Die Sünde der geistlichen Trägheit

Die Sünde der geistlichen Trägheit

Kennen sie die sieben Todsünden? Hochmut und Habgier gehören dazu, Genusssucht und Zorn, Völlerei und Neid. Die siebte Todsünde soll aber die Faulheit sein, die Trägheit. Und mit der möchte ich mich heute beschäftigen. Denn ich bin selbst gern mal „träge“ – und habe nie ganz verstanden, was daran falsch sein soll. Ich finde: Wer keinen Grund hat, etwas zu tun, hat einen guten Grund, um nichts zu tun. Durch Trägheit spart man Energie, die man später vielleicht noch braucht! Und wenn die Trägheit auf Bildern der sieben Todsünden in Gestalt einer lahmen Schildkröte dargestellt wird, finde ich das nicht fair. Denn hektische Betriebsamkeit ist ja an sich noch nichts nütze – und ist auch keine Tugend. Sicher finden wir in der Bibel den warnenden Hinweis, dass, wer notwendige Arbeit liegen lässt, irgendwann Mangel leiden wird (Spr 6,6-11; 26,13-16). Aber hat nicht Gott selbst am siebten Schöpfungstag alle Arbeit liegen lassen, um zu ruhen (2. Mose 20,8-11)? Rät uns nicht der Prediger Salomo, das Leben dankbar zu genießen (Pred 9,7-9)? Und hat uns nicht Jesus von den Spatzen und den Lilien erzählt, die auch ohne Sorge und Mühe von ihrem himmlischen Vater ernährt und gekleidet werden (Mt 6,25-34)? Hat er nicht Maria gegen Martha verteidigt, als Maria sich nicht im Haus zu schaffen machte, sondern lieber in Ruhe bei ihm saß (Lk 10,38-42)? In solcher Weise „unproduktiv“ zu sein, erscheint mir nicht als Sünde. Und das hektische Laufen im Hamsterrad ist auch nicht zu loben, wenn’s bloß aus Ehrgeiz entspringt – oder aus dem Streben nach Besitz. Daher meine ich, dass es in christlicher Sicht gar nicht um die körperliche Trägheit gehen kann, sondern nur um die geistliche. Denn körperliche Ermüdung ist nicht verwerflich. Doch die Trägheit des Herzens, die Faulheit im Denken, die bequeme Ignoranz – die ist es durchaus. Und der Stumpfsinn ist verdammenswert, weil er den Glauben hemmt. Oder meinen sie, wenn einer zu seinem Dasein keine Fragen hat und sich nicht wundert über Gutes und Böses, Schönes und Hässliches – meinen sie, dass der jemals bei Gott die Antworten findet, die er doch nicht mal sucht? Wenn sich einer mental nicht über die Banalitäten des Alltags erhebt, sondern sich immer nur mit dem Nächstliegenden befasst, bleibt er oberflächlich. Und gedankenlos bewegt er sich unter dem Niveau, für das Gott den Menschen bestimmt hat. Denn just zu dem Zweck sind wir doch mit geistigen Gaben ausgestattet, dass wir (anders als das liebe Vieh) über uns hinaus nach Höherem fragen können – und auch in die Tiefe fragen können, nach dem tiefsten Grund unsres Daseins. Der Mensch ist mit Verstand begabt, damit er sich über das Triviale und Offensichtliche hinaus nach Gott ausstrecken kann! Unter den vielen Geschöpfen ist allein der Mensch fähig, seine Gedanken auf den Himmel zu richten! Nur er hat das nötige Bewusstsein und das Sprachvermögen, um mit Gott in Dialog zu treten! Das gilt es auch zu nutzen! Aber das ist wohl das Elendste und Beschämendste, was über den Menschen zu sagen ist: Dass er sich oft mit Stumpfsinn und Plattheit zufrieden gibt. Statt im Leben Sinn zu suchen, Bedeutung und Tiefe, Wahrheit und Gerechtigkeit, wollen viele bloß satt werden wie die Made im Speck. Sie denken flach, leben flach – und wollen’s auch nicht anders. Sie kaufen und verkaufen, sie benutzen und werden benutzt. Und genauso gedankenlos wie sie leben, sterben sie dann auch. Diese bequeme Ignoranz ist aber keine verzeihliche Schwäche, sondern tatsächlich Sünde und richtet sich gegen Gott. Denn der Mensch ist von seinem Schöpfer berufen, nicht ein Wurm zu sein, sondern Gottes Ebenbild zu sein. Und er beleidigt seinen Schöpfer, wenn er mutwillig hinter diesem Ziel zurückbleibt. Nun verstehen sie mich nicht falsch: Das ist keine Kritik an denen, die über wenig Wissen verfügen, sondern nur an denen, die gar nichts wissen wollen. Nicht der ist ignorant, der wenig Antworten hat, sondern wer nichtmal Fragen stellt. Es ist kein Verbrechen, ein wenig dumm zu sein. Es ist aber eine Verbrechen, die Intelligenz, die man hat, nicht zu nutzen! Unwissenheit ist keine Schande. Damit zufrieden zu sein, aber schon! Denn wenn einer Gott nicht kennt, wie kann er sich damit abfinden? Eigentlich muss sich jeder Mensch selbst ein Rätsel sein. Jeder müsste vom Hintersinn seines Daseins wenigstens etwas ahnen – und dann begierig sein, den Dingen auf den Grund zu gehen! Jeder müsste doch versuchen, sich auf seine Existenz einen Reim zu machen. Ganz automatisch würde er dann über die Grenzen seines Horizonts hinausfragen, denn dass wir leben, lieben und Sehnsucht in uns tragen, versteht sich nicht von selbst! Was aber tut der Mensch? Er holt sich ein Bier, schimpft über die Firma, lacht über Katzenvideos, liegt auf der Couch und ist sich selbst genug. Wenn ihm aber der Pfarrer über den Weg läuft, sagt er grinsend: „Wissen sie, was ich glaube, Herr Pfarrer? Ich glaube, dass ein Pfund Gehacktes eine gute Suppe gibt! Und mehr glaube ich nicht – hohoho…!“ Er schlägt sich vor Lachen auf die Schenkel. Doch ich frage mich: im Ernst? Mehr hat es mit deinem Leben nicht auf sich? Das ist schon die ganze Weisheit, die du in 70 Jahren erworben hast? Und damit willst du die Krone der Schöpfung sein? Ach, wie blind gehen so viele durchs Leben! Wie behaglich haben sie sich in ihrem Stumpfsinn eingerichtet! Dabei hat Gott in dieser Welt jede Menge Indizien verstreut, die unübersehbar auf ihn verweisen. Sowohl das Schöne wie auch das Schreckliche könnte nachdenklich machen. Wenn man nur hinsieht, ist das Leben sehr zum Staunen! Wir sollten nach dem Grund und dem Ziel der Dinge fragen, sollten mit Gott in Kontakt treten – und bei ihm zu uns selbst finden! Jede Menge Anregung, jede Menge Hilfe steht bereit, ja, Gottes eigenes Wort steht im Bücherschrank – und der Pfarrer wäre auch nicht weit! Doch wie Gott es auch anfängt, die trägen Geister zu erheben, es scheint ihnen der Mühe nicht wert. Solange ihnen behaglich ist, hält sie Gleichgültigkeit am Boden fest und verhindert jeden geistlichen Aufschwung. Solange es nicht wehtut, ist ihnen alles wurscht. Für sie ist die Sonne der Kultur vergeblich aufgegangen. Da herrscht Windstille im Kopf! Nichtmal über Gottes Wunder mögen sie sich wundern! Nur – können sie sich vorstellen, wie enttäuschend das sein muss für Gott? Gott ist wie ein fröhliches Kind, das mit den anderen spielen will und sich versteckt, damit die anderen es suchen. Doch es passiert nichts. Und wenn das Kind nach langer Zeit aus seinem Versteck herauskommt, muss es feststellen, dass die anderen gar nicht gesucht haben, sondern einfach nach Hause gegangen sind. Ja, auch Jesus scheint diese frustrierende Erfahrung zu kennen. Er sagt: „Mit wem soll ich aber dieses Geschlecht vergleichen? Es gleicht den Kindern, die auf dem Markt sitzen und rufen den andern zu: Wir haben euch aufgespielt und ihr wolltet nicht tanzen; wir haben Klagelieder gesungen und ihr wolltet nicht weinen. Johannes ist gekommen, aß nicht und trank nicht; so sagen sie: Er ist besessen. Der Menschensohn ist gekommen, isst und trinkt; so sagen sie: Siehe, was ist dieser Mensch für ein Fresser und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder!“ (Mt 11,16-19). Gott versucht es mal so – und mal anders. Aber den geistlich Trägen ist es nie recht. Gott begegnet ihnen streng wie Johannes der Täufer, und sie sagen: „Ach, der ist mir zu streng!“ Gott begegnet ihnen mild wie Jesus selbst, und sie sagen: „Ach, der ist ja viel zu milde!“ Gott kann locken und drohen, er kann segnen und fluchen, er kann sich verbergen und sich offenbaren – den Stumpfen ist das alles egal. Sie nehmen den Faden nicht auf und treten nicht in Kontakt, sondern hören weg. Denn es scheint ihnen allemal bequemer, Gott nicht zur Kenntnis zu nehmen. Da können die Pfarrer todernst oder albern sein, tiefsinnig oder banal, einfältig oder vielfältig, bunt oder schwarz-weiß – sie erreichen doch jene nicht, die nicht erreicht werden wollen. Denn bevor Gott Ansprüche erhebt, tut man lieber, als könnte man seinen Ruf nicht hören. Und noch im Jüngsten Gericht werden viele behaupten, sie hätten von Gott leider gar nichts gewusst. Aber – kommen sie mit der Ausrede wohl durch? Natürlich ist denen, die wirklich dumm sind, kein Vorwurf zu machen. Aber denen, die sich dumm stellen, sehr wohl! Denn Gott hat ihnen genug Verstand gegeben, dass sie nach ihm fragen könnten – und auch Antwort bekämen. Wenn ihr Horizont beschränkt ist, liegt das in der Natur der Dinge. Aber, dass sie sich mit dem eigenen Unverstand zufrieden geben – das wird Gott ihnen verübeln. Denn mit dem Schöpfer in Beziehung zu treten, ist das Einzige, was einem Menschenleben Sinn und Tiefe und Würde verleiht! Und doch haben die Stumpfen keine Ambition, in der Zwiesprache mit Gott das zu werden, wozu Gott sie geschaffen hat. Alle Erhebung ist ihnen zuwider. Für das, was sie leben, hätten sie gar keine Seele gebraucht! Und weil sie durch die von Gott geöffnete Tür nicht gehen wollen, leugnen sie, dass da überhaupt eine Tür sei. Sie schließen Gott aus dem Leben aus, das er selbst ihnen gab. Sie schauen an Gott vorbei, damit sie seinen Blick nicht erwidern müssen. Und wenn man sie drauf anspricht, sagen sie: „Was willst du denn? Ich freue mich doch an Gottes Gaben! Ich benutze meinen Kopf, um beim Pokern zu gewinnen. Ich benutze meine Hände, um in die Dose mit den Bonbons zu greifen. Ich benutze meine Augen, um den Frauen hinterherzuschauen. Und ich benutze meine Zunge, um schmutzige Lieder zu singen!“ Doch – war das wohl der Plan? Ein persischer Gelehrter (Rumi) sagte einmal, das sei, wie wenn einer ein ganz edles Schwert besäße, aus feinstem Stahl, mit Diamanten besetzt und eines Königs würdig – und der Besitzer des Schwertes würde es nur verwenden, um damit in seiner dreckigen Küche angefaultes Fleisch zu schneiden. Der könnte auch sagen: „Was willst du denn, ich benutze das Schwert doch für etwas Nützliches!“ Es ist, wie wenn der Mensch einen goldenen Kessel besäße, so massiv, dass man von einem Körnchen des Goldes hundert Töpfe kaufen könnte, und der Mann kochte sich darin nur einen stinkenden alten Rettich. Es ist, wie wenn er einen mit Juwelen besetzten Dolch besäße, und würde das kostbare Stück als Nagel in die Wand schlagen, um seine alte Arbeitsjacke dranzuhängen. Der könnte sagen: „Was willst du denn? Ich lasse den Dolch doch nicht nutzlos herumliegen, ich gebrauche ihn ja, ich hänge meine Jacke dran!“ Doch wär‘s nicht eine lächerliche und beklagenswerte Verschwendung kostbarer Potentiale? Eben so ist es bei den geistlich Trägen. Denn denen wirft ja niemand vor, dass sie geistlich arm wären, sondern gerade im Gegenteil, dass sie geistlich reich ausgestattet sind und doch nichts draus machen, dass sie von Gott zu Höherem berufen sind und sich doch in falscher Genügsamkeit mit dem Trivialen begnügen. Die sind nicht bloß faul, sie tun damit wirklich Unrecht! Denn sie verachten es, dass Gott sie zur Gemeinschaft mit ihm berufen hat. Indem sie diesen Adelsstand ausschlagen, beleidigen sie den, der sie einlud und sie so ehrenvoll zu sich erheben wollte. Sie sind beschränkt, sind desinteressiert und gefühllos – und finden das auch noch gut. Gott gegenüber ist es aber Sünde – und ist ein erbärmliches Behagen. Es ist Genügsamkeit an der falschen Stelle, Verschwendung von Lebenszeit und ein Missbrauch der Gaben, um die andere Kreaturen uns beneiden würde. Womit es aber zu entschuldigen wäre, weiß ich nicht. Denn ich verstehe zwar alle, die Gott lieben, und vielleicht sogar jene, die ihn hassen, jene die ihm erliegen oder vor ihm flüchten, jene die an ihm verzweifeln oder gegen ihn kämpfen. Aber ich verstehe nicht die Ignoranten, die in geistiger Ödnis daneben stehen und das Geheimnis gar nicht lösen wollen. Ihnen sind Beine gegeben, aber sie wollen nicht laufen. Sie haben Augen im Kopf, aber sie wollen die Wahrheit nichts sehen. Sie sind zu faul, um irgendetwas Großes zu fühlen. Sie gehen nicht mit scharfen Gedanken um, um sich bloß nicht dran zu schneiden. Sie setzen sich nicht auf’s Spiel. Sie hegen keine großen Hoffnungen und machen sich keine Mühe. Sie hüten sich zu tun, was noch keiner vor ihnen tat. Und damit sie das Licht der Wahrheit nicht blendet, öffnen sie die Augen niemals ganz, sondern blinzeln nur ein bisschen. Eine Leidenschaft haben sie höchstens für das Mittelmaß. So lauwarm wie ihre Leidenschaft ist auch ihr Zorn. Ebenso lauwarm ist ihr Glaube. Um keinen Preis riskieren sie ihre Gemütlichkeit. Und weil sie so viele sind, fühlen sie sich auch noch im Recht. Völlig undenkbar, dass sie ihre Komfortzone verlassen sollten! Unzumutbar, dass sie über sich hinaus wachsen sollten! Allzu gerecht oder ungerecht – das wäre ja anstrengend! Selbst zum Bösen fehlt ihnen das Engagement! Denn sie wollen bloß ihre Ruhe. Sie begnügen sich mit Essen und Verdauen, Vegetieren, Kopulieren, den Bauch füllen, den Bauch leeren und Spaß haben. Tritt ihre Beschränktheit zu Tage, lachen sie drüber. Und verlangt man Anstand, sind sie überfordert. Ja, nichtmal auf das Gegenteil möchten sie sich festlegen! Denn ihr ganzer Anspruch ist, ihren Gelüsten zu frönen. Und weiter erwarten sie nichts. Das ist der Mensch, der die Gottesgabe der Sprache nur für dumme Witze benutzt, der die Gottesgabe der Vernunft nur gebraucht, um andere übers Ohr zu hauen, der sich mit heiligen Texten den Hintern wischt und vom eigenen Gewissen schon lang nichts mehr gehört hat. Er hat keine Ehre, die irgendwer verletzen könnte. Er kann nicht scheitern, weil er nie etwas Großes versucht. Er will nicht über sich hinaus. Er genügt sich selbst. Das Leid der anderen mag er nicht sehen. Wenn jemand Einsatz verlangt, ist er nicht zu sprechen. Und den Pfeil seiner Hoffnung über das Greifbare hinauszuschießen, wäre ihm zu mühsam. Ja, er bewertet alles nur danach, ob es Mühe macht oder als Genussmittel taugt. Und das ist der geistliche Tod. Das ist die Verweigerung des von Gott gegönnten Lebens, wenn einer mit den besten Möglichkeiten seiner Seele nichts anzufangen weiß und lieber unempfindsam dahinlebt wie ein Klotz. Seine Sünde besteht in der Zweckentfremdung von Gütern und Gaben, die er bekam, um eine Gottesbeziehung zu pflegen. Und so können wir für diese Menschen nur inständig bitten. Unser Herr, der die Blinden heilen kann, öffne ihre Augen. Er, der die Gelähmten heilen kann, mache ihnen Beine. Er, der selbst Gottes Wort ist, öffne ihre tauben Ohren. Er rüttle sie und schüttle sie, damit sie endlich wach werden. Und er bewahre uns davor, in gleicher Weise wegzudämmern und in Stumpfheit zu versinken. 

 

 

Bild am Seitenanfang: Tin-Mirror Candle Sconce (Ausschnitt)

Majel G. Claflin, Public domain, via Artvee