Erg. 8 • Gott Gott sein lassen

Vom Irrweg unserer Zeit

 

Jede Epoche der Menschheitsgeschichte hat ihre eigene Prägung. Jede hat ihr spezielles geistiges „Klima“, das vom Aufstieg oder vom Niedergang einer Idee, einer Kultur oder eines Lebensstils bestimmt wird. Im Rückblick kann man den Geschichtsbüchern entnehmen, was für eine bestimmte Zeit „charakteristisch“ war. Doch wie steht es mit unserer eigenen Zeit? Haben sie sich schon einmal gefragt, wie künftige Generationen unsere „Epoche“ beschreiben werden? Wissen kann man das natürlich nicht. Aber ich vermute, man wird von einer Zeit sprechen, in der der Mensch ohne Gott auszukommen versuchte, ihn aus dem Bewusstsein verdrängte und (um die entstehende Lücke auszufüllen) sich selbst an Gottes Stelle setzte.

Freilich: Die meisten Zeitgenossen würden dem nicht zustimmen. Denn der Vorgang ist ihnen nicht bewusst. Sie würden nie fordern, dass der Mensch Gottes Rolle übernehmen soll. Sie würden auch den Wunsch verneinen, Gott zu gleichen. Und doch zeigt die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, dass der „moderne Mensch“ sich Eigenschaften und Funktionen aneignet, die früher nur Gott zugeschrieben wurden. Gehen wir einmal einige dieser Eigenschaften durch:

• Die Menschen früherer Epochen waren auf einen relativ engen Lebensraum beschränkt, denn das Reisen war beschwerlich. Nur Gott konnte überall zugleich sein. Doch heute kann jeder in wenigen Stunden von Stockholm nach Kapstadt fliegen, kann mit seiner Tante in Rio telefonieren, kann dabei eine E-Mail aus Moskau empfangen und nebenher eine Livesendung aus Peking verfolgen. Zumindest „virtuell“ kann der Mensch an mehreren Orten zugleich sein – und nähert sich damit dem Zustand der Allgegenwart, der früher Gott vorbehalten war.

• Ähnlich verhält es sich mit der Allwissenheit Gottes. Denn die Wissenschaft verdoppelt das Wissen der Menschheit in immer kürzeren Abständen. Und manche Forscher erwecken den Eindruck, es sei nur noch eine Frage der Zeit, bis sie der Natur die letzten Geheimnisse entlockt haben. Wird Allwissenheit dann kein Attribut Gottes mehr sein? Schon heute kann sich jeder, der mit dem Internet umgeht, (potentiell) allwissend fühlen, weil er in Sekundenschnelle am Gesamtwissen der Menschheit teilhat.

• Weiß der Mensch aber erst einmal, was die Welt zusammenhält, wird ihm dann Gottes Ewigkeit noch verwehrt bleiben? Sollte er, wenn er erst einmal den Bauplan des Lebens kennt, nicht auch den Tod austricksen können? Medizin und Gentechnik arbeiten hart daran, menschliches Leben immer weiter zu verlängern, es durch Klonen zu „reproduzieren“ und es durch Eingriffe ins Erbmaterial zu „optimieren“. Was aber heißt das anderes, als dass der Mensch sein eigener Schöpfer zu werden versucht? Ist der Mensch dann (fast) ewig, (fast) allwissend und (fast) allgegenwärtig, so wird er versuchen auch die Grenzen seiner Macht immer weiter hinauszuschieben, um eines Tages allmächtig zu sein.

• Die einzige moralische Instanz, die den menschlichen Machtphantasien dann noch Einhalt gebieten könnte, wäre Gottes Wille und Gebot. Doch der moderne Mensch hat vorsorglich auch die Funktion des Gesetzgebers an sich gezogen und alles Recht zur „Konvention“ erklärt. Es soll ihm nicht mehr von höherer Instanz vorgegeben sein, sondern der Mensch selbst will in freier Übereinkunft darüber befinden, was als „gut“ und was als „böse“ zu gelten hat. Er macht sich damit zum Gesetzgeber und Richter in eigener Sache.

Das Anmaßende daran empfindet er nicht einmal. Denn was bleibt anderes übrig, wenn sich ein ganzes Zeitalter konsequent von religiösen Bindungen „emanzipiert“? Die Moderne möchte ohne Gott auskommen. Sie verdrängt ihn aus ihrem Bewusstsein. Und das heißt: Sie muss Gott ersetzen können. Wer aber Gott ersetzen will, der muss Gott ähnlich werden – ob er will oder nicht!

Wenn der Mensch keinen Schöpfer mehr kennt, muss er versuchen selbst der Schöpfer eines neuen und besseren Menschen zu werden. Gibt es keine göttliche Vorsehung mehr, so muss der Mensch selber Schicksal spielen. Hat das menschliche Leben keine gottgegebene Bestimmung mehr, so muss der Mensch ihm auf eigene Faust Sinn verleihen. Und will der Mensch sich der Autorität Gottes nicht mehr beugen, so muss er selbst festlegen, was als „gut“ oder „böse“ gelten soll. Wo es keine himmlische Gerechtigkeit gibt, muss der Mensch das jüngste Gericht auf Erden vorwegnehmen. Und wo Gott nicht Erlöser sein soll, da muss der Mensch sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen.

Natürlich kann er das nicht. Das Ganze ist kollektiver Wahnsinn. Aber dieser Wahnsinn hat Methode. Und er hat eine unausweichliche Logik. Denn was bleibt dem modernen Menschen anderes übrig, nachdem er Gott verdrängt und verloren hat? Das Vakuum, das durch die Abschaffung Gottes entstanden ist, muss ausgefüllt werden. Der Mensch versucht die Rolle zu spielen, aus der er den himmlischen Vater vertrieben hat, denn sonst müsste er zugeben, dass er den Mund zu voll nahm, als er sich für unabhängig erklärte. Der Mensch hat sich von Gott emanzipiert. Und Gott schaut nun zu, wie die Freiheit dem Menschen bekommt.

Denn mehr als zuschauen muss er nicht. Die Menschheit, die sich derzeit noch an ihrem Fortschritt berauscht, hat sich selbst überfordert. Und sie wird bald auf schmerzhafte Weise lernen, dass es so ist. Wenn wir das aber voraussehen – was können wir dann tun? Nun: Die Menschen werden irgendwann merken, dass sie sich überhoben haben. Und wenn es so weit ist, und Ernüchterung sich breit macht, dann brauchen sie Alternativen. Das einzige echte Alternativprogramm zur Anmaßung ist aber der Glaube. Denn allein dem Glauben gelingt es, Gott Gott sein zu lassen.

Das klingt nun ganz unspektakulär. Es klingt gar nicht nach „Programm“. Und doch: Gott Gott sein zu lassen – das erfordert heute eine bewusste Entscheidung. Es bedeutet, den Unterschied zwischen Gott und der eigenen Person nicht nur zu sehen, sondern ihn auch ehrlichen Herzens zu bejahen. Und das ist keineswegs leicht, denn es heißt, die eigene Begrenztheit, Fehlbarkeit, Abhängigkeit und Bedürftigkeit zu bejahen.

Das fällt uns sehr schwer. Denn das Merkmal des modernen Menschen ist ja gerade, dass er verzweifelt etwas anderes sein will als bloß ein endliches Geschöpf. „Der moderne Mensch will die höhere Gewalt nicht erleiden, sondern sein“, sagt der Philosoph Sloterdijk. Ist das aber das Kennzeichen unserer Zeit, so besteht Glaube darin, bewusst unzeitgemäß zu denken, sich selbst von der „höheren Gewalt“ klar zu unterscheiden – und diesen Unterschied auch kein bisschen zu beklagen. Denn welchen Sinn hat es, mit Gott zu hadern, weil er mich nicht größer, besser, langlebiger, klüger und mächtiger gemacht hat als ich bin? Bemühe ich mich verzweifelt, über das mir zugemessene Maß hinauszuwachsen, so verlerne ich darüber nur das Danken und entzweie mich mit meinem Schöpfer.

Der Glaube aber weist den entgegengesetzten Weg. Er gibt Gott die Ehre und bleibt gerade dadurch mit ihm eins, dass er sich unablässig von Gott unterscheidet. Er bejaht die Distanz, die Gott zwischen sich und mich gelegt hat. Und er gewinnt gerade dadurch die größtmögliche Nähe zu dem, der diese Distanz geschaffen hat. Der Geist der Moderne will das nicht ertragen. Er kann sich nicht bescheiden. Er ruft, "Wenn es Götter gäbe, wie hielte ich's aus, kein Gott zu sein!" (F. Nietzsche). Der Glaube dagegen lehrt den Menschen Mensch zu bleiben, indem er Gott Gott sein lässt. Er will Gott nicht ähneln, sondern will ihm entsprechen. Und er kommt dort zum Ziel, wo der Mensch nicht mehr und nicht weniger sein möchte, als was Gott aus ihm macht. Man kann das wohl nicht treffender zusammenfassen, als es Gerhard Tersteegen in einem Gebet getan hat:

„Lehre mich, o Herr, in aller Gelassenheit und kindlicher Abhängigkeit von dir leben, dass ich mit demütigem Dank empfange das, was du gibst; aber nicht ergreifen, nicht verlangen, nicht behalten wolle, was du nicht gibst oder mich behalten lässest. Oh, dass ich in deiner göttlichen Hand sein möchte wie ein weiches Wachs, das sich beugen lässt in alle nur beliebige Formen und keine andere als nur diejenige Gestalt annimmt, die sein Meister ihm gibt! Ich will so sein, wie du mich machst, und nicht anders; und ich will wohl entbehren, was du entweder nicht gibst, oder was du, nachdem du es gegeben hast, wieder wegnimmst: um nur zu ruhen in dir selbst und in deinem heiligen Wohlgefallen.“