DIE SCHÖPFUNG

 

 35 • Schöpfung, Naturwissenschaft und Urknall

Wie und warum entstand die Welt?

Urknall-Theorie und Schöpfungsglaube stehen nicht in Konkurrenz zueinander, weil einmal nach dem „wie“ der Weltenstehung gefragt wird, und einmal nach dem „warum“. Man darf hier Anfang und Grund nicht verwechseln, denn wer zurecht sagt, ein Theaterstück habe begonnen, als sich der Vorhang hob, wird doch nicht behaupten, das Theaterstück sei aufgeführt worden, weil sich der Vorhang hob. Die Frage, warum überhaupt etwas ist, wo doch auch nichts sein könnte, wird durch den Urknall nicht geklärt. Er ist ein Teil dieses Rätsels – und nicht die Lösung.

 

Schöpfung in 7 Tagen?

Die Bibel hat nicht die Absicht, in der Art eines naturwissenschaftlichen Schul-buchs über die Entstehung der Erde zu informieren, und sie legt darum auch keinen Wert auf eine einheitliche Chronologie der Schöpfungswerke. Die Bibel protokolliert nicht „wie“, sondern bejubelt „dass“ Gott die Welt schuf. Ihre Pointe ist, dass der Mensch sich hier und heute in derselben mächtigen Hand Gottes weiß, aus der von Anbeginn an alles hervorgegangen ist. Entscheidend ist Gottes Anspruch, der aus seiner Urheberschaft resultiert. Und sollte sich der Schöpfer mehr Zeit genommen haben als 7 mal 24 Stunden, so stört das den Glauben sehr wenig.

 

36 • Sein und Nicht-Sein, Wirklichkeit und Schein

Warum ist überhaupt etwas – und nicht „nichts“?

Gott ist das Sein in allem Seienden, denn die Dinge dieser Welt, die uns so ungemein wirklich vorkommen, sind es nur, insoweit sie an Gottes Wirklichkeit teilhaben. Wir alle sind nur in dieser abgeleiteten Weise „wirklich“ und sind es nur, weil Gott als Grund und Quelle des Seins uns Sein verleiht. Gott verhält sich zu uns, wie der Filmprojektor zu den flackernden Bildern, die er an die Wand

wirft. Er ist die Realität, die uns zu flüchtigem Leben erweckt. Darum ist

nichts da, ohne dass Gott darin ist, und nichts bleibt, wenn nicht Gott darin

bleibt.

 

37 • Gottes Allgegenwart

Ist Gott in allem – und alles in Gott?

Gott und Welt sind strikt zu unterscheiden. Und trotzdem ist Gott keine isolierte

Größe „neben“ der Welt. Er kann nicht zu den Teilaspekten der Wirklichkeit

hinzuaddiert werden als etwas, was es „auch noch“ gibt. Vielmehr ist Gott die

alles bestimmende Wirklichkeit. Wir begegnen ihm in allen Dingen. Doch sehen

kann das nur der Glaube: Für ihn ist die Welt transparent wie ein buntes

Kirchenfenster. Er sieht die Vielfalt der Farben und weiß doch, dass es nur ein

Licht gibt. Er sieht die Schöpfung und erkennt darin den Abglanz des Schöpfers.

 

38 • Natur, Schicksal und Geschichte

Sind alle Dinge nur Masken Gottes?

Zwischen Schöpfung und Urknall besteht ebenso wenig eine Alternative wie zwischen göttlicher Fürsorge und menschlicher Selbsterhaltung. Unser „täglich Brot“ kommt vom Bäcker und kommt doch von Gott. Denn so wie wir für unsere Arbeit Werkzeuge benutzen, so bedient sich Gott der natürlichen und kulturellen Kräfte: Sie sind Instrumente in seiner Hand, die ohne ihn unser Leben so wenig erhalten könnten, wie ein Hammer ohne Tischler einen Nagel einzuschlagen vermag.

 

39 • Schicksal, Allmacht, Vorsehung

Wie verträgt sich das mit unserer Freiheit?

Gottes Allmacht ist eine lückenlose, alles Geschehen bestimmende Wirksamkeit, durch die Gott die Geschicke der Welt nach seinem Willen lenkt. Der Mensch wird dadurch keineswegs zur willenlosen Marionette: Ein jeder tut durchaus, was er will. Nur werden die Folgen unserer Handlungsfreiheit Gott niemals überraschen. Unsere Entschlüsse sind, längst bevor wir sie fassen, in Gottes Plan vorgesehen und tragen selbst dann zu seiner Erfüllung bei, wenn wir das Gegenteil beabsichtigen.

 

40 • Selbstbestimmung und Abhängigkeit

Ist nur Gott autonom – und sonst keiner?

Die Abhängigkeit von anderen birgt das Risiko, enttäuscht zu werden. Darum strebt der Mensch nach Unabhängigkeit: Er versucht, die Rahmenbedingungen seines Lebens der eigenen Kontrolle zu unterwerfen. Doch gelingt es nie, alle

Fremdbestimmung abzuschütteln. Und es muss auch nicht gelingen. Denn nur Gott ist wirklich „autonom“. Und der Glaube kann uns lehren, die Abhängigkeit von ihm nicht als Unglück, sondern als Glück zu betrachten: Wirklich „frei“ ist

nämlich nur der, der nicht in sich selbst, sondern in Gott ruht.

 

41 • Besitz und Verantwortung

Was hat mein Eigentum mit Gott zu tun?

Der Glaube hat zu den Dingen der Welt eine besondere Beziehung, denn wo man etwas aus Gottes Hand empfängt, berührt der Umgang mit der Gabe immer auch die Beziehung zum Geber. Diese Beziehung leidet, wenn Gottes Gaben gegen seine Intention verwendet werden. Darum sind „weltliche“ Beziehungen dergestalt in die Gottesbeziehung zu integrieren, dass auch im Umgang mit den Dingen immer Gott das eigentliche Gegenüber bleibt. Alles muss am Altar „abgegeben“ und vom Altar her „zurückempfangen“ werden, damit der Gläubige nichts ohne Gott, sondern alles mit ihm und durch ihn „besitzt“.

 

42 • Glück, Unglück und Gerechtigkeit

Warum geht es schlechten Menschen oft so gut?

Gott scheint Glück und Unglück wahllos unter den Menschen zu verteilen, so dass zwischen Gläubigen und Ungläubigen zunächst kein Unterschied zu erkennen ist. Doch vermag nur der Gläubige, sich „alle Dinge zum Besten dienen zu lassen“: Der Glaube versteht es, durch jedes Geschick Gott näher zu kommen, während der Unglaube von jedem Geschick unseligen Gebrauch macht. Darum ist keine Sache so gut oder so schlecht, dass sie dem Un-gläubigen nicht schadete. Und keine ist so gut oder so schlecht, dass sie dem Gläubigen nicht nützen könnte.

 

43 • Schmerz, Sinn und Sinnlosigkeit

Kann Leid zu etwas gut sein?

Wenn Gott uns leiden lässt, kann das viele Gründe haben. Es kann mir selber nützen oder einem anderen. Es kann zum Vorbild dienen oder zur Abschreckung. Es kann nötig sein, um mir Fehler auszutreiben, oder um andere zur Barm-herzigkeit herauszufordern. Es kann Prüfung sein für mich oder öffentliches Zeichen für andere. Es kann der Fluch der bösen Tat sein, der mich gerechter Weise einholt, oder Gottes herzliche Umarmung, die mich am Weglaufen hindert. Es ist schwer anzunehmen – aber man sollte sein Leid nicht für grundlos, sinnlos oder nutzlos halten.

 

44 • Das Leid und die Theodizeefrage

Kann Gott gerecht sein, wenn er so Schreckliches zulässt?

Das Theodizeeproblem ergibt sich aus fünf Voraussetzungen, an denen man nicht gleichzeitig und uneingeschränkt festhalten kann, ohne in Widersprüche zu

geraten. Prüft man diese Voraussetzungen allerdings am biblischen Zeugnis von

Gott, so gilt keine in dem Sinne, den die Religionskritik unterstellt. Die Theo-dizeefrage als logisches Paradox löst sich auf, weil sie auf halbwahren

Prämissen beruht. Eine existentielle Herausforderung für die Gläubigen wird sie

aber bleiben, bis (nicht kluge Theologie, sondern) Gott selbst für Aufklärung

sorgt…