Das Böse

 

(1) EIN RÄTSEL 

 

Eigentlich ist es seltsam, wenn Menschen Böses tun. Denn das Böse vom Guten zu unterscheiden, ist in der Regel gar nicht so schwer. Und das Gute als Gutes zu erkennen ist gleichbedeutend mit der Einsicht, dass es wert ist, getan zu werden. Denn wie anders könnte man den Begriff des „Guten“ verstehen? Das Gute ist unter den vielen Möglichkeiten stets das Gebotene. Und wenn der Mensch erst einmal festgestellt hat, was die Situation erfordert, liegt schon in dieser Feststellung der Appell zu entsprechendem Tun. Denn das Gute will ja nicht um eines nachrangigen Motivs oder um eines Vorteils willen getan werden, sondern schlicht um seiner selbst willen. Wer etwas als wahr erkennt, fragt ja auch nicht, warum er nun davon überzeugt sein soll, sondern jene Erkenntnis und diese Überzeugung sind eigentlich dasselbe. Versteht man einen guten Witz, fragt man nicht erst den Nachbarn, ob man drüber lachen soll, sondern das Erfassen der Pointe fällt mit der Heiterkeit in eins. Erkennt man an einem Kunstwerk große Schönheit, entschließt man sich nicht nachträglich sie zu bewundern, sondern dieses Erkennen und jenes Bewundern gehen Hand in Hand. Etwas als das zu erkennen, was es ist, ist also selbst schon die dem Gegenstand entsprechende Geisteshaltung. Und dieser dann keine adäquaten Taten folgen zu lassen, bringt den Erkennenden in Gegensatz zu seiner Erkenntnis. Denn das Gute nicht zu bejahen, vom Wahren nicht überzeugt zu sein, über Lustiges nicht zu Lachen und Schönheit nicht zu bewundern – ist widersinnig. Das erkannte Gute nicht zu tun, ist demnach als schwer begreifliche Störung anzusehen. Und wer sie schon einmal an sich selbst beobachtet hat, kann die Verzweiflung des Apostel Paulus nachfühlen. Er schreibt in Römer 7: 

 

„Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht. Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wenn ich aber tue, was ich nicht will, so tue nicht ich es, sondern die Sünde, die in mir wohnt. So finde ich nun das Gesetz, dass mir, der ich das Gute tun will, das Böse anhängt. Denn ich habe Lust an Gottes Gesetz nach dem inwendigen Menschen. Ich sehe aber ein anderes Gesetz in meinen Gliedern, das widerstreitet dem Gesetz in meinem Gemüt und hält mich gefangen im Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern ist. Ich elender Mensch! Wer wird mich erlösen von diesem todverfallenen Leibe?“ (Röm 7,18-24) 

 

Paulus wirft eine schwere Frage auf. Denn wie geht das zu, wenn ein geistig gesunder Mensch das Gegenteil von dem tut, was er will? Welche Macht steckt hinter dem, was der Apostel „das Gesetz der Sünde“ nennt? Was durchkreuzt immer wieder seine guten Absichten, so dass er sich „fremdgesteuert“ fühlt? Was herrscht da im Menschen, wenn er wider Vernunft und besseres Wissen das Böse tut? Ist dieses Böse eine moralische „Kategorie“, ein „Etwas“ oder eine „Macht“? Ist es ein „Phänomen“, eine „Gesetzmäßigkeit“, eine kranke „Idee“, ein geistiger „Kurzschluss“, ein „Wille“ oder gar eine „Person“? 

 

(2) DIES ODER DAS? 

 

Die Bedeutung dieser Frage wird kaum jemand leugnen. Denn dem Bösen, das in der Welt unendliches Leid verursacht, will man auf den Grund gehen. Es wäre wichtig, diesen Gegner zu kennen, um ihn effektiv bekämpfen zu können. Doch wie zahlreich und verwirrend sind die Antwortversuche und Beschreibungen! Fragt man nach „dem Bösen“, macht der eine sogleich die natürlichen Triebe, Gelüste und Begierden des Menschen verantwortlich, die nur unzureichend durch Kultur gebändigt werden. Der nächste aber sieht gerade in dieser ewig reglementierenden Kultur das Problem, weil sie gesunde und starke Triebe an ihrer Entfaltung hindert, sie gängelt und unterdrückt. Dieser erklärt sein Fehlverhalten mit der strengen Erziehung, die er bekam. Und jener erklärt es mit der strengen Erziehung, die er nicht bekam. Für Angehörige der „Unterschicht“ kommt das Übel immer von denen „da oben“, den Mächtigen und Reichen. Feministinnen werden nicht müde, mit dem Finger auf böse Männer zu zeigen. Rassisten beschuldigen am liebsten fremde Völker. Und für die Linken sind es immer die Rechten. Für die einen entspringt alles Übel aus der westlichen Aufklärung und Technik. Und die anderen wollen mit eben dieser Aufklärung und Technik alles Übel überwinden. Ist vielleicht die Evolution schuld, weil uns der Steinzeitmensch mit seinen Ängsten und seiner Gewaltbereitschaft noch in den Genen sitzt? Oder liegt es an einer dekadenten Gesellschaft, deren kranke Strukturen das unschuldige Kind in uns verderben? Korrumpiert uns das Geld? Oder ist es die Gier nach Macht? Fehlt‘s an Disziplin? Oder muss man den Menschen bloß Liebe und Freiheit schenken, um sie „gut“ zu machen? Mancher Schurke denkt bis zuletzt, nur die Umstände hätten ihn am Gut-Sein gehindert, weil er nicht auf die Weise gut sein durfte, auf die er gut sein wollte! Wenn’s aber jeder, den man fragt, immer „gut gemeint“ hat und schwört, er habe sein Bestes gegeben: wo kommt dann bloß das Böse her? 

Der Versuch, den Ursprung des Bösen hier oder dort zu verorten, und es damit „dingfest“ zu machen, scheitert regelmäßig. Und er scheitert immer aus demselben Grund. Weil nämlich keine der in Frage kommenden Instanzen per se „böse“ ist, sondern jedes Ding, jede Personengruppe und jede Emotion, auf die man zeigt, an ihrem Ort und auf ihre Weise berechtigt ist. Der sexuelle Drang z.B., der einst so unmittelbar mit „Sünde“ verknüpft und gleichgesetzt wurde, ist an sich keineswegs böse, sondern ein durchaus sinnvoller und guter Teil der gottgewollten Schöpfung. Auch das Aggressionspotential des Menschen ist nicht schon „böse“ im eigentlichen Sinne, sondern ist evolutionär notwendig und zum Schutz des Lebens unverzichtbar. Das Gewinnstreben des Menschen ist keineswegs immer von Übel: Sparsamkeit, Fleiß und Tüchtigkeit helfen Familien zu ernähren! Und ob die Überwindung sozialer Zwänge, Regeln und Konventionen das Böse eher mindert oder vermehrt, wäre noch zu prüfen. Mit anderen Worten: der Versuch, das Böse dingfest zu machen, indem man es mit einem menschlichen Trieb, einer Herrschaftsform, einer Ideologie oder einem Volk identifiziert, scheitert regelmäßig. So einfach lässt sich das Böse nicht packen. Es ist nicht ein „Ding“ unter den vielen Dingen, die wir kennen. Denn die sind per se weder gut noch böse, sondern können allesamt sowohl zum Guten wie zum Bösen gebraucht werden. Und so ist das Böse – obwohl es täglich machtvoll in Erscheinung tritt – schwer zu greifen. Es gelingt uns nicht, mit dem Finger drauf zu zeigen. Und so hat man sich schon in der Antike gefragt, ob das Böse denn überhaupt ein „Etwas“ ist – und also ein „Seiendes“ – oder ob es vielleicht bloß in einem Mangel besteht.

 

(3) EIN MANGEL? 

 

Der prominenteste Vertreter dieser Ansicht ist Kirchenvater Augustinus. Und für ihn ergab sich die These direkt aus seinem christlichen Schöpfungsglauben. Denn wenn ein guter Gott diese Welt einst gut geschaffen hat, dann muss ja alles, was darin Sein und Substanz hat, auch selber „gut“ sein. Es wäre ja nicht da, wenn Gott es nicht gewollt hätte. Wenn’s der gute Gott aber will, kann es schwerlich böse sein. Darum ist für Augustinus alles Seiende erst mal gut. Und wenn sich das Böse trotzdem nicht leugnen lässt, dann kann es für ihn nicht in einem „Sein“, sondern bloß in einem Mangel und einem Defizit bestehen. Mit anderen Worten: das Böse ist dort, wo das Gute fehlt. Und eben das Vermissen des Guten ist die Erfahrung des Bösen, weil dort, wo Gutes sein sollte, eine schreckliche Lücke klafft, und wir uns dort des Guten beraubt sehen. 

Man kann diesen Gedanken anhand von Licht und Finsternis veranschaulichen. Denn auch die Finsternis entbehrte ja einer eigenen Substanz. Sie „ist“ eigentlich nicht, sondern besteht lediglich in einem Mangel an Licht. Denn anderenfalls müsste sich ja der Mensch, der im dunklen Zimmer das Licht anschaltet, fragen, wohin plötzlich die ganze Dunkelheit verschwindet! Doch so denken wir nicht, sondern wissen, dass die Dunkelheit keineswegs vor dem Licht in den Keller floh, um später wieder heraufzukommen (so etwas müsste man annehmen, wenn das Dunkel „Substanz“ hätte), sondern wir erkennen, dass die Dunkelheit im Zimmer immer nur einen Mangel darstellt, der selbst nichts „ist“, sondern lediglich jene Lücke beschreibt, die das Licht hinterlässt, wenn es nicht leuchtet. Das Böse hat für Augustinus also nur soviel „Wirklichkeit“ wie ein Loch, das man sich in die Hose reißt. Es sagt zwar jeder, dort im Stoff „sei“ nun ein Loch – man redet, als wäre das Loch ein existierendes „Etwas“. Aber wenn wir den Stoff außenherum wegnehmen, bleibt natürlich kein Loch übrig. Und jeder begreift, dass diesem Loch keine eigenständige Substanz zukommt. Es existiert immer nur als Fehlstelle im Stoff, ist nur das Nichts in einem Etwas – und ist abgesehen davon nicht „wirklich“. 

Zunächst scheint dieser Gedanke auf das Böse schwer anwendbar. Denn wie kann etwas, das nicht „ist“, so schrecklich reale Wirkungen haben? Doch wird jeder, der schon mal in einem dunklen Zimmer stolperte, bestätigen, dass das Licht, das dort fehlt, üble Schmerzen verursachen kann. Und schon wirkt Augustins Gedanke von der Macht des Mangels plausibler. Die Atemluft kann dadurch, dass sie fehlt, einen Menschen ersticken. Und der Zündfunke, der ausbleibt, kann einen großen Motor wertlos machen. Eine kleine Information, die am Bestimmungsort nicht ankommt, kann mächtige Heere ins Unglück stürzen. Und der Ehepartner, dem es kurz mal an Treue fehlt, kann dadurch eine große Familie zerstören. Dass aber der Mangel eines Gutes so weitreichende und böse Folgen nach sich zieht, erklärt sich daraus, dass auch kleine Teile unentbehrlich sein können für den großen Zusammenhang, in dem sie stehen. Ein Loch, das nicht von Stoff umgeben ist, erkennen wir nicht mal. Denn das Fehlen von etwas im Kontext von nichts hat keine destruktive Macht! Doch das Fehlen von etwas im Kontext der geschaffenen Welt zerstört deren Ordnung, so wie auch das Fehlen einer geringfügigen Substanz im Körper des Menschen den gesamten Organismus lahmlegen kann. Um ein großes Uhrwerk zum Stillstand zu bringen, muss man nicht viele Rädchen entfernen, sondern nur ein oder zwei. Hat Augustinus also Recht? Ist das Böse bloß ein Mangel an Gutem? 

Die große Stärke seines Konzeptes liegt sicher darin, dass er das Böse als „parasitär“ beschreibt. Das Böse bringt selbst nichts hervor, es ist weder kreativ noch schöpferisch, sondern lebt (wie eine Fäulnis oder eine Krebszelle) nur von der Substanz des Guten, das es zersetzt. Es hat keine Kraft zum Bejahen, sondern nur zum Verneinen, nicht zum Ordnen, sondern nur zum Stören, existiert also nur wie die Zecke vom Blut ihres Wirts. Und so täte man dem Bösen zuviel Ehre an, wenn man meinte, es stünde als Gegenmacht zum Guten mit ihm auf Augenhöhe. Denn das ist nicht der Fall. Das Gute lässt sich durchaus ohne das Böse denken und beschreiben – es hat die positive Substanz, die Gott ihm verlieh! Das Böse aber lässt sich nicht ohne das Gute denken, das es verneint, und kann auch nicht für sich stehen, sondern wie sich die Krankheit nur beschreiben lässt als Abweichung vom gesunden Zustand und als Störung guter Ordnung, so gilt es auch vom Bösen. Wie die Krankheit nicht „für sich“ existiert, sondern immer nur an dem Leib, den sie befällt, so ist auch das Böse unselbständig. Und trotzdem bleibt zweifelhaft, ob diese Beschreibung schon ausreicht, um das Böse zu erfassen. Denn wenn Paulus tut, was er eigentlich nicht will, und dabei einer Macht erliegt, die seine guten Absichten durchkreuzt: ist die dann nicht viel dynamischer und widerständiger, als es ein substanzloser „Mangel“ jemals sein könnte? 

 

(4) DAS FALSCHE VERHÄLTNIS ZWISCHEN RICHTIGEM? 

 

Der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling hat sich diese Frage gestellt. Und er hält Augustinus entgegen, dass das Böse, wenn es wirklich nur in einem Mangel bestünde, doch vorwiegend an den schwach entwickelten, den beschränkten, geistig schlichten, passiven und untüchtigen Kreaturen erscheinen müsste. Dort würde man es dann erwarten! Tatsächlich ist aber nur der Mensch – und gerade er – als das höchstentwickelte, intelligenteste und begabteste Geschöpf zum Bösen fähig! Auch die Bibel beschreibt Satan nicht etwa als ein schwächlich-armes Mängelwesen, sondern als einen gefallenen Engel von vortrefflicher Klugheit und Kraft! Satan ist nach christlicher Ansicht „nicht die limitierteste Kreatur, sondern vielmehr die illimitierteste“ sagt Schelling. Und er meint darum, das Böse sei nicht bloß negativ zu beschreiben (als das Gute, das fehlt), sondern es müsse angesichts seiner Tücke und Gefährlichkeit etwas sehr Wirkmächtiges und Aktives enthalten. Schelling sieht im Bösen chaotisch-dunkle Urkräfte am Werk, die in unbewusstem Drang und blinder Dynamik die Schöpfung durchwalten. Er meint aber nicht, dass diese Kräfte an sich schon böse wären, sondern dass sie von Gott dazu geschaffen sind, von guter und vernünftiger Ordnung gebändigt, überformt und in Dienst genommen zu werden. Zerstörerisch wirken sie nur dort, wo ihre Unterordnung unter die geistig-idealen und lichtvollen Zwecke (noch) nicht vollzogen ist! Und so gilt Schelling keineswegs jener dumpfe und chaotische Drang als „schlecht“ (und die hellen Prinzipien des Geistes natürlich erst recht nicht!), sondern „schlecht“ ist es nur, wenn die Beziehung dieser beiden Grundkräfte durcheinanderkommt, so dass der Drang den Geist beherrscht, statt umgekehrt. Was Schelling meint, kann man am Beispiel eines Wagenlenkers veranschaulichen. Denn für den Wagenlenker ist die unbändige Kraft und das Temperament der vorgespannten Pferde ja auch nichts Schlechtes, sondern etwas sehr Gutes, solange er darüber die Kontrolle behält und seine Pferde lenken kann. Gehen sie ihm aber durch, so dass wildgewordene Pferde die Kontrolle übernehmen, herrschen plötzlich sie über den Wagen und über den Lenkenden – und das geht dann für alle Beteiligten böse aus. Sind die Pferde deswegen „böse“? Nein! Ist der Wagenlenker „böse“? Nein! Aber das Verhältnis zwischen ihnen stimmt nicht, und das Ergebnis stimmt nicht, weil nur dann, wenn der Wagenlenker die Pferde dominiert und sie an Abgründen vorbeilenkt, etwas Gutes dabei herauskommt. Und diese Einsicht, dass es auf das Verhältnis ankommt, lässt sich leicht mit dem verbinden, was wir oben feststellten. Wir sahen ja, dass kein Teil der Schöpfung an sich schon „böse“ ist. Weder der sexuelle Drang noch die Aggression, weder das Streben nach Gewinn noch die Suche nach Glück! Sondern zum Schlechten schlägt das alles nur aus, wenn diese Kräfte und Strebungen nicht konsequent dem Willen Gottes ein- und untergeordnet werden. Gottes guter Geist ist jener Wagenlenker, der durch seine Weisungen verhindert, dass sich die Pferde die Beine brechen! Unter seiner Regie erfüllen sie ihre Bestimmung! Werden sie ihm aber nicht unter-, sondern übergeordnet, so erwächst aus der falschen Verhältnisbestimmung an sich berechtigter Größen die schrecklich destruktive Macht des Bösen. Was eigentlich dienen sollte, das herrscht dann. Und was herrschen sollte, das dient. Was man nur benutzen sollte, das vergöttert man. Was man aber vergöttern sollte, das benutzt man. Das Mittel wird zum Zweck erhoben. Und der Zweck zum Mittel degradiert. Das Relative beansprucht absolut Geltung. Und dem Absoluten widerfährt nur relative Achtung. Die Peripherie sieht sich im Zentrum. Und das Zentrum erscheint peripher. Was Freiheit verdient, wird der Kontrolle unterworfen. Und was dringend kontrolliert werden müsste, erhält Autonomie. Der Unterleib steuert das Hirn, und der Bauch die Moral… 

Wenn aber gute Dinge so falsch in Beziehung kommen, bringt ihr Zusammenspiel all die bösen Wirkungen hervor, die wir kennen und beklagen. Schlecht ist nämlich nicht die Sexualität an sich – aber jene Sexualität, die (von der guten Absicht ihres Schöpfers gelöst) Familien nicht baut, sondern Familien zerstört. Schlecht ist nicht die Aggression an sich – aber jene Aggression, die (die Intention ihres Schöpfers verfehlend) Leben nicht schützt, sondern mutwillig vernichtet. Schlecht sind nicht das Gewinnstreben und das Glücksstreben an sich – sie sind es aber eben dann, wenn sie, statt dem Menschen zu dienen, über seine Seele herrschen und von ihr Besitz ergreifen. Es geht immer um Dinge, die an ihrem jeweiligen Ort durchaus berechtigt wären, die aber (zueinander in ein falsches Verhältnis gebracht) Schreckliches bewirken. Denn Sand ist zwar gut, aber nicht im Getriebe. Und auch Kraft ist gut, aber nicht ohne Kontrolle… 

Wenn also die Begierden nicht von Vernunft gelenkt werden, sondern die Vernunft der Begierde bloß Beihilfe leistet, wenn der Kluge gehorchen muss, während der Dumme regiert, wenn die Macht sich über das Recht setzt, und das Kapital nicht mehr Mittel, sondern Selbstzweck ist, wenn die Weisheit vor den Narren verstummen muss, das Glück mehr zählt als Ehre, und der Mensch anfängt über seinen Gott zu richten – so dass in jeder Hinsicht der Schwanz mit dem Hund wedelt: dann ist es dem Bösen gelungen, die gesunden Kräfte im großen Organismus der Schöpfung so aus ihrer Ordnung zu bringen, dass sie widereinander wirken und damit auf den eigenen Untergang hinarbeiten. Ist das Böse also erschöpfend beschrieben, wenn wir darin eine beklagenswerte Verwirrung und Unordnung sehen? Oder ist „Unordnung“ vielleicht doch noch eine zu harmlose Sicht der Dinge? 

 

(5) EIN STILLES EINWILLIGEN? 

 

In der Tat fehlt das Moment der willentlichen Beteiligung, das wir nicht unterschlagen dürfen, und das gerade im Bild des Wagenlenkers viel zu kurz kommt. Denn jener Wagenlenker, dem die Pferde durchgehen, ist ein Modell, das man heranziehen kann, ohne das eigene Böse als sehr ehrenrührig zu empfinden. Wer der schlechten Koordination an sich guter Kräfte „erliegt“, im „Affekt“ handelt und das nachträglich „bedauert“, erscheint durchaus nicht als „böser Mensch“, sondern nur als unfreiwilliges Opfer schwer zu bändigender Impulse. Eigentlich will er das Böse gar nicht, aber „es“ kommt über ihn! Und so ermöglicht der angebliche Kontrollverlust die Distanzierung des Bösen, weil man die treibenden Kräfte von seinem „besseren Ich“ abspaltet und ihre Zugehörigkeit zur eigenen Person verleugnet. Aber – glauben wir uns denn selbst, dass, was unsere Hände tun, nicht unser Wille sei? Und liegt das eigentlich „böse“ nicht weniger in der Durchbrechung der guten Ordnung, als in dem stillen Einverständnis, mit dem der Mensch sie ermöglicht und sich “erlaubt“? Gern lassen wir andere glauben, dass wir allzeit in guter Absicht handelten und nur höchst widerwillig sündigten! Aber ist das wirklich so? Gehört zur vollständigen Beschreibung des Bösen nicht jenes Willensmoment hinzu, das wir zwar gern vor uns selbst verbergen, ohne das aber das Böse niemals wirken könnte? Natürlich geschieht die Eroberung unseres Willens nicht auf plumpe Weise. Das Böse ist nicht so ungeschickt, mit der Tür ins Haus zu fallen und durch offene Bosheit Ablehnung zu provozieren! Aber es versteht sich darauf, den Menschen Stufe für Stufe (in kaum merklichen Übergängen) in den Keller hinab zu führen. Und der Weg dieses Niedergangs lässt sich leicht in sechs Schritten skizzieren: 

 

(1) Den Anfang macht die gewöhnliche Versuchung zum Fehltritt, die jeder kennt. Sie ist unvermeidlich und muss auch kein Anlass zu Selbstvorwürfen sein, denn Spurgeon sagt zurecht: „Es ist keine Sünde, versucht zu werden. Die Sünde liegt in dem Nachgeben.“ 

 

(2) Der nächste Schritt ist dann die Erfahrung, dass man einer Versuchung erliegen kann, auch wenn man keineswegs sein bewusstes Einverständnis gibt. Denn das Böse vermag den Menschen in einem schwachen Moment zu überrumpeln, so dass er gleich darauf über sich erschrickt, das Geschehene bedauert – und es als eine peinliche Demonstration mangelnder Selbstbeherrschung bereut. Der Vorrang des Guten vor dem geschehenen Bösen wird auf dieser Stufe noch nicht in Zweifel gezogen, sondern durch die empfundene Reue sogar ausdrücklich bejaht und bestätigt! 

 

(3) Eine Stufe tiefer gelangt der Mensch, der sich einen Normverstoß in „guter Absicht“ erlaubt, weil er meint (oder sich vormacht), die kleine „Abweichung“ diene einem moralisch wertvollen Ziel – die Tat sei also legitimiert und nicht wirklich für “böse“ anzusehen, weil er ja „guten Willens“ ist, und der Zweck die Mittel heiligt. Man erkauft einen großen Nutzen durch einen kleinen Schaden und kann vielleicht sogar auf andere Menschen verweisen, denen man damit half. Denn: war‘s in solchen Fällen nicht sozusagen „Notwehr“ gegen ein größeres Übel? Und kann es nicht einem guten Zweck dienen, mal „Fünfe gerade sein zu lassen“? 

 

(4) Die nächste Stufe ist erreicht, wenn man unterstellt, man selbst sei doch schließlich auch ein „guter Zweck“, und der Schutz der eigenen Wohlfahrt könne demnach auch als eine Art von „Notwehr“ gelten – gegen diese so übergriffige und gefährliche Welt. Man will deswegen nicht das Böse als solches (Gott bewahre!), man tut es aber dennoch, um eines Gutes oder eines Gewinnes willen, den man anders nicht haben könnte. Man selbst ist nun der Zweck, der die Mittel heiligt. „Kollateralschäden“ bei anderen nimmt man bedauernd in Kauf. Und ob die eigenen Interessen nicht auch mal Vorrang haben können vor Gottes strengem Gebot, lässt man zumindest in der Schwebe. Ist das Gewissen erst mal an diese Logik gewöhnt, wird seine Stimme immer leiser. Die Ausnahme, die man sich erlaubte, verwandelt sich nach und nach in eine Regel. Der Mensch aber wird von der Welle des Bösen durchaus nicht mehr „willenlos“ mitgerissen, sondern hat begonnen lustvoll darauf zu surfen… 

 

(5) Auf der folgenden Stufe entdeckt er dann den wahren Reiz des Bösen – dass nämlich dort, wo die gute Ordnung fehlt, endlich nach oben gelangen kann, was nach unten gehört. Sein relativer Eigenwille maßt sich absolute Geltung an und macht sich bezüglich der Motive auch nichts mehr vor. Denn das Böse fasziniert ihn nun nicht um konkreter Genüsse oder Güter willen, die er sich damit erkauft, sondern weil es sein Selbstgefühl so ungemein steigert, Gott den Vorrang streitig zu machen. Er gefällt sich im Gestus des Rebellen und strebt danach, das, was er eigentlich nur in der Einheit mit Gott ist, auch unabhängig von Gott „für sich“ zu sein. Er schwingt sich dazu auf, im Gegenüber zu Gott mit dem Schöpfer zu konkurrieren, und nennt das in pubertärem Aufbegehren seine „Befreiung“. Er erhebt sich zum Maßstab und stellt seinen kleinen Menschenwillen über den universalen Willen Gottes – bloß um sich an dem Gefühl zu berauschen, dass er das kann. „Ihr werdet sein wie Gott“, sprach die Schlange (1. Mose 3,5), und in Momenten größter Anmaßung kommt sich der Mensch auch beinahe so vor. 

 

(6) Dieser Verlockung zu erliegen, ist schon ziemlich „krank“. Unterhalb ist aber noch eine sechste und letzte Stufe denkbar, auf der das Böse nicht mehr zur Selbstüberhebung oder um eines „Gewinnes“ willen, sondern um seiner selbst willen getan wird. Und in den zutiefst gestörten Geist eines solchen Geschöpfes (das genau jenes Krebsgeschwür liebt, von dem es zerfressen wird) fühlt man sich besser nicht ein. Die Gewöhnung an das Böse muss da wohl zur Vertrautheit werden, und die Vertrautheit zu Identifikation. Doch solches Tun des Bösen um des Bösen willen ist dann recht besehen nicht mehr menschlich sondern satanisch.

 

(6) DÄMONISCHE MACHT? 

 

Wir kommen erst jetzt auf den Satan zu sprechen, nachdem die aktive Beteiligung des menschlichen Willens unterstrichen wurde. Denn wer sich zu früh mit Satan beschäftigt, kann versucht sein, das persönliche Böse irgendwo „draußen“ zu lokalisieren, statt in sich selbst. Solcher Projektion gilt es vorzubeugen. Letzten Endes darf aber nicht verschwiegen werden, dass das Dämonische nicht nur „in uns“, sondern auch ganz eigenständig „in der Welt“ ist. Es ist nicht bloß (sächlich) „das“ Böse, sondern auch (persönlich) „der“ Böse. Und selbst die ganz „Aufgeklärten“ können sich dieses Verdachtes nicht immer erwehren, weil das Böse in der schrecklichen Vielfalt seiner Erscheinungsweisen doch keineswegs „zufällig“, sondern durchaus „koordiniert“ wirkt – und in seiner schrecklichen Effizienz auch nicht selten die Kräfte seiner bösen Protagonisten übersteigt. Anders gesagt: das Maß des Bösen, dass sich durch eine Person hindurch verwirklicht, geht manchmal über das seelische Potential hinaus, das man dieser Person zutraut. Es überschreitet das menschliche Fassungsvermögen und vermittelt damit den Eindruck, dass nicht eigentlich jene arme Gestalt, sondern durch sie ein Größerer seine Macht erweist – nämlich ganz so, wie bei den Heiligen das Übermaß des Guten, das ihren Menschengeist durchwaltet, sie als Instrumente und Werkzeuge Gottes erkennbar macht. Auch beim Heiligen herrscht zwischen dem persönlichen Format des Täters und der Dynamik seines Tuns ein auffallendes Missverhältnis. Und Mutter Theresa fand dafür ein treffendes Bild als sie sagte: „Ich bin nur ein kleines Kabel – Gott ist der Strom.“ Sie selbst erklärt damit ihr Wirken nicht aus der Kraft, die sie hat, sondern aus der Kraft, die hinter ihr steht. Und auf der Gegenseite verhält es sich genauso. Denn auch im Bösen erscheinen uns die Taten manchmal zu „groß“, als dass sie aus dem Täter allein erwachsen könnten. Auch der böse Mensch ist das „Kabel“ für einen „Strom“ und ist ausführendes Organ eines ihm überlegenen Willen. Er führt nicht nur, sondern wird geführt, treibt nicht nur, sondern wird getrieben, besitzt nicht nur, sondern ist besessen, und handelt teuflisch – ohne selbst schon jener Teufel zu sein, der sich durch ihn mächtig erweist. Der böse Mensch muss deswegen keineswegs dämonisch oder monströs erscheinen. Im Gegenteil! Er kann so überraschend „normal“ wirken wie Adolf Eichmann, den Hannah Arendt bei den Nürnberger Prozessen erlebte. Er schien ihr gar nicht die Seele eines Ungeheuers, sondern bloß die eines gewöhnlichen, kleingeistigen Bürokraten zu haben. Sein Verstand schien gar nicht tief genug, um „tief böse“ zu sein. Doch genau so (im Gewand des „Banalen“) betritt Satan die Bühne der Welt – und ist um so schwerer „dingfest“ zu machen. Denn selbst wenn man mit dem Finger auf Hitler oder Stalin zeigt, muss man immernoch die Maske vom Maskierten unterscheiden und das Geschöpf Gottes von seinem teuflischen Wahn. So ist der Böse dann schwer zu „lokalisieren“, erweist sich aber dennoch (und gerade so!) in seinem Wirken als überaus „wirklich“.

Wer Satan ist, wo seine Bosheit ihren Ursprung nimmt und woran sie einmal kläglich scheitern wird, sind eigenständige Themen. Was er will, ist aber nicht schwer zu erraten, weil es dem ähneln dürfte, was er in Menschenseelen streut. Der Böse, der so gern an Gottes Stelle träte, weiß recht gut, dass ihm dazu alle Voraussetzungen fehlen. Der Geist, der stets verneint, weil er nicht schaffen, sondern nur zersetzen kann, kommt über eine parasitäre Existenz nie hinaus. Er kann das auch weder akzeptieren noch ändern. Aber für den ihn quälenden Widerspruch von Geltungssucht und Impotenz will er sich am Schöpfer rächen. Satan ist gegen Gott, ohne wirklich ein „Gegengott“ sein zu können. Er berauscht sich aber an dem Machtgefühl, Gottes guten Plan wenigstens im Blick auf die eigene Person zu durchkreuzen. Kann der Böse nicht herrschen, soll Gott wenigstens die Kränkung erfahren, ihn nicht gut zu machen! Er rächt sich an Gott dafür, selbst nicht Gott zu sein – und versucht bis zu seinem unvermeidlichen Untergang noch möglichst viele Menschen mit seinem Wahn zu infizieren, damit sie sein Schicksal teilen und der Schmerz Gottes größer werde… 

 

(7) VORLÄUFIGES FAZIT 

 

Wir sind von einer „Wesensbestimmung“ des Bösen noch weit entfernt, müssen es aber bei dem bewenden lassen, was klar genug vor Augen steht. Das Böse im Menschen ist insofern ein Mangel, als es ihm an der guten inneren Ordnung mangelt, die allein seinen (an sich guten!) Impulsen, Einsichten und Strebungen das gottgewollt gute Zusammenspiel ermöglichen würde. Wünsche, Ängste und Begierden, die Gottes Weisung klar untergeordnet werden müssten, gewinnen immer wieder die Oberhand, Sekundäres wird mit Priorität versehen und Nachrangiges verschafft sich höchste Geltung, Wertvolles wird für Wertloses geopfert, Schäbiges wird geehrt und Ehrwürdiges verlacht, so dass die an sich guten Bestandteile der menschlichen Person gegeneinander wirken und damit (ihrer Bestimmung widersprechend) dem Menschen selbst und seiner Umwelt Schaden zufügen. Das Tun des Bösen ist so gesehen ein klar „selbstschädigendes“, sinnwidriges Verhalten. Und doch gibt der Mensch sein stilles Einverständnis, den erhöhten Aufwand zum Tun des Guten regelmäßig nicht zu treiben, sondern es bei einem äußeren Anschein bürgerlichen Anstands bewenden zu lassen. Der durchschnittliche Sünder ist genau so weit bereit, die Bedürfnisse seines Mitmenschen zu berücksichtigen, wie es in seinem persönlichen Interesse liegt. Und er tut genau dann den Willen des Schöpfers, wenn das mit seinem persönlichen Vorteil zusammentrifft. Er ist bereit, unter der Bedingung „gut“ zu handeln, dass es ihm in der Konsequenz „gut tut“ – ist also zum guten Tun nur unter derselben Prämisse aufgelegt, unter der er auch das Böse akzeptiert: dass es nämlich als Mittel zu seinem persönlichen Zweck dient. Und natürlich leugnet er damit (wenn nicht theoretisch, so doch praktisch) das unendliche Autoritäts- und Wertgefälle, das zwischen seinen eigenen törichten Wünschen und dem ewigen Willen des Schöpfers besteht. Darin liegt Schwäche, weil der Mensch es nicht schafft, seine Prioritäten angemessen zu klären und ihnen gemäß zu leben. Es liegt Schuld darin, weil zumindest ein Teil seiner Seele einwilligt, um irgendeines Gewinnes willen Gottes Gebote hintanzustellen. Und es liegt Fremdbestimmung darin, weil uns der Böse „außer uns“ durch das Böse „in uns“ zu ausführenden Organen seines diabolischen Werkes macht. So ist das Böse zugleich Defizit und Willensregung, Verkehrtheit, Verhängnis und überpersönliche Macht. Wenn aber jemand meint, es sei so gesehen ein großes und frustrierendes Rätsel, so will ich, ohne dem zu widersprechen, doch mit dem Hinweis schließen, dass das Gute ein noch viel größeres Rätsel ist – und sein endgültiger Sieg über das Böse (den Christen vorauswissen!) sogar ein Wunder.