Leonhard Hutter (1563-1616):

Inbegriff der Glaubens-Artikel (Compendium locorum theologicorum)


Zweiunddreißigster Artikel.

Von dem jüngsten Gericht, und der Zukunft Christi zu richten die Lebendigen und die Toten.

 

1. Wird denn ein jüngstes Gericht sein?

 

Ja; denn „unser Herr Jesus Christus am Jüngsten Tage kommen wird zu richten, und alle Toten auferwecken, den Gläubigen und Auserwählten ewiges Leben und ewige Freude geben, die gottlosen Menschen aber und die Teufel in die Hölle und ewige Strafe verdammen.“ Augsb. Conf. Art. 17. S. 47. Vgl. Apolog. Art. 8. S. 364.

 

2. Beweis' dies aus der heiligen Schrift?

 

Ps. 9,9. „Er wird den Erdboden recht richten, und die Leute regieren rechtschaffen.“ Jes. 60,15. „Siehe, der Herr wird kommen mit Feuer, und seine Wagen wie ein Wetter, dass er vergelte im Grimm seines Zorns, und sein Schelten in Feuerflammen, denn der Herr wird durch das Feuer richten, und durch sein Schwert alles Fleisch.“ Joh. 5,27. „Der Vater hat dem Sohn Macht gegeben, auch das Gericht zu halten, darum dass er des Menschen Sohn ist.“ Apostg. 17,31. „Gott hat einen Tag gesetzt, auf welchen er richten will den Kreis des Erdbodens mit Gerechtigkeit, durch einen Mann, in welchem ers beschlossen hat.“ 2 Thess. 1,6. „Nachdem es recht ist bei Gott, zu vergelten Trübsal denen, die euch Trübsal anlegen; Euch aber, die ihr Trübsal (S. 175) leidet, Ruhe mit uns, wenn nun der Herr Jesus wird geoffenbart werden vom Himmel samt den Engeln seiner Kraft.“

 

3. Wer wird vor diesem Gericht erscheinen müssen?

 

Alle Menschen, Gläubige und Ungläubige, so viel ihrer je gelebt haben, leben und leben werden.

 

* 4. Wie wird der Gang oder die Form dieses Gerichts sein?

 

Da Christus, der Herzenskündiger, der Richter sein wird, so bedarf es gewiss nicht eines solchen Ganges, wie er bei den menschlichen Gerichten beobachtet zu werden pflegt. Vielmehr wird dieser Richter alle Gedanken, Worte und Werke der Menschen richten, und sein Urteil, was er über jeden Einzelnen spricht, wird schnell, ohne Verzögerung und Verhinderung, vollzogen werden. Wie dieser Gang von Christo selbst beschrieben wird Matth. 25,32 ff.

 

5. Nach welcher Norm wird gerichtet werden?

 

Die Richtschnur dieses Gerichts wird diese sein: Wer an den Sohn geglaubet, der hat das ewige Leben. Wer dem Sohne nicht geglaubet, der wird das Leben nicht sehen. Joh. 3,36. So sagt Christus selbst Joh. 12,48: „Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht auf, der hat schon, der ihn richtet; das Wort, welches ich geredet habe, das wird ihn richten am jüngsten Tage.“ Ebens. Paulus Röm. 2,16: „Auf den Tag, da Gott das Verborgene der Menschen durch Jesum Christ richten wird, laut meines Evangelii.“

 

+ 6. Wie wird denn das Endurteil lauten?

 

Dies gibt Christus selbst an Matth. 25,34 und 41. Denn zu den Gläubigen und Erwählten wird gesagt werden. Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ererbet das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt. Zu den Ungläubigen aber wird gesagt werden: Gehet hin von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln. Und alsobald werden die Engel ausgehen, und die Bösen von den Gerechten scheiden, und werden sie in den Feuerofen werfen: da wird Heulen und Zähneklappern sein. Matth. 13,49 und 50. (S. 176)

 

* 7. Wie aber wird Christus zu diesem Gericht kommen?

 

Das sagt uns unser Erlöser selbst, indem er versichert, dass er kommen werde mit großer Macht und Herrlichkeit in den Wolken, in der Herrlichkeit nämlich, welche seine menschliche Natur durch die Vereinigung mit der göttlichen und durch das Sitzen zur Rechten Gottes des Vaters empfangen hat, Matth. 24,30. Kp. 25,31. Dann wird jener Befehl ausgehen, und die Stimme des Erzengels, und die Posaune Gottes in den Höhen: und die ganze Menge der Engel mit Trompeten und mächtiger Stimme. Matth. 24,31. Kap. 25,31. 1 Korinth. 15,52. 1 Thess. 4,16.

 

* 8. Hiermit scheint zu widerstreiten, was Zacharias (Kap. 12,10) sagt, dass nämlich dann die Gottlosen sehen werden, in welchen sie gestochen haben?

 

Hiermit will der Prophet nicht sagen, dass die Gestalt des Fleisches Christi dann wiederum eine Knechtsgestalt sein werde, sondern dass er, nach einer gewissen Einrichtung, den Gottlosen dann zeigen werde die Narben seiner Wunden und die Male der Nägel, und sie auf diese Weise mit dem äußersten Schrecken erfüllen werde.

 

* 9. Werden die Ungläubigen die Gottheit Christi sehen?

 

Nein; denn der Gottlose sieht die Herrlichkeit Gottes nicht, Jes. 26,10; sondern sie werden nur seine menschliche, von göttlichem Glanze strahlende Natur sehen. Hierüber spricht Augustin, in seinem Buch über die Dreieinigkeit Kp. 16, schön: „Wenn die Frommen und Bösen ihn werden gesehen haben, wie er in der verherrlichten Knechtsgestalt das Gericht hält, dann wird der Gottlose entnommen werden, damit er nicht schaue die Klarheit Gottes, in welcher Gott ist, und welche allein, die reines Herzens sind, schauen werden, weil ihnen das ewige Leben zu Teil wird.“ (S. 177)

 

- FORTSETZUNG -