Wie uns die Bibel auslegt
Wer heute biblische Geschichten erzählt, schaut nicht selten in ratlose Gesichter. Denn was im Alten und Neuen Testament berichtet wird, ist weit entfernt von dem, was uns im Alltag beschäftigt. Es ist nicht nur lange her, sondern passierte auch weit weg. Es geschah einem Volk, zu dem wir nicht gehören. Und es setzt soziale Verhältnisse voraus, in denen wir nicht mehr leben. Nichtmal die Sprache ist die, die wir heute reden! Und obwohl keiner drin vorkommt, den wir persönlich kennen, tun die Pfarrer so, als sollten uns die alten Geschichten etwas angehen. Da wird erzählt von Adam und Eva, denen das Verbotene viel interessanter schien als das Erlaubte. Und auch von dem neidischen Kain, der seinen Bruder Abel erschlug, weil Gott den anscheinend vorzog. Man hört von Noah, der verrückt genug war, mitten in der Wüste ein Schiff zu bauen – bloß weil ihm Gott das gesagt hat. Und irgendwann kommt auch Abraham vor, der sehr alt werden musste, bis Gott ihm sein Versprechen hielt und ihm einen Sohn schenkte. Wir begegnen Jakob, der seinen Bruder und seinen Vater betrügt, um gesegnet zu werden. Und wir lernen Joseph kennen, der sich mächtig was einbildet, bis ihn seine Brüder nicht mehr ertragen und nach Ägypten verkaufen. Von Mose ist die Rede, der das Volk aus Ägypten herausführt. Und von David, dem glänzenden Helden, der später zum Ehebrecher und Mörder wird. „Du meine Güte“, sagen da die Konfirmanden: „Was sind das für alte Kamellen! Was quält der uns mit Geschichten von Leuten, die längst tot sind? Weiß der Pfarrer denn nicht, dass uns die Gegenwart und die Zukunft viel mehr beschäftigen? Lebt der vielleicht selbst in der Vergangenheit?“ Manche driften dann ab. Und wenn die Kirchenbänke bequemer wären, schliefen sie vielleicht ein. Andere aber begreifen zum Glück, worum es eigentlich geht. Denn auf der Kanzel wird nicht schlechtes Entertainment geboten. Sondern all die biblischen Geschichten zusammengenommen bilden eine große Gesamt-Erzählung. Die ist so umfassend, dass sie von der fernsten Vergangenheit bis in die fernste Zukunft reicht. Sie bildet darum auch die Rahmenhandlung für unsre eigene, ganz persönliche Lebensgeschichte. Und so geht es nicht um die Deutung alter Erzählungen, sondern um die Deutung der Welt und des menschlichen Daseins im Ganzen. Denn, bitte – womit befasst sich denn die Bibel, wenn nicht mit der Beziehung Gottes zu den Menschen? Alles wird unter diesem Aspekt erzählt, alles Irdische wird danach bewertet, wie es sich zum Himmel verhält. Diese Perspektive ist Programm! Und indem die Bibel alles unter diesem Blickwinkel beurteilt, gibt sie uns zugleich eine Gebrauchsanweisung für das eigene Leben und sagt: „So, lieber Leser, verstehe, begreife und erzähle auch deine eigene Geschichte, dass du sie immer in Relation setzt zu Gott und seinen Plänen. Denn das ist der rote Faden der Gesamt-Erzählung, die Nabot, Bileam und Petrus genauso einschließt wie dich. Lass dich nicht täuschen – trotz der vielen Schauplätze, Namen und Handlungsstränge ist das alles nur eine Story. Dein Leben ist ein Teil davon! Und ganz egal, wie lange Gottes Geschichte mit der Menschheit schon läuft, ist sie doch jetzt aktuell Gottes Geschichte mit dir!“ Früher, als der Ball bei Noah, Abraham und Joseph lag, haben sie ihn gespielt, so gut sie konnten. Doch momentan liegt der Ball bei uns. Und wenn wir ihn auch nicht ewig spielen, sondern ihn einst an kommende Generationen abgeben, sind doch jetzt wir dran. Und wir sind nur orientiert, wenn wir den bisherigen Spielverlauf überblicken, die Regeln kennen und das Ziel, von dem die Bibel berichtet. Man darf sich da nicht vertun! Weder im Alten noch im Neuen Testament geht es um die Geschichten fremder Leute, die längst tot sind. Sondern es geht immer um unsre Geschichte, deren Bezugspunkt Gott ist, wie er das auch schon bei den Alten war. Der fordert und fördert uns gerade so wie die biblischen Figuren. Und wer deren Schicksale versteht, versteht dann umso besser sich selbst und sein Leben. Denn David, Salomo und Paulus sind nur deshalb interessant, weil ihr Weg auch der unsere ist und auf dieselbe Weise entschlüsselt werden will – nämlich als ein Wandern von Gott zu Gott. Es geht da nie bloß um Gottes Geschichte mit „denen von damals“, sondern immer um Gottes Geschichte mit „uns heute“. Denn die Bibel lesend lernen wir den Gott der Macht und der Treue kennen, der mit seiner Strenge und seiner Liebe auch unsren Lebenslauf bestimmt. Sein Wirken ist der Deutungshorizont unsrer Existenz. Er ist es, der unser Schicksal „schickt“. Und wer ihn als Faktor nicht auf dem Schirm hat, versteht gar nichts. Gott ist es, der uns mit Ereignissen bewirft, und vor dem wir unsre Reaktionen verantworten. Er ist unser Drehbuchautor und unser Publikum zugleich. Und das zu wissen, bringt uns geistlich voran, weil unser kleines Leben inbegriffen ist in Gottes große „Story“, die für unser Daseins den allumfassenden Rahmen bildet. Natürlich ist unser Leben nur eine kurze Sequenz in Gottes langem Roman. Nicht mehr als ein Absatz oder eine Fußnote – man kann leicht drüber hinwegblättern! Und doch ist auch meine Geschichte ein Teil von Gottes Geschichte mit seiner Schöpfung. Auch meine Gottesbeziehung kann scheitern oder gelingen. Und ohne zu wissen, was dabei auf dem Spiel steht, würde ich mich selbst nicht verstehen, weil ich – ohne den großen Roman zu kennen – auch den kleinen Abschnitt nicht begreife, der mein Leben ausmacht. Oder ergibt irgendetwas Sinn, ohne den größeren Zusammenhang, in dem es steht? Man nehme ein dickes Buch mit tausend Seiten und schneide irgendwo eine Satz heraus. Wenn man diesen isolierten Satz einem Freund vorliest: Wird der wohl verstehen, was dieses Fragment einer Erzählung bedeutet? Kann er, ohne den Rest zu kennen, beurteilen, ob diese kurze Sequenz für den Verlauf des Romans wichtig ist? Und wird er dem isolierten Satz entnehmen können, ob er zu einer Tragödie gehört, zu einer Komödie, zu einem Thriller oder zu einer Schnulze? Nein. Denn alles hat seine Bedeutung nur im Kontext. Und unser Menschenleben ist ein viel zu kleiner Ausschnitt, als dass es, für sich betrachtet, viel Sinn ergäbe. Es ist wie ein kleines Plus- oder Minuszeichen in einer langen Rechnung. Es kommt sehr drauf an, ob es vor oder nach der Klammer steht. Und nimmt man es aus der Rechnung heraus, kann es alles Mögliche bedeuten. Keiner weiß es! Darum muss jeder, der sich auf sein kurzes Leben einen Reim machen will, es als Teil einer größeren Geschichte sehen – wie einen Mosaik-Stein oder ein Puzzle-Teil, das sich in ein großes Bild einfügt. Und je nach dem, wie das größere Bild dann für ihn aussieht, wird er seine eigene Rolle darin bestimmen und dementsprechend leben. Betrachtet er die Weltgeschichte als eine großen darwinistischen Überlebenskampf, in dem immer der Stärkere den Schwächeren frisst, wird er sich bemühen, bei den Stärkeren zu sein. Versteht er die Welt als eine große Party, wird er versuchen, keinen Spaß auszulassen. Und meint er, es ginge im Leben vor allem um die Bilanz der erbrachten Leistungen, wird er seinen Ehrgeiz da hinein setzen, erfolgreicher zu sein als andere. Die einen lesen die Welt als einen Heimatroman – und die andere als Heldenepos. Manche meinen, es müsse eine einzige große Liebesgeschichte sein. Und wieder andere gruseln sich dem Weltuntergang entgegen. Die eigene Rolle aber folgt aus dem, was man zu lesen glaubt, weil man eben im Rahmen eines Sachbuches sachlich sein sollte und im Rahmen einer Komödie möglichst witzig. Die Bibel dagegen ist ein Narrativ ganz eigener Art. Sie erzählt Gottes Geschichte mit der Menschheit. Sie erzählt davon aber so, dass der Leser entdeckt, dass er selbst darin enthalten ist. Und liest er richtig, so erfährt er nicht die Wahrheit über Timotheus und Titus, sondern über sich selbst. Der Bibelleser begreift, dass ihm eine Rolle zugedacht ist in der Geschichte, die Gott da von sich selbst erzählt. Es ist die Rolle eines aufrechten Menschen, der berufen ist, ein Leben lang mit Gott in Kontakt zu bleiben, in die Gemeinschaft mit ihm immer weiter hineinzuwachsen – und eines Tages zu Gott zurückzukehren. Und wie unterschiedlich man diese Rolle füllen kann, sieht er an den biblischen Gestalten. Doch der Gesichtspunkt, auf den es ankommt, ist immer derselbe. Jeder Schritt wird danach bewertet, ob er den Menschen Gott näher bringt oder ihn von Gott entfernt. Und wenn der Leser lernt, mit diesem Maßstab zu messen, geht’s in Wahrheit gar nicht mehr um Daniel, Hiob oder Jeremia, sondern um den Leser selbst – weil wir genau wie jene Alten jederzeit „coram Deo“ leben, nämlich unter Gottes Angesicht und in Beziehung zu ihm. Und es bleibt dann nicht aus, dass man sich in den biblischen Gestalten wiedererkennt. Denn der Gott, mit dem wir zu tun haben, ist derselbe geblieben. Und auch der Mensch hat dieselben Stärken und Schwächen wie immer. Vielleicht ist es dann nicht Abraham, der sehr alt werden muss, bis Gott ihm sein Versprechen hält, sondern ich bin es selbst. Vielleicht ist es nicht Adam, dem das Verbotene interessanter erscheint als das Erlaubte, sondern ich bin es. Vielleicht ist es nicht Mose, der seine Leute aus einer Knechtschaft herausführt, sondern ich bin es. Vielleicht ist es nicht Jakob, der um den Segen ringen muss, sondern ich. Vielleicht brauche ich für meine Aufgabe ebenso viel Weisheit wie König Salomo brauchte, um gut zu regieren. Oder es geht mir wie Joseph, der auf verschlungenen Wegen nach Ägypten kommt – und Gottes Führung erst im Nachhinein versteht. Manch einer läuft vor seinem Auftrag weg, wie Jona. Manch einer verleugnet seinen Herrn, wie Petrus. Und manch einer wird vom Saulus zum Paulus. Da gibt es ein großes Spektrum der Möglichkeiten! Und obwohl die Geschichte bei jedem von uns neu erscheint, ist es doch auch immer dieselbe: Weil jeder von Gott gerufen wird. Weil jeder ihm so oder so widerstrebt. Weil wir unsrem Heil im Wege stehen – und am Ende doch von dem gefunden werden, der uns geduldig gesucht hat. Ob wir wollen oder nicht, unsre Lebensgeschichte ist mit Gottes eigener Geschichte unlöslich verwoben. Wir wissen nicht gleich, auf welche Weise. Aber wer den Zusammenhang nicht sieht, wird sein Leben nie verstehen. Denn derselbe Gott, von dem wir herkommen, ist immer auch der, auf den wir zugehen. Der uns losgeschickt hat, ist auch jener, der uns am Ende in Empfang nimmt. Und wir werden ihm dann gar nichts erzählen müssen, weil er in seiner Strenge und Treue, Barmherzigkeit und Kraft all unsre Wege mitgegangen ist. So erzählt uns die Bibel keine verstaubten Historien. Sondern sie öffnet uns die Augen, damit wir unser Leben nicht als Kitschroman missverstehen, nicht als Gruselgeschichte oder dumme Komödie, sondern als unsre ganz persönliche Geschichte mit Gott. Und auch die Predigt erzählt nicht von fernen Ländern und fremden Leuten, die uns nichts angehen, sondern sie behandelt stets ein und dieselbe Geschichte, deren Faden der Hörer aufnehmen kann, um ihn weiterzuspinnen und sein eigenes Leben bewusst als ein kleines Kapitel in das große Gesamtwerk einzufügen. Mose, David und Johannes sind aktuell nicht mehr dran, sondern wir sind dran, mit Gott unsere Erfahrungen zu machen. Und wir haben das Recht, die ganze biblische Vorgeschichte auf uns zu beziehen. Denn für uns ist Gottes Sohn vom Himmel gestiegen und Mensch geworden. Für wen denn sonst? Für uns hat Jesus auf dem Berg gepredigt, damit uns der Wille Gottes nicht verborgen sei. Und für uns hat er die Taufe gestiftet, damit wir reingewaschen werden von aller Schuld. Für uns hat er das Abendmahl eingesetzt und das Vaterunser formuliert. Für uns hat sich Jesus seine Gleichnisse ausgedacht, damit uns ein Licht aufgeht. Für uns hat er mit den Pharisäern gestritten, ist für uns am Kreuz gestorben und hinabgestiegen ins Reich des Todes. Für uns ist er am dritten Tage auferstanden, um uns ewiges Leben zu schenken. Auf uns zielt das alles! Wir sind gemeint und müssen es persönlich nehmen! Denn Jesu Geschichte ist in Wahrheit unsre eigene – unsre Geschichte ist auch seine. Und wenn man sich gewiss bei vielen Büchern fragen kann, für wen die eigentlich geschrieben wurden, so geht das bei der Bibel jedenfalls nicht. Denn wenn ich sie verstehe, weiß ich, dass ich der Adressat bin. Und wenn ich denke, andere Leute seien gemeint, habe ich die Bibel noch nicht verstanden. Denn eigentlich ist es einfach, was sie sagt: Gott scheut keine Mühe, um diejenigen, die in und mit Adam aus seiner Gemeinschaft herausgefallen sind, in und mit Christus in diese Gemeinschaft zurückzuführen. Für den aber, der’s versteht, ist der Bericht davon weniger ein „Bericht“ als ein „Appell“, und weniger ein „Referat“ als eine persönliche „Einladung“. Und am Ende hat nicht er die Bibel ausgelegt, sondern die Bibel ihn.
Bild am Seitenanfang: Reading woman on a couch
Isaac Israëls, Public domain, via Wikimedia Commons
evangelischer-glaube.de
DIE ONLINE - DOGMATIK
