Nicht vom Brot allein

Nicht vom Brot allein

Beim Erntedankfest feiern wir, dass wir satt werden und am Notwendigen keinen Mangel leiden. Wir sind für heute versorgt und werden auch morgen nicht hungern müssen. Wir bitten Gott um „unser täglich Brot“, er in seiner Güte gönnt es uns – und so haben wir allen Grund, ihm zu danken. Doch steht da im Neuen Testament ein Satz, der uns warnt, nicht in zu großer Zufriedenheit auf die irdischen Bedingungen unsres Lebens zu starren. Wir sollen nicht meinen, mit dem „täglichen Brot“ sei‘s schon getan. Denn Jesus sagt: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“ (Mt 4,4). Der Satz ist weithin geläufig. Nur – was genau soll er bedeuten? Oberflächlich gelesen klingt er bloß wie eine Mahnung, die Bedeutung des Brotes nicht zu überschätzen. „Brot ist gut,“ scheint Jesus zu sagen, „aber Brot ist nicht alles“. Der Mensch braucht neben geregelten Mahlzeiten noch vieles anders. Und dem kann jeder zustimmen. Denn das Brot bedarf der Ergänzung durch Butter, Wurst und Bier, durch Liebe und Gesundheit, durch Freunde und Familie, durch ein sicheres Einkommen, eine schöner Wohnung, Freiheit, gutes Wetter – und, ach ja – außerdem noch durch „ein jedes Wort, das aus dem Mund Gottes geht“. Das Leben hat viele Bedingungen (so könnte man das verstehen), der Mensch hat ebenso viele Bedürfnisse. Und ja, auch die der religiösen Art soll man nicht vergessen! Man addiert also zur Summe des Notwendigen noch ein wenig Religion hinzu und meint, damit hätte man Jesus verstanden. Aber – wird er das wohl gemeint haben, dass der Mensch neben allem anderen (und als Ergänzung zu Geld und Gut und warmen Socken) auch noch Gottes Wort braucht? Wer in Jesu Umkreis hätte das nicht sofort zugegeben? Da nicken doch die Leute und sagen: „Jaja, Brot ist nicht alles! Man braucht auch noch Religion dazu. Aber freilich – ohne das Brot wäre Religion nichts nütze. Denn ohne Nahrung stirbt der Mensch. Und Gottes Wort macht ihn nicht satt!“ So sorgen sich die Menschen dann doch wieder um die materiellen Dinge und geben ihnen Vorrang vor allem anderen. Denn den Hunger im Bauch spüren sie täglich – und einen Hunger nach Gottes Wort nichtmal am Sonntag. So liefe Jesu Satz ins Leere. Aber war‘s das überhaupt, was er sagen wollte, dass einer, der sonst schon alles besitzt, nicht zufrieden sein soll, bevor er nicht auch noch Gottes Wort hat? Da hätte Jesus sagen können: „Denkt dran – ihr lebt vom Brot und von Gottes Wort“. Er sagt aber nicht „und“. Er sagt „sondern“. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“ (Mt 4,4). Und mit „sondern“ stellt man eins zum anderen in Alternative. Müssen wir also, um Jesus recht zu verstehen, den Gegensatz betonen? Der Mensch würde dann über das Missverständnis aufgeklärt, dass er nur irrtümlich meint, er lebe vom Brot. Denn eigentlich lebt er von Gottes Wort und Wille. In Wahrheit verdankt er sein Dasein nicht den Kräften dieser Erde, sondern den Kräften des Himmel. Und infolgedessen ist es nicht die Bestimmung des Menschen, sich fleischlich nach unten zu orientieren, sondern geistlich nach oben. Wenn man es so liest, kommt‘s gar nicht auf die Gaben dieser Erde an, sondern allein auf Gottes Wort. Und wer das hätte und dem Willen Gottes folgte, dem würde er alles andere ersetzen – und an den geistlichen Gütern hätte er vollauf genug. Diese Lesart könnte Mönchen und Asketen gefallen, die ihre leiblichen Bedürfnisse weit herunterfahren, um nur für Gott da zu sein. Aber war Jesus in diesem Sinne ein Lehrer des Verzichts? Hat er seinen Jüngern empfohlen, ihren Hunger mit guten Gedanken zu stillen, alle Getränke durch Gebete zu ersetzen, die Ehe durch freiwillige Einsamkeit, und den Schlaf durch nächtlichen Lobgesang? Gottes Wort stärkt Geist und Seele, soviel ist sicher! Aber wird davon auch der Magen satt und der Ofen warm? Gewiss hat der Glaube für Jesus Priorität, und die materiellen Dinge sollen uns weder ablenken noch belasten (Mt 6,25-34; 13,22; Lk 14,16-20). Aber soll uns der Glaube die Familie, die Gesundheit und die Nahrung ersetzen? Mir scheint doch, dass geistliche Bedürfnisse nicht mit leiblicher Nahrung zu stillen sind, wie auch leiblichen Bedürfnissen nicht mit geistlicher Nahrung abzuhelfen ist. Eins gegen das andere auszuspielen, macht wenig Sinn. Wenn wir aber annehmen, dass Jesus das wusste – was meint dann dieser seltsame Satz: „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“? Warum sagt Jesus nicht „sowohl als auch“? Warum macht er einen Gegensatz auf und sagt „sondern“? Weder stellt er das Brot und Gottes Wort additiv nebeneinander, so als wäre beides gleich wichtig und gleich nötig, noch stellt er das Brot und Gottes Wort strikt in Alternative, als sollte das Wort das Brot ersetzen. Meint er aber weder dies noch das, was meint er denn dann? Ich denke wir müssen es noch mit einer dritten Lesart versuchen. Und erst die trifft das Rechte, weil sie das irdische Brot im göttlichen Wort inbegriffen denkt. Denn das ist der Schlüssel zum Verständnis. Jesus lässt eine isolierte Betrachtung der materiellen Gaben gar nicht, zu sondern versteht alles irdische Brot unmittelbar als Ausdruck göttlicher Güte. Es gibt gar kein Brot „an sich“, das den Menschen nähren könnte (da wäre das Brot überschätzt), sondern es gibt Brot überhaupt nur als Gottesgabe – und somit als Teil einer Gottesbeziehung. In diesem Sinne lebt jedes Geschöpf ausschließlich von Gott. Und die Güter dieser Erde bieten dazu keine Alternative, als ob irgendwer vom „Brot allein“ leben könnte, sondern irdisches Brot zu essen ist nur ein Modus von Gott zu leben. Es ist der leibliche Aspekt unsrer Abhängigkeit von Gott. Denn eigentlich nährt uns nicht das Brot, sondern Gott nährt uns durch das Brot. Es wärmt uns nicht das Feuer, sondern Gott wärmt uns durch das Feuer. Es schützen uns nicht die Mauern eines Hauses, sondern es schützt uns Gott mit Hilfe dieser Mauern. Die Dinge auch nur für einen Moment von ihrem Schöpfer gelöst zu betrachten, heißt sofort, sie falsch zu betrachten! Und weil sie allesamt Gottes Werkzeuge und Mittel sind, hat man zu ihnen keine isolierte Beziehung, in der man von Gott und seinem Wort absehen könnte. Sondern die Güter der Erde werden von Gott zum Zwecke unsrer Erhaltung geschaffen, sie werden unmittelbar aus seiner Hand empfangen, sie sind nichts als Manifestationen seiner Güte – und somit Teil unsrer Beziehung zu Gott. Gott stillt meinen Durst nicht ohne Wasser, sondern durch das Wasser, und doch ist es nicht dem Wasser zu danken, sondern Gott. Gott enthebt mich der Einsamkeit nicht ohne Freunde, sondern durch die Freunde, und doch verdanke ich diesen Segen nicht den Freunden, sondern Gott. Gott erfreut mein Herz durch den Sonnenschein und die Schönheit der Natur, und doch danke ich dafür nicht der Sonne oder der Natur, sondern dem Schöpfer. Was immer ich habe, habe ich von ihm und durch ihn. Und darum gibt es kein „Brot allein“, von dem irgendwer leben könnte – das ist eine Illusion! Sondern es gibt Brot immer nur als Gottesgabe, so wie es auch Liebe, Wahrheit, Sicherheit, Gesundheit, Glück und Schönheit nie „allein“ gibt, sondern immer nur als Geschenke Gottes, in denen seine Güte mitgeteilt und empfangen wird. Gottes Fürsorge nimmt manchmal die Gestalt von Brot an und manchmal die Gestalt von Freundschaft, es gibt sie in der Gestalt von Erkenntnis und in der Gestalt von Kunst, Kultur, Fruchtbarkeit und gutem Wetter. Tatsächlich sind das aber alles nur Varianten göttlicher Zuwendung und sichtbare Manifestationen der unsichtbaren Gnade. „Brot“ ist nichts weiter als der fühlbare Ausdruck der göttlichen Barmherzigkeit, die wir ohne fühlbaren Ausdruck nur schwer begreifen könnten. Und so leben wir nicht „sowohl vom Brot als auch von Gottes Wort“ (als wäre das zweierlei). Sondern wir leben von Gottes Wort, das uns unter anderem in der Gestalt von Brot erreicht. Und was uns dann am Leben erhält, ist weniger die Gabe, als der Geber, der dahintersteht. Wohl hält der sich verborgen. Er handelt meist inkognito. Und die Kurzsichtigen sehen darum nur seine Gaben. Als Christen sehen wir aber hinter den Gaben den Geber und erkennen in den Gaben Werkzeuge des himmlischen Vaters, der uns mit unsichtbarer Hand schützt und beschenkt. Oder ist die Bibel nicht voll von Beispielen, die das veranschaulichen und uns lehren, diesen Zusammenhang zu sehen? Als Israel in Ägypten in der Knechtschaft lebte, da war es nicht der Freiheitsdrang des Volkes, der den Pharao bezwang, sondern Gottes harte Hand nahm die Gestalt der zehn Plagen an und bahnte Israel einen Weg in die Freiheit. Während der Wüstenwanderung lebte Israel nicht von dem Manna und den Wachteln, die vom Himmel fielen, sondern von seiner Gottesbeziehung, die in Wachteln und Manna Ausdruck fand. Nicht der geniale Orientierungssinn des Mose führte Israel durch die gefährlichen Weiten der Wüste, sondern die Weisungen Gottes, die Mose nur entgegennahm und treu befolgte. Als Israel das gelobte Land eroberte, verdankte es diesen Sieg nicht der eigenen Kraft oder der Schärfe seiner Waffen, sondern wiederum dem Bündnis mit Gott, das in großen Siegen Ausdruck fand. Und wenn die Priester im Tempel zu Jerusalem Opfer darbrachten, waren es eigentlich nicht die Opfergaben, die das Volk entsühnten, sondern es war Gottes Wort, das dem Volk solche Opfer erlaubte und gebot. Ohne Gottes Beistand hätte kein Pfeil getroffen, ohne Gott hätte das Brot nicht genährt, ohne Gott hätten die Kleider nicht bedeckt und das Feuer nicht gewärmt. Denn eben das „Ineinander“ Gottes und seiner Gaben – genau das ist es, was die Bibel uns zu sehen lehrt, und was die Narren dieser Welt nicht verstehen. Sie reißen die Dinge auseinander und sagen: „Habe ich Geld und Gut – was brauche ich da noch Gott? Habe ich Frau und Kind, Gesundheit und einen sicheren Job – was brauche ich da noch Gott? Habe ich die Gaben, was brauche ich den Geber?“ Doch, du Trottel: Wie kannst du das trennen? Hättest du wohl irgendetwas, wenn‘s Gott dir nicht gönnte? Würde dich dein Brot nähren, wenn Gott es nicht wollte? Würde dein Haus dich schützen, wenn Gott es nicht befestigte? Blieben die Freunde an deiner Seite, wenn Gott es nicht erlaubte? Alles, was du hast, sind Gaben seines Segens. Und du denkst, wenn du von den Gaben genug hättest, könntest du auf den Segen verzichten? Ja lebst du denn vom „Brot allein“? Lebst du nicht von dem Gott, der sich des Brotes bedient, um dich und die anderen zu erhalten? Eigentlich ist die Sache nicht schwer. Wir leben nicht, weil unsre Eltern uns zeugten, sondern weil Gott unser Dasein bejahte und sich unsrer Eltern bediente. Wir leben nicht von der eigenen Kraft, sondern von unsrem Gott, der uns immer genau so viel Kraft schenkt, wie er für richtig hält. Wir leben nicht, weil Waffen uns schützen, sondern weil Gott uns mit und auch ohne Waffen zu schützen vermag. Wir leben nicht von unsrer Hände Arbeit, sondern von Gottes Treue, weil er uns die Hände, die Arbeit und auch die Gesundheit erhält. Und so ist es ein Missverständnis, wenn wir meinen, dass wir hundert verschiedene Dinge bräuchten – wie die Luft zum Atmen, die Freunde, den Schlaf, den Wein, den Humor und die Musik. Denn eigentlich brauchen wir nicht ganz vieles, sondern nur den einen. Wir brauchen nur den einen Gott, der uns nicht fallen lässt, und haben wir den, so haben wir in ihm und durch ihn alles, dessen wir bedürfen. Wir leben nicht aus tausend irdischen Beziehungen – und dann außerdem und neben dem auch noch von Gott. Sondern wir leben allein aus unsrer Gottesbeziehung, die tausend Teilaspekte hat und all das Übrige mit einschließt. Hat einer aber tausend Beziehungen und meint darum, er könne es sich leisten, auf Gott zu verzichten, so wird er „vom Brot allein“ so wenig leben können wie von Geld, Macht, Liebe oder Wissenschaft, sondern dann wird er am „Brot allein“ sterben (D. Sölle). Hat er alles, was die Welt ihm bieten kann, und versucht es ohne Gott zu genießen, bleibt er ein armer Tropf. Denn wenn er auch die ganze Welt verschlingt, wird seine Seele davon trotzdem nicht satt. Was ihm zum erfüllten Leben fehlt, ist die Anrede Gottes, auf die hin und für die er als Mensch geschaffen ist. Und so lebt dieser Mensch dann nicht vom Brot allein, sondern stirbt am Brot allein. Die Gabe vom Geber lösend geht er an einem Mangel zugrunde, den er selbst nicht versteht. Denn während er eifrig Geld verdient und wieder ausgibt, den Bauch füllt und den Bauch wieder leert, Triebe spürt und Triebe befriedigt, liebt und hasst, redet und hört, produziert und konsumiert, bleibt er doch innerlich leer. Er lebt vielleicht wie die Made im Speck – und weiß nicht, was ihm fehlt. Doch findet er keine Ruhe, keinen Sinn und keinen Frieden. Er stirbt am Brot allein. Denn in Wahrheit liegt die nährende Kraft nicht im Brot, und auch der Friede liegt nicht im Brot, sondern beides kommt von dem Gott, der es sendet. Wie wenig aber materieller Wohlstand ohne Gott nützt, sehen wir täglich um uns herum. Die Menschen haben heute mehr Geld als je zuvor und haben auch mehr Freizeit als je zuvor. Sie sind informierter als je zuvor, sie werden älter als je zuvor – und sind dabei gesünder als je zuvor. Für Konsum und Unterhaltung ist jederzeit gesorgt, und trotzdem fehlt der innere Frieden. Denn während die Muskeln wachsen, die Kontostände, die Autos und die Häuser, fallen die Menschen dennoch in Depression, Angst und Überforderung. Sie setzen auf das Brot allein – und sterben dran. Denn ohne Gott kann Leben nicht gelingen. Umgekehrt aber: Wenn ein Christ dem entrinnt, weil er ernst nimmt, dass alles von Gott kommt – kann der sich nicht auch in beschränkten Verhältnissen noch geborgen fühlen und hat er’s nicht gut? Jeder Sonnenstrahl ist ein schöner Gruß von Gott! Mit jedem guten Bissen nährt er uns! Mit jedem Atemzug erhält er uns! Mit jedem guten Witz erfreut er unser Herz. Gott verbirgt sich im Lächeln eines Freundes und in der Umarmung eines Kindes! Jede Erkenntnis, die ich gewinne, ist ein kleiner Teil seiner göttlichen Wahrheit, jeder schöne Anblick ein Teil der göttlichen Schönheit! Gott erfrischt mich durch den Schlaf, er schützt mich durch staatliche Ordnung und erfreut mich durch Musik! Wer das zu sehen vermag, erlebt Gottes Fürsorge täglich in vielerlei Gestalt. Und wenn er zugleich weiß, dass Gott ihm von alledem nichts schuldig ist – soll er da nicht dankbar sein? Wir haben allen Grund dazu!

 

 

Bild am Seitenanfang: The Bread

Giovanni Giacometti, Public domain, via Artvee