Versuchungen und Prüfungen

 

Vor einiger Zeit gab es eine öffentliche Diskussion über das Vaterunser und die darin enthaltene Bitte „…führe uns nicht in Versuchung“. Denn Papst Franziskus hatte gesagt, Gott versuche niemanden und hätte auch gar kein Vergnügen daran, Menschen auf die Probe zu stellen. Vielleicht wollte Franziskus betonen, dass die Versuchung zunächst einmal nicht von Gott ausgeht, sondern vom Bösen (was zweifellos stimmt). Doch ist damit nicht die letzte Antwort gegeben. Denn wenn der Allmächtige den Weg seiner Geschöpfe lenkt und sie führt, dann hat er an ihrem Wege auch die Gefahrenstellen vorhergesehen – und hat seine Geschöpfe zumindest nicht in großem Bogen um diese Gefahrenstellen herumgeleitet. So stellt denn auch die Bibel Gott nicht als Unbeteiligten dar, sondern sagt durchaus, dass er Menschen „versucht“ (1. Mose 22,1 / 2. Mose 15,25 / 2. Mose 20,20 / 5. Mose 8,16). Und manche Stellen nennen auch das Ziel, das er damit verfolgt. In 5. Mose 8 heißt es z.B. Gott habe sein Volk versucht, „damit kundwürde, was in deinem Herzen wäre, ob du seine Gebote halten würdest oder nicht“ (5. Mose 8,2). Und 5. Mose 13 bestätigt das: „…der Herr, euer Gott, versucht euch, um zu erfahren, ob ihr ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele lieb habt“ (5. Mose 13,4). Von Hiskia heißt es im 2. Chronikbuch, Gott habe ihn verlassen und versucht, „…damit kundwürde alles, was in seinem Herzen war“ (2. Chr 32,31). Und besonders dem Abraham wird immer wieder bestätigt, Gott habe ihn in der Versuchung „für treu befunden“ (Sir 44,21). Das alles klingt nach „Test“ und „Belastungsprobe“. Und wirklich sagt die Bibel an vielen Stellen, dass Gott „Herz und Nieren“ eines Menschen oder auch seinen Gehorsam prüft (1. Chr 29,17 / 2. Mose 16,4 / Ri 2,22 / Ri 3,1.4 / Hiob 7,18 / Ps 7,10 / Ps 11,5 / Ps 81,8 / Spr 16,2 / Spr 17,3 / Spr 21,2 / Jer 9,6 / Jer 11,20 / Jer 17,10 / Sach 13,9 / 1. Thess 2,4). Das verwundert auch gar nicht, weil Gott ja ein gerechter Richter ist und als solcher genau hinschaut bevor er entscheidet! Gott „prüft“ den Menschen, um darauf sein Urteil zu gründen. Und kritische Situationen, in denen sich die Spreu vom Weizen trennt, kommen daher auch im Neuen Testament vor. Denn wenn der Bräutigam in Jesu Gleichnis lange ausbleibt, prüft er damit ja das Durchhaltevermögen der Wartenden. Die klugen Jungfrauen bestehen den Test, und die törichten fallen durch! (Mt 25,1-13). Wenn zur königlichen Hochzeit viele eingeladen sind, die dann Ausreden vorbringen, um nicht zum Fest erscheinen, haben sie die Prüfung nicht bestanden. Sie werden durch andere ersetzt, die man von der Straße holt! (Mt 22,1-14). Und wenn jene drei Knechte, denen der Herr vor der Reise sein Silber anvertraut, hinterher daran gemessen werden, ob sie mit den Pfunden gewuchert haben – dann ist das ein Test ihrer Treue! (Mt 25,14-30). Jesus führt das seinen Jüngern vor Augen und mahnt sie damit zur Wachsamkeit. Er verspricht aber nie, sie an den Versuchungen einfach vorbei zu führen, sondern nur, sie hindurch zu führen. Gerade den zum Heil Erwählten werden Glaubensprüfungen nicht erspart! Und selbst der Apostel Petrus kommt um ein peinliches Versagen nicht herum, weil er am Abend der Gefangennahme Jesu den Mund erst sehr voll nimmt und dann in konkreter Gefahr doch dreimal seinen Herrn verleugnet (Mt 26,31-35.69-75). Erst in solchen Versuchungen zeigt sich, ob einer wirklich ist, was er vorgibt zu sein! Und offenbar ist es Gottes Wille, dass bis auf den heutigen Tag kein Christ solchen Prüfungen entgeht und keiner ungeschoren davon kommt. Natürlich sind wir nicht Abraham, der seinen Sohn Isaak opfern soll: Gott sei Dank! Wir sind nicht alle so wie Hiob herausgefordert, in schrecklichen Leiden einen Gott zu ehren, den man nicht verstehen kann. Wir sind schon gar nicht in der Situation Jesu, der nach vierzig Tagen und Nächten in der Wüste vom Satan angegriffen wurde! Aber geprüft und versucht werden wir doch alle –  und haben, solange Atem in uns ist, die Bewährung in der Todesnot noch vor uns. Warum aber ist das so? Warum muss das sein? Warum wird es uns von Gott zugemutet? Vielleicht denken sie, wir hätten die Antwort schon gegeben. Denn erst die Prüfung zeigt, was im Menschen steckt. Not bringt ans Licht, wer einer wirklich ist. Und nur die geprüfte Treue ist ewigen Lohnes wert… 

Doch gibt es da einen großen Einwand. Denn etwas prüfen und testen muss immer nur, wer das Ergebnis noch nicht kennt. Und das ist bei Gott, dem Allwissenden, nicht der Fall. Unsereiner muss Diamanten prüfen, weil er sonst nicht weiß, ob sie echt sind. Unsereiner muss Brücken testen, um herauszu-finden ob sie tragen. Wir müssen den Parcours erst laufen, um zu wissen, ob wir ihn bewältigen. Aber das liegt nur daran, dass wir die Zukunft nicht kennen, und es trifft auf Gott nicht zu. Denn er kennt das Ergebnis jeder Prüfung bevor sie beginnt. Er muss nicht probieren, um etwas zu erfahren. Er weiß alles im Voraus! Und einen Menschen zu prüfen, kann folglich für ihn keine neue Einsicht zu Tage fördern. Das aber stellt uns erst mal vor ein Rätsel. Denn warum mutet Gott uns Belastungsproben zu, deren Ergebnis er schon kennt? Wozu soll das gut sein? 

Man kann viel darüber grübeln und kommt doch nur auf eine Weise weiter. Denn wenn Gott geschehen lässt, was für ihn nicht nötig ist, dann ist es vielleicht für uns nötig. Und dies ist die Lösung, die auch Spener vorschlägt. Der fragte sich nämlich auch schon: Weiß Gott nicht von vornherein, was in einem Menschen steckt, ohne dass er ihn erst „versuchen“ müsste? Und Spener antwortet: „Gott kennt von selbst wohl das Innerste des Herzens bei einem jeglichen, er versucht aber die Menschen, dass er sie zu ihrer Selbsterkenntnis bringe, und andern zeige, was in ihnen ist, welches sonst nicht also würde kund werden.“ Mit anderen Worten: Nicht Gott bedarf dessen, dass er uns prüft, sondern wir haben‘s nötig, weil wir nur so zur Selbsterkenntnis gelangen. Erst durch Versuchung spüren wir, welche Macht das Böse über uns hat. Erst wenn man uns aus der Fassung bringt, zeigt sich, was alles in unseren Herzen wohnt. Erst da vergeht unsere Einbildung, wo unserer Schwäche zu Tage tritt – und wir begreifen, wie sehr wir Gottes Hilfe nötig haben. Unser himmlischer Vater weiß das freilich vorher! Aber er will, dass auch wir es wissen! Und dazu muss er unser naives Selbstvertrauen erschüttern. Denn wen das Böse nie reizte, was ahnt der schon von seiner Schwäche zum Guten? Wer sich nicht bewegt, spürt auch seine Ketten nicht! Wer seine Kraft nicht erprobt, hält sie gern für grenzenlos! Er meint, er sei unüberwindlich, weil er ja noch nie stolperte und fiel! Gott aber, der uns besser kennt, will uns die Augen öffnen. Und dafür sind die Versuchungen gut, die nicht ihn, sondern uns klüger machen. Sie zerbrechen die Illusion, wir seien doch im Grunde „gute Menschen“. Sie konfrontieren uns mit den eigenen Abgründen und halten uns den Spiegel vor. Denn wie Petrus sich erst erkannte, als der Hahn dreimal krähte, und er bitterlich weinen musste – so kommen auch wir nicht zu Selbsterkenntnis und vertieftem Glauben, wenn wir nicht in Prüfungen versagen oder zumindest kurz davor sind. Die Versuchung bricht unseren Stolz. Und das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb Gott sie uns nicht ersparen kann. Denn er für sich braucht sie nicht! Gott wusste, dass Abraham gehorcht, bevor er es tat. Aber Abraham wusste es nicht. Gott wusste, dass Hiob am Glauben festhält, bevor es geschah. Aber Hiob wusste es nicht. Gott wusste von der Schwäche des Petrus bevor sie sich zeigte. Aber Petrus wusste nichts davon. Und ohne es erfahren zu haben, wäre Petrus nicht Petrus, und Abraham wäre nicht Abraham geworden. Denn eben das Ringen um ihre Beziehung zu Gott, dieses Ringen um die eigene Treue, dieses Ringen um den gefährdeten Segen – eben dies machte jene Männer zu dem, was sie sind. Und obwohl sie im Ringen gar nicht durchgängig erfolgreich waren, macht es sie doch zu Vorbildern, deren wir gedenken. Denn vielleicht geht es in all den Versuchungen gar nicht um das, was wir durch sie erreichen, sondern um das, was wir durch sie werden. Das klingt vielleicht rätselhaft. Aber Sie werden es gleich verstehen, wenn ich ihnen die Geschichte erzähle, die mir kürzlich unterkam. Sie berichtet von einem Mann, der von Gott einen seltsamen Auftrag bekam. Denn Gott zeigte ihm in der Nähe seines Hauses einen ziemlich großen Felsen und sagte: „Stemme dich mit all deiner Kraft dagegen!“ Der Mann zögerte nicht und tat wie ihm geheißen –  Tag für Tag, bei jedem Wetter, von früh bis spät. Es kostete ihn große Mühe und war auch frustrierend, weil er den Fels keinen einzigen Zentimeter bewegen konnte. Er wollte dennoch treu sein und machte weiter. Nach vielen Wochen aber war er kurz davor aufzugeben und sprach zu Gott: „Es tut mir Leid, Herr, doch ich bin zu schwach. Ich bin von mir selbst enttäuscht und schäme mich so zu versagen. Aber ich bin deinem Auftrag nicht gewachsen – ich kann diesen Fels nicht bewegen…“ Gott jedoch antwortete: „Ich bin kein bisschen enttäuscht, mein Guter, denn du hast meinem Auftrag gehorcht und all deine Kraft dafür aufgewandt. Der Fels liegt zwar noch an seinem Ort. Aber ich hatte dir ja auch nicht geboten, ihn wegzuschieben, sondern nur, dich dagegen zu stemmen. Das hast du getan – und es war nicht vergeblich. Denn schau dich an! Du bist sehr stark geworden und belastbar, bist ausdauernd bei jedem Wetter und kannst zupacken wie nie zuvor. Deine Willenskraft und deine Körperkraft haben sich verdoppelt. Und auch dein Vertrauen zu mir ist fester geworden. Das war’s, was ich wollte. Und den Fels deiner Prüfung kann ich nun für dich wegnehmen und im tiefen Meer versenken, denn wir brauchen ihn nicht mehr…“ 

Könnte es nicht sein, dass es sich mit den Prüfungen unseres Lebens so verhält wie mit jenem Felsen? Kommt es vielleicht gar nicht auf das an, was wir durch unsere Mühe erreichen, sondern auf das, was wir durch sie werden? Es würde bestätigen, was wir oben sagten – dass die Prüfungen nämlich nicht für Gott nötig sind, sondern für uns. Und das wiederum ermöglicht uns, sie mit anderen Augen zu sehen. Nämlich nicht als böse „Fallen“, die uns jemand stellt, nicht als ärgerliche Hindernisse, die uns unnütz aufhalten, sondern als Herausforderungen, die uns Gott zumutet, weil wir nur, indem wir uns ihnen stellen, die Menschen werden, die wir werden sollen. Das heißt dann ganz unverblümt: Gott will uns kämpfen sehen. Es heißt aber nicht, dass wir immer gewinnen müssten. Vielleicht sind unsere Niederlagen genauso nützlich. Aber Gott will uns kämpfen sehen. Er will seinen Segen nicht an Leute verschenken, die gar nicht ernstlich darum ringen, sondern nur an jene, die sich in dieses Ziel verbeißen, vom Glauben nicht ablassen und sich darauf fokussieren. Ja, billiger ist Gott nicht zu haben, als dass der Mensch „alles gibt“, denn wem Gott das nicht wert wäre, dem wird er nie zu Eigen sein. Oswald Chambers sagt: „Der Glaube muss geprüft werden, weil er nur durch Konflikte in einen persönlichen Besitz verwandelt werden kann.“ Und darin scheint mir die Antwort zu liegen, weshalb Gott uns Glaubensprüfungen, Anfechtungen, Zweifel und Versuchungen nicht erspart. Denn auch den Glauben kann man nicht einfach „erben“, ohne etwas dafür zu tun, sondern man muss ihn mit eigenem Schweiß „erwerben“, um ihn dann wahrhaft zu „besitzen“. Worum ich nicht gerungen habe, das ist noch nicht wirklich „mein“. Sondern angeeignet wird es erst, wenn ich‘s ergriffen, verteidigt und mit Schrammen und Narben dafür bezahlt habe. Wenn wir also im Vaterunser darum bitten, dass Gott uns nicht in Versuchung führe, sollten wir das nicht verwechseln mit dem Wunsch nach einem leichten Leben. Sondern so ist es zu verstehen, dass wir Gott bitten, er möge uns nicht mehr auflegen als wir tragen können und möge uns (wenn Versuchungen doch kommen müssen) soweit beistehen, dass sie uns nicht von ihm reißen oder unseren Glauben überwinden. Seien wir da realistisch! Wenn’s schon Jesus nicht erspart blieb, werden auch wir nicht ungeprüft in Gottes Reich eingehen und sollten nicht denken, Gott müsste uns in Watte packen. Dass er uns aber in der Not der Gnade nicht mangeln lasse und in der Angst nicht des Trostes – darum dürfen wir bitten. Denn nicht so sind die Versuchungen von Gott gemeint, dass die Seinen darin umkommen sollten, sondern dass sie Lebenszeit gegen Erfahrung tauschen, in der Selbsterkenntnis wachsen, ihre besten und ihre schlimmsten Möglichkeiten erkennen – und beides zu Gott in Beziehung setzen. So werden wir erbärmlich, um Erbarmen zu lernen. Wir verspüren Scham, um Demut zu fühlen. Wir erleiden Untreue, um die Treue recht zu schätzen. Und wir verirren uns in Lügen, um hinterher die Wahrheit um so mehr zu lieben. Wir verwachsen nicht anders mit Gottes gutem Werk, als indem wir darum ringen, und werden kein Teil davon, ohne uns selbst hinein zu investieren. Denn Schopenhauer hat Recht: „Das Leben ist eine Sprache, in der uns eine Lehre gegeben wird. Könnte diese Lehre uns auf eine andere Weise beigebracht werden, so lebten wir nicht.“ 

Es geht im Leben also um einen Reifungsprozess, in dem jeder Gelegenheit hat, sich seiner selbst bewusst zu werden. Und weil er in den Prüfungen zwangsläufig Farbe bekennt, wird am Ende nicht nur jeder sein Urteil empfangen, sondern jeder wird auch wissen, warum ihm geschieht, wie ihm geschieht. Das ist fair – und wir sollten uns dem nicht entziehen. Darum empfehle ich jedem, sich der Weisheit jenes irischen Segens zu unterstellen, mit dem ich schließe: 

 

Nicht, dass von jedem Leid verschont du mögest bleiben,

noch dass dein künft’ger Weg stets Rosen für dich trage

und keine bitt’re Träne über deine Wange komme

und niemals du den Schmerz erfahren sollst:

 

Dies alles, nein, das wünsche ich dir nicht.

 

Denn kann das Herz in Tränen nicht geläutert,

kann’s nicht im Leid geadelt werden –

wenn nämlich Schmerz und Not dich aufnimmt

in die Gemeinschaft mit Maria und dem Kind,

so dass ihr Lächeln Zuversicht und Trost gewährt?

 

Mein Wunsch für dich ist vielmehr dieser:

 

Mögst dankbar du und allzeit bewahren nur in deinem Herzen

die kostbare Erinnerung der guten Dinge in deinem Leben:

 

Dass mutig stehst du in deiner Prüfung,

wenn hart das Kreuz auf deinen Schultern liegt,

wenn der Gipfel, den es zu ersteigen gilt,

schier unerreichbar scheint,

ja selbst das Licht der Hoffnung zu entschwinden droht;

 

Dass jede Gottesgabe in dir wachse

und mit den Jahren sie dir helfe,

die Herzen jener froh zu machen, die du liebst;

 

Dass immer einen wahren Freund du hast,

der Freundschaft wert, der dir Vertrauen gibt,

wenn es dir an Licht gebricht und Kraft,

dass du dank ihm den Stürmen standhältst

und so die Höhen doch erreichst;

 

Und dass in Freud und Leid das Lächeln voller Huld

des menschgewordenen Gottessohnes mit dir sei

und du allzeit so innig ihm verbunden,

wie er’s für dich ersehnt…