Beten ist, wenn man's trotzdem tut

Beten ist, wenn man's trotzdem tut

Das Neue Testament fordert uns auf, ohne Unterlass zu beten, mit Geduld zu beten, mit Hingabe und Zuversicht (Lk 11,5-13; 18,1-8; 21,36; 1. Thess 5,17; Röm 12,12). Und offensichtlich sieht es ein großes Vorrecht darin, dass wir beten dürfen. Das Gebet soll uns ein Anliegen sein und eine Quelle der Kraft. Aber – wie das so ist – gerade das Beste, das wir haben, wird uns zum Problem. Denn obwohl es eigentlich ein Kennzeichen lebendigen Christ-Seins wäre, gern und fleißig zu beten, macht uns kaum etwas solche Schwierigkeiten wie gerade das Gebet. Viele haben ihre Not damit oder lassen‘s einfach bleiben. Denn dieses Unternehmen, mal eben mit Gott zu reden, wirkt irgendwie naiv und widersinnig. Es geht schon damit los, dass der Beter Gott anredet wie einen Menschen und dabei spricht wie zu seinesgleichen – obwohl Gott doch völlig anders ist und viel mehr, als wir uns vorstellen können. In Anbetracht dieses Unterschiedes scheint es absurd, einfach so das Wort an Gott zu richten, als wär’s ein Nachbar, mit dem wir auf Augenhöhe sind. Aber mal unterstellt, wir dürften das – was wollen wir ihm eigentlich mitteilen? Ist Gott nicht allwissend? Weiß er nicht, was wir zu sagen haben, noch bevor wir den Mund aufmachen? Es scheint lächerlich, dass wir ihn über etwas informieren sollten, da er doch alles Vergangene und Künftige längst kennt und weiß! Wenn wir ihm aber nichts mitteilen, sondern uns stattdessen aufs Bitten verlegen, wird es davon nicht besser. Denn wenn ich im Vergleich mit Gott doch ein Staubkorn bin und dumm wie ein Stein – wie kann ich mir da einbilden, ich könnte auf ihn einwirken, an ihn appellieren, ihn mit Bitten zu etwas überreden, ihn drängen und beeinflussen? Hat Gott in seiner Weisheit wohl meine Vorschläge nötig, um das Richtige zu tun? Weiß er nicht viel besser, was für mich und die Welt gut ist? Oder bilde ich mir ein, dass er seine Vorsehung nach meinen Ideen spontan ändern sollte? Wie könnte Gott je zum Objekt meiner Einwirkung werden, da er mir doch jederzeit als Subjekt gegenübersteht, dessen Wirkung ich selbst bin – samt meinem Gebet? Ein Kind kann seine Eltern unter Druck setzen, indem es quengelt und nervt. Aber ist das nicht eine absurde Idee, dass wir auf diese Weise bei Gott etwas erreichen sollten? Verrät es nicht schon, dass der Beter sich Gott allzu menschlich denkt? Man redet wie zu einer anderen Person – und es ist fast unmöglich, sich das Gegenüber ohne Gesicht zu denken. Wir können nicht zu einem „Du“ sprechen, ohne dass dabei menschenähnliche Bilder in uns aufsteigen. Und wenn wir die auch sofort als falsch erkennen, brauchen wir sie dann irgendwie doch, um „Du“ sagen zu können. Wir äußern tausend Wünsche. Dabei sollten wir viel wichtiger nehmen, dass Gottes, und nicht unser Wille geschieht! Wir erzählen ihm Dinge, die er längst weiß. Und wir unterstellen, dass unsre Stimme bei Gott Gewicht hätte, obwohl das bei einer Stimme unter Milliarden nicht sehr wahrscheinlich wirkt. Wir rufen Gott Stichworte zu, als ob er drauf gewartet hätte oder unseren Rat bräuchte. Und dann erwarten wir ernsthaft, dass der Allmächtige den langfristigen Plan seiner Vorsehung um unseretwillen korrigiert? Das klingt, als ob der Beter seine Rolle naiv überschätzte. Und wenn er dann betend sich selbst zuhört, fallen ihm noch hundert Einwände ein, die sein Gebet ins Stocken bringen. Ja, schlimmstenfalls steht der Mensch als Theologe neben sich und stört das eigene Gebet mit seinen kritischen Bedenken. Denn der Beter sucht Unmittelbarkeit zu Gott, der Theologe aber verharrt in reflexiver Distanz zum eigenen Tun. Und da geht dann bald gar nichts mehr und das Gebet bricht ab, obwohl es dem Christen so natürlich sein sollte wie das Atmen. Ärgerlich ist das – und ist zugleich ein Alarmsignal. Denn die gesamte Tradition versichert uns, dass lebendiger Glaube nicht ohne Gebet sein kann. Luther sagt: „Wer nicht betet noch Gott anruft in seiner Not, der hält ihn gewisslich nicht für einen Gott, gibt ihm auch nicht seine göttliche Ehre.“ Und Johann Arndt stimmt zu: „Ohne Gebet findet man Gott nicht; das Gebet ist ein solches Mittel, dadurch man Gott sucht und findet.“ Schleiermacher meint: „Fromm sein und Beten, das ist eigentlich ein und dasselbe.“ Und Fechner warnt: „Nimm das Gebet aus der Welt, und es ist, als hättest du das Band der Menschheit mit Gott zerrissen.“ Girgensohn bestätigt es: „Das Gebet ist ein völlig zutreffender Gradmesser für das religiöse Leben der Seele.“ Und Schlatter meint: „Da das Gebet derjenige Akt ist, durch den wir unser Wollen zu Gott wenden, besteht die Religion vor allem im Gebet.“ Zuletzt schlägt noch Joseph Zahn in dieselbe Kerbe und sagt: „So wenig es eine echte Religion gibt ohne die Gottesidee und ohne den Ewigkeitsgedanken, so wenig gibt es ein echtes religiöses Leben ohne Gebetsleben.“ Beteuerungen dieser Art finden sich ohne Zahl. Aber das Beten wird davon nicht leichter. Denn – haben wir nicht viele Gründe genannt, weshalb das Gebet einem nachdenklichen Menschen Probleme macht, warum es ihm unangemessen, naiv und anmaßend erscheint? Hilft es da irgendwie weiter, wenn man versichert, ein Christ müsse aber trotzdem beten – um jeden Preis? Weil viel auf dem Spiel steht, will ich noch einmal genauer betrachten, was einer tut, wenn er sein Herz vor Gott ausschüttet. Was will der Betende – und was bewegt ihn, Gott sein Elend und sein Glück, sein Bangen und sein Sehnen zu enthüllen? Am Anfang steht ein Impuls, der sehr vertraut, und noch gar nicht „religiös“ ist – nämlich das dringende Gefühl, dass wir mit einem inneren Erleben nicht allein bleiben möchten. Wir wollen etwas loswerden oder können uns selbst nicht helfen. Es drängt uns nach einem Gegenüber, um mitzuteilen oder Mitteilung zu empfangen. Wir wollen jedenfalls nicht bei uns selbst bleiben, sondern suchen Kontakt. Das „Ich“ sucht ein „Du“, um an dieser Adresse Negatives loszuwerden oder Positives zu empfangen, um mit Hilfe des anderen Gutes zu gewinnen oder Schlechtes zu verlieren, d.h. am Anfang steht derselbe Wunsch, der uns auch in die Welt und zu anderen Menschen treibt – nämlich der Wunsch nach einem gesteigerten Leben, das erfüllender ist und gelingender als das, was wir schon haben. Und der andere soll uns dazu verhelfen. Das „Ich“ sucht ein „Du“, um beim ihm Glück zu finden, Schutz oder Trost, Stärkung oder Vergebung, Rat oder Weisung, Lob oder Liebe. Und das Gebet ist eigentlich nur darin originell, dass sich der Beter mit diesem Bedürfnis an die Adresse Gottes wendet. Das Kind sucht die Mutterbrust und der Jäger die Beute, der Genießer sucht Unterhaltung und der Jüngling eine Geliebte. Der Beter aber sucht Gott, weil er begriffen hat, dass kein anderes „Du“ ihm geben kann, wonach er verlangt. Er sucht wahrhaft gelingendes Leben – und hat begriffen, dass er’s bei Seinesgleichen nicht finden wird. In seiner Wendung zu Gott ist der Beter damit originell und klüger als der Rest. Sonst tut er aber gar nichts Besonderes. Denn sein Antrieb ist durchaus eigennützig. Der Plan ist, sich Kräfte zu nutze zu machen, die weiter reichen als die eigenen. Betend will man Gott zum Mittel machen für den eigenen Zweck. Das ist überaus menschlich – und schon im Ansatz verkehrt! Aber in der Regel geht es weniger um Gott, als um das, was der Beter sich mit Gottes Hilfe zu verschaffen gedenkt. Und erst später wird dieses Ansinnen korrigiert, wenn wir durch die Begegnung mit Gott tiefere Einsicht gewinnen. Das Gebet ist „eine Anrede des Menschen an den Willen, den er über sich weiß“ (van der Leeuw). Und diese Anrede setzt als Gegenüber einen lebendigen und persönlichen Gott voraus, der auch zu hören vermag. Ein Gebet ist also etwas anderes als die plumpe Magie, die mit Zaubersprüchen unpersönliche Mächte zu beschwören oder zu bannen versucht. Es ist auch etwas anderes, als wenn ein Philosoph in wortloser Ergriffenheit sein abstraktes „höchstes Gut“ verehrt. Denn ein Beter wendet sich an kein „Ding“ und an keine „Macht“, sondern an ein Subjekt, das angeredet werden kann. Er unterstellt, dass der Schöpfer aller Personen selbst jedenfalls nicht weniger ist als eine „Person“. Gott mag viel „mehr“ sein als nur „Person“, er ist aber gewiss keine abstrakte Größe und kein Ding. Der Beter denkt sich Gott derart, dass er mit sich reden lässt und selbst auch nicht stumm bleibt. Er denkt sich Gott als gegenwärtig, hörfähig und handlungsfähig. Und betend nimmt er sich selbst wichtig genug, um Gott „anzuquatschen“ und mit seinen menschlichen Bedürfnissen zu behelligen. Er weiß natürlich um Gottes Überlegenheit, unterstellt sonst aber, dass er im Prinzip so denkt, redet und fühlt wie der Beter selbst. Das ist nicht besonders reflektiert. Aber es muss den Beter nicht hindern. Denn schließlich drängt ihn irgendein Anliegen – sei es nun Klage, Bitte, Lob oder Dank. Betend öffnet er sein Herz und traut Gottes Freundlichkeit wenigstens so weit, dass er sich ihm zu öffnen wagt. Der Beter glaubt nicht bloß, dass Gott da ist, sondern auch, dass man mit ihm in Kontakt treten und sich mit ihm austauschen kann. Daher beschreibt man das Gebet zutreffend als „lebendigen Verkehr des Frommen mit dem persönlich gedachten und als gegenwärtig erlebten Gott“ (F. Heiler). Und dieses Gebet steht in Parallele zu den sozialen Beziehungen des Menschen, denn „Beten heißt mit Gott reden und verkehren, wie der Schutzflehende mit dem Richter, wie der Diener mit dem Herrn, wie das Kind mit dem Vater, wie die Braut mit dem Bräutigam“ (F. Heiler). Insofern ist das Gebet wirklich die Nagelprobe, ob einer die Denkvoraussetzungen des Glaubens ernst genug nimmt, um nicht nur „über“ Gott zu reden, sondern „mit“ ihm. Was ist aber die Rechtsgrundlage des Gebets, wenn wir doch vorhin so viel Probleme sahen? Haben wir unsere vernünftigen Einwände einfach bei Seite gewischt? Nein. Aber die Rechtsgrundlage des Gebets ist auch gar nicht, dass es vom Menschen her „möglich“ erscheint, sondern dass Gott es fordert. Und wenn einer fragt, wie ich wagen kann mit Gott zu reden, muss ich antworten: „Der hat angefangen!“ Denn tatsächlich ist es Gott, der sich mit seinem biblischen Wort zuerst an den Menschen wendet, und dessen Wort dann von uns eine Antwort verlangt. Auf Gottes Anrede nicht zu reagieren, wäre an sich schon unhöflich! Doch wird uns das Gebet in der Bibel so ausdrücklich nahegelegt und aufgetragen, dass wir sozusagen „auf Gottes Verantwortung“ den Mund aufmachen. Es bleibt dabei, dass unser armer Verstand das Gegenüber des Gebets in allzu menschliche Bilder kleidet. Das müssen wir uns bewusst halten – und dürfen das Beten doch nicht unterlassen. Es bleibt eine seltsame Vorstellung, dass wir mit unseren Bitten auf Gottes Vorsehung „einwirken“ könnten. Und doch macht Jesus weitreichende Zusagen der Erhörung. Es bleibt dabei, dass die Stimme eines Sünders vor Gott eigentlich kein Gewicht hat. Aber unter der Gnade ist nichts unmöglich. Menschliches Gerede ist der Wirklichkeit Gottes garantiert nicht angemessen. Aber auch ein lallendes Kleinkind darf damit rechnen, dass sich die Eltern aus seinem Gebrabbel das Richtige zusammenreimen. Gott weiß alles im Voraus und improvisiert bestimmt nicht auf die Stichworte hin, die ich ihm zurufe. Er will aber trotzdem von mir und meinen Nöten hören. Eigentlich sollte ein Christ gar nichts anderes begehren als nur Gott selbst. Aber den Rest darf man ihm auch sagen. Denn er hat ja angefangen – Gott hat dieses Gespräch angefangen. Und wir können uns nicht entziehen! Von uns aus gesehen ist es völlig unmöglich, mit Gott zu reden. Aber ist es ihm deswegen unmöglich zuzuhören? Gewiss werden wir alles, was wir vorbringen, nach Form und Inhalt falsch ausdrücken. Aber muss das Gott hindern, uns richtig zu verstehen? Und wenn er den Menschen doch genau dazu schuf, sein Gesprächspartner zu sein – wird er‘s uns verdenken, wenn wir auf unbeholfene Weise versuchen genau das zu sein? Wir kennen all die klugen Einwände gegen das Gebet. Und wo es nach unserem Verstand ginge, würden wir wohl den Mund halten! Aber wenn es der Vater doch erlaubt und sogar verlangt, wenn dem Kind etwas auf der Seele brennt, darf es dann nicht an der Vorzimmerdame vorbei ins Zimmer des Vaters huschen, eben weil es nun mal mit ihm reden muss – mag es der Vernunft gerade passen oder nicht? Beten ist, wenn man’s trotzdem tut. Denn Gott hat angefangen. Sein Wort ruft uns, und es wäre unverschämt, nicht zu reagieren. Ob es aber den theologischen und rationalistischen Bedenkenträgern angemessen scheint, lassen wir Gottes Sorge sein. Denn wer weiß mehr über die Möglichkeiten und Grenzen der Kommunikation mit Gott als Gott selbst? Er aber will gesprächsweise mit den Gläubigen verkehren. Er will Kontakt halten. Er will nicht, dass wir ratlos verstummen. Und so dürfen wir ihm zutrauen, dass er selbst für gelingende Verständigung sorgt. Denn wenn wir nicht wissen, wie wir beten sollen, ist uns versprochen, dass der Heilige Geist uns mit seinem Seufzen vertritt (Röm 8,26-27). Und das ist der eigentliche Grund, weshalb wir zu beten wagen – dass Gott nämlich nicht nur der Empfänger der Botschaft ist (auf seiner Seite), sondern zugleich der Sender der Botschaft (auf unserer Seite). Paul Tillich sagt es überdeutlich: „Es ist Gott selbst, der durch uns betet, wenn wir zu ihm beten.“ Und an einer anderen Stelle: „Der, der durch uns spricht, ist der, zu dem wir sprechen.“ Folglich erheben nicht wir uns kontemplativ zu Gott, was eine Unverschämtheit wäre, sondern Gottes eigener Geist trägt Gott vor, was im Menschen vor sich geht. Das Gebet ist gar nicht unser Tun, sondern Gottes Tun in uns. Es entspricht völlig dem Glauben, zu dem wir ja von uns aus auch nicht „fähig“ sind. Und in Anbetracht dessen muss uns das eigene Unvermögen nicht länger hindern. Denn Gott ist ja selbst schuld, wenn er aus unserem Mund viel Unsinn hört. Er hat uns aufgetragen, dass wir mit ihm reden sollen! Seltsamerweise nimmt er wichtig, was uns durch den Kopf geht! Vielleicht soll das Gebet unseren Herzen ein Ventil verschaffen! Vielleicht war es auch unvorsichtig, dass Gott uns zum Gebet ermuntert hat: Das hat er jetzt davon, dass er viel Gerede ertragen muss! Wir aber dürfen auf seine Weisung hin beten ohne Unterlass. Denn Gottes Wort will kein Monolog sein. Er wartet auf unsere Antwort. Sollten wir sonst nichts erreichen, erreichen wir doch ihn! Und so bleibe ich denn gern bei meiner These: Beten ist, wenn man’s trotzdem tut.

 

 

 

Bild am Seitenanfang: Praying Hands

Peter Paul Rubens, Public domain, via Wikimedia Commons