Du sollst nicht ehebrechen...

Das sechste Gebot

 

Muss man erklären, weshalb die Treue zu den Tugenden zählt? Eigentlich dürfte das überflüssig sein. Denn überall wo Treue fehlt, sehen wir Scherbenhaufen entstehen. Wo Treue fehlt, scheitern nicht nur Ehen, Familien und Freund-schaften, sondern auch Firmen, Parteien und Staaten. Wir haben täglich vor Augen, welche Schäden und welche Schmerzen aus Untreue erwachsen. Und wenn man sich dann klar macht, dass ohne Treue kein Vertrauen entsteht (die Worte sind eng verwandt!), und dass ohne Vertrauen keine menschliche Gemeinschaft funktioniert, dann kann man am Wert der Treue kaum zweifeln. Sie ist unverzichtbar. Doch wie verträgt sich diese Einsicht mit den Trends unserer schnelllebigen Zeit, die nach Veränderungen geradezu süchtig ist? Es gilt heute als normal, wenn junge Paare sich schon nach ein paar Monaten miteinander langweilen. Über eine rasche Trennung wundert sich niemand. Doch wenn ein Ehepaar fünfzig Jahre zusammenbleibt, wird ihm diese Treue geradezu als Phantasielosigkeit ausgelegt. Treue gilt als spießig. Treue ist unflexibel. Sie hat den Geruch von Enge und Pflichterfüllung an sich und ist daher bei jungen Leuten etwa so populär wie Ordnung und Pünktlichkeit. Doch wenn man Treue einfach nur „altmodisch“ findet – hat man dann wirklich bedacht, was sie ihrem Wesen nach ist? Trifft man den Kern der Sache, wenn man Treue mit Stillstand gleichsetzt? Und vergisst man dabei nicht vielleicht, was man selbst der Treue anderer Menschen verdankt – z.B. der treuen Fürsorge der Eltern? Führt man sich nur vor Augen, wie oft man selbst auf die Treue anderer angewiesen war, so entdeckt man, dass Treue etwas sehr Kostbares ist. Wenn es sie nicht gäbe, wäre menschliche Gemeinschaft nicht möglich. Denn Treue ist die Bereitschaft, beständig zu sein im Denken, im Reden und im Tun. Es ist die Entschlossenheit eines Menschen, den Posten nicht zu verlassen, auf den er gestellt ist. Und das heißt zugleich: Treue ist die Bereitschaft, sich für andere Menschen berechenbar zu machen. Wer treu ist, lässt sich als stabile Größe in die Lebensplanung anderer einbauen. Er stellt sich sozusagen zur Verfügung als tragende Säule im Lebensgebäude seiner Mitmenschen. Er geht Verpflichtungen ein. Man kann auf ihn zählen. Man kann sich darauf verlassen, dass er heute noch derselbe ist, der er gestern war. Und man weiß, dass das Wort, das er heute gibt, ihn auch morgen noch bindet. Wer treu ist, strebt danach, im Wandel der Zeiten mit sich selbst identisch zu bleiben. Aber er tut das nicht etwa für sich! Er tut es nicht bloß, weil es ihm an Phantasie oder an Gelegenheit fehlte, sprunghaft zu sein. Sondern er tut es, weil er weiß, dass andere Menschen auf seine Verlässlichkeit angewiesen sind. Denn wie wäre menschliche Gemeinschaft denkbar ohne ein Mindestmaß an Verbindlichkeit? Wäre niemand dem anderen treu, könnte auch niemand dem anderen trauen. Ohne Vertrauen aber gibt es keine Gemeinschaft – und ohne Gemeinschaft keine Zukunft. Wenn wir also wollen, dass menschliches Leben von Generation zu Generation weitergegeben wird, so geht das nicht ohne Vertrauen. Und Vertrauen wächst nur, wenn wir zur Treue bereit sind. Ein Mensch muss bereit sein, sich als verlässlicher Baustein in die Lebensplanung eines anderen einbauen zu lassen. Denn wo man das nicht will oder kann, wo man Bindungen scheut und Treue belächelt, da ist die Gesellschaft ohne Zukunft. Der Mangel an Treue macht dann jede menschliche Beziehung zum unkalkulierbaren Risiko. Es gibt dann keine Zusage ohne Vorbehalt, keine Regel ohne Ausnahme, kein Versprechen ohne Hintertür. Untreue wird zur Gewohnheit, und „Flexibilität“ zum obersten Lebensprinzip. Die Grundlagen der menschlichen Gemeinschaft sind dann aber in Auflösung begriffen. Und über die zahllosen zerstörten Ehen, aus denen wenige oder keine Kinder hervorgehen, muss sich dann niemand mehr wundern. Denn ob es uns gefällt oder nicht: Treue ist eine Grundbedingung gelingenden Lebens.

Freilich: wenn man das erkennt – wie schafft man es dann, treu zu sein? Es ist ja offenbar keine Naturgegebenheit, dass der Mensch die Kraft zur Treue hat. Der Mensch als solcher neigt eher zur Haltlosigkeit. Wenn das aber so ist, wo liegt dann die Quelle der Beständigkeit? Niemand kann fest stehen, wenn der Boden unter seinen Füßen schwankt. Niemand kann andere halten, wenn er selber fällt. Niemand kann verbindlich leben, ohne selbst zuverlässig gebunden zu sein. Und da kommt der christliche Glaube ins Spiel, weil er uns teilhaben lässt an der Festigkeit und Treue Gottes. Denn auf wen kann man sich stützen, wenn man selbst schwankt? Wer hat den langen Atem, der uns oft fehlt? Wer bliebe sich gleich, während die Jahrzehnte vergehen – wenn nicht Gott? Die Umwelt, in der wir leben, die Menschen, die wir kennen, und das Haus, das wir bewohnen – das alles verändert sich im Laufe der Jahre. Auch wir selbst bleiben nicht die, die wir früher einmal waren. Mit der Zeit verlieren wir Illusionen und gewinnen Erfahrungen, wir ändern unsere Ansichten und Gewohnheiten – von den Schwankungen der Gefühle gar nicht zu reden. Die Beständigkeit, die wir so nötig brauchen, kann darum nur von Gott kommen, der als einziger unwandelbar ist und unserer menschlichen Treue das beste Vorbild gibt. Denn nie wurde eine Liebe so hart geprüft, wie die Liebe Gottes zu seinen Geschöpfen. Wir können die Bibel aufschlagen, wo immer wir wollen. Wir finden überall Belege dafür: Gottes Volk ist ungehorsam, murrt und zweifelt – doch Gott lässt sich nicht beirren. Gottes Volk dient fremden Götzen, es bricht den Bund, es missachtet die Propheten, es tanzt um das Goldene Kalb, es kreuzigt den Messias – aber Gott lässt sich nicht beirren. Gott wird tausendmal enttäuscht – und doch nimmt er seine Verheißungen nicht zurück. Er wird tausendmal gekränkt – und doch weicht er keinen Zentimeter von seiner Position. Er hält seinem Volk die Treue. Denn Gott ist der Inbegriff der Geduld und der Beharrlichkeit. Er ist sozusagen die Beständigkeit in Person. Wenn er uns nun aber hält und verankert und unsere Füße auf festen Boden gründet – sollten wir dann nicht den Mut finden, auch unsererseits in zwischenmenschlichen Beziehungen geduldig, verlässlich und beharrlich zu sein? Wohl stimmt es, dass auf Erden nur der Wandel beständig ist. Auf nichts Irdisches ist Verlass. Wenn aber Gott sich treu bleibt und uns treu bleibt – kann er dann nicht von uns dasselbe erwarten? Wenn er an seinen Zusagen festhält – können wir dann nicht den Mut haben, es unsererseits auch zu tun? Es sollte möglich sein. Es ist zumutbar. Denn Gott fordert von uns ja nur die Beständigkeit, von der wir selbst wissen, dass sie uns und unseren Familien gut tut. Gott hat nur deshalb ein so großes Interesse an der Stabilität unserer Beziehungen, weil er weiß, dass wir dieser Stabilität bedürfen. Gott weiß, dass jeder von uns Menschen braucht, auf die er sich blind verlassen kann. Und er möchte, dass wir diese Menschen finden. Ein treuer Mensch zu sein, ist darum nicht nur eine Tugend oder Gabe, sondern zugleich Gottes nachdrückliche Forderung an jeden von uns…

Gilt das aber auch noch, wenn in einer Ehe die Liebe abhanden kam? Ist dann nicht ihre „Geschäftsgrundlage“ entfallen? Und muss man Ehebrechern nicht mit Verständnis begegnen, weil kein Mensch seine Gefühle willentlich steuern kann? So verbreitet dieser Einwand ist, so falsch ist er auch. Denn es stimmt zwar, dass Gefühle unkontrolliert schwanken. Das besagt aber nichts, weil eine Ehe gar nicht auf Gefühlen beruht. Es ist ein großes Missverständnis, wenn man sie als „romantische“ Angelegenheit betrachtet! Die Ehe gründet nicht auf der gefühlten Liebe, sondern auf der versprochenen Treue. Und folglich kommt ihre Grundlage auch nicht mit der Liebe abhanden. So wahr es ist, dass sich die Liebe der willentlichen Kontrolle entzieht, gilt das doch keineswegs von der Treue. Denn zu der kann man sich durchaus entschließen! Und wo ein Ehepaar an diesem Vorsatz festhält, ist auch in Krisen nichts verloren. Denn die versprochene Treue bleibt dann als stabiler Rahmen bestehen, in den die flüchtigen Gefühle zurückkehren können. Natürlich schmerzt es, wenn sie lange ausbleiben. Aber ein hinreichender Grund um auseinander zu laufen, ist das keineswegs, sondern eher ein Anlass, sich neu umeinander zu bemühen. Bewahrt man nur das Fundament der Treue unverletzt, kann verlorene Liebe wiederkehren. Und das ist jedem Paar zu wünschen. Bleiben die Gefühle aber aus, berechtigt das nicht dazu, den Ehebund aufzukündigen und anderswo einen neuen „Kick“ zu suchen. Denn niemand hat Anspruch darauf, geliebt zu werden. Gefühle sind nicht einklagbar. Und bei der Hochzeit wurden auch nicht Gefühle versprochen, sondern Treue. Die unterliegt durchaus der willentlichen Steuerung. Und so kann sich, wer die Ehe bricht, nicht als Opfer seiner Gefühlslage entschuldigen. Er selbst trennt, was Gott zusammengefügt hat – und macht sich damit den Höchsten zum Feind. Mit Luthers Worten gesagt: 

„Die Treue macht wesentlich das eheliche Leben aus und ist vornehmlich das ganze eheliche Leben, die Treue, die sie einander verheißen haben. So reden sie davon. Darum besteht das eheliche Leben nicht darin, dass sie einander lieb haben, sonst wären Huren und Buben auch ehelich; sondern es besteht in der Treue, dass einer zum andern sagt: Ich bin dein und du bist mein. Das ist die Ehe.“