Dein Wille geschehe...

  

Die dritte Bitte des Vaterunsers geht uns genauso flüssig über die Lippen wie das übrige: „dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Doch wenn man diesen Wunsch näher betrachtet, wirkt er seltsam. Denn er scheint zu unterstellen, dass Gottes Wille bisher nicht geschieht. Geschähe er, so bräuchten wir nicht darum zu bitten. Bitten wir aber darum, so geschieht er offenbar nicht. Nur – kann das überhaupt sein? Wenn nicht Gottes Wille geschieht – was geschieht denn dann? Geschieht etwa der Wille Satans? Oder der Wille der Menschen? Man gerät da in Verwirrung. Denn die Bibel lehrt an unzähligen Stellen, dass Gottes Wille unser Dasein bestimmt. Das Buch der Sprüche sagt „In eines Mannes Herzen sind viele Pläne; aber zustande kommt der Ratschluss des Herrn“ (Spr 19,21). Und an anderer Stelle „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt“ (Spr 16,9). Damit scheint klar zu sein, dass wir dem Willen Gottes gar nicht entrinnen können. Wenn wir ihm aber nicht entrinnen, wieso müssen wir dann noch darum bitten, dass er geschehe? Wäre vielleicht denkbar, dass diese Bitte gar nicht darauf zielt, etwas am Weltgeschehen zu ändern, sondern unsere Einstellung zu ändern? So nämlich, dass wir mit dieser Bitte unseren eigenen Willen täglich neu dem Willen Gottes unterordnen? Wir würden dann nicht darum bitten, dass Gottes Wille geschehe, weil ohne unser Gebet etwas anderes passierte, sondern damit Gottes Wille bei uns offene Türen findet. Und das leuchtet schon viel eher ein. Denn Gott möchte beim Betenden ein bereitwilliges Herz antreffen, in dem Einverständnis herrscht, weil der Beter den Konsens mit Gott sucht und sich, statt zu hadern, in Gottes Willen ergibt und fügt. Die Bitte ist also nötig, um jeder Konkurrenz und jedem Konflikt zwischen dem göttlichen Willen und dem des Beters vorzubeugen. Und wer sich selbst kennt, wird nicht leugnen, dass dies ebenso schwer wie nötig ist. Denn von Natur aus ist der Mensch mit Gott keineswegs einig. Gottes Handeln gibt uns allerhand Rätsel auf. Und ihm pauschal zuzustimmen, liegt uns fern. Wir hätten oft ganz andere Ideen, wie es in der Welt laufen sollte! Und so machen wir unsere Einwilligung sehr davon abhängig, worum es geht: 

 

(1) Zur einer ersten Kategorie kann man dasjenige rechnen, was Gottes will, weil es ein direkter Ausdruck seiner Güte ist. Und soweit er uns als großer Freund des Lebens segnet und gedeihen lässt, uns liebt und nährt, uns Zeit und Kraft und Chancen schenkt, hat auch keiner etwas dagegen. Denn soweit sich der Wille Gottes mit unseren Wünschen deckt, möge er geschehen – und um solche Gunst zu bitten, kostet uns wenig! 

 

(2) Doch in einer zweiten Kategorie umfasst der Wille Gottes dann auch strenge und harte Maßnahmen, die der Schöpfer ergreift, weil seiner guten Absicht böse Absichten entgegenstehen. In demselben Maße, wie Gott seine Schöpfung bejaht, verneint er das Böse, das sie von innen heraus zerstört. Gott wendet seinen Willen gegen alles, was mit seiner guter Intention nicht vereinbar ist. Doch fällt es uns schon nicht mehr so leicht, dem zuzustimmen, weil wir als Sünder ja selbst am Bösen Anteil haben und den gerechten Willen Gottes von daher bedenklich und sein Strafen bedrohlich finden.

 

(3) In eine dritte Kategorie kann man alles einordnen, was Gott nur insofern will, als es mittelbar seiner eigentlichen Absicht dient und im Blick auf diese nützlich erscheint. Gott bejaht es nur als Mittel zum Zweck – so wie ein kranker Mensch nicht eigentlich die Operation will, sondern die Gesundheit, und die Operation nur um seiner Gesundung willen in Kauf nimmt. Weil sie in diesem Sinne „nötig“ sind, mutet Gott uns Menschen allerhand Mühen, Leiden und Enttäuschungen zu,  um uns seelisch reifen zu lassen, um uns Mitgefühl und auch Demut zu lehren. Wo wir zu weit gehen, setzt er uns Grenzen, verweigert die Erfüllung törichter Wünsche und erspart uns nicht, aus Schaden klug zu werden. Doch die gute Absicht darin wird selten erkannt. Vielmehr protestiert der Mensch, ist beleidigt und zeigt für Gottes Maßnahmen etwa so viel Einsicht, wie ein Kleinkind in der Trotzphase.

 

(4) Schließlich gibt es noch eine vierte Kategorie. Aber da ist es mit dem Verständnis ganz vorbei. Denn dazu zählt alles, was Gott will, ohne dass der Mensch dafür einen Grund angeben oder erraten könnte. Und es ist allerhand schreckliches Unheil dabei, das sich jeder „Erklärung“ entzieht, weil‘s anscheinend zu gar nichts gut ist, und darum unverstanden bleibt. Auch das Entsetzliche ist Teil des göttlichen Willens, insofern es nicht ohne die Zulassung des Allmächtigen geschehen könnte. Doch haben wir allergrößte Probleme, dies Abgründige und seinen (in Gott) vor uns verborgenen Sinn zu akzeptieren. 

 

So ergibt sich von selbst, wie der Mensch gewöhnlich zum Willen Gottes steht: Zu dem Schönen, das sowieso in unserem Interesse liegt, sagen wir natürlich „dein Wille geschehe“. Und soweit Gottes Gericht unsere Feinde trifft, haben wir auch nichts dagegen. Wo wir den Nutzen einer Sache einsehen, ist sie vor unserer Vernunft legitimiert – und wir lassen‘s uns gefallen. Aber spätestens bei dem, was uns unbegreiflich bleibt, fordern wir Gott zur Rechenschaft. Und wo sein Wille unsrem eigenen zuwiderläuft, beginnt das Wehgeschrei. Da hadern wir dann mit dem Willen Gottes, statt uns hinein zu ergeben. Und in vieles fügen wir uns nur notgedrungen – mit innerem Vorbehalt und heimlichem Groll. So bejaht der Mensch vom Willen Gottes meist nur so viel, wie ihm selbst einleuchtet. Und gegen den Rest murrt er. Aber steht uns das zu? Wie selbstverständlich misst man Gottes Pläne am Maßstab der eigenen Einsicht und prüft seinen Ratschluss am Maßstab des menschlich-kurzen Verstandes! Doch das ist natürlich kein wahrer Glaube und ist auch kein Vertrauen, wenn ich die Entscheidungen eines anderen gerade so weit billige, wie ich kontrollierend und nachvollziehend zu demselben Ergebnis gelange. Nein – solches Vertrauen verdient seinen Namen nicht. Darum muss uns klar sein: Wenn wir im Vaterunser bitten „dein Wille geschehe“, können wir das nicht an die Bedingung knüpfen, dass Gott uns seinen Willen vorher erklären müsste. Denn Gott hat auch dort Recht, wo er unsere Pläne durchkreuzt, und wo seine Motive unseren Verstand überfordern. Als Kinder eines derart überlegenen Vaters können wir seinen Willen nicht auseinanderpflücken in das, was uns passt, und das, was uns nicht passt. Sondern wir können seinen Willen nur im Paket akzeptieren und ihm unbesehen unsere Einwilligung geben. Sofern unser Gebet aus tiefem Vertrauen kommt, wird es bedingungslos sein, so dass wir ohne heimlichen Vorbehalt und ohne Einschränkung sagen „dein Wille geschehe“! Er geschehe in dem, was wir davon kennen und verstehen, und er geschehe im Übrigen ganz genauso! Er geschehe in dem, was uns lieb und recht ist, und er geschehe auch da, wo’s uns gegen den Strich geht. Er geschehe aber jederzeit mit unserem vollen Einverständnis, denn: „Wenn nicht geschehen wird, was wir wollen, so wird geschehen, was besser ist“ (Luther). 

Als Zwischenergebnis können wir also festhalten, dass die unterschiedlichen Weisen göttlichen Wollens uns nicht verleiten dürfen, nur einen Teil davon zu bejahen. Wir können uns dem Willen Gottes nur im Ganzen ergeben und ihm als Paket zustimmen. Wir dürfen uns da nicht die Rosinen herauspicken! Doch geht aus dem Gesagten auch hervor, dass Gott einiges, was er will, auf unmittelbare, und anderes, nur auf mittelbare Weise will. Er will manches nur, weil es die Umstände erfordern. Und die theologische Tradition unterscheidet darum Gottes „eigenes Werk“ (opus proprium) von Gottes „fremdem Werk“ (opus alienum), wobei er das „fremde Werk“ stets nur um des „eigenen Werkes“ willen tut. Mit anderen Worten: Was Gott eigentlich will, ist in freudiger und ungestörter Gemeinschaft mit seinen Geschöpfen zu stehen. Dieser Wille kommt unmittelbar aus seinem Herzen! Dass er aber auch unerbittliche Strenge an den Tag legen und mit Härte erziehen, dass er richten und auch verdammen muss – dass ist durch den Einbruch des Bösen bedingt und ist Gott nicht in derselben Weise eine „Herzensangelegenheit“ wie seine gnädige Zuwendung zum Geschöpf. Denn Gott segnet lieber, als dass er flucht. Er vergibt lieber, als zu strafen. Und er macht lieber lebendig, als zu töten. Nun tut er ganz sicher auch das Letztere – da mache man sich bloß keine Illusionen! Aber er tut’s nur, wenn und weil es nötig ist, um das Gute vor dem Bösen zu bewahren. So muss denn Gott hart sein, um unserer Trägheit willen, und muss streng sein, um unserer Sünde willen. Er muss unserem Widerstand widerstehen – und bleibt darin meist unverstanden, weil unser Horizont so eng ist. Gott führt die Trotzigen auf schmerzhafte Weise, weil sie ihm nicht williger zu folgen verstehen. Er muss manchmal laut werden, weil wir seine leisen Worte ignorieren. Und er stellt uns ein Bein, wenn wir geradewegs in unser Verderben laufen. Gott nimmt in Kauf, wenn wir ihn dafür hassen! Und je wilder wir zappeln, um uns loszureißen, desto härter muss seine Hand uns anfassen. Aber diese Härte ist nicht das, was Gott eigentlich will. Sie ist nur das, wozu unsere Sünde ihn zwingt. Denn viel lieber wär‘s ihm, wenn sein Wille bei uns „auf Erden“ so geschähe, wie er „im Himmel“ geschieht. Und in diesem Wunsch dürfen wir uns mit Gott zusammenschließen. Denn im Himmel geht‘s ja verständiger und harmonischer zu. Die Engel stehen dort mit Gott in ungestörter Gemeinschaft und in vollem Konsens! Sie wollen samt und sonders, was Gott will, und hassen, was er hasst. Sie tun ganz ungezwungen, was Gottes Weisheit plant. Und keiner von ihnen schmiedet Pläne, die mit Gottes Plänen konkurrieren könnten. Was sonst sollten sich Engel auch zum Ziel setzen, als in Ewigkeit mit Gott vollkommen einig zu sein? Eben das ist ja ihr wahres Glück und ihre vollkommene Freiheit, so sehr mit Gott einig zu sein, dass der eigene Wille den Willen Gottes in keiner Weise mehr als Einschränkung erfährt! Wo das so ist, weil man mit Gott übereinstimmt, fehlt alle Bosheit. Und wo das Böse fehlt, muss Gottes „eigenes Werk“ auch von keinem „fremden Werk“ begleitet werden. Da muss Gott nicht strafen und nicht erziehen, muss weder richten noch verdammen. Und das ist ihm selbst so am liebsten, wie es auch uns am liebsten sein sollte. Wir bitten also sehr bewusst: „dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“. Und das ist keine Kritik an dem, was Gott auf Erden tut. Wir akzeptieren ja seinen Willen als Gesamtpaket – einschließlich all dessen, was wir nicht verstehen! Aber eine Kritik an uns selbst und eine Sehnsucht ist in der Bitte durchaus enthalten. Denn unsere irdische Weise, Gott immer nur unwillig und mit geteiltem Herzen zu folgen und seinem Willen nur unter schmerzhaften Reibungen zu gehorchen, ist höchstens die zweitbeste Weise, mit ihm Gemeinschaft zu haben. Lieber wär’s ihm, wenn der Mensch seinem Wort ganz ungezwungen folgte, wenn er in Gott einen Freund fände und das Gute auch nicht um eines Lohnes willen, sondern aus Begeisterung für das Gute täte. Das könnte so viel schöner sein! Und nur weil wir diesen Weg nicht gehen, muss Gott zum Schutz alles Guten uns Sündern hart entgegentreten. Es wäre ihm lieber, es gäbe da keinen Widerstand, den er brechen muss. Wenn er aber da ist, wird er‘s tun. Es wäre ihm lieber, es gäbe kein Unrecht. Wenn‘s aber Unrecht gibt, so soll auch die Strafe nicht ausbleiben. Es wäre Gott lieber, die Menschen ließen ab von Hass und Neid und Gier. Wenn sie aber nicht davon lassen wollen, sollen sie auch sehen und fühlen, was sie damit anrichten. Schauen wir also mit Schrecken in die Zeitung und in die Welt um uns herum, so steht außer Frage, dass da überall Gottes Wille geschieht! Aber es ist eben zumeist nicht Gottes eigentlicher Wille und Herzenswunsch, sondern es ist nur Gottes Wille „zweiter Ordnung“, der bedingt ist durch unsere eigene Verkehrtheit. Dieser Wille ist so gerecht, wie es gerecht ist, dass Gott jedem widersteht, der ihn herausfordert! Ja, wo wir‘s absolut nicht anders haben wollen, lässt er uns auch an unserer Bosheit zugrunde gehen! Doch Gott tut das nicht etwa gern, sondern nur mit blutendem Herzen. Und viel lieber wär’s ihm, wenn sein Wille auch auf Erden so geschähe, wie er jetzt schon im Himmel geschieht. Dort muss Gott das Gute nicht erst schmerzhaft durchsetzen. Sondern dort wollen die Engel von vornherein das Gleiche, was Gott will. Die Engel sündigen nicht, sie zanken, nicht sie spielen sich nicht auf – und leben darum in Frieden. Sie wollen von ganzen Herzen das Gute, so wie Gott selbst es will. Sie leben in der Freude derer, die sich mit Gott einig wissen und eben darum nichts und niemanden fürchten müssen. Dass es aber bei uns auf Erden und bei jedem Einzelnen auch bald so zugehen möge, wie jetzt schon dort im Himmel – das ist der Sinn jener Bitte im Vaterunser. Wir bitten nicht „dein Wille geschehe“, weil Gott vorläufig nur den Himmel regierte. Nein! Gottes Wille geschieht auch auf der Erde. Doch bitten wir, dass Gottes Wille auch hier auf Erden in der milden und heilvollen Weise geschehen möge, wie er derzeit im Himmel geschieht. Denn noch zwingt die menschliche Bosheit unseren Gott, gegen seinen eigentlichen Willen hart zu sein. Noch sträubt sich die Erde und beugt sich der Hand ihres Schöpfers nur unter unwilligem Knirschen und unter großen Schmerzen. Wenn aber Gottes Reich anbricht, wird da zwischen Himmel und Erde kein Unterschied mehr sein. Denn dann werden alle Geschöpfe ihren Eigenwillen in Gottes Willen aufgehen lassen, und es wird Friede einkehren, weil nichts mehr ist, das nicht sein sollte. Dass wir aber alle miteinander diesen Moment erleben, wo das Gebet Christi dann in Gottes Reich seine volle Erhörung findet – das schenke uns der barmherzige Gott.