Die Stellung des Menschen in der Schöpfung

 

Wenn man fragt, wofür Menschen sich begeistern können, dann steht die Natur auf der Liste ganz oben. Denn ich kenne eigentlich niemand, der dieser Faszi-nation nicht erläge. Die einen fahren immerzu in die Berge, weil sie sich an den mächtigen Felswänden und den tiefen Schluchten nicht sattsehen. Die anderen wollen ans Meer, um Sand und Wind zu spüren, das Spiel der Wellen zu sehen und den weiten Himmel darüber. Manche lieben den Wald und die Blumen im Garten. Manche sind vernarrt in Pferde oder Hunde. Einige können stundenlang den Sternenhimmel beobachten, schwärmen von Tropfsteinhöhlen, Gletschern oder Vulkanen. Und natürlich haben sie alle Recht, wenn sie davon begeistert sind, denn Gottes große Schöpfung ist staunenswert ohne Ende, ist voller Weite und Schönheit, grandioser und weit kunstvoller als alles, was Menschen je hervorgebracht haben! Doch finde ich, die vielen Wunder sollten nicht nur zum Staunen, sondern auch zum Nachdenken anregen. Denn für wen und wozu ist das alles gemacht? Wem dient es und wem nützt es, wer soll's genießen und wer kann dafür danken? Weiß das Gold denn, dass es eine schöne Farbe hat? Oder weiß das Wasser, um seine reinigende Kraft? Weiß die Erde, was sie tut, wenn sie den Weizen wachsen lässt? Ist der Wal sich seiner Größe bewusst? Oder weiß der Birnbaum um die Süße seiner Frucht? Wenn das aber nicht der Fall ist, wenn die Natur sich selbst nicht kennt und sich selbst weder genießen noch bewundern kann, für wen ist dann all die Herrlichkeit geschaffen? Der biblische Schöpfungsbericht legt uns eine überraschende Antwort nahe. Denn da laufen Gottes große Werke auf den Menschen hinaus, der allein sie begreifen kann und der allein als Gegenüber und Gesprächspartner Gottes diese Werke loben kann. Der Kosmos ist tatsächlich auf den Menschen ausgerichtet, denn die Welt ist Gottes herrlicher Garten, den er geschaffen hat, um ihn mit Menschen zu be-völkern. Und der Mensch ist darum kein „Tier“ neben anderen, sondern er hat darin eine herausgehobene und zentrale Rolle, dass ihm die übrige Natur zu treuen Händen anvertraut ist, damit er sie nutze, von ihr lebe, sie bebaue und bewahre, sie erforsche und beschreibe. Der Mensch hat eine Sonderstellung, weil er allein als „Gottes Ebenbild“ bezeichnet wird und als einzig bewusstes und sprachbegabtes Gegenüber mit seinem Schöpfer reden kann. Der Mensch ist also nicht etwa für die Tiere und Pflanzen geschaffen, die ihn ja gar nicht brau-chen und ihn nicht verstehen, sondern der Mensch ist auf Gott hin geschaffen, um mit ihm in einer einzigartig-vertrauten Beziehung zu stehen und ihm das Lob der Schöpfung darzubringen, die ja ansonsten stumm bleibt. Oder weiß das Meer von seiner Größe? Sieht die Blume ihre eigene Schönheit? Würde irgendwer staunen über die endlosen Räume zwischen den Sternen, wenn wir es nicht täten? Oder würde ein anders Geschöpf den Schöpfer loben und ehren, wenn wir schwiegen? Nur wir Menschen können das Schöpfungswerk angemessen würdi-gen, weil nur wir es begreifen! Und daraus ergibt sich die schöne Pflicht, das stellvertretend für alle anderen Kreaturen zu tun. Johann Arndt, der das schon vor 400 Jahren erkannte, sagt:  

„Alle Freude, die das Wasser haben sollte, wegen seiner Süße, Klarheit und Güte, die hat das Wasser nicht, sondern der Mensch. Alle Freude, die eine Rose haben sollte, wegen ihres Geruchs, die hat sie selbst nicht, sondern der Mensch. Und alle Freude, die die Sonne haben sollte, wegen ihrer Schönheit und ihres Lichts, die hat der Mensch. Daher ist offenbar, dass alle Freude, welche die Krea-turen an sich selbst haben sollten, die hat der Mensch…“  

Und es versteht sich, dass der Mensch als Nutznießer all dessen zum Lobe Gottes geschaffen ist, denn er findet sich vor in einem Kosmos voller Wunder, in dem schon der Flügel des kleinsten Schmetterlings die Handschrift des Genialen trägt. Wer außer uns Menschen sieht und versteht, wer bewundert und genießt das alles? Ist es nicht ein Schauspiel für unsere Augen und ein Fest für unsere Sinne, die großen Gedanken Gottes nachzudenken? Wenn aber in all der Herr-lichkeit Gottes Liebe zum Ausdruck kommt, die alle Natur durchdringt und alles darin so lebendig macht, wer könnte diese Liebe Gottes dann bewusst erwidern, außer uns Menschen? Wir allein sind dazu in der Lage, weil wir als Ebenbilder Gottes dem Höchsten am nächsten stehen. Und weil nur wir die Möglichkeit haben, Gott angemessen zu danken, sind wir auch dafür verantwortlich, dass es geschieht. Denn im Universum hat nicht alles den gleichen Rang, und nicht alle Kreatur hat die gleiche Aufgabe, sondern es gibt Stufen des Seins, die vom Niedersten bis zum Höchsten reichen. Die tote Materie steht dabei ganz unten, weil sie Gott am wenigsten ähnelt, weder lebt noch empfindet, noch denkt oder handelt. Gesteine und Mineralien, Metalle, Flüssigkeiten und Gase sind trotzdem faszinierend! Sie haben ihren Glanz und großen Nutzen! Aber die Materie weiß eben nichts davon, sondern spielt stumm und dumm eine rein passive Rolle, insofern sie den Pflanzen zur Nahrung dient. Die Pflanzen stehen in der Seins-ordnung höher. Sie empfangen den Dienst von Erde, Luft, Licht und Wasser und sind Gott schon etwas näher, weil sie lebendig sind. Aber auch die Pflanzen haben keine bewusste Beziehung zu Gott, sondern dienen der nächsthöheren Ebene der Tiere, die sich direkt oder indirekt von den Pflanzen ernähren. Die Tiere stehen Gott wieder näher als die Pflanzen, weil sie nicht nur leben, sondern Wahrnehmungen und Empfindungen haben, Leid und Freude kennen. Doch sind auch die Tiere nicht für sich selbst da, sondern für den Menschen, der über ihnen steht und Gott noch deutlich näher kommt, weil er neben Sein, Leben und Empfindung, auch Seele, Geist, Verstand, Bewusstsein und Sprache hat. Wenn sich aber all die anderen Kreaturen aufwärts orientieren, so dass eine der anderen dient, und alle zusammen dem Menschen – sollte dann ausgerechnet der Mensch zu nichts nütze sein und keine Aufgabe haben? Natürlich nicht! Die ganze lebendige Bewegung endet nicht beim Menschen, denn der ist seinerseits für das liebende Gespräch mit Gott geschaffen und hat darin seine wichtige Funktion, in der ihn niemand ersetzen kann. Denn all das Grandiose und Schöne, das die stummen Kreaturen nicht sehen, nicht verstehen und nicht artikulieren können, das steht dem Mensch lebendig vor Augen, und er kann’s verstehend begreifen, um stellvertretend für die ganze Natur Gott zu danken, ihn zu loben, Zwiesprache mit ihm zu halten und seine Liebe zu erwidern. Allein der Mensch als Ebenbild Gottes ist dem Schöpfer nah genug, um in eine bewusste Be-ziehung zu ihm zu treten und auf seinen Ruf zu antworten. Diese Gottesbe-ziehung macht den eigentlichen Sinn des menschlichen Lebens aus! Und eine ehrenvolle Aufgabe ist es noch dazu. Denn schließlich hat Gott eine unendliche Fülle seiner eigenen Kraft und Weisheit in diese Welt hineingegossen und hat damit viel von dem Seinen an die Kreaturen verschenkt. Wie aber sollte das kein Echo finden, und wie sollte dieses Übermaß hingebender Liebe keine Erwiderung finden? Es wäre ein großes Unrecht, wenn das ausbliebe, und es kann doch nur durch den Menschen geschehen! Darum ist es das Ziel des menschlichen Le-bens, stellvertretend für die unbewusste und stumme Kreatur Gott zugewandt und Gott hingegeben zu leben. Denn für unsere Seinsstufe gilt dasselbe wie für alle niederen. Wir nähren uns von den unteren, wir dienen aber den oberen. Und das heißt: So wie die Mineralien für die Pflanzen da sind, die Pflanzen für die Tiere, und die Tiere für den Menschen, so ist der Mensch für Gott da und folgt dabei einer natürlichen Pflicht. Denn wenn ich bei meiner Geburt doch nichts mitgebracht habe in diese Welt, sondern das Leben selbst und alles andere vermittels der Welt von Gott empfangen habe (wenn ich also von Gott reich be-schenkt und herzlich geliebt werde, obwohl er mir doch gar nichts schuldet) – wie könnte ich mir das dann alles gefallen lassen ohne „Danke“ zu sagen, ohne die Liebe Gottes zu erwidern und in Rede und Antwort für ihn da zu sein? Es ist die natürliche Bestimmung des Menschen das zu tun! Und wo er der nicht genügt, wird die kosmische Ordnung ganz übel auf den Kopf gestellt. Denn was bedeutet es, wenn sich der Mensch von Gott weg- und den Dingen zuwendet? Was be-deutet es, wenn der Mensch statt Gott zu lieben und nach oben zu schauen, nach unten schaut und das Irdische liebt? Machen wir uns klar, was „lieben“ bedeutet! Es heißt doch, mit dem Geliebten vereint sein zu wollen, es heißt sich an den Geliebten zu verschenken. Wer sich derart in Liebe verschenkt, gehört nicht mehr sich selbst, sondern eigentlich dem, dem er sich hingegeben hat! Was ist das aber für eine Unordnung, wenn sich das Edlere verschenkt an das Un-edle, und das Wertvolle sich verschenkt an das Minderwertige? So etwas ist ganz unsinnig! Und doch tut genau das der Mensch, der irdische Dinge liebt, der sich dem Vergnügen hingibt und sein Herz, statt an Gott, an die Welt verschenkt. So einer bringt sich selbst herunter auf die Stufe der Pflanzen und Tiere, weil er nicht nur von der Welt lebt, sondern für die Welt lebt. Er wendet sich nicht zum Höhe-ren, zu dem er berufen ist, sondern beschränkt sich auf die niederen Lebens-funktionen und Bedürfnisse, die auch jedes Tier hat. Er lebt ein viehisches und verkehrtes Leben. Denn so ein Mensch setzt an die zentrale Stelle, die Gott bei ihm innehaben sollte, irgendein geschaffenes Ding (oder sich selbst), und dieses Ding (oder er selbst) wird ihm dann zum Götzen, der den wahren Gott aus seinem Herzen verdrängt und darin den Raum einnimmt, der nur Gott gebührt. Der Mensch zieht damit das Mindere dem Höheren vor. Er beleidigt Gott und entehrt sich selbst. Die irdischen Dinge aber – die ihm bloß dienen sollten, und die doch ihn und seine Gedanken beherrschen – werden ihm zum Schicksal und ziehen ihn weit herunter. Denn die Liebe zum Ewigen vereint uns mit dem Ewi-gen und verewigt uns dadurch, während uns die Liebe zum Vergänglichen mit dem Vergänglichen vereint und uns damit dem Untergang weiht. Und das ist umso trauriger, als uns ja alle Kreaturen durch ihre Schönheit das Gegenteil predigen. Mit Arndts Worten gesagt:

„Die ganze Kreatur ruft dem Menschen zu: Nimm hin die Wohltaten deines Schöpfers, die er dir durch uns gibt, diene und danke ihm täglich dafür. Der Himmel spricht: Ich gebe dir mein Tageslicht zum Arbeiten und die Finsternis zum Schlaf und zur Ruhe. Ich gebe dir den lieblichen Frühling, den warmen Sommer, den fruchtbaren Herbst und den kalten Winter – alles zu deinem Besten. Die Luft spricht: Ich gebe dir den Odem und die wunderbare Art der mancherlei Vögel. Das Wasser spricht: Ich gebe dir deinen Trank, reinige dich und gebe dir man-cherlei Arten der Fische. Die Erde spricht: Ich trage dich, ich nähre dich, gebe dir Brot, Wein, Fleisch. Siehe, wie lieb dich der hat, der dich erschaffen hat und mich dir zu gut gemacht. So viele Wohltaten du empfängst, so viel bist du zum Dank verpflichtet dem Schöpfer.“  

Arndt hat Recht! Die Natur ist nicht so schön, damit wir uns in sie vergaffen, son-dern damit wir über sie hinaus nach dem Künstler fragen, der sie gemacht hat. Und umso trauriger ist es, wenn heute viele Naturbegeisterte bei den Dingen stehen bleiben und ihre Botschaft nicht hören. „Ach, ich liebe die Berge!“ rufen sie, „ich liebe das Meer und den Sonnenschein!“ Aber den Bergen ist unsere Liebe ganz egal, das Meer kann damit nichts anfangen, und die Sonne hört uns nicht! Unser Schöpfer hingegen, der uns all die schönen Wunder gönnt und am Segen darum gar nicht spart, der würde gern von uns hören und würde sich an unserer Freude sehr freuen, wenn wir nur begriffen, dass all die Herrlichkeit Ausdruck seiner Liebe ist, und dass er selbst sich uns in seinen Gaben schenkt. Nichts weiter wäre nötig, als dass wir wieder lernten durch das Geschaffene hindurch auf den Schöpfer zu schauen. Er hat die niederen Seinsstufen gemacht, damit sie uns dienen, uns aber hat er nicht gemacht, damit wir dem Niederen dienen, sondern ihm, dem Höchsten. Nicht unter uns sollen wir starren, sondern über uns, auf dass wir Gottes Liebe erwidern und uns liebend mit dem Geliebten vereinen. Wenn wir aber unsere Liebe – als das Beste, das wir haben! –   nicht Gott geben, sondern uns ins Irdische vergaffen, was wird dann aus uns, und wem schenken wir uns? Ich lasse es noch einmal Johann Arndt sagen:

„Dieweil der Liebe Natur und Wesen ist, dass sie sich selbst mitteilt, austeilt und schenkt, darum lässt sich die rechte Liebe nicht halten, sie gibt sich selbst und teilt sich selbst mit. (…) Was nun einem andern gegeben ist, das ist in seiner Ge-walt. Darum ist nun die Liebe dessen, dem sie gegeben wird, und wird dessen, den man liebt. Weil nun der Mensch nichts mehr eignes hat denn seine Liebe, deshalb, wem er seine Liebe gibt, dem gibt er sich selbst, und auf diese Weise wird der Liebende mit dem Geliebten vereiniget und wird ein Ding mit ihm, und aus zweien eins ins andere verwandelt (…) also, dass die Liebe ihren Namen von dem Geliebten bekommt. Denn wenn man ein irdisches Ding liebt, so heißt es eine irdische Liebe, liebt man etwas Totes, so heißt es eine tote Liebe, liebt man viehische Dinge, so heißt es eine viehische Liebe, liebt man Menschen, so heißt es eine Menschenliebe, liebt man Gott, so heißt es eine göttliche Liebe. Also kann der Mensch verwandelt werden durch die Liebe in ein edles und un-edles Ding von ihm selbst und freiwillig.“

Im Grunde heißt das: So wie seine Liebe ist, so ist der Mensch, und entspre-chend seiner Hingabe, Sehnsucht und Liebe ist auch sein Charakter. Wenn wir als Sünder nichts mehr lieben als uns selbst, und die Dinge der Welt nur um unseretwillen, dann entspringen aus dieser fehlgeleiteten Liebe Neid und Ge-hässigkeit, Gier und Lüge, Selbstsucht und Unfriede. Wenn wir uns hingegen in Liebe Gott zuwenden, erwachsen daraus Freundlichkeit und Sanftmut, Hilfsbe-reitschaft und Demut, Geduld, Treue und Barmherzigkeit. Die Liebe zu den Kreaturen macht unfrei, weil sie den menschlichen Willen den Kreaturen unter-wirft, über die er eigentlich herrschen sollte. Die Liebe zu Gott aber macht den Menschen frei, weil er mit seinem Herzen und mit seinem Gedanken in dem Höheren ruht, der fest und gewiss ist, treu und beständig. Wohin also wollen wir uns wenden? Die Begeisterung für die Wunder der Natur ist gut und völlig ange-messen. Wer nicht staunend davor steht, muss völlig stumpf sein! Aber die Faszination der Natur kann zweierlei Wirkung haben. Sie kann uns ins Irdische hineinführen, oder darüber hinaus. Wir können die Gaben lieben, denen das herzlich egal ist, oder den Geber, der darauf wartet. Wir können als Ebenbilder Gottes nach oben schauen und damit unserem Schöpfer, seinem Willen und unserer Bestimmung entsprechen. Oder wir können nach unten schauen, um uns Niederem hinzugeben, vergängliche Dinge zu lieben und uns in deren Ebenbild zu verwandeln. Was uns aber zum Besten gereicht – liegt das nicht auf der Hand?