Leonhard Hutter (1563-1616):

Inbegriff der Glaubens-Artikel (Compendium locorum theologicorum)


Vierunddreißigster Artikel. Von dem ewigen Leben.

 

1. Gibt es ein ewiges Leben?

 

Ja, nach dem Zeugnis der Schrift, Daniel 12,2: „Viele, so unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, etliche zum ewigen Leben, etliche zur ewigen Schmach und Schande.“ Matth. 25,46. „Die Gerechten werden in das ewige Leben gehen.“ Joh. 10,28. „Ich gebe meinen Schafen das ewige Leben.“

 

2. Was ist das ewige Leben?

 

Da kein Auge gesehen hat, und kein Ohr gehöret hat, und in keines Menschen Herz gekommen ist, das Gott bereitet hat denen, die ihn lieben (1 Kor. 2,9), so kann auch kein Sterblicher würdig genug aussprechen, was das ewige Leben ist. Uns ist es genug zu glauben, dass das ewige Leben eine unaussprechliche Seligkeit sein wird, mit welcher Gott seine Gläubigen ewiglich beglücken und verherrlichen wird, so dass sie in ihm, mit allen heiligen Engeln in Ewigkeit leben, und triumphierend über die Leiden dieser Zeit Gott ohne einigen Verdruss lieben, ihn, ohne zu ermüden, verehren, ohne Ende anschauen werden. Hierüber sagt David im 16. Ps. V. 11: „Du tust mir kund den Weg zum Leben; vor dir ist Freude die Fülle, und liebliches Wesen zu deiner Rechten ewiglich.“

 

* 3. Also behauptest du, dass die Seligen Gott schauen werden, wie er ist?

 

Ja; denn dies wird das Hauptstück unserer Seligkeit sein, dass wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen, und sein Wesen sowohl, als seinen Willen nicht nur vollkommen erkennen, sondern ihn auch mit der höchsten Lust und Freude vollbringen werden. 1 Kor. 13,12. „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunkeln Wort; dann aber von Angesicht zu Angesicht.“ 1 Joh. 3,2. „Meine Lieben, wir sind nun Gottes Kinder, und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Wir wissen aber, wenn es erscheinen wird, dass wir ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.“ (S. 181)

 

+ 4. Werden sich die Menschen im ewigen Leben wieder erkennen?

 

Jawohl; denn, so wie im ewigen Leben das vergeht, was nur Stückwerk war, und wir Gott von Angesicht zu Angesicht schauen werden: also werden wir auch uns gegenseitig erkennen, so dass wir allen und jeden ganz bekannt sein werden.

 

+ 5. Kannst du mit festem und unerschütterlichem Grund diese deine Behauptung erweisen?

 

Ja; denn in jenem Leben wird das Ebenbild Gottes, nach welchem der erste Mensch geschaffen war, vollkommen wieder hergestellt, und dieses enthielt, außer dem andern, auch eine vollkommene Weisheit und Erkenntnis in sich. Wie also Adam, vermöge dieses Ebenbildes, sogleich die Eva erkannte, welche er vorher nicht gesehen: so werden auch wir, Kraft dieses in uns wiederhergestellten Bildes, alle und jede Menschen erkennen, ob wir sie gleich in diesem Leben weder gesehen noch gekannt haben. Dann kann man hiervon ein Beispiel sehen bei der Verklärung Christi, wo Petrus sogleich den Moses und Elias erkennt, die er vorher nie gesehen, ob er gleich nur einen kleinen Vorschmack des ewigen Lebens hatte. Luc. 9,32f. Endlich, wenn diesem nicht also wäre, so würde folgen, dass die Erkenntnis dieses Lebens trefflicher und größer sei, als die Erkenntnis jenes Lebens. Allein dies ist falsch und ungereimt.

 

+ 6. Wird es gewisse Stufen der Glückseligkeit im ewigen Leben geben?

 

Man muss einen Unterschied machen zwischen dem ewigen Leben an sich selbst, wie es bisher einigermaßen beschrieben ist, und zwischen den Graden der Herrlichkeit. Was das ewige Leben betrifft, so wird gar kein Unterschied sein, sondern alle Gläubige werden es auf gleiche Weise genießen. Übrigens aber, was die Herrlichkeit und Klarheit der Leiber der Seligen betrifft, da werden verschiedene Grade sein. Denn „die Lehrer werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die, so viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.“ Dan. 12,3. 1 Kor. 15,41. „Eine andere Klarheit hat die Sonne, eine andere Klarheit hat der Mond, eine andere Klarheit haben die Sterne; denn ein Stern übertrifft den andern nach der Klarheit. Also auch die Auferstehung der Tobten.“ (S. 182) Übrigens hängen diese Grade der Herrlichkeit der Auserwählten nicht ab von dem Verdienst oder Würdigkeit ihrer Arbeit, sondern von der freien Gabe und Gnade Gottes, welcher seine Gaben in seinen Heiligen zu krönen pflegt.

 

* 7. Wird die Freude des ewigen Lebens nicht getrübt werden dadurch, dass die Seligen viele, mit welchen sie auf das innigste verbunden waren, in der höllischen Qual sehen werden?

 

Nein. Denn der Seligen Wille wird in allen Stücken gleich sein dem göttlichen Willen. Und solche fleischliche Bewegungen, welche in diesem Leben Zeichen unsrer Schwäche sind, werden in jenem Leben gänzlich schwinden, denn dort wird sich alle unsere Liebe nur auf die erstrecken, welche Gott selbst teuer achtet, und zu Erben des ewigen Lebens gemacht hat. An den Verdammten aber werden wir die hohe Gerechtigkeit Gottes bewundern und in Ewigkeit preisen.

 

Gott allein die Ehre!

Amen.