Erg. 22 • Rationale Moral

Ist das Gute ein Gebot der Vernunft?

 

Wenn Kinder sich schlecht benehmen, herumlärmen und streiten, dann rufen Erwachsene manchmal: „Kinder, nun seid endlich vernünftig!“. Und jeder versteht, wie das gemeint ist. Die Kinder sollen sich mäßigen und sollen nicht zanken. Aber hat das geforderte Verhalten wirklich etwas mit „Vernunft“ zu tun? „Vernünftig“ sein und „zur Vernunft kommen“ heißt doch wohl seinen Verstand gebrauchen und gründlich nachdenken, bevor man handelt. Ob solches Nachdenken aber zwangsläufig zum gewünschten „guten“ Verhalten führt – das ist eine offene Frage.

Immerhin: Viele große Denker haben behauptet, es gebe einen Zusammenhang von Vernunft und Moral. Sie waren der Meinung, dass der Mensch, wenn er seinen Verstand nur konsequent genug betätigt, zur Erkenntnis des Guten gelangen muss, und dass er, wenn er den Wert des Guten erst einmal erkannt hat, auch in Übereinstimmung mit dem Guten handeln wird. Oder anders gesagt: Wer gründlich nachdenkt, wird weise. Und wer weise ist, erwirbt auch Tugend. Denn er erkennt, dass das Böse zerstörerisch ist, widersinnig und darum „unvernünftig“.

Folgt man dieser Argumentation, so gehen Vernunft und Moralität Hand in Hand. Man darf dann erwarten, dass wachsende Einsicht uns ganz von selbst zu besseren Menschen macht. Und (was als besonderer Vorteil gilt!) man muss den Menschen dabei keiner anderen Autorität unterstellen als nur der Autorität seiner eigenen Vernunft. Das Gute wird ihm nicht von irgendwem „vorgeschrieben“. Die Leitlinien seines Handelns sind nicht „fremdbestimmt“. Sondern der Mensch findet sie in sich selbst als Bestandteil seiner rationalen Natur: Es ist schließlich einzusehen, dass menschliches Leben nicht gedeihen kann, wenn Willkür und Faustrecht herrschen. Jedem denkenden Menschen muss einleuchten, dass er die Rechte, die er selbst fordert, auch anderen zugestehen muss. Es liegt auf der Hand, dass unsere Kinder nur dann eine Zukunft haben, wenn wir mit den vorhandenen Ressourcen verantwortlich umgehen. Wenn also ein Mensch das menschliche Leben bejaht – sagen die Freunde der Vernunft –, so wird er auch die sozialen Ordnungen bejahen, ohne die es sich nicht entfalten kann. Und er wird dann auch nur den Maximen folgen, von denen er wollen kann, dass sie allgemeine Geltung erlangen:

„Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg‘ auch keinem andern zu.“ Das klingt überaus vernünftig. Und es ist darum ein beliebtes Denk- und Erziehungsmodell. Es verankert die ethischen Grundsätze nicht im Willen Gottes, sondern in der rationalen Grundstruktur des Menschen. Und es scheint dadurch geeignet, böse Menschen nicht nur eines moralischen, sondern zugleich eines logischen Fehlers zu überführen. Vernunft und Moral schließen eine schöne und höchst nützliche Allianz.

Nur leider hat die Sache einen Haken. Bei näherer Betrachtung entstehen nämlich Zweifel, ob das Fundament der Vernunft wirklich das Gebäude tragen kann, das auf ihm errichtet werden soll. Denn wenn sich moralisches Wollen der Vernunft bedient, heißt das ja noch nicht, dass die Vernunft aus sich selbst heraus Moral hervorbringen könnte. Der Zusammenhang ist nicht so zwingend, wie es scheint. Vielmehr: Wer die oben genannten Argumente prüft, stellt fest, dass sie nur den überzeugen, der den guten Willen bereits mitbringt.

Sie greifen nur, wenn jemand das menschliche Leben als solches bejaht. Sie setzen ein Verantwortungsgefühl voraus, an das mit vernünftigen Gründen appelliert werden kann. Bringt ein Mensch aber weder guten Willen noch Verantwortungsgefühl mit, so richtet die Vernunft allein gar nichts aus. Schließlich: Wenn einer nur sich selbst liebt und sich selbst bejaht, welche „vernünftigen“ Argumente sollten ihn dann davon abbringen? Kann man ihm etwa beweisen, dass Egoismus unlogisch sei? Weigert sich sein Verstand etwa, unmoralisch zu denken oder zu unmoralischen Zwecken genutzt zu werden?

Kaum! Man kann solch einem Menschen beweisen, dass sein Verhalten der Gesellschaft schadet, dass er künftige Generationen um ihre Chancen betrügt und dass er die Strukturen zerstört, aus denen er selbst hervorgegangen ist. Doch wenn ihm das alles egal ist – mit welcher Logik will man ihn dann zwingen, die Interessen anderer Menschen wichtig zu finden? Man kann ihm seinen schlechten Charakter vorwerfen, ein „fehlerhaftes“ Denken aber nicht. Seine Haltung mag „unmoralisch“ sein. Aber „unvernünftig“ im Sinne von „irrational“ ist sie nicht. Denn in Wahrheit ist die Allianz von Vernunft und Moral ganz leicht zu lösen.

Ja: Die menschliche Vernunft ist konsequenter Bosheit gegenüber so ohnmächtig, dass sie es sich sogar gefallen lässt, von bösem Willen zu bösen Zwecken in Dienst genommen zu werden. Oder können wir die großen Schurkereien der Weltgeschichte etwa auf die intellektuellen Defizite der Täter zurückführen? Sind die Bösen immer dumm, und die Guten immer klug? Gehen die Tyrannen, Kriegstreiber, Intriganten und Ausbeuter dieser Welt etwa „unvernünftig“ ans Werk? Oder muss man nicht vielmehr erschrecken über die hohe Intelligenz und Cleverness, mit der viele Verbrechen ins Werk gesetzt werden?

Die Freunde der „Vernunft“ hören das natürlich nicht gern. Aber die „Vernunft“ ist leider auf beiden Seiten zuhause. Die „Vernunft“ hilft den Guten zum Guten und den Bösen zum Bösen. „Vernunft“ lässt sich für alles einspannen. Sie gibt sich für alles her. Jeder kann sich ihrer bedienen, wie er will. Und darum hat Martin Luther – drastisch aber treffend – von der „Hure Vernunft“ gesprochen.

Er wollte die Vernunft damit keineswegs beleidigen oder gering schätzen. Luther wusste durchaus, dass die Vernunft eine große und herrliche Gabe Gottes ist. Nur leider lässt sie sich bereitwillig von jedermann gebrauchen und missbrauchen. Sie ist käuflich. Und sie ist darum ungeeignet, das Fundament der Moral zu bilden.

Wir brauchen sie zwar als eine nachgeordnete Instanz, wenn wir nach dem Guten fragen. Sie hilft uns umzusetzen, was wir als richtig erkannt haben. Doch das moralisch Entscheidende, die Erkenntnis des Richtigen und Geforderten, die verdanken wir nicht unserer Vernunft, sondern dem Wort Gottes.