Die Welt ist "schlecht"?
Fragen sie sich manchmal, warum die Welt so ist, wie sie ist? Und wenn – fragen sie dann, warum sie eigentlich so gut ist, oder warum sie so schlecht ist? Das Gute können wir auf Gott zurückführen. Denn die Bibel legt Wert auf die Feststellung, dass Gottes Schöpfung ursprünglich „gut“ war (1. Mose 1,31). Er wollte sie schön und hat sie wunderbar geschaffen! Wenn sie heute aber gar nicht mehr so schön ist, sondern ein Ort voller Not und Leid, Streit, Krieg, Dreck und Gewalt – dann, sagt die Bibel, liegt das am Menschen und am Sündenfall. Denn nicht Gottes Welt war „schlecht“, aber der Mensch war es sehr bald. Er hat die Welt mit seiner Bosheit überflutet und damit alles verdorben. Nun mischen sich Herrliches und Grausames, es mischen sich Gottes Werk und Teufels Beitrag. Und wenn sich ein Mensch drüber beschweren will, dass er nicht im Paradies lebt, muss er sich an die eigene Nase fassen. Denn die Bibel ruft ihm zu: „Selbst schuld!“ Aber stimmt es auch? Empört will man‘s von sich weisen und sagt: „Nein, nein. Die Welt ist doch nicht meinetwegen schlecht! Das liegt an den anderen! Ich habe hier doch nichts kaputt gemacht, die Welt war schon kaputt!“ Aber – stimmt es? Wäre denn irgendwo Bosheit in der Welt, wenn es keine Menschen gäbe? Sind etwa die Dinge dieser Welt schlecht, die Gott geschaffen hat, die Mineralien, die Pflanzen und Tiere? Wirken die nicht immer erst zum Schlechten, wenn schlechte Menschen sie zum Bösen gebrauchen? Ein scharfes Messer ist in der Küche nützlich. Zur tödlichen Waffe wird es erst durch den Mörder. Ein Pflanzenextrakt wirkt in den Händen des Arztes als segensreiches Medikament. Erst der Dealer macht eine Droge draus. Und das Gold dieser Erde ist an sich nur ein hübsch-glänzendes Material für Schmuck. Dass aber gierige Menschen über Leichen gehen, um es an sich zu bringen – was kann das Gold dafür? Nein, die Dinge, die Gott geschaffen hat, sind überhaupt nicht schlecht! Sie bewirken erst Schlechtes, wenn sich ein schlechter Mensch ihrer bedient. Und doch zeigen Menschen mit großem Pathos auf das Elend der Welt und machen es Gott zum Vorwurf, als müsse sich Gott dafür entschuldigen, dass heute so viel gelitten wird. Ja, freilich hat Gott das Eisen in die Erde gelegt. Aber hat er denn gesagt, wir sollten daraus Panzer bauen? Klar kommen alle Chemikalien von Gott. Aber hat er denn gesagt, wir sollten Schießpulver und Giftgas draus mischen? Auch unseren Verstand hat Gott geschaffen. Aber dass nun einer mit großer Raffinesse den anderen übers Ohr haut, ist doch nicht Gottes Schuld und ist gewiss nicht in seinem Sinne. Sondern es ist Missbrauch, wenn wir Gottes gute Gaben zum Bösen verwenden. Und ohne böse Intentionen wäre rein gar nichts Böses in der Welt. Denn die belebte und unbelebte Natur um uns herum besteht aus lauter Dingen, die an sich ganz „unschuldig“ sind. Da gibt es Mineralien, Pflanzen und Tiere, Berge, Wüsten und Meere, die alle herrlich und schön sind, die allesamt für etwas Gutes gebraucht werden können, und die nach Gottes Weisung auch nur für Gutes gebraucht werden sollen. Er hat es an klaren Ansagen nicht fehlen lassen! So harmlos die Dinge aber auch sind, ist doch nichts darunter, dass der Mensch nicht schon zum Mittel und Werkzeug böser Zwecke gemacht hätte. Selbst Blumen und Gedichte, selbst die Liebe und die Musik weiß er zu missbrauchen! Der Mensch unterwirft alles seinen egoistischen Zwecken, bedient sich der Dinge, um Konkurrenten auszustechen, um Fallen zu stellen, um Köder auszulegen und Kriege zu führen. Und bald jammert er, die Welt sei so ungeheuer „schlecht“, es lohne kaum, auf ihr zu leben. Doch muss man ja fragen, woran es liegt. Hat Gott die Dinge etwa „falsch“ gemacht? Das Wasser, die Luft oder die Erde? Oder hast du Mensch das alles mit falschem Herzen „falsch“ gebraucht? Ja, klar: Wenn du ein dummer Mann bist, kann dich die Schönheit einer Frau verführen! Aber sollte Gott sie darum hässlich machen? Natürlich schadet dir der Zucker, wenn du zuviel davon isst! Aber liegt der Fehler denn beim Zucker? Natürlich verblödet dich das Internet, wenn du auf die falschen Seiten klickst! Aber hat dir nicht Gott geboten, deinen Verstand einzuschalten? Er gönnt dir die Güter und Freuden dieser Welt! Aber hat er gesagt, du solltest dein Herz dran hängen, dem Genuss verfallen, deine Seele verkaufen und dich zum Affen machen? Gewiss hast du Fäuste bekommen, um dich zu verteidigen! Aber wenn du damit deine Frau und die Kinder schlägst – ist dann Gott schuld, weil er dir Hände gab? Nein, Mensch, sieh es doch ein: Nicht die Welt ist verkehrt, sondern du allein bist verkehrt und machst von allem den falschen Gebrauch! All die Bosheit, die du zurecht beweinst, hast du selbst in die Welt hineingetragen. Und wenn du nun auf Gottes Schöpfung schimpfst und behauptest, die Welt sei „erbärmlich schlecht“ – dann bist du wie der Mann, der sich am Türrahmen stößt und aus Zorn den Türrahmen schlägt. Du verhältst dich wie jene Leute, die nicht kochen können, und die, wenn ihnen wieder mal was angebrannt ist, die Pfanne aus dem Fenster werfen, als wäre die Pfanne schuld. So machen es Menschen, die ihren Computer nicht verstehen und, wenn‘s nicht läuft, zornig auf die Tastatur schlagen. Aber bitte: Was kann der Türrahmen dafür, wenn ich mich stoße? Hat er mich etwa angesprungen? Und wenn ich mir ein supersportliches Auto kaufe, das ich nicht beherrsche, und damit im Graben lande: Lag’s dann am Auto? Eigentlich müssten wir uns viel mehr über uns selbst ärgern. Aber das tun wir so ungern. Wenn wir Schiffbruch erleiden, wollen wir nicht auch noch selbst schuld sein, sondern projizieren unsren Fehler lieber nach außen. Wir schlagen den Computer, werfen die Pfanne aus dem Fenster oder beschuldigen Gott, weil unser Leben nicht funktioniert. Wir wollen uns für gut halten, darum muss die Welt schlecht sein! Gott hat sie schlecht eingerichtet, darum soll er schuld sein, wenn wir nicht zurechtkommen. Doch die bittere Wahrheit ist, dass es an uns liegt – und es darum mit dieser Welt auch nicht besser wird, solange nicht der Mensch besser wird. Denn die Dinge dieser Welt sind auf sich gesehen ganz unschuldig und stehen willig für alles bereit. Sie dienen dem, der sie für seine Zwecke zu nutzen versteht, und in seinem Sinne wirken sie dann. In der Hand des Bösen wirkt kein Ding zum Guten. Und in der Hand des Guten wirkt kein Ding zum Bösen. Geld und Größe, Macht, Intelligenz, Schönheit und Gesundheit sind immer nur Potentiale. Je nach dem, wer sich ihrer bedient, schlagen sie zum Guten oder zum Bösen aus. Kommt uns die Welt aber „schlecht“ vor, so spiegelt das nur die Schlechtigkeit des Menschen. Denn geben wir’s doch zu: Wenn der Mensch plötzlich fehlte, wäre dieser Planet auf der Stelle geheilt! Ja, nähme man den Menschen aus der Welt heraus, wäre auch keine Bosheit mehr drin. Denn die Natur weiß ja gar nicht, was Bosheit ist. Oder meinen sie, wenn morgen die Kriege enden sollten, würde es an den Bäumen scheitern? Meinen sie, wenn morgen das Lügen aufhören sollte, hätten die Fische was dagegen? Nein, wahrlich: Die Dinge dieser Welt hindern uns nicht, gut zu sein, denn die Bosheit steckt nicht in den Dingen, sondern in uns. Weil sie aber in uns drinsteckt, ist sie leider auch überall, wo wir sind – und alles scheint uns verkehrt! Dabei kennt die Natur gar keine Bosheit, und die Tiere wissen nichtmal, was das ist. Die sind mit Gott im Reinen! Doch wo der Mensch die Bühne betritt, folgt ihm das Übel auf dem Fuße. Und besiedeln wir eine einsame Insel, machen wir dort immer auch die Sünde heimisch. Nun meinen sie vielleicht, das gehe zu weit. Eigentlich seien wir doch guten Willens, flöhen vor dem Bösen und suchten das Gute! Doch ich fürchte, das Übel reist in unsrem Gepäck und folgt uns auf dem Fuße, wie bei den Füchsen, denen Simson Fackeln an die Schwänze band, um sie durch die Felder der Philister zu jagen (Ri 15,4-5). Die Füchse sahen Feuer hinter sich und flohen panisch davon. Aber indem sie flohen, zündeten sie alle Felder an, setzten die Welt in Brand, und wo immer die armen Füchse hinkamen, stand bald alles in Flammen. Etwa so geht‘s dem Menschen mit dem Bösen, vor dem er zu fliehen versucht. Wo immer er seinen Fuß hinsetzt, gibt es bald Lüge und Streit. Und so empört er sich dann, die Welt sei „schlecht“. Doch tatsächlich hat er das Übel selbst hineingetragen und hat‘s mitgebracht wie eine ansteckende Krankheit. Denn die Natur ist durchaus im Einklang mit ihrem Schöpfer. Und nur wir sind es nicht. Wir reden zwar manchmal von einem „tückischen“ Moor, von einem „bösen“ Wolf oder einer „mörderischen“ Strömung. Doch in Wahrheit gibt es nur überforderte und leichtsinnige Menschen. Die Dinge hingegen sind solange gut, wie wir sie nicht zum Bösen missbrauchen. Wo der Menschen nicht ist, gibt es keinen Müll, keinen Lärm und keine Falschheit! Wo wir nicht hinkommen, ist die Welt wunderschön! Und doch sagen so viele, die Welt sei „schlecht“? Ach, nein, muss man denen antworten: Gottes Schöpfung ist wundervoll. Und das einzig Fragwürdige, das einzig wirklich Problematische, das Gott je erschuf, sind wir – und die gefallenen Engel, die man nicht sieht. Den Missbrauch der anderen Kreaturen dürfen wir aber nicht den Kreaturen zur Last legen, sondern nur dem eigenen Herzen. Denn dass ich dem Alkohol verfalle, ist nicht des Alkohols, sondern meine Schuld. Und wenn ich in eine Gletscherspalte stürze, darf ich es nicht dem Gletscher vorwerfen, als hätte der was falsch gemacht. Fahre ich zu schnell und ende an einem Baum, muss ich das nicht dem Baum verübeln. Der Tabak hat nicht gefordert, dass ich ihn rauchen soll. Und das Geld verlangt auch nicht, dass ich danach gierig werde. Nichts ist als „böse“ zu beschuldigen, bloß weil wir es übel gebrauchen. Oder hätte Gott besser kein Eisen geschaffen, damit wir keine Waffen draus bauen könnten? Ließe er besser keinen Wein wachsen, damit wir uns nicht betrinken? Oder sollte er alle Menschen hässlich machen, damit sich die Narren von der Schönheit der Schönen nicht blenden lassen? Sollte er uns die Zunge lähmen, damit wir nicht lügen können? Oder sollte er uns die Hände fesseln, damit wir niemand schlagen können? Sollte er uns allen Reichtum entziehen, damit wir nicht der Gier verfallen, oder uns den Verstand rauben, damit wir uns nicht mehr einbilden, furchtbar gescheit zu sein? Ach, nein. Nicht die Dinge müssen anders werden, sondern unser Herz muss anders werden. Nicht die Natur muss enden, sondern nur der Missbrauch derselben. Der Wein und die Frauen haben schon viele zu Narren gemacht, sagt Luther. Aber sollen wir deswegen den Wein wegschütten und die Frauen erschlagen? Das Spielen und das Feiern hat schon manchen ruiniert. Aber wollen wir darum alles Spielen und Feiern verbieten? Es würde ja doch nicht helfen! Denn nicht die Dinge sind uns feind, sondern unser eigenes Herz ist unser größter Feind, weil’s immer wieder aus dem Ruder läuft. Nicht Gottes Schöpfung ist verdreht, nur wir sind verdreht! Und darum muss man zwischen der Kreatur und ihrem Missbrauch sorgsam unterscheiden. Denn die Kreatur kommt von Gott. Sie zu missbrauchen, ist aber unsre eigene Idee. Nicht an guten Dingen mangelt es. Denn davon hat Gott reichlich geschaffen. Aber an Menschen mangelt es, die sich dieser guten Dinge mit Verstand bedienen. Einem Menschen mit gutem Herzen kann man alles in die Hand geben, er verwendet es ja doch nur zu guten Zwecken. Der Böse aber mag anfassen, was er will, es fällt ihm immer eine Bosheit ein, für die er’s verwenden kann. Was beschweren wir uns also über die Welt? Steht sie etwa dem Guten im Wege? Nein. Nur wir Menschen machen Ärger! Die Welt ist, wie sie ist, weil wir so sind, wie wir sind. Die Welt ist nur eine Bühne, die Schauspieler sind wir. Spielen wir aber ein erbärmliches Stück – was kann die Bühne dafür? Die Welt ist so gut, wie Gott sie schuf. Und sie hätte Frieden, wenn nur der Mensch nicht wäre. Denn das ist es, was uns die Erzählung vom Sündenfall eigentlich sagen will. Gottes Schöpfung ist wunderbar. Zu einem Ort der Mühen und Plagen wird sie erst durch den Menschen. Unsere Verkehrtheit zieht den Rest der Welt in Mitleidenschaft, so dass es Pflanzen und Tiere mit ausbaden müssen. Seit dem Sündenfall sind sie mit uns der Vergänglichkeit unterworfen (Röm 8,19-23; 1. Mose 3,9-24). Aber von ihnen geht das Übel nicht aus. Denn selbst wenn sie fressen und gefressen werden, tun sie’s ohne Bosheit. Fische und Vögel kennen keine Sünde – sie sind mit Gott im Reinen! Der Mensch aber, der ist zum Fürchten. Und so erzählt uns die Geschichte vom Sündenfall gar nicht, wie es chronologisch „damals“ war, sondern wie es immer ist. Sie verweist nicht auf etwas „Prähistorisches“, das man „glauben“ muss, weil man nicht dabei war, sondern auf etwas Gegenwärtiges, auf einen Sachzusammenhang, den man überall beobachten kann. Denn wie jeder sieht, geht die Bosheit in dieser Welt nicht von den Büschen und Bäumen aus. Diese biblische Wahrheit ist so offensichtlich, dass man auch ohne Bibel drauf kommen könnte. Dem Schöpfer ist nichts vorzuwerfen, als höchstens die Erschaffung des Menschen. Und wenn der Mensch selbst darüber Klage führt, nimmt sich das recht seltsam aus. Denn dieser Mensch ist wie ein Fleck, der sich drüber beschwert, dass die Tischdecke nicht sauber ist. Im Grunde schreit er danach, entfernt zu werden. Und es liegt nur an Gottes Gnade, dass er dieser Forderung noch nicht nachgekommen ist.
Bild am Seitenanfang: Samson and the Foxes
from the Middle Ages, unknown, Public domain, via Wikimedia Commons
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