51 • Gottes Wille

Geschieht er nach dem Sündenfall nicht mehr?              Dieser Text als Video 

 

Die dritte Bitte des Vaterunsers lautet: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Bei näherer Betrachtung kann man diesen Wunsch aber durchaus seltsam finden. Denn er scheint ja zu unterstellen, dass Gottes Wille bisher nicht geschieht. Geschähe er, so bräuchten wir nicht darum zu bitten. Bitten wir darum, so geschieht er offenbar nicht. Nur: Wenn nicht Gottes Wille geschieht – was geschieht denn dann? Der Wille des Teufels etwa? Oder der Wille der Menschen? Man gerät zwangsläufig in Verwirrung. Denn die Bibel lehrt ja an unzähligen Stellen, dass Gottes Wille unser Dasein bestimmt. Das Buch der Sprüche sagt: „In eines Mannes Herzen sind viele Pläne; aber zustande kommt der Ratschluss des HERRN.“ Und an anderer Stelle: „Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der HERR allein lenkt seinen Schritt.“ Damit scheint klar zu sein, dass wir dem Willen Gottes gar nicht entrinnen können. Wenn wir ihm aber nicht entrinnen, wieso müssen wir dann noch darum bitten, dass er geschehe?

Wollen wir nicht annehmen, Jesus habe in einer so zentralen Frage sich selbst und dem Rest der Bibel widersprochen, so müssen mit einem Wort zwei unterschiedliche Dinge gemeint sein. Der Wille, von dem wir erbitten, dass er geschehen möge, kann nicht der Wille sein, der sowieso geschieht. Und das heißt: Es muss zwei unterschiedliche Arten göttlichen Willens geben. Aber geht das überhaupt – eine Person und zwei Willen? Wer sich selbst beobachtet, merkt schnell, dass das durchaus vorkommt und sogar etwas sehr Normales ist!

Stellen Sie sich z.B. vor, dass jemand einen alten Hund hat, den er sehr liebt. Wenn nun dieser Hund unheilbar krank ist und einem qualvollen Tod entgegengeht – will der Besitzer dann, dass der Hund eingeschläfert wird? Eigentlich müssen wir sagen: Nein. Eigentlich will der Besitzer nicht den Tod des Hundes. Es wäre ihm lieber, er könnte leben. Weil der Hund aber unheilbar krank ist, willigt der Besitzer ein, ihn einschläfern zu lassen. Wie also: Will er nun den Tod des Hundes – oder will er ihn nicht? Will er ihn nicht – und veranlasst ihn doch? Offenkundig sind da zwei Arten von Wille im Spiel. Und niemand wird deswegen den Hundebesitzer für wunderlich halten. Denn oft wollen wir etwas auf die Weise, dass wir es keineswegs für „optimal“ oder „wünschenswert“ halten, es aber dennoch befürworten, weil es gegenüber einem noch größeren Übel das „kleinere Übel“ ist. Wir wollen es, ohne es wirklich zu wollen, denn es ist dies ein Wille „zweiter Ordnung“, der nicht aus tiefstem Herzen kommt, sondern durch die gegebenen Umstände bedingt ist. So etwas kennen wir alle. Und ich meine, es gibt das auch bei Gott.

Auch bei ihm muss man unterscheiden zwischen seinem eigentlichen Wille, der aus dem Herzen kommt, und dem göttlichen Willen „zweiter Ordnung“, der durch die Umstände bedingt ist. Denn Gottes eigentlicher, guter und gnädiger Wille wäre es, dass die Menschen seinem Wort folgten, in ihm einen Freund fänden und unter seinem Schutz in Frieden miteinander lebten. Das wäre Gott am liebsten. Unter der Bedingung aber, dass die Menschen diesen Weg nicht gehen und sich stattdessen dem Bösen zuwenden, kann Gott sie nicht einfach gewähren lassen, sondern muss ihnen zum Schutze seiner Schöpfung entgegentreten. Natürlich wäre es Gott lieber, es gäbe keine Sünde. Wenn es sie aber gibt, so muss sie den verdienten Lohn empfangen. Es wäre Gott lieber, es gäbe kein Unrecht. Wenn es aber Unrecht gibt, so soll der Fluch der bösen Tat den Täter treffen. Es wäre Gott lieber, die Menschen ließen ab von Hass und Neid und Gier. Wenn sie aber nicht davon ablassen, so sollen sie sehen und fühlen, was sie damit sich und anderen antun.

Schauen wir also mit Schrecken in die Zeitung, in die Welt und in unser eigenes Leben, so müssen wir nicht zweifeln, dass überall Gottes Wille geschieht. Aber – das ist entscheidend: Was da geschieht ist nicht Gottes eigentlicher, heilvoller Wille, sondern es ist Gottes Wille „zweiter Ordnung“, der bedingt ist durch unsere eigene Verkehrtheit. Denn natürlich will Gott nicht, dass ein Mensch dem anderen zur Plage sei. Die Liebe liegt seinem Wesen viel näher, als der Zorn. Wo aber der Mensch vom süßen Gift der Bosheit nicht ablässt, da muss Gott ihn spüren lassen, wohin dieser Weg führt. Wo wir Gott herausfordern, da muss er uns widerstehen. Und wo wir es absolut nicht anders haben wollen, lässt er uns auch an unserer Bosheit zugrunde gehen. Er tut das mit blutendem Herzen. Er tut es nicht gern. Aber wie ein Vater seinen Kindern nicht immer ersparen kann, dass sie die Folgen ihres Übermuts zu spüren bekommen, so kann uns auch Gott nicht immer vor uns selbst schützen. Wir sähen Hass und ernten Krieg. Wir steigen hoch hinauf und stürzen tief hinab. Wir bauen unser Haus auf Sand und die Fluten stoßen es um. Das ist normal und gerecht. Es ist das harte, allgegenwärtige Weltregiment Gottes, in dem rein gar nichts ohne seinen Willen geschieht. Und um die Durchsetzung dieses Willens müssen wir nicht bitten, weil ihm sowieso keiner entkommt.

Wenn uns Jesus aber beten lehrt: „Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden“, dann ist damit etwas anderes gemeint. Denn im Vaterunser geht es um den anderen, den eigentlichen, heilvollen Willen Gottes, der heute schon im Himmel geschieht. Dort muss Gott seinen Willen nicht erst schmerzhaft durchsetzen. Sondern dort wollen die Engel von vornherein das Gleiche, was Gott will. Die Engel sündigen nicht, sie zanken nicht, sie spielen sich nicht auf – und leben darum in Frieden. Sie wollen von ganzen Herzen das Gute, so wie Gott selbst es will. Sie leben in der Freude derer, die sich mit Gott einig wissen. Dass es aber bei uns auf Erden auch einmal so zugehen möge wie dort im Himmel – das ist der Sinn jener Bitte im Vaterunser. Wir bitten nicht „Dein Wille geschehe“, weil Gott derzeit nur den Himmel regierte. Nein: Gottes Wille geschieht auch auf der Erde. Doch bitten wir, dass Gottes Wille auch auf Erden in der milden und heilvollen Weise geschehen möge, wie er jetzt im Himmel geschieht. Denn noch zwingt die menschliche Bosheit Gott, gegen seinen eigentlichen Willen hart zu sein. Noch ist er der Mann, der seinen Hund einschläfern muss. Noch sträubt sich die Erde und beugt sich seiner Hand nur unter unwilligem Knirschen und unter großen Schmerzen. Wenn aber Gottes Reich anbricht, wird zwischen Himmel und Erde kein Unterschied mehr sein. Dann werden alle Geschöpfe ihren Eigenwillen in Gottes Willen einfließen lassen, wie einen Tropfen in den Ozean. Und dann wird Friede sein, weil das Gebet der Christenheit Erhörung fand…