Sein und Nicht-Sein, Wirklichkeit und Schein

Sein und Nicht-Sein, Wirklichkeit und Schein

Warum ist überhaupt etwas – und nicht „nichts“?

Es gibt etwas, über das man sich selten unterhält, obwohl es grundlegend wichtig ist. Es wird fast nie zum Thema gemacht, weil es als schwierig gilt. Aber wäre es nicht lohnend, einmal nicht über dies und das nachzudenken, was „ist“, sondern über das „Sein“ selbst? Ich meine nicht dies oder das Seiende. Ich meine nicht die Dinge, die es „gibt“, denn davon kennen wir ja mehr als genug. Es „gibt“ Steine und Bäume, Pflanzen und Tiere, nette Leute und andere Leute, Männer und Frauen und, und, und. Mit solchen Gruppen des Seienden beschäftigen wir uns ständig – wir selbst gehören ja dazu! Aber das Sein an sich, dieses Wunder der Existenz, das all die seienden Dinge verbindet, diese seltsame Macht „da“ zu sein und sich im Dasein eine Weile zu behaupten: Woher kommt die?

Alles was ist, könnte schließlich auch nicht sein – das wissen wir nur zu gut: Es gibt für alles ein Vorher, als es noch nicht war, und ein Hinterher, wo es nicht mehr sein wird. Alles, was „ist“ – einschließlich unserer eigenen Person – ist unmittelbar vom Nicht-Sein bedroht. Alles ist nur mal kurz aus dem Nichts hervorgehoben in den Zustand des Da-Seins, und alles wird einmal in den Zustand des Nicht-Seins zurücksinken. Unsere Welt ist ein einziges Werden und Vergehen. Es dauert nur einen Augenblick. Und doch machen manche Dinge den Eindruck, als seien sie von substanzieller Beharrlichkeit und trügen in sich die Kraft ewig zu sein.

Wenn ich z.B. einen mannshohen Granitblock sehe, der irgendwo an einer Steilküste liegt, wenn ich ihn anfasse und seine Massivität, sein immenses Gewicht, und die Härte seiner Oberfläche betrachte, dann imponiert mir die Beharrlichkeit seines Seins. So ein Granitblock lässt keine Zweifel aufkommen an seiner Wirklichkeit. Er war schon viele tausend Jahre – und wird wahrscheinlich noch viele tausend Jahre bleiben. Ungerührt liegt er da. Tonnenschwer und imposant. Nicht zu sein, scheint für ihn gar nicht in Frage zu kommen. Und doch liegt er an dieser Steilküste in der Reichweite des Meeres, das ihn eines Tages zu Millionen von Sandkörnern zerreiben wird.

Manches „Seiende“ kann seiner Vernichtung richtig lange trotzen. Und dann zeigt sich doch, dass die Dinge ihr Sein bloß geliehen haben. Sie sind nicht aus eigener Kraft und nicht auf Dauer, sind nicht notwendig oder prinzipiell „da“, sondern nur mal vorübergehend – so lange sie am „Sein“ teilhaben dürfen. Die seienden Dinge kommen also und gehen. Aber das Sein selbst – wo ist das her? Der Stein hat die Macht zur Existenz doch offenbar nicht in sich oder von sich selbst. Sonst würde er ja bleiben. Und auch ich, wenn ich über die Macht verfügte, mich endlos im Da-Sein zu halten, würde wahrscheinlich davon Gebrauch machen.

Doch der Boden des Seins wird mir noch viel schneller unter den Füßen weggezogen als dem Stein, und auch in mir wird sich zuletzt nichts finden, was man meiner Auflösung entgegensetzen könnte. Mit allem Seienden gemeinsam sind wir Menschen auf dem Wege in jenes Nicht-Sein, das man „Vergangenheit“ nennt. Und ganz egal wie breitbeinig und stark ein Mensch auch im Leben steht, ganz egal wie unüberwindlich er sich vorkommen mag, so sind doch seine Tage gezählt. Wenn aber der Eindruck des Wirklichen und Harten, des Substantiellen und geradezu Ewigen, wenn das Schein ist – was ist denn dann wirklich wirklich?

Was ist das Ewige im Vergänglichen, das dem Vergänglichen seine begrenzte Dauer verleiht? Wer gibt dem Dauernden seine Dauer? Wer schenkt dem Harten seine Härte? Wer ist das Sein in all dem Seienden?

Sie können sich denken, dass meine Antwort lautet: Gott. Denn er ist die Wirklichkeit hinter all dem Wirklichen – oder besser gesagt: Er ist eigentlich das einzig Wirkliche. Die Dinge dieser Welt aber, die uns so ungemein wirklich vorkommen, sind es nur, insoweit sie an Gottes Wirklichkeit teilhaben. Wir alle sind nur in dieser abgeleiteten Weise „wirklich“. Wir sind nur, weil Gott als Grund und Quelle des Seins uns Sein verleiht. Er hat uns aus dem Nichts gerufen, wie man etwas hervorzieht aus einem tiefen, dunklen Loch, und er hält uns über dem Abgrund des Nichts. Wenn er aber seine Hand zurückzöge, und von uns nur bliebe, was wir abgesehen von Gott „an und für sich“ sind, so wären wir: Null, Komma – Nichts.

Können sie sich aber vorstellen, welche Tragweite das hat – und wie sehr es gegen das Lebensgefühl der meisten Zeitgenossen verstößt? Die meisten meinen, ihre eigene Existenz stehe felsenfest, sie seien auf jeden Fall wirklich, während sie bei Gott längst nicht so sicher sind. Doch in Wahrheit verhält es sich umgekehrt, weil Gott das Wirkliche in allem Wirklichen ist, und der Mensch im Vergleich dazu eine labiles Gebilde und ein flüchtiger Schatten. Was wir gemeinhin Wirklichkeit nennen, das hat nur den Schein des Seins. Gott hingegen ist der Inbegriff des Wirklichen und verhält sich zu uns etwa so, wie der Filmprojektor zu den flackernden Bildern, die er an die Wand wirft. Er ist die Realität, die uns zu flüchtigem Leben erweckt. Unsere Wirklichkeit verdankt sich seiner Wirklichkeit, während seine von der unseren durchaus unabhängig ist.

Wenn wir das aber immer wieder vergessen, dann liegt es nicht daran, dass der Sachverhalt zu abstrakt wäre, sondern im Gegenteil: Dass er so konkret ist und so allumfassend. Fühlen sie nur einmal die Härte des Stuhles, auf dem sie sitzen. Diese Härte ist eigentlich nicht die Härte des Holzes selbst, sondern ist ein Teil von der Härte Gottes, die er diesem Holz vorübergehend geliehen hat. Fühlen sie die Schwere ihres eigenen Körpers: Es ist eigentlich nicht ihre Schwere, sondern ein Teil von der Schwere Gottes, die er ihrem Körper geliehen hat.

Das Licht der Sonne dort draußen gehört nicht wirklich der Sonne. Im Grunde ist es Gottes Helligkeit, die uns durch die Sonne nur vermittelt wird. Schneiden sie sich an einer Klinge, so hat Gottes Schärfe sie verletzt. Und essen sie einen süßen Kuchen, so hat Gottes Süße sie erfreut. Denn das Wirkliche am Wirklichen ist letztendlich immer Gott, und kein Seiendes hat sein Sein woanders her als von ihm. Stellen sie sich die größte Meereswelle vor, die sie sich denken können, weit höher als ein Kirchturm, fühlen sie die ungeheure Kraft, die in ihr steckt – und dann ziehen sie von dieser Vorstellung die Welle ab: Was sie übrig behalten, das ist Gott. Stellen sie sich das schönste und eleganteste Tier vor, das sie kennen, vielleicht ein galoppierendes herrliches Pferd, malen sie sich seine Schönheit so richtig aus – und dann denken sie sich bloß das konkrete Pferd weg: Was sie übrig behalten, das ist Gott. Denn er ist die Leichtigkeit des Leichten, und das Abgründige des Abgrunds. Er ist das Dunkle der Nacht, und das Strahlen des Morgens. Er ist die Substanz aller Dinge, und ohne ihn wären sie nicht einmal Schatten zu nennen. Denn in Wahrheit haben die Dinge keinerlei Substanz, sondern Gott ist ihre Substanz.

Nichts ist da, ohne dass Gott darin ist. Und nichts bleibt, wenn nicht Gott darin bleibt. Denn alles was wir sind, ist uns von ihm geliehen, und was uns vom Sein selbst gehört, das sind höchstens unsere Mängel. Heißt das nun aber, dass es die Welt in Wahrheit gar nicht gäbe, weil Gott eigentlich alles ist? Nein. Diese Folgerung ginge zu weit. Denn Gott schuf sich in der Welt und im Menschen ein reales Gegenüber. Aber dieses Gegenüber ist eben nie „real“ aus sich selbst, sondern immer nur aus ihm. Das Sein der seienden Dinge ist und bleibt Gott. Und das Wirkliche in allem Wirklichen ist er. Nichts hat Substanz, wenn ihm Gott nicht Substanz verleiht.

Er erfüllt Himmel und Erde so sehr, dass wir nach den Worten des Paulus „in ihm leben, weben und sind“. Und doch ist kein Ding mit Gott identisch – und auch die Natur insgesamt ist es nicht. Denn wenn auch Gott das ganze Universum so umfängt und durchdringt, dass er nirgendwo nicht ist, so ist doch das Universum nicht Gott, und erst recht die Natur ist nicht Gott, sondern ist in Gott und aus Gott, als eine ihm nachgeordnete, immer abhängige Wirklichkeit. Wahrlich: Sehe ich Farben, sehe ich etwas von der Buntheit Gottes. Fühle ich den Wind auf der Haut, liegt darin die Frische Gottes. Und in der Massivität des Granitblocks imponiert mir die Mächtigkeit Gottes. Aber all das ist stets nur ein schwacher Abglanz. Die Schöpfung spiegelt die Herrlichkeit des Schöpfers, ohne dass ich deswegen die Schöpfung mit dem Schöpfer verwechseln dürfte. Es gibt da keine Verschmelzung!

Und doch wär’s noch schlimmer, wenn ich die Schöpfung vom Schöpfer trennen wollte. Denn wenn ich die Wirklichkeit abtrenne von dem, der in ihr wirkt, wird sie unwirklich, und in der gewollten Abkehr vom eigenen Ursprung sogar böse. Suche ich die Substanz der Dinge und erkenne sie nicht im Lichte dessen, der ihre Substanz ausmacht, so jage ich ein Phantom. Und die Folgen des Irrtums sind fatal. Denn isoliere ich das Leben von seiner Quelle, so muss es versiegen. Betrachte ich das Seiende abgesehen vom Grund seines Seins, so wird es zum Schattenbild. Es pervertiert. Und das gilt nicht zuletzt von der eigenen Person.

Auch wir selbst – aus der Gemeinschaft Gottes herausgelöst – werden zum Schatten und zur bloßen Simulation des von Gott gewollten Menschen. Denn Gott ist nicht nur die Härte des Holzes, die Schärfe der Klinge und die Helligkeit der Sonne. Sondern er ist auch die Lebenskraft in meinen Adern, die Klarheit in meinem Kopf, und die Liebe die mich vorantreibt. Nichts von alledem ist substanziell „mein“, alles Gute ist mir geliehen, höchstens meine Fehler gehören mir selbst.

Wenn ich das aber weiß, wie kann ich dann mein eigenes Sein wenden gegen den Ursprung dieses Seins? Heißt das nicht, sich selbst abzuschaffen, wie ein Baum, der sich gegen seine Wurzel wendet? Und werde ich darum nicht eher versuchen, „nah dran“ zu bleiben an der Quelle, die mein Leben speist? Ja: Nicht nur Einsicht und Weisung sind bei Gott zu finden, nicht nur Vergebung und Gemeinschaft, sondern auch die schlichte Kraft zum Da-Sein beziehen wir von ihm. Alles Irdische schwebt über dem Nichts – und schwebt dort gewiss nicht ewig –, Gott aber hält es über dem Nichts, solange er will. Nichts bleibt, was nicht bleibt in ihm. Und die persönliche Konsequenz daraus ist leicht zu ziehen, dass man sich besser an ihn hält als an die Irrlichter und Schatten dieser Welt.

Denn der Filmprojektor ist realer als die flüchtigen Bilder, die er an die Wand wirft. Sie haben keine eigene Substanz, Gott aber ist ihre Substanz, und er heißt darum nicht zufällig der „Ich bin“. Kennen sie die biblische Szene? Mose fragt am brennenden Dornbusch nach dem Namen Gottes, und dieser Name wird ihm offenbart als „Jahwe“. „Jahwe“ aber ist gebildet aus der hebräischen Wurzel des Wortes „Sein“, so dass man den Namen Gottes übersetzen kann als: „Ich bin, der ich bin“ oder „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Es ist eine gewisse Bandbreite der Übersetzungen möglich. Doch so oder so stellt sich Gott vor als der in seinem Wirken wahrhaft Wirkliche. Gottes Name beschreibt ihn als den Seienden und Sich-Erweisenden, den Gegenwärtigen und Immer-Gleichen, den Wirklichen und Wirkenden, der das Sein ist, und ins Sein ruft. Was das aber für uns bedeutet, die wir immer nur einen Wimpernschlag vom Nichts entfernt sind, das muss ich nun gar nicht mehr ausführen, denn es versteht sich von selbst:

Weil unsere Wirklichkeit nur geliehen ist, darum gilt es inmitten einer Welt voller Träume und Schäume all die Irrlichter und Illusionen nicht mit Realitäten zu verwechseln, sondern stets Anschluss zu suchen und Kontakt zu halten zu dem einen Herrn, der Substanz hat und Leben schenkt, der bleibt und bleiben lässt…

 

 

 

 

 

Bild am Seitenanfang: The Creation

Lawrence W. Ladd, Public domain, via Wikimedia Commons