Engel

 

Das nizänische Glaubensbekenntnis spricht von Gott als dem Allmächtigen, der alles geschaffen hat, nämlich Himmel und Erde, „die sichtbare und die unsichtbare Welt“. Wenn aber jemand fragt, was den eigentlich die „unsichtbaren Welt“ sei, herrscht Ratlosigkeit, bis man schließlich darauf kommt, dass damit die Engel gemeint sind. Denn die sind, obwohl sie den Himmel bevölkern, doch keineswegs göttlicher, sondern geschaffener Natur (Kol 1,15-16; Ps. 104,4). Und sie sind – so lang es ihr Auftrag nicht erfordert – für das menschliche Auge unsichtbar. Gemessen an ihrer Kraft und Einsicht stehen sie über dem Menschen, stehen aber weit unter Christus (Hebr 1,5). Und nach Christi eigener Aussage gibt es sie in gewaltiger Zahl (Mt 26,53; vgl. auch Offb 5,11). Die Engel stehen jenseits der Geschlechterdifferenz (Mt 22,30). Und wenn sie nicht ganz ohne Leib sind, so ist es jedenfalls ein „feinstofflicher“ Leib, der sich vom menschlichen Körper sehr unterscheidet. Sofern die Engel nicht durch Ungehorsam zu „gefallenen Engeln“ wurden, leben sie ewig (Lk 20,36). Sie sind aber nicht etwa alle gleich, sondern wie die Benennung der „Erzengel“, „Engelfürsten“, „Serafim“, „Cherubim“, „Throne“ und „Herrschaften“ zeigt, gibt es da Hierarchien und Rangunterschiede (Kol 1,15-16). Engel verfügen über große Kraft (Ri 6,21; Apg 5,19). Sie sind auch oft bewaffnet (4. Mose 22,23; 1. Mose 3,24). Und je nach dem, wie es die Situation erfordert, können sie für den Menschen sichtbar oder unsichtbar sein (4.Mose 22,23; 4.Mose 22,31). Es ist nicht so, dass sie immer Flügel haben müssten (Hebr 13,2), obwohl sie Flügel haben können (Jes 6,2). Und sie eindeutig zu erkennen, wird dadurch erschwert, dass Satan die Gestalt eines Engels zu imitieren vermag (2.Kor 11,14). Von niedlich-kleinen Engeln mit pausbäckigen Kindergesichtern ist in der Bibel aber nirgends die Rede, sondern dort, wo Engel auftauchen, ist ihre Erscheinung so übermächtig, dass sie die zutiefst erschrockenen Menschen erst einmal mit einem Friedensgruß beruhigen und sie von ihrer guten Absicht überzeugen müssen. Daniel etwa verliert in der Begegnung all seine Kraft und die Farbe aus dem Gesicht, er sinkt ohnmächtig zu Boden, zittert am ganzen Leib, bekommt keine Luft mehr und muss mehrfach gestärkt, berührt, beruhigt und ermutigt werden, bevor er den Mitteilungen des Engels überhaupt folgen kann (Dan 10,7-19). Dass die Engel ansonsten aber ganz hinter ihren Botschaften und Aufträgen zurücktreten, ist sachgemäß. Denn mehr als Gesandte und „dienstbare Geister“ sollen und wollen sie nicht sein. Das deutsche Wort „Engel“ ist vom griechischen Begriff „angelos“ abgeleitet. Und der meint nichts weiter als nur den beauftragten Boten und das „ausführende Organ“ eines Herrn. Ein Engel entscheidet also nichts „von sich aus“. Seine Tat ist immer Gottes Tat. Seine Botschaft ist immer Gottes Botschaft. Und der Engel selbst steht nie im Mittelpunkt. Warum gibt es dann aber Engel? Und was ist ihr Geschäft? Ihre erste und edelste Aufgabe ist es, im Himmel ohne Unterlass Gott zu loben, ihn zu preisen und vor Gottes Thron seine Heiligkeit zu besingen (Jes. 6,3; Ps 148,2). Ansonsten zeigt aber Jakobs Traum von der Himmelsleiter, dass die Engel zwischen Himmel und Erde unterwegs sind. Sie verbinden beide Welten, um Gottes Befehle auszurichten und seine Botschaften zu übermitteln (1. Mose 28,12; Ps 103,20; Mt 1,20). Und sie wachen insbesondere über die Gläubigen, die sie begleiten und behüten und denen sie in der Funktion von Schutzengeln beistehen (Hebr 1,14; Ps 91,11; Mt 18,10; 2. Mose 23,20; Dan 6,23; Ps 34,8). Wenn sich beim Tod eines Gläubigen Leib und Seele trennen, tragen die Engel seine Seele ins ewige Leben (Luk 16,22). Sie übernehmen es aber auch, die Verworfenen ihrer höllischen Strafe zuzuführen (Mt 13,49-50) und sind ganz allgemein Vollzugsorgane göttlicher Gerichte und Strafen (1. Mose 19,1ff.; 2. Sam 24,16; Apg 12,23). Die Engel führen einen für die Menschen nicht wahrnehmbaren Kampf gegen die Mächte der Finsternis und die Feinde des Gottesvolkes (Dan 10,13.20; 1. Mose 32,2-3; 2. Kön 6,15-17; Jos 5,13-15). Zugleich freuen sie sich aber über jeden Sünder, der Buße tut (Lk 15,10), ersehnen die Erfüllung der göttlichen Ratschlüsse (1. Petr 1,12) und können für Gottes Volk Fürsprache halten (Sach 1,12-13). Insbesondere das Wirken Jesu wird von den Engeln aufmerksam begleitet. Denn sie verkündigen nicht nur seine Empfängnis (Lk 1,31) und seine Geburt (Lk 2,9-11), sondern veranlassen auch rechtzeitig die Flucht nach Ägypten (Mt 2,13) Sie dienen Jesus in der Wüste (Mt 4,11), stärken ihn im Garten Gethsemane (Lk 22,43) und stehen ihm jederzeit in großer Zahl zur Verfügung (Mt 26,53). Engel erscheinen an Jesu leerem Grab (Mt 28,2). Sie deuten den Jüngern seine Himmelfahrt (Apg 1,10). Sie stehen später auch den Aposteln bei (Apg 5,19; 8,26; 10,3; 12,7; 27,23). Und nicht zuletzt werden sie Christus begleiten, wenn er wiederkommt, um zu richten die Lebenden und die Toten (Mt 25,31). Doch sind diese guten Engel natürlich strikt zu unterscheiden von den „gefallenen Engeln“, die dem Satan in seinem Aufbegehren gegen Gott gefolgt sind, und darum besser als „Dämonen“ bezeichnet werden. Wie die Menschen sind auch diese gefallenen Engel keineswegs böse geschaffen, sondern auch sie wurden von Gott dazu geschaffen, in aller Freiheit beim Guten zu verharren. Wie aber mit Adam die gesamte Menschheit in Sünde fiel, so tat es auch Luzifer – und mit ihm ein Teil der Engel (2. Petr 2,4), die aus freien Stücken die Seite wechselten, so dass sie nun den himmlischen Heerscharen feindlich gegenüberstehen. Der Judasbrief bezeichnet sie als „die Engel, die ihren himmlischen Rang nicht bewahrten, sondern ihre Behausung verließen“ (Judas 6). Sie wurden aus dem Himmel verbannt. Und ihr Bemühen auf Erden ist nun dem Werk der guten Engel in jeder Hinsicht entgegengesetzt: Statt Gott zu loben, lästern sie ihn. Statt Gottes Befehlen zu folgen, suchen sie seinen Willen zu hindern. Und statt das Evangelium auszubreiten, bemühen sie sich, seinen Lauf aufzuhalten. Was immer Gott gut geschaffen hat, möchten sie ins Böse verkehren. Und mit besonderem Eifer stellen sie den Gläubigen nach, um möglichst viele Menschen in ihre eigene Verdammnis mit hineinzuziehen. Der Vollmacht Jesu haben sie aber nichts entgegenzusetzen, sondern müssen ihm gehorchen und ihm weichen (Matth 8,31; Lk 11,20). Von einer Erlösung der bösen Geister ist im Neuen Testament nirgends die Rede, sondern ganz im Gegenteil von dem „ewigen Feuer“, „das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln“ (Mt 25,41; vgl. auch Weish 2,24-25). Welches Ende sie nehmen, steht damit außer Frage. Doch bis sie im feurigen Pfuhl gelandet sind (Offb 20,10), bleiben sie durchaus gefährlich, so dass Paulus die Gläubigen vor ihnen warnt und sagt: „...wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit Mächtigen und Gewaltigen, nämlich mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen, mit den bösen Geistern unter dem Himmel“ (Eph 6,12). Wer meint, er habe als Christ nur sichtbare Feinde, ist demnach auf dem Holzweg. Und auch bezüglich der guten Engel müssen wir manche Vorstellung korrigieren. 

(1)

Zuerst ist der Volksglaube zu verabschieden, verstorbene Menschen würden in der jenseitigen Welt zu Engeln. Denn das beruht auf einem Missverständnis. Jesus sagt zwar, in der Auferstehung seien die Gläubigen „wie“ Engel (Mt 22,30). Er sagt aber nicht, sie würden „zu“ Engeln. Die seligen Menschen erfreuen sich durchaus der Gemeinschaft der Engel. Sie stehen ihnen hinsichtlich ihrer Lebendigkeit, Erkenntnis, Kraft und Vollkommenheit nicht nach. Wie die Engel sind sie auch frei von aller Furcht, Begierde und Not und loben Gott mit gleicher Hingabe. Doch bleiben Menschen auch im Himmel Menschen, und Engel bleiben Engel. Denn anders als wir, sind die Engel nie aus der Gemeinschaft Gottes herausgefallen – schon das unterscheidet uns. Und die Bibel sagt auch nirgends, dass Menschen aus dem Ewigen Leben heraus mit göttlichen Aufträgen wieder auf die Erde entsandt würden. Es ist daher Unfug, dem Enkelkind zu erzählen, die verstorbene Oma sei nun als Engel bei ihm und begleite auf Schritt und Tritt sein weiteres Leben.

(2)

Ebenso verkehrt ist es, die Engel zu einem Gegenstand religiösen Interesses oder religiöser Hingabe zu machen, wie das einerseits im Katholizismus und andererseits in der Esoterik geschieht. Schon weil die Engel nicht eigenmächtig handeln, sondern lediglich Befehle ausführen, ist es falsch, sie mit Anrufungen und Bitten zu behelligen. Sie tun nichts auf eigene Initiative. Und am allerwenigsten wollen diese Geschöpfe verehrt oder angebetet werden, als wenn sie Götter wären. Wer etwas zu klagen oder zu fragen, zu danken oder zu bitten hat, ist also bei den Engeln an der falschen Adresse – und sollte sich lieber an den wenden, auf den die Engel verweisen. Denn denen ist nichts peinlicher, als mit Gott oder Christus ungewollt in Konkurrenz zu treten (Offb 19,10; Offb 22,8-9)! Wenn die Esoterik aber gar keinen persönlichen Gott kennt und trotzdem von Engelmächten redet, ist das aus biblischer Sicht grober Unfug. Denn Engel sind nun mal Boten. Und Boten, die von niemandem gesandt werden und keinen Herrn haben, in dessen Namen sie handeln, haben weder Auftrag noch Vollmacht.

(3)

Der verbreitete Engelskitsch ist aber auch nicht besser und sollte mitsamt den barocken Putti und allen niedlichen Engelsfigürchen unsre Ablehnung finden. Denn jene kindlich-pausbäckigen Flügelfiguren sind den heidnischen Darstellungen des Liebesgottes Eros nachempfunden und schon deshalb ohne biblischen Bezug, weil pummelige Kinder im Nachthemd einen Kampfauftrag Gottes schwerlich erfüllen können. Wer wirklich davon ausgeht, dass er einen Schutzengel nötig hat, wünscht sich als persönlichen „Bodyguard“ kein lächelndes Kleinkind. Und so muss man annehmen, dass sich an den so beliebten Engelsfigürchen kein wirklicher Glaube festmacht, sondern nur ein diffuser und sentimentaler Aberglaube. 

(4)

Solcher Irreführung entgegenzutreten ist aber keine Frage des Geschmacks, sondern der schriftgemäßen Lehre und Seelsorge. Denn die Engel, deren Bild man so lächerlich verzerrt, sind in Wahrheit mächtige Streiter in unermüdlichem Dienst für das Volk Gottes. Und jenseits des Kitsches kann es großen Trost schenken, um ihre unsichtbare Gegenwart zu wissen. Denn die Kämpfe, die Christen in ihrem Leben zu bestehen haben, sind unübersichtlich. Und nicht immer scheint der Sieg der guten Seite wahrscheinlich. Oft meint man, auf verlorenem Posten zu stehen. Und dann ist es wichtig, daran zu denken, dass wir keineswegs das ganze Schlachtfeld überblicken und auch längst nicht alle Akteure sehen können, sondern immer nur jene, die menschlicher Natur sind. Gott schuf neben der sichtbaren auch eine unsichtbare Welt. Da sind viel mehr Mächte im Spiel als unser Auge sehen kann! Und nicht alle Trümpfe liegen schon auf dem Tisch. Gegen allen Augenschein gibt es da ein unsichtbares Heer guter Mächte, von dem wir umgeben sind (Ps 34,8; EG 65). Auf unserer Seite stehen viele Legionen unsichtbarer Wesen, die Gott mit großer Vollkommenheit, Kraft und Weisheit ausgestattet hat! Und wo wir nicht vermögen den Widerstand zu brechen, werden es die Engel tun. Denn Gottes Liebe ist durchaus streitbar, bewaffnet und entschlossen. Die Legionen seiner Engel können mit dem Schwert mindestens so gut umgehen wie mit der Harfe. Und wenn wir sie am nötigsten brauchen, werden sie da sein. Denn in den Engeln gewinnt Gottes Zuwendung Gestalt. Und ringen wir mit unseren Dämonen, sind auch die Engel nicht fern. So sind wir als Christen zwar schwach in dieser Welt, haben aber starke Verbündete, die unerkannt an unsrer Seite stehen. Und weil denen unser Schicksal keineswegs egal ist, dürfen wir mutig sein. Der Prophet Elisa wurde einmal bei Nacht von einem aramäischen Heer umzingelt, das ihm nach dem Leben trachtete. Und als sein Diener am Morgen die große Übermacht der Feinde sah, bekam er‘s mit der Angst. Elisa aber sprach zu ihm: „Fürchte dich nicht, denn derer sind mehr, die bei uns sind, als derer, die bei ihnen sind“ (2. Kön 6,16). Elisa bittet Gott, er möge dem Diener die Augen öffnen. Und plötzlich sieht der um Elia herum eine Unmenge feuriger Rosse und Wagen. Er sieht das unsichtbare Heer der himmlischen Mächte. Und dank dieser kampfbereiten Engel geht die Sache auch gut aus. Wir aber dürfen uns dessen trösten, dass jene Engel dem Volk Gottes auch heute noch zur Seite stehen. Und wo wir meinen, wir müssten resignieren, dürfen wir das ruhig bleiben lassen – in Erinnerung an jenen schönen Satz, der auch uns gilt: Fürchtet euch nicht, denn derer sind mehr, die bei uns sind, als derer, die bei ihnen sind!