das wirklich so nötig war, dass sowohl der himmlische Vater als auch der Sohn einwilligten – wenn also weder Vater noch Sohn etwas taten, um diesen Kreuzestod zu verhindern: wie groß muss dann das Verhängnis gewesen sein, das derartige Maßnahmen erforderte? Offenbar war es Gottes Plan! Und sein Sohn brachte dieses Opfer ganz bewusst! Doch was muss das für eine Krankheit gewesen sein, die solche Heilmittel braucht? Und was war das für eine Gefangenschaft, aus der man nur um solch einen Preis freigekauft wird? Was sind das für schreckliche Gebrechen, die nur durch den Tod des Arztes kuriert werden können? Wer noch nicht wusste, wie heftig der Zorn Gottes brannte, der kann’s hier erschließen und kann am Kreuz sehen, welches Ausmaß von Strafe die Menschheit verdiente! So ernst und so groß war der Krieg, dass es dieser Vermittlung bedurfte. So bitter drohte das Gericht, dass Versöhnung nicht billiger zu haben war, sondern Gott selbst musste Fleisch annehmen, um in Menschengestalt zu büßen, was Adams Kinder angerichtet hatten. Der Heilige selbst musste solche Schmach erdulden, um sie von uns zu nehmen. Der Spender allen Segens musste diesen Fluch tragen, um unser Verhängnis zu durchbrechen. Der Unschuldige musste bluten, um mit seinem Leib den Schlag abzufangen, den wir verdienten. Und dieser Rollentausch bleibt unglaublich, so oft man‘s auch durchdenken mag. Gottes unschuldiger Sohn hängt sich unsere Schuld an den Hals und duldet alles, was daraus folgt. Sein Leib wird gebunden, geschlagen und angespuckt, verwundet und durchstochen, getötet und ins Grab gelegt. 

Seine Seele aber – die leidet gar nicht weniger als der Leib! Denn sie erleidet den Verrat eines Jüngers und die Feigheit all der anderen. Sie erleidet Einsamkeit und Spott – und zuletzt sogar das Gefühl, von Gott selbst verlassen, vergessen und verworfen zu sein. Betrübt bis in den Tod wird Christus den Schmerzen der Hölle unterworfen, schwitzt Blut und Wasser und erspart sich nichts, was nötig ist, um unsere Rechnung zu begleichen. Weil’s um unseretwillen nötig ist, darf er kein Engelsheer zu Hilfe rufen und darf nicht vom Kreuz herabsteigen. Weil’s um unseretwillen nötig ist, darf er die Macht nicht gebrauchen, die er zweifellos gehabt hätte, und darf der Qual nicht entfliehen. Er bringt zuende, was er sich vorgenommen hat! Und doch weiß er schon im Sterben, dass es ihm nicht jeder danken wird, für den er das tut. Christus bahnt den Sündern einen rettenden Weg und weiß doch schon, dass ihn nicht jeder gehen wird. Er erkauft uns die Freiheit und weiß doch, dass mancher die Gefangenschaft vorzieht. Christus bringt das Licht und weiß doch, dass vielen die Finsternis lieber ist. Und während er noch kämpft, ahnt er schon, dass er sich um viele vergeblich müht. Aber wirft er’s deswegen hin? Entzieht er sich und flieht, wie wir so gern fliehen, weglaufen und ausweichen? 

Nein. Christus steht genau an der Stelle, wo der gerechte Zorn Gottes und die stumpfe Verstocktheit der Menschen aufeinanderprallen. Er „geht dazwischen“ und rührt sich dort nicht mehr weg, sondern trennt die feindlichen Parteien und erduldet den Druck, der von beiden Seiten auf ihm lastet. Wer aber hätte ihn in diesem Moment verstanden? Oder wessen Verständnis hätte ihn trösten können? Die römischen Schinder, die ihn routiniert zu Tode foltern, wissen noch nicht mal, dass er dies für sie und für ihre Kinder tut! Er betet für seine Henker, dass Gott ihnen vergeben möge! Doch die Unschuld dieses Mannes schert sie nicht. Und die Gaffer machen auch noch Witze über ihn. Ein Wunder, dass da kein Engel mit Feuer und Schwert dazwischenfuhr! Der Vater im Himmel aber, der jeden Schlag fühlte, jede Gemeinheit hörte und Christi ganzen Schmerz teilte – hätte er seinen Zorn in diesem Moment nicht verzehnfachen müssen? Man male sich ruhig einmal aus, was der Richter der Welt mit den Henkern seines Sohnes hätte tun können! Und dann frage man sich, mit welchem Ernst er’s denen vergelten wird, die heute noch Jesu Namen lästern! In was wird sich seine Liebe wohl verwandeln, wenn sie derart grob zurückgestoßen wird? Und was wird denen geschehen, an die Christi Mühe vergeudet ist, weil sie auf seinem Ruf nicht hören? Kann man sich das Gewitter vorstellen, das einmal über den Undankbaren niedergeht, wenn sie die Zeit zur Buße endgültig haben verstreichen lassen? Stellen wir uns das lieber nicht vor. Vielmehr – nachdem Christus uns die Brücke gebaut hat, die in den Himmel führt, lassen sie uns seine Mühe wertschätzen, indem wir ohne Zögern darübergehen. Er hat uns den Weg gebahnt. Und das hat ihn wahrlich viel gekostet! Also ehren wir ihn am besten dadurch, dass wir den Weg beschreiten und die Brücke benutzen! Christus hat uns die Freiheit erkauft, also danken wir ihm am besten dadurch, dass wir sie reichlich gebrauchen und verteidigen! Er will unsere Lasten auf sich nehmen! Also zieren wir uns nicht, sondern geben wir sie restlos her! Und will er uns Gnade schenken, so zaudern wir besser nicht, sondern greifen mit beiden Händen zu. Denn Christus hängt keineswegs am Kreuz, damit wir ihn bedauern und beweinen, sondern damit wir unseren Fluch in Segen tauschen! Der beste Dank für seine Leiden wird also darin bestehen, dass wir ihn tun lassen, was er an uns tun will, und freudig sprechen: 

„Ja, Herr ich fürchte nun meine Sünden nicht mehr, denn du bist meine Gerechtigkeit. Ich fürchte meine Torheit nicht mehr, denn du bist meine Weisheit. Und ich fürchte die Verwesung nicht mehr, denn du bist meine Auferstehung. Noch im Sterben sollst du meine Freude sein und im Gericht mein großer Trost, damit dein Werk an mir nicht vergeblich sei, sondern zum Ziel komme. Mögen andere auf ihre Tugend setzen oder auf ihre Willenskraft, auf ihre Vernunft, ihre Freunde oder ihren Reichtum: ich setze allein auf dich und danke dafür, dass ich es darf. Denn mein Fleisch muss einmal verwelken, aber dein Leben wird dennoch in mir grünen. Mein Geist wird sich einmal verwirren, aber deine Wahrheit wird sich dennoch an mir erweisen. All meine Fehler werden einmal zu Tage treten, aber deine Barmherzigkeit wird dennoch größer sein als meine Schande. Dank sei dir darum – und ewig sei’s gepriesen, was du am Kreuz für mich getan hast. Denn deine Gnade schirmt mich gegen allen Zorn, und deine Hand reißt mich aus jeder Hölle. Deine Taufe wäscht alle meine Flecken, und dein Abendmahl stillt den Hunger meiner Seele. Dein Heiliger Geist leitet mich durch jedes Labyrinth, und dein Auge wacht über mir, wo auch immer ich sei. Wahrlich, Herr: dein Leiden ist meine Verteidigung, und dein Himmel ist meine Heimat. Deine Treue ist mein Trost, und dein Wort ist mein Kompass. Dank dir bin ich der Hölle entgangen, und der Teufel sieht mich nur von hinten. Denn nun muss jede Anklage schweigen, und jede Rechnung ist beglichen...“ 

So getrost und zuversichtlich dürfen wir sein im Blick auf das Kreuz. Und wenn wir solche Wohltat auch nicht verdient haben – soll sie uns nicht dennoch fröhlich machen? Unausdenklich groß ist die Liebe des Vaters, und unendlich wertvoll das Opfer des Sohnes. Er aber brachte es nicht, um von uns bedauert zu werden, sondern um uns aus unserer Notlage herauszuhauen und uns mit einer Zuversicht zu erfüllen, die unüberwindlich ist. Denn wie könnte nun je vergessen werden, was er für uns tat? Oder was könnte die Reichweite der Wirkungen begrenzen? Wird Christus auch nur eine Seele verlieren, für die er so teuer bezahlt hat? Das ist undenkbar! Denn Gottes Sohn wird nicht ruhen, bis er die Seinen im Himmel versammelt hat, wo die Wohnungen im Haus des Vaters schon vorbereitet sind. Christus wird nicht dulden, dass sein Plan an unserer Torheit scheitert! Sind wir also in Christus, ist es nun Satan, der betreten schweigen muss. Denn wir lachen zuletzt, und er hat das Nachsehen. Christus hat den Gläubigen weiße Kleider der Unschuld übergezogen und lässt sie teilhaben an seiner eigenen Reinheit. Der Fluch, der uns galt, hat das Kreuz nicht überlebt. Und die quälende Stimme des Gewissens ist dort verstummt. Die Knechte der Sünde waren, sind wieder Gottes Kinder, und die Kandidaten der Hölle waren, werden von den Engeln mit Jubel empfangen. Das alles aber verdanken wir dem Kreuzestod Christi. Denn er trug unsere Last, damit wir es nicht müssen, und blutete, um unsere Wunde zu heilen. Er ging durch die Hölle, um sie uns zu ersparen, und starb, damit wir leben. Er hat seine Tränen vergossen, um die unseren zu trocknen, und wurde selbst gering, um uns zu erhöhen. Da dies aber zu unserem Trost geschah, wär’s ihm ein schlechter Lohn, wenn wir hinterher noch verzweifeln wollten. 

Maßlos war unsere Schuld – und war immer so groß, wie der Gott, den wir damit beleidigt haben! Aber maßlos und endlos war auch der Preis, den Gottes Liebe dafür zahlte. Strafe musste sein. Aber Strafe ist längst erfolgt, und um Christi willen sind wir amnestiert. Christus trug unsere Krankheit und lud auf sich unsere Schmerzen. Wird er also die Bußfertigen noch streng richten? Wird er die verdammen, für die er selbst gestorben ist? Oder wird er die verwerfen, für die er selbst gebeten hat? Nein! Wäre dies Werk von Menschen oder von Engeln vollbracht, so bliebe noch Raum für Zweifel, ob’s denn auch zureichend sei. Da es aber Gottes Sohn getan hat, was könnte da noch fehlen? Macht Gott etwa halbe Sachen? Oder wird er den Preis nicht annehmen, den er selbst gezahlt hat? Wird er zulassen, dass an uns scheitert, was ihn so viel gekostet hat? Oder hat man je gehört, dass Gott eine Zusage zurückgenommen hätte? Weil das undenkbar ist – darum können wir beruhigt sein und dürfen dem Frieden trauen. Der für uns einsteht, hat das nämlich nicht nur damals getan, sondern er tut es auch noch heute, indem er uns ständig vor seinem himmlischen Vater vertritt und für seine Kirche stets Fürbitte leistet. Er ist uns nicht fern, sondern nah, und will zu allermeist, dass uns die Frucht seines Sterbens zu Gute kommt. Wir aber tun schon etwas Nützliches, wenn wir ihm dabei nicht im Wege stehen, sondern uns staunend gefallen lassen, was unbegreifliche Güte an uns bewirkt.

Schauen wir also weg vom Kreuz, weil‘s schauderlich ist, oder schauen wir hin, weil’s unsre Rettung zeigt? Da ist wahrlich Gewalt und Grausamkeit genug, dass man sich wegwenden möchte! Aber jener, der am Kreuz unserem Hass erliegt, erringt eben in dieser Niederlage seinen größten Sieg. Indem er sein Leben verliert, hat er unseres gewonnen, und indem er den Fluch trägt, hat er uns Segen geschenkt. Im blutigen Scheitern hat seine Liebe Erfolg, und aus seinem Grab geht er lebend hervor. Schauen wir also ruhig hin – und schauen wir auch tief genug –, denn dann werden wir nicht mehr aufhören, zu staunen und zu danken und Gottes Güte zu preisen…