9 • Polytheismus und erstes Gebot

Warum nicht an mehrere Götter glauben?                    Dieser Text als Video 

 

Das 1. Gebot enthält einen sehr radikalen und exklusiven Anspruch. Denn Gott sagt: „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir.“ Das klingt beinah nach Eifersucht. So als ob Gott Konkurrenz fürchtete. Doch dahinter steht die Einsicht, dass man Vertrauen nicht teilen kann, ohne es zu zerstören. Der Mensch kann nur einen Gott haben, nur einen wirklichen Herrn und nur eine oberste Priorität – nicht viele. Denn wenn man Vertrauen zerteilen will, wenn man es auf mehrere Mächte oder Idole aufteilt, wird man allen ein bisschen, und keinem ganz vertrauen.

Wenn das aber jemandem nicht gleich einleuchten will und er fragt „Warum soll denn Vertrauen nicht teilbar sein?“ – dann kann man es sich an einem banalen Beispiel klar machen kann: Stellen sie sich einen Mann vor, der zugleich Hosenträger und einen Gürtel trägt. Manche Männer tun das ja. Was würden sie von so jemandem denken, der Hosenträger und Gürtel gleichzeitig benutzt, um seine Hose zu halten? Man wird doch sagen: Wenn er seinem Gürtel vertraute, so bräuchte er die Hosenträger nicht. Und wenn er seinen Hosenträgern traute, so bräuchte er den Gürtel nicht. Wenn er aber beides trägt, kann man daraus nur folgern, dass der Mann weder dem Gürtel noch den Hosenträgern wirklich traut. Er misstraut beiden und versucht sich eben darum doppelt abzusichern.

Genauso ist es aber, wenn ein Mensch zwei Götter hat und sie auf jeden ein bisschen verlässt. Denn traute er dem Einen wirklich zu, dass er für das Gelingen seines Lebens sorgt, wozu bräuchte er dann den Anderen? Und traute er dem Zweiten zu, dass er sein Leben gelingen lässt, wozu bräuchte er dann den Ersten? Wenn er aber beide verehrt und sicherheitshalber zu beiden betet, dann kann das nur bedeuten, dass er im Grunde beiden misstraut. Und solche Vielgötterei ist nicht etwa doppelter Glaube, sondern nur verdoppelter Unglaube. Es ist, wie der Prophet Elia sagt, ein Hinken auf beiden Seiten, das weder Gott noch den Götzen gerecht wird, denn der Mensch kann in seinem Leben nur eine letzte Instanz haben.

Wenn Elia das aber schon bei seinen Zeitgenossen durchschaute, sollten wir es dann nicht heute auch bei uns selbst durchschauen? Vielgötterei im klassischen Sinne ist vielleicht nicht unser Problem. Aber auf beiden Seiten zu hinken, mehrgleisig zu fahren und neben Gott noch auf viele andere Mächte zu vertrauen, ist eine Versuchung, der wir leicht erliegen.

Man vertraut dann durchaus auf Gottes Hilfe. Aber mindestens ebenso auf die eigene Kraft. Man fragt schon nach Gottes Gebot. Und doch folgt man manchmal lieber dem eigenen Gutdünken. Man setzt auf Gottes Gnade, so für alle Fälle. Aber man verlässt sich zugleich auch auf gute Werke, auf den eigenen Fleiß, auf gute Freunde und Wertpapiere. Man will gewiss Schätze im Himmel sammeln. Und man spielt trotzdem Lotto. Man beteuert den Glauben. Und man hängt sein Herz zugleich an Erfolg, Genuss und Besitz. Man fährt eben gerne mehrgleisig, sei’s in Freundschaften, in Geldanlagen oder in der Religion. Denn wenn eine Bindung bricht, bleiben ja noch die anderen. Mehrfache Absicherung soll den Schaden minimieren. Dass diese Strategie aber in der Religion genauso schlecht funktioniert wie in der Ehe – das ist die Botschaft des 1. Gebotes an unsere Zeit. Und die sollten wir ernst nehmen. Denn auch wir sind solche Leute, die gerne Hosenträger und Gürtel zugleich tragen.

Wir verbünden uns gerne mit Gott, wollen uns aber (für alle Fälle) auch mit den Mächten dieser Welt gut vertragen – und wir vergessen dabei, dass Gott so etwas nicht mit sich machen lässt. Er ist mit Platz 4 oder 5 auf unserer Prioritätenliste nicht zufrieden. Er stellt sich nicht in die zweite Reihe! Das Vertrauensverhältnis zu ihm funktioniert nicht, wenn er nur einer unter vielen sein soll! Gott kennt uns zu gut, um sich darauf einzulassen. Denn wo wir mehrere Eisen im Feuer haben, werden wir immer auch geteilten Herzens sein. Und das zerstört die Beziehung, die man Glaube nennt. Am Ende bleibt’s nämlich bei dem, was Jesus seinen Jüngern eigeschärft hat:

„Niemand kann zwei Herren dienen: entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt 6,24)

Gott will, dass wir die Entschlossenheit aufbringen, ungeteilten Herzens zu leben. Denn biblischer Glaube funktioniert nicht nach dem Prinzip Hanfseil, sondern nach dem Prinzip Kette. Ein Hanfseil besteht aus vielen Fasern. Und das hat den Vorteil, dass es auf die einzelne Faser nicht so sehr ankommt. Reißt eine, bleiben noch hundert andere, die die Last tragen können. Damit aber hundert Platz haben, muss die einzelne Faser sehr dünn sein. Die Stärke des Seils resultiert aus der Menge der kombinierten Einheiten, die alle dem gleichen Zweck dienen. Das Prinzip einer Kette ist offensichtlich ganz anders. Denn da kommt es auf die Belastbarkeit jedes einzelnen Kettengliedes an. Das Kettenglied ist natürlich viel dicker und belastbarer als eine einzelne Hanffaser. Aber wenn es versagt, gibt es keinen Plan B. Es muss allein die gesamte Last tragen können.

Letztlich kann auch der Mensch nur nach einem dieser beiden Prinzipien leben. Entweder wird er versuchen sein Lebensrisiko möglichst breit zu streuen und nirgends zu viel Vertrauen zu investieren. Oder wird sein gesamtes Vertrauen auf eine Karte setzen. Der Mensch kann Polytheist oder Monotheist sein. Aber beides zugleich geht nicht…

 

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