Vater unser im Himmel...

 

Wahrscheinlich kennen sie das Problem. Man will eine Brief schreiben, einen kurzen Gruß oder eine E-Mail – und bleibt schon bei der Anrede stecken. Denn wenn man den oder die Adressaten falsch anredet (zu förmlich oder zu vertraulich, zu steif oder zu plump), hat man schon auf dem falschen Fuß angefangen und kann den Fehlstart nur noch schwer korrigieren. Es hat ja schon mancher auf der Betriebsfeier mit seinem Vorgesetzten Brüderschaft getrunken und wusste am nächsten Morgen nicht, ob er ihn in der Firma immer noch duzen soll. Beim Bier war man sich nah gewesen. Aber will der Chef am nächsten Tag noch mit „Hallo Andi!“ begrüßt werden – oder doch lieber wieder der „Herr Direktor“ sein? Die Anrede ist der Einstieg ins Gespräch. Sie unterstellt eine bestimmte Art von Beziehung und gibt damit vor, auf welcher Ebene man sich begegnet. Zwischen Nähe und Distanz kann man da viel falsch machen! Und vielleicht ist das auch ein Grund, weshalb sich die Jünger bei Jesus erkundigten, wie sie beten sollen. „Herr, lehre uns beten“, sagt einer (Lk 11,1). Jesus aber antwortet mit dem „Vaterunser“, dessen Anrede an Gott das Problem von Nähe und Distanz auf wunderbare Weise löst. Denn was wäre einem Kind wohl näher und vertrauter als der eigene Vater? Und was drückte besser ehrfürchtigen Respekt aus, als dass dieser Vater „im Himmel“ und also „ganz oben“ ist? Dass aber beides unmittelbar nebeneinander steht – ohne dass die Vertrautheit die Überlegenheit Gottes relativierte oder umgekehrt – das beschreibt hervorragend die Beziehung, die hier besteht. Denn würde unser Gebet den angeredeten Gott nur in die transzendente Ferne des unerreichbaren Himmels verlegen, ginge er uns kleine Menschen vielleicht gar nichts an. Und würden wir so entspannt mit ihm plaudern wie mit dem eigenen Vater, fühlten wir uns allzusehr „auf Augenhöhe“. Beides miteinander aber schließt plumpe Vertraulichkeit ebenso aus wie ein ängstliches Erstarren und Verstummen. Denn der Gott, mit dem wir da reden, ist uns näher, als wir uns selber sind, und bleibt doch zugleich außerhalb unserer Reichweite. Er ist dicht bei uns und weit über uns, zugewandt und doch überlegen. Indem wir aber beides wissen und schon in der Anrede benennen, ist die Gesprächsebene geklärt, auf der wir zum himmlischen Vater in Beziehung treten. Und was noch wichtiger ist: Die Anrede an den Vater schließt ein bestimmtes Selbstverständnis mit ein und weist dem Betenden eine Rolle zu, weil durchaus nicht jeder auf diese vertraute Weise rufen darf „Abba, lieber Vater!“, sondern nur derjenige, der sich als Kind versteht. Das Vaterunser ist das Gebet der Kinder Gottes, sagt Cyprian. Wer nicht zur Familie gehört, dem steht es nicht zu. Der Vater würde sich diese Anrede von einem Fremden verbitten! Und wenn jemand meint, er sei doch schon deshalb ein „Kind Gottes“, weil Gott ihn schuf, irrt er sich sehr. Denn aus dieser ursprünglichen Kindschaft des Geschöpfes sind alle Menschen mit Adams Sünde herausgefallen! Gottes Kind ist nur, wer Gottes Werke tut, und wer das Gegenteil tut, ist des Teufels Kind und der Sünde Knecht (Joh 8,34 u. 44). Auf neue Weise zum Kind Gottes wird der Mensch aber erst, wenn ihm Gottes Sohn als Bruder zur Seite tritt, ihn mit dem Vater versöhnt und ihn dadurch wieder in die „Familie“ eingliedert. So gehen die Kinder Gottes nicht aus ihrer leiblichen, sondern aus ihrer geistlichen Geburt hervor, sobald sie durch die Taufe und den Glauben dem Sohn Gottes verbunden und wiedergeboren sind aus Wasser und aus Geist (Joh 3,5). Das Johannesevangelium lässt da keine Zweifel aufkommen: Christus kam in sein „Eigentum“ und erfuhr große Ablehnung. „Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut noch aus dem Willen des Fleisches noch aus dem Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind“ (Joh 1,12-13). Diesen bezeugt der Heilige Geist, dass sie Gottes Kinder sind – und sie sind‘s auch wirklich (Röm 8,16; 1. Joh 3,1)! Denn einst waren sie in der Knechtschaft der Mächte der Welt und unter dem Gesetz. Dann aber hat Gottes Sohn sie erlöst, damit sie die Kindschaft empfingen. Und da nun der Geist des Sohnes in ihren Herzen wohnt, dürfen sie mit ihm gemeinsam rufen „Abba, lieber Vater!“ (Gal 4,3-6). Dass Sünder so reden dürfen, versteht sich nicht von selbst! Doch Gottes Sohn lehrt seine Jünger mit dem Vaterunser auch gleich diese Anrede. Und so stellt schon die Eröffnung des Gebets klar, in welcher Beziehung die Gesprächspartner stehen. Denn wer so beten soll und darf, wird schon mit der Anrede daran erinnert, dass er in der Gnade steht und damit rechnen darf, bei Gott Gehör zu finden. Er ist wie ein kleines Kind, das den Vater am Hosenbein zupft und nicht befürchten muss, abgewimmelt zu werden. Die Konsequenzen der Kindschaft reichen aber noch viel weiter. Denn ein geliebtes Kind Gottes muss sich nicht fühlen wie ein Knecht und darf sich des Unterschieds durchaus bewusst sein. Ein Knecht wird von seinem Herrn nämlich nicht geliebt. Der wird höchstens gebraucht. Dem Knecht steht keine private Nähe zu. Und er weiß das auch. Denn die Beziehung ist geschäftsmäßig und nüchtern. Der Knecht wird nur so lange bezahlt, wie er die erwartete Leistung bringt. Nur so lange wird er um seiner Arbeitskraft willen im Haus geduldet. Er steht zum Herrn lediglich in einer dienstlichen Beziehung. Seine Funktion ist es, zu funktionieren! Und darum muss der Knecht das eigene Versagen und den Zorn seines Herrn durchaus fürchten. Als Arbeitskraft ist er entbehrlich und jederzeit ersetzbar. Und weil er das weiß, ist der Knecht auch nur ungern von seinem Herrn abhängig. Er wäre lieber selbst der Herr! Das geliebte Kind hingegen findet alles gut so, wie’s ist, und käme gar nicht auf die Idee, dass man es verstoßen könnte. Bei allem gebotenen Respekt vor dem Vater weiß es doch, dass es der Vater allemal gut mit ihm meint. Das Kind ist sein eigen Fleisch und Blut! Und es hat daher unbefristetes Heimatrecht im Haus des Vaters, ohne dass es viel dafür tun müsste. Das Kind muss nichts beweisen. Es muss sein Dasein nicht erst rechtfertigen und kann entsprechend unbefangen leben. Denn das Kind wird nicht um einer Leistung willen geliebt, sondern um seiner selbst willen. Und wenn der Vater dem Kind auch haushoch überlegen ist an Kraft und Erfahrung, Autorität und Besitz, so ist das doch für das Kind nicht etwa bedrückend, sondern schön und beruhigend. Der Tagelöhner und Knecht mag die Überlegenheit des Herrn fürchten, er kann sie ihm missgönnen oder auch neiden! Das Kind aber ist auf die Stärke seines Vaters stolz und freut sich daran, weil es des Vaters Macht ja allemal auf seiner Seite weiß. Mit einem Wort: Die Anrede des Vaterunsers stellt klar, dass der Betende für Gott „zur Familie gehört“. Und schon allein das (mit Gott auf so vertrauter Ebene Kontakt zu haben), sollte den Beter mit Zuversicht erfüllen. Dank seiner Verbindung zu Jesus Christus ist er mit dem Vater im Reinen und kann deshalb alle Lebensgier, alle Todesangst und allen Argwohn ablegen. Nun fällt das nicht immer leicht, da der himmlische Vater seine Kinder durchaus nicht verwöhnt. Er packt die Christen nicht in Watte. Und manchmal hat man sogar den Eindruck, dass er seinen Kindern mehr abverlangt als den Knechten. Ehrgeizige Väter sind manchmal so! Und doch wäre es traurig, wenn Gottes Kinder deswegen in den Argwohn der Knechte zurückfielen. Darum schreibt Paulus an die Gemeinde zu Rom: „Ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi.“ (Röm 8,15-17) 

Diese Erinnerung ist immer wieder nötig, weil Gott es regnen lässt über Gute und Böse. Was die Verteilung von Freude und Leid betrifft, erfahren Christen durchaus keine „Vorzugsbehandlung“. Und von dem besonderen Verhältnis, das Gott zu ihnen hat, sieht man darum wenig. Doch gerade wenn der Augenschein dagegen spricht, gilt es daran festzuhalten, dass es der Vater mit seinen Kindern zuletzt nicht böse meint, sondern die Strenge seine Güte nur für einen Moment verdeckt. Der Knecht kann sich diesbezüglich nie sicher sein – bei ihm ist es anders. Denn man diszipliniert ihn, damit er wieder funktioniert und seinem Herren nützt. Das Kind aber erzieht man, weil es ihm selbst zum Vorteil gereicht. Untreue Knechte schickt man weg und ersetzt sie durch bessere. Die Kinder aber bleiben. Knechte bekommen nur dann ihren Lohn, wenn sie ihn mit saurem Schweiß verdienen. Kinder aber sind selbst dann Erben, wenn sie die Eltern oft enttäuschten. Knechten vertraut man nur, wenn sie dazu Anlass geben. Doch Kinder liebt man auch ohne Anlass. Und wie es der Hausherr sicher nicht duldet, dass ein Knecht sich wie sein Kind gebärdet, so macht es ihn auch traurig, wenn sein leibliches Kind den Argwohn und die Scheu eines Knechtes zeigt. Denn an dieser Beziehung liegt dem Vater nicht um eines Nutzens, sondern um des Kindes willen. Seine Kinder dürfen ihm unbefangen frei und aufrecht gegenübertreten, weil Christus für sie alle Distanz überbrückt und allen Zorn überwunden hat. Kommen sie weinend und verstört zu ihm, so vertritt sie Gottes Geist mit unaussprechlichem Seufzen (Röm 8,26). Und plappern sie unsinniges Zeug, legt es sich der Vater wohlmeinend zurecht.

Damit ist zur Anrede in Jesu Gebet das Nötige gesagt – sie ist ein große Privileg! Und nur das ist noch zu ergänzen, dass wir zu Beginn des „Vaterunsers“ auch das kleine Wort „unser“ nicht überhören dürfen. Denn es bringt zum Ausdruck, dass der Christ, auch wenn er gerade allein ist, doch nie als isolierter Einzelner betet, sondern immer als Teil einer Gemeinschaft. Und das Wort „unser“ sorgt dafür, dass der Betende seine Brüder und Schwestern niemals so ausblendet, als hätte er bei Gott eine Privataudienz. Vielmehr spricht er sein Vaterunser immer im Chor mit der ganzen Christenheit und spricht es auch stellvertretend für all die anderen. So wie das Gebet immer im Hl. Geist und durch den Sohn an den Vater adressiert ist, so geschieht es auch immer im Namen aller seiner Kinder. Denn wo ich den Nächsten liebe wie mich selbst, erbitte ich nicht nur mein, sondern auch sein „tägliches Brot“, erbitte nicht nur Vergebung für mich, sondern ebenso für ihn, und will ihn ebenso vor Versuchung bewahrt und vom Bösen erlöst sehen wie mich selbst. Das Wort „unser“ verhindert, dass ich gegen einen Bruder oder eine Schwester anbete. Es verhindert, dass ich – die anderen vergessend – nur an mein eigenes Seelenheil denke. Es lässt jede meiner Bitten zugleich Fürbitte sein. Und es schließt mich derart mit allen anderen Gliedern des Leibes Christi zusammen, dass ich daraus großen Trost ziehen kann. Denn ob ich wache oder schlafe, liege oder stehe, so wird doch rund um den Globus immer irgendwo ein Vaterunser gesprochen, in dem auch ich mit gemeint bin. Tag und Nacht wird so für mich gebetet, weil sich alle Geschwister gegenseitig in ihr Vaterunser mit einschließen. Und wenn mich einmal großes Unglück verstummen lässt, gibt es doch immer noch andere, die bittend an die Tür des Vaters klopfen. Sie beten um „unser“ Brot – und so auch um meins, um „unsere“ Vergebung – und so auch um meine, um „unsere“ Erlösung – und so auch um meine. Und da sie es unablässig mit Christi Worten und in Christi Namen tun, ist völlig undenkbar, dass es vergeblich sei.